Killerspiele-Verbot nach Winnenden?

090312killerspieleMüssen Killerspiele jetzt verboten, Computergamer in staatlichen Überwachungslisten erfasst werden? Nach dem Amoklauf bei Stuttgart steht die Nation unter Schock.

Noch ist nicht geklärt, warum der bis dahin unauffällige (wenn auch seit Jahren wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung) Teenager sich einfach so aus dem väterlichen Waffenarsenal eine grosskalibrige Handfeuerwaffe nehmen konnte, um damit ohne Vorwarnung (ausser am Vorabend, in einem Chatraum gegenüber Onlinefreunden) ein Blutbad anzurichten.

Natürlich wird jetzt nach Antworten gesucht: Warum? Und wie können wir so etwas Schreckliches in Zukunft verhindern? Die örtliche Polizei hat noch keine Ermittlungsergebnisse vorgelegt, da melden sich schon erste Stimmen, die einen Zusammenhang zwischen der Tat und Gewalt darstellenden Medien, in Form der sogenannten “Killerspiele” sehen. Von persönlichem, nicht weiter zu begründendem Unbehagen einmal abgesehen, gibt es zum Thema buchstäblich Tausende von wissenschaftlichen Studien.

Eins vorneweg: Meinungsgefärbte Statistiken wie die des selbsterklärten Jugend- und Medienforschers und Ex-Innenministers Christian Pfeiffer halten keiner wissenschaftlichen Überprüfung stand. Methodologie und Beweisführung seiner Arbeiten bleiben auf dem Niveau der Boulevard-Presse und sind mit Vorsicht zu behandeln.

Als ernsthaft kann hier Professor und Director of Comparative Studies am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Henry Jenkins, gelten. Dieser stellte in mehreren Veröffentlichungen die Verhältnisse richtig, und zerstört die gängigen Klischees durch nachprüfbare Fakten. Hier sind die bekanntesten acht Mythen und ihre Auflösung:

1. “Videospiele habe zu einer Epidemie der Jugendgewalt geführt”.

Jenkins: Das Gegenteil ist der Fall, sie geht seit 30 Jahren kontinuierlich zurück.

2. “Wissenschaftliche Forschung beweist eine Verbindung von Videospielen und Jugendaggression”.

Jenkins: Wenn diese Studien überhaupt methologisch sauber sind, zeigen sie nur, dass agressive Menschen aggressive Medien bevorzugen.

3. “Computer- und Videospiele werden für Kinder gemacht”.

Jenkins: Auch wenn mittlerweile so gut wie alle Kinder gerne videospielen, hat sich der Markt auf junge Erwachsene verlagert.

4. “Mädchen spielen nicht am Computer (oder der Videokonsole)”.

Jenkins: Das war früher so. Heute gibt es eigene Genres für Mädchen, und starke weibliche Identifikationsfiguren in Spielen.

5. “Weil Computerspiele zum Training von Soldaten genutzt werden, haben sie dieselbe Wirkung auf Jugendliche”.

Jenkins: Dies wird ausschliesslich vom Ex-Militärausbilder und Moralreformer David Grossman behauptet. Alle Forschung zum Thema zeigt: Computerspiele lehren vor allem eines, nämlich Problemlösung.

6. “Video- (und Computer-) Spiele sind keine ernsthafte Ausdrucksform”.

Jenkins: Dies geht zurück auf eine Urteilsbegründung von 2002, wo ältere, eingleisige Actionspiele zur Begründung herangezogen wurden. Tatsächlich fordert die Mehrzahl heutiger Spiele zu ethischer und moralischer Auseinandersetzung auf.

7. “Computer- (und Video-) Spiele führen zu sozialer Isolation”.

Jenkins: Die meisten Spiele sind sozial. 60 Prozent aller Gamer spielen regelmässig mit Freunden, ein Drittel mit Verwandten, ein Viertel mit Eltern oder Partnern. Selbst Solo-Spiele sind Gegenstand von Hilfestellungen und Diskussionen. Das am stärksten wachsende Segment sind die Multiplayer (MMO)-Spiele.

8. “Video- (und Computer-) Spiele stumpfen den Benutzer ab”.

Jenkins: Schon bei Affen wurde eine Unterscheidung zwischen spielerischem und echtem Kampf festgestellt. Das selbe gilt für Menschen jeden Alters. Die Grundannahme mancher Studien der Verhaltensforschung, spielerische Aggression wäre mit realer gleichzusetzen, ist bestenfalls problematisch, wenn nicht durchwegs falsch.

Wir sehen also, dass Psychologie und Verhaltensforschung sich schon lange von dem Horrorbild gehirnwaschender Freizeitsoftware entfernt hat und statt dessen nüchtern die Vor- und Nachteile des “Bildschirmsports” diskutieren. Die immer wieder aufkeimende Angst, Menschen gleichwelchen Alters würden sich von Medieninhalten zu Verbrechen aufstacheln lassen, ist vielfach widerlegt worden.

Die Tragödie von Winnenden lässt sich also weder auf Fernsehkrimis noch Rockmusik, Comics oder Videospiele zurückführen. Simplifizierende Lösungsansätze wie das Suchen von Verantwortung beim gemeinsamen Bildschirm-Räuber-und-Gendarm-Spiel dieser jungen Generation sollten angesichts dieses Unglücks von 17 erschossenen Menschen verstummen.

In eigener Sache: Aufmerksame Leser aus alten Zeiten wissen, dass ein Teil dieses Textes, nämlich die Liste der Videospielmythen-Korrekturen von Professor Jenkins, schon mal in einem meiner früheren Artikel, in einem meiner früheren Blogs (im Spätsommer 08) zu lesen war. Die Problematik hat sich seither nicht verändert. (via pbs.org)

14 Kommentare

  1. ..einfach endlich killerschützenvereine und private killerwaffenscheine verbieten und gut ist.

  2. Ind die killer tischtennis vereine, Wer mit so einem kleinen ball und so kleinen schlägern spielt und dann noch gewinnt der kann viel zu gut zielen.

    Und alle chaträume der welt sollten von beamten mit gelesen werden damit man ja früh genug bescheid weiß. Auch alle hochgeladenen videos angucken und alle online ballerspiel partien mit angucken.

    Unsere politiker werden wohl nie verstehen das man nicht alles regeln oder verhindern kann. Es gab immer solche leute und es wird sie immer wieder geben. Das einzige was die häufigkeit ändernt ist wohl das soziale leben und naja je schlechter die zeiten desto eher solche taten würde ich mal grob sagen.

    Aber naja deutschland will immer wachsen und gleichzeitig immer mehr regulieren, schön das man im mom wohl mal an mehreren seiten gleichzeitig die grenzen aufgezeigt bekommt#!

  3. Viel kann man zu dem Thema nun nichtmehr sagen. Ich bin 21 und spiele seit vielen Jahren “Killerspiele”. Ich wurde früher auch gemobbt und gehänselt in der Schule.
    Heute – gute 6 Jahre später – hab ich eine Ausbildung abgeschlossen, hab eine eigene Wohnung und will bald meine Freundin heiraten. Außerdem hab ich heute einen leckeren Kuchen gebacken :).

    Aus welchem Grund sollte ich also keine Killerspiele mehr spielen dürfen? Ganz einfach: Es ist erstmal der billigste Weg den Versuch zu starten das Problem irgendwie zu lösen und die Gemüter zu beruhigen.
    Genauso machen die Krankenkassen es doch auch mit Erfolg: Zuerst wird eine wirkungslose Therapie gemacht in der Hoffnung, das der Patient nicht wieder zum Arzt geht.

  4. Nur mal zum Vergleich:
    Täglich sterben auf deutschlands Straßen rund 12 Menschen (Statistisches Bundesamt). Und mehr als 46 Menschen sterben jeden Tag in deutschen Krankenhäusern durch Ärztepfusch (Studie Patientensicherheit 2007).
    Was macht den aktuellen Fall also so besonders?
    Wohl nur Vorsatz statt Fahrlässigkeit, und alle Tote an einem Ort (wo man sie besser mit der Kamera zählen kann).

  5. “Wohl nur Vorsatz statt Fahrlässigkeit, und alle Tote an einem Ort”
    Nicht einmal das ist die ganze Wahrheit.
    Es ist der “Glamour”-Faktor.
    Gäbe es täglich Amokläufe würde es nicht mehr als etwas besonderes gelten und somit würde man nicht darüber berichten – es würde schlicht niemand mehr sehen wollen.
    Wieviele Babies sind wohl gestern verhungert?
    Nun?
    Eben.
    Und heute.
    Und morgen und übermorgen ….

  6. @Andy h: Privatpersonen bekommen in der Regel eh keinen Waffenschein – Auch sind die Vereine genausowenig das Problem, wie Computerspiele oder “Gotcha”-Spieler.

    Die Gründe für solche Taten lassen sich meiner Meinung nach nicht bei einem “einzelnen” Schuldigen suchen. Ich denke es spielen einfach so viele Faktoren eine Rolle. Beispielsweise das Schulsystem (Erfurt; Der junge Mann hat trotz langem Schulweg nicht einmal einen grundlegenden Abschluss bekommen…), die Gesellschaft, das Elternhaus und möglicherweise haben auch Computerspiele oder Ähnliches eine Rolle gespielt. Im aktuellen Fall muss man auch hervorheben, dass die Eltern offenbar fahrlässigkeit an den Tag legten, was die Aufbewahrung der Waffen angeht.

    Auch muss man aktuell bemerken, dass zumindest die Spitzenpolitiker bisher noch keinen Grund sehen Gesetze zu verschärfen – Lediglich die Einhaltung der gültigen Gesetze soll verstärkt kontrolliert werden.

    Ich persönlich kann damit sehr Gut leben.

    • Gibt es den irgendeinen Grund, das Normalos Waffen zu Hause lagern dürfen?
      NEIN! Es gibt keinen!
      Wenn jemand (Polizei, Förster, Personenschützer ausgenommen) undbedingt mit echten Waffen schiessen muss, dann kann er das sowieso nur im Schützenverein bzw. auf deren Schießbahn. Und genau da gehören auch die Waffen hin: Keller, dicker Tresor, fertig.
      Warum muss jemand Schießprügel samt Munition zu Hause haben…. zum protzen? Selbstschutz? Als Wi…vorlage?

  7. Killerspiele? Was sind Killerspiele überhaupt?
    Diejeinigen, die darüber entscheiden, werfen einen Blick auf die Verpackung und definieren aufgrund von 2 Screenshots.
    Ich spiele seit Jahren Counter-Strike und habe keine psychischen Probleme.
    Als mir ein ehem. Kollegen, der im Schützenverein ist, seine Waffe in die Hand drücken wollte, habe ich abgelehnt. Auch den Bundeswehreinsatz habe ich verweigert! Mit realen Waffen kann und will ich nichts anfangen!

    Wenn “Killspiele” verboten werden sollten, dann werden sicherlich die knapp 6 Millionen Counter-Strike Spieler wirklich Amok laufen. Nicht weil es verboten ist, sondern weil CS nachwievor KEIN Killerspiel ist.

    Personen wie Tim K. haben Probleme gehabt. Es wird mal wieder nach vermeindlichen Auslösern gesucht, die aber lediglich Ausläufer eines Gesamtbildes sind.
    Würden wir Schützenvereine verbieten? Natürlich nicht, weil die bis unter die Zähne bewaffnet sind. Wofür gibt es überhaupt Schützenvereine? Warum ist es überhaubt möglich 15(!) verschiedene Schusswaffen Privat zu besitzen? Die psychologischen Tests zum führen einer Waffe sind eh eine Phrase. Jeder Antragsteller würde bei mir durchfallen, alleine wegen dem Antrag.

    Solange Jugendliche die Möglichkeit haben, bei Ihren waffenvernarrten Eltern Nachschub zu organisieren, ist es vollkommen egal, ob man in Videospielen virtuell auf Bits und Bytes zielt.

    Horrorvideos sind schließlich genauso wenig tödlich, wie Slipknot Musik oder die neuesten Nachrichten über Mord und Gewalt in unserer Gesellschaft.

    Es grüßt ein potenzieller Amokläufer

  8. Ab jetzt herrscht Zucht und Ordnung!…

    Na also, das wurde ja auch langsam Zeit. Die CSU plädiert, wie erwartet, für ein “Killerspiel-Verbot”
    Nun aber die Frage, was zur Hölle ist ein “Killerspiel”? Zählen dazu jegliche Spiele die mit dem Töten seiner Gegner zu t…

  9. Schon beim ersten Zappen in eine Nachrichtensendung, bei dem die Worte Schule und Amoklauf fielen, konnte man ohne Kristallkugel vorhersagen, was die nächsten Tage gesagt werden wird.

    Diese unglaubliche Banalität eines solchen Ereignisses sollte die Täter schon abhalten. Hey Jungs! Ihr seid nicht der neue Marlon Brando im Paten, sondern nur bei Baraba Salesh als Nebenkläger gelandet.

    Aber nein, jetzt versucht jeder Holzkopf wieder die große Welle zu reiten. Nockerberg wird abgesagt von den Berufsbetroffenen. Staatstrauer ist ausgerufen und alle rennen mit Büßergewändern durch die Gegend.

    Anscheinend hab ich schon zu viel Killerspiele konsumiert. Mir ist dieser Amoklauf nämlich einfach ziemlich egal.

    Schönne Tag noch

  10. [...] 11k2: Killerspiele-Verbot nach Winnenden? [...]

  11. “um damit ohne Vorwarnung (ausser am Vorabend, in einem Chatraum gegenüber Onlinefreunden)”

    Bitte Fritz, nicht du auch noch. Es gab keine Ankündigung. Irgendjemand hat nachträglich eine (ziemlich offensichtlich gefakete) Ankündigung ins Netz gestellt und unsere sensationslüsternen Medien schreiben alles aus dem Internet ab ohne zu recherchieren oder nachzuprüfen.

    Siehe:
    http://blog.fefe.de/?ts=b747f229
    http://krautchan.net/

  12. [...] vom 13. 03.: Auf 11k2 ist ein sehr fundierter Artikel gegen ein Killerspieleverbot erschienen. Kann ich Jedem nur [...]

  13. Es ist doch immer wieder das gleiche!
    Laut Politiker sind doch alle in der Shooter Szene potenzielle Amokläufer.
    Mal ganz ehrlich die meisten in der Shooter Szene die cs, css, dod, dods usw. spielen sind harmlos, nur weil es mal 2-4 Leute zum Amoklauf gemacht haben heißt es noch lange nicht das alle daran schuld sind.
    Es liegt viel mehr an den Familiärische gründen damit will ich sagen das der jenige zu wenig Aufmerksamkeit oder beinah täglich Misshandelt wird usw.
    Gucken wir doch mal zurück in die Vergangenheit was war den vor 30-50 Jahren? Gabs da etwa auch schon Killerspiele? Nein im gegenteil da gabs es nicht trotzdem gab es gefallt und tote z.B Krieg mehr brauch ich dazu nicht sagen oder?
    Ich finds einfach nur verdammt Schade das es immer wieder Politiker gibt die der meinung sein müssten zu sagen: Der Amokläufer hat Counter Strike gespielt stellt euch doch mal vor einer aus der MMORPG Szene macht Amoklauf wolle die Politiker die Schuld auch wieder der Shooter Szene geben? Ich find es eine Frechheit immer zu behaupten das wir daran Schuld seien. Es kann jeder zum Amokläufer werden ob Arzt, Anwalt, Verkaufer oder sonst wer. Wer hat/hatte nicht mal daran gedacht jemanden zu Töten villt. ihren Chef oder sonst wenn haben dies gemacht sicher nicht.
    Wenn jemand Psychische Probleme hat kann er alles machen selbst Amoklauf.
    Ich bin seit ca. 1998 in der Shooter Szene damals (10 Jahre alt) und habe ich lust Amoklauf zu machen? Nein sicher nicht. Ich gebe zu ich hatte paar mal das bedürfnis meinen Chef oder sonst wenn zu Töten oder ihn zu Schlagen mach ich das? nein weil ich gegen gewalt bin. Vor allem geht es bei den Meisten Online Shooter mehr um das Taktische und nicht nur um Gewalt. So war es früher auch im Krieg.
    Für die meisten sind die Shooter einfach spiele mit denen sie sich nach der Arbeit abreagieren können weiter nichts.
    Die Politiker sollten lieber mal voher überlegen was sie für eine Sch*** verpraktizieren.
    Ja und sollen sie doch die “Killerspiele” Verbieten und wenn störts dann wird eben aus dem Netz gezogen was der größte teil der Kinder/Jugendlichen und Erwachsene machen.
    Aber was mich am meisten stört ist warum Verbieten wir kriegen in (DE) sowieso nur die Cut Version von den Shooter Games reicht das nicht ewa aus?
    Wenn jemand Amokläuft wird das im TV den ganzen Tag und die ganze Woche gezeigt ist das etwa so nötig das man immer wieder hören muss: Amokläufer hat Counter Strike gespielt (oder sonstige Shooter Games)?
    Es reicht doch voll aus wenn es 1 Tag gezeigt wird und am Nächsten Tag wieder normale Nachrichten zeigen.

    Ich denke mal mit dieser meinung zum Verbot der Killerspiele steh ich sicher nicht alleine.


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