Somali-Piraten: Küstenwache und Volkshelden

090415piratesKaum ein Tag vergeht, an dem nicht Berichte über Überfälle von somalischen Piraten auf Handels- und Fischereischiffe in den Abendnachrichten verlesen werden. Militärschiffe vieler Nationen sind im Einsatz, um die Piraten-Plage zu bekämpfen. Dabei hat das Problem handfeste Gründe. Im Jahr 1991 brach die Regierung von Somalia endgültig zusammen, seither leben neun Millionen Einwohner am Existenzminimum, oder darunter.

Das Fehlen von Ordnungskräften am Horn von Afrika brachte nicht nur Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden Volksgruppen in einem Land, das aus ehemaligen Kolonialgebieten Britanniens und Italiens zusammengewürfelt wurde. Es eröffnete auch neue Möglichkeiten für internationale Kriminalität. Illegale Fangflotten, vor allem aus Europa, holen pro Jahr Fisch im Wert von 300 Millionen US-Dollar aus somalischen Hoheitsgewässern. Die einheimischen Fischer mit ihren weniger technisierten Fangmethoden gehen leer aus, und mit ihnen die somalische Bevölkerung. Mutmasslich von der italienischen Mafia bezahlte Mülltransportschiffe laden Fässer mit Schwermetallabfällen (Blei, Kadmium, Quecksilber) oder radioaktives Material aus europäischen Krankenhäuser direkt vor der Küste ab. Die Folge: Hautkrankheiten, Übelkeit, Fehlgeburten unter den Küstenbewohnern. Bei einem Tsunami im Jahr 2005 wurden solche Fässer an Land gespült. Mehr als 300 Somalis starben.

Das alles erfährt man auf Nachfrage vom UN-Beauftragten für Somalia, Ahmedou Ould-Abdallah. Kein Wunder also, dass 70 Prozent der somalischen Einwohner bei einer Umfrage der unabhängigen nationalen Newswebsite WardheerNews die “Piraten” als inoffizielle Küstenwache und Volkshelden betrachten: Sie fordern wenigstens etwas von den fremden Ausbeutern zurück.

Um das Piraterieproblem zu lösen, muss die internationale Staatengemeinschaft also zuerst für das Entfernen des Giftmülls sorgen, die betroffene Bevölkerung entschädigen und den illegalen Fischfang in somalischen Gewässern stoppen.

In diesem Zusammenhang: Der vor kurzem unter grossem Pressegetöse vor der Küste des autonomen Nord-Somalia von der US Navy wieder befreite 17.000-Tonnen-Frachter “Maersk Alabama” gehört einer Reederei, die für das US-Militär arbeitet, bei einem jährlichen Umsatzvolumen von etwa einer halben Milliarde US-Dollar. An Bord befanden sich nach Auskunft der Reederei humanitäre Hilfsgüter.

(via independent, mediachannel) (pic guardian)

6 Kommentare

  1. Nur lustig, dass man von alldem überhaupt nichts in den Medien erfährt. Ich lese/sehe immer nur Berichte a la “die bösen buben haben schon wieder eins unserer Schiffe” mehr info gibts dazu dann aber nicht… So langsam entwickelt sich in mir eine gewisse Abneigung gegenüber den westlichen Nationen und ihren Medien. :)

  2. Piratenpack!?…

    Ich steh’ dann also eben so im Tabakladen rum. Um Tabakwaren zu erwerben. Da steht vor mir dann ein Herr, der zu dem Tabakwarenhändler sagt: "Unbegreiflich, sowas."  Gemeint waren die Piraten. Die afrikanischen Piraten (die wi…

  3. hm, ich denke nicht das entschädigungen was nützen.. Müll entfernen ja.. wird aber nicht leicht sein, verhindern das sowas passiert? auf jeden fall.
    Hauptsächlich muss das land aber stabilisiert werden und eine gewisse infrastruktur bekommen sonst nützt das alles nichts. Es muss gearbeitet, produziert, verdient und konsumiert werden, sonst werden die Probleme immer wiederkommen.
    An der Stelle wäre protektionismus auch an der richtigen stelle.

  4. Mich würde interessieren wo der Autor die Zahl von “pro Jahr Fisch im Wert von 300 Millionen US-Dollar aus somalischen Hoheitsgewässern” her hat. Ich schreibe gerade eine Facharbeit zu diesem Thema, kann jedoch keine zuverlässige Quelle finden in der diese Zahl auftaucht. Wäre wirklich hilfreich wenn mir jemand eine Quellenangabe zu dieser Zahl geben könnte.

  5. […] Das alles erfährt man auf Nachfrage vom UN-Beauftragten für Somalia, Ahmedou Ould-Abdallah. Kein Wunder also, dass 70 Prozent der somalischen Einwohner bei einer Umfrage der unabhängigen nationalen Newswebsite WardheerNews die “Piraten” als inoffizielle Küstenwache und Volkshelden betrachten: Sie fordern wenigstens etwas von den fremden Ausbeutern zurück. Um das Piraterieproblem zu lösen, muss die internationale Staatengemeinschaft also zuerst für das Entfernen des Giftmülls sorgen, die betroffene Bevölkerung entschädigen und den illegalen Fischfang in somalischen Gewässern stoppen. In diesem Zusammenhang: Der vor kurzem unter grossem Pressegetöse vor der Küste des autonomen Nord-Somalia von der US Navy wieder befreite 17.000-Tonnen-Frachter “Maersk Alabama” gehört einer Reederei, die für das US-Militär arbeitet, bei einem jährlichen Umsatzvolumen von etwa einer halben Milliarde US-Dollar. An Bord befanden sich nach Auskunft der Reederei humanitäre Hilfsgüter. {Quelle: 11k2.wordpress.com} […]

  6. Somalische Fischer gibt es kaum-der Beruf wird als “Ehrenlos” angesehen,angesehen ist wer viele Tiere hat.


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