Grundsatzerklärung zum Tag des Geistigen Eigentums

090426fe_selfportraitSeit einigen Tagen macht in Deutschland der “Heidelberger Appell” des Philologen Roland Reuß die Runde. Dieser Text richtet sich gegen OpenAccess ( öffentlicher, kostenloser Zugang zu wissenschaftlichen Arbeiten, die von öffentlich bezahlten Wissenschaftlern verfasst wurden) und GoogleBooks, einer Anstrengung der Suchmaschinenfirma Google, möglichst sämtliche Bücher der Welt einzuscannen und (in Abstimmung mit den Rechteinhabern ganz oder teilweise) via Internet umsonst anzubieten (Die Urheber und Verlage erhalten einen grossen Teil der Werbeeinahmen). Die Bundesregierung, so fordern Reuß und bisher 1400 Unterzeichner (darunter Teile der nationalen Schriftsteller-Elite) müsse sicherstellen, dass keinerlei private oder suchmaschinen-automatisierte Verbreitung von geistigen Inhalten stattfinden könne, also letztlich ein Verbot von GoogleBooks, YouTube und anderen Internetplattformen dieser Art.

Matthias Spielkamp von iRights veröffentlichte bereits eine ausführliche Demontage dieser Forderungen. Gerade im Fall von OpenAccess räumt er mit Missverständnissen im oben genannten Heidelberger Appell kräftig auf. Trotzdem muss hier noch Grundsätzliches gesagt werden. Der Umbruch, vor dem Reuss und die anderen 1400 Unterzeichner solche panische Angst verspüren, ist tatsächlich tiefgreifender, als sich das die meisten von uns vorstellen können und wollen. Wer allerdings weiterhin seine Augen vor dem stattfindenden Wandel verschliesst, wird zu den Modernisierungsverlierern unserer Ära gehören. Blicken wir den Tatsachen ins Auge, die ich im folgenden Appell zum heutigen “Tag des Geistigen Eigentums” zusammenfasse. (Für Unterschriften steht die Kommentarfunktion unterhalb des Textes zur Verfügung):

Der Augsburger Appell

Der Buchdruck Gutenbergs, und noch mehr die Rotationsdruckmaschine (zur Massenproduktion von bedrucktem Papier als Träger geistiger Inhalte) haben eine Informationsgesellschaft zerstört, von welcher wir heute, in der Gegenwart, nur noch eine verschwommene Vorstellung haben. Vor der Papierdruck-Revolution war Informationsverbreitung auf mündliche Weitergabe und handschriftliche Kopien beschränkt. Die daraus resultierende Informationsstrukturen haben sich über Tausende von Jahren entwickelt, wurden aber innerhalb weniger Jahrhunderte fast völlig verdrängt.

Heute ist die Lagerung oder Speicherung von geistigen Inhalten (Bücher, Filme, Musik-Alnben etc.) durch Computertechnik innerhalb weniger Jahrzehnte nahezu kostenlos geworden. Moderne Festplatten in TeraBytegrösse fassen ganze Bibliotheken, Film- und Musikarchive. Ebenso ist die Verbreitung von geistigen Inhalten via Internet und Digitalkopie nahezu kostenlos – ein Internetanschluss zum monatlichen Pauschalpreis ermöglicht das Abrufen von beinahe allen Büchern, Filmen, Musikstücken. Digitale Speichermedien schrumpfen von Jahr zu Jahr in der Grösse und im Preis und gewinnen an Kapazität. Beides macht die Weitergabe geistiger Inhalte so problemlos wie noch nie zuvor in der menschlichen Geschichte. Dass Teile dieser kostenlosen Distribution im Moment als illegal gelten, geht am Problem vorbei: Es ist technisch nicht möglich, diese Verbreitung zu verhindern, aber der Urheber erhält keinen Gegenwert für seine geistige Leistung.

Das Gefäss der Pandora ist geöffnet, und wird sich nie wieder verschliessen lassen. Die Digitalisierung lässt sich genau so wenig rückgängig machen wie einst der Buchdruck. Wir müssen uns mit der stark veränderten Realität arrangieren, ob es uns gefällt oder nicht..

Wie Urheber in einem ubiquitären, egalitären Distributionsmodell bezahlt werden, muss erst noch definiert werden. Ob Verlage (gleich welchen Mediums) nach Abschluss der digitalen Revolution noch eine Rolle spielen werden, lässt sich heute nicht absehen:

Ich fordere daher die politischen Kräfte in unserem Land auf, nicht weiter über naive, da technisch unwirksame Verbote nachzudenken, sondern über die aktive Gestaltung des Urheberrechts in einer Zeit des technischen Umbruchs: Jeder Bürger kann sich heute via digitaler Weitergabe jedes Buch, jeden Film, jedes Musikstück besorgen, ohne dass dies technisch verhindert oder mitverfolgt werden kann. Die Gesetze müssen dieser Realität entsprechend reformiert werden, der Urheber muss die ihm zustehende Vergütung erhalten. Diese wird tatsächlich heute schon teilweise erhoben und ausgeschüttet: Geräte und Medien zur Herstellung von Kopien sind mit einer Abgabe belegt, die von den zuständigen Verwertungsgesellschaften an die Autoren, Komponisten, geistigen Schöpfer ausgeschüttet werden.

Ein wichtiger Teil der Wertschöpfungskette ist bis jetzt noch unbeachtet: Trotz erheblicher Umsätze mit dem Verbreitungsmedium Internet durch Telekommunikationsunternehmen sind Urheber hier von Vergütung ausgeschlossen. Eine gesetzliche Regelung würde privatwirtschaftliche Anstrengungen wie die oben erwähnte Aktion der Suchmaschine Google ersetzen und die Urheber aus ihrer Verunsicherung angesichts der heutigen technischen Revolution befreien. Das ist die urheberrechtliche Herausforderung unserer Dekade.

Fritz Effenberger, Journalist.
Augsburg, 26.4.2009

[Update] Dieser Text ist jetzt in einer erweiterten Form auf der Telepolis zu finden: Geistiges Eigentum als Heidelberger Postkartenidylle

29 Kommentare

  1. Ich unterschreibe diesen Appell und stimme ihm in vollem Umfang zu.

    Als Künstler bin ich sogar selbst betroffener dieses breiten Themas, aber ich schliesse nicht die Augen vor der Realität und lebe mit der unseren digitalen Entwicklung.
    Geld ist nicht mehr zu machen aus Dingen die sich beliebig oft kopieren lassen.
    Passt euch dem an, oder geht unter.

    Meine Kunst gehört jedem, unter Creative Commons Regelungen darf von mir aus jeder meine Kunst verbreiten, solange er mich als Urheber angibt.
    Mein Geld verdiene ich durch private Aufträge.

    http://DoctrineDesigns.de
    http://TsuBaka.com
    http://DoctrineDesigns.deviantART.com

  2. steffen….
    es sollte mehr von deiner art geben.
    auch in der gesetzgebenden ebene..

  3. @ fritz
    geniale methode um zu verhindern das dein foto unkontroliert weitergegeben wird
    ps. ich hätte auch gern so eine 256 pixel kamera

  4. Ich stimme diesem Appell vollkommen zu. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass sich die Dinge ändern werden, aber wir das in unserem Leben nicht mehr mitkriegen. Was wir mitkriegen werden, sind die mit steigender Brutalität geführten Rückzugsschlachten der Interessensvertreter der alten Industrien.

    Sebastian Lang, Lehrer
    Erlangen, 26. 4. 2009

  5. [...] sein, aber andere fragen sich: Wie bekommt man Bilder so “pixelig” wie im Beitrag Grundsatzerklärung zum Tag des Geistigen Eigentums unten? Das ist nicht schwer, ich habs selber durch Herumprobieren herausgefunden. Zur [...]

  6. Dafür. “Ich fordere daher die politischen Kräfte in unserem Land auf, nicht weiter über naive, da technisch unwirksame Verbote nachzudenken, sondern über die aktive Gestaltung des Urheberrechts in einer Zeit des technischen Umbruchs.”

    node3000.com / gulli.com

  7. Ich unterschreibe auch. Darf ich den Text ausdrucken und in meiner Schule (Bundeshandelsakademie Waidhofen/Ybbs in Niederösterreich) aufhängen?

    • ja, natürlich.

  8. Unterschreibe als Fach- und Buchautor! Brauchen neue Geschäftsmodelle!

  9. Ich würde meine Unterstützung gerne widerrufen oder zumindest stark relativieren, nachdem ich mich 2-3 Stunden mit diesem nicht leicht zu überschaubaren Themenbereich beschäftigt habe. Der Grund ist, dass ich die Überlegungen in diesem Aufruf, die in Richtung einer Pauschalabgabe / Kulturflatrate gehen nicht teile. Ich finde schon, dass das Urhberrecht und dessen Funktion und Rolle im 21. Jahrhundert überdacht werden muss. Die Anschaffung einer Art “Vergütung” für Autoren durch die ISPs jedoch ist meiner Meinung nach zu kurz gedacht und wird die wesentlichen Probleme langfristig nicht lösen können. Im Gegenteil *könnte* das die Freiheit im Internet (Stichwort Netzneutralität) weiter negativ beeinflussen. Zumindest wird es wieder alle möglichen Begehrlichkeit wecken und möglicherweise zu unfairen Verteilungsschlüsseln führen. Ungeachtet der Frage, wie man den Verteilungsschlüssel überhaupt erfassen soll.

    • Das mit der Netzneutralität erschlisst sich mir nicht. Und natürlich muss das Urheberrecht langfristig renoviert werden. Mein Vorschlag zielt auf die Gegenwart.

  10. [...] Urheberrecht geschrieben und unterschrieben. Und auch der heutige Tag bietet die Möglichkeit zu unterschreiben. Für ein Urheberecht, welches die gesellschaftlichen Herausvorderungen, die mit der zunehmenden [...]

  11. Urheberrecht vs. Open Access…

    Verwundert hat mich zunächst, dass Reuß die pragmatische Forderung nach frei verfügbaren Publikationen á la “Creative Commons” für kontraproduktiv und — so es wissenschaftliche oder künstlerische Publikationen betrifft — sogar für verfassungswidrig…

  12. “… Verwundert hat mich zunächst, dass Reuß die pragmatische Forderung nach frei verfügbaren Publikationen á la “Creative Commons” für kontraproduktiv und — so es wissenschaftliche oder künstlerische Publikationen betrifft — sogar für verfassungswidrig hält. (“Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei” [Art 5 Abs. 3 GG]) …”

    –MANUELLER TRACKBACK–

  13. Der Heidelberger Appell ist genauso schwachsinnig, wie das Fair Syndication Consortium. Erinnert ein wenig an den Feldzug der Musikindustrie gegen mp3-Downloads – gepaart mit Strafanzeigen, Abmahnterror etc. – hat alles nichts genutzt. Und Apple macht es vor, wie man trotzdem Geld verdienen kann…..

  14. [...] Effenberger setzt sich bei telepolis mit dem Heidelberger Appell auseinander und setzt dem einen Augsburger Appell entgegen: Ich fordere daher die politischen Kräfte in unserem Land auf, nicht weiter über naive, [...]

  15. Hi, im Sinne von heidelberg – Augsburg – Wien (die digitale Banane sozusagen) ein kurzer Link aus eigener Feder zu Heidelberg: http://www.perlentaucher.de/artikel/5351.html

    Alles Gute
    rw

  16. [...] befreien. Das ist die urheberrechtliche Herausforderung unserer Dekade. Quelle: Fritz Effenberger, Grundsatzerklärung zum Tag des Geistigen Eigentums, [...]

  17. [...] unserer Ära gehören. Blicken wir ins Auge, die ich [Fritz Effenberger, Anm.d.Verf.] im folgenden Apell [...] zum “Tag des Geistigen Eigentums” am 26.04.zusammengefasst habe. Der Aufruf setzt [...]

  18. [...] nahm das Geld und schwieg. Natürlich sind solche Verlage und solche Hersteller gegen OpenAccess (siehe 11k2 zum “Heidelberger Appell”). Weil dann alle Arbeiten jedem zugänglich wären. Und man [...]

  19. Ich stimme dem Appell zu und unterstütze ihn in vollem Umfang. Unter welcher Lizenz ist er eigentlich erschienen? Und unter welcher der Heidelberger Appell?

  20. [...] Entsprechende Reaktionen der Öffentlichkeit blieben natürlich nicht aus. Etwa hier und hier und hier, und hier und hier und sogar [...]

  21. Ja, das ist meine echte email-adresse! Heute Nacht hatte ich das “Vergnügen” mit einem echten Jünger der mainstream-Presse zu kommunizieren. Das Problem, ich kenne diesen Menschen schon mein halbes Leben… Heute NAcht, wurde mir bewußt, dass Menschen, die für sich selbst denken können, in dieser Gesellschaft unerwünscht sind! Das hier ist kein Gelaber von jemanden der zu viel Zeit hat – nein, das hier ist eine Anfrage an Leute, die die Fähigkeit haben, jemanden zu folgen, der diese Gesellschaft in die Knie zwingen wird. Ich will hier keine grauen Mäuse hören – ich will Menschen, die bereit sind dieses Land, durchwachsen von Korruption, brennen zu sehen. Dieser Text ist kein Scherz, kein Spaß – dies ist die letzte Möglichkeit Freiheit zu erkämpfen! Danke.

    Yes, that is my real email-address! Tonight, i had the “fortune” to meet a real believer of the mainstream-press. The problem, i knew this men half my life… Tonight, i realized, that people, who think for themselfes, are no longer accepted in this society. This is no chatter of someone with to much time on his hands – no, this is an outcry to people, who have the ability, to follow a movement, that will bring down this system to it’s knees. I don’t want to hear them grey mice complaining – i wan’t people, who whant this land, rotten with corruption, to burn. This text is no joke, no scam – this is the last opportunity to fight for freedom! Thanks.

    I am sorry for my bad english – please, correct that text and copy it. Thank you!
    bigboy190@web.de

  22. [...] kommt bereits Lob für die “Fortschritte in der Politik”. Es gebe seit der Heidelberger Erklärung bei Justizministerin Brigitte Zypries und Kulturstaatsminister einen Stimmungsumschwung “vor [...]

  23. Vielleicht sollten die Damen und Herren Politiker mal mit Fachverlagen sprechen? Da wird schon längst und mit wachsenden Gewinnspannen online Content publiziert und an Abonnenten berechnet (ich muss das wissen, ich arbeite bei einem Online Publisher). Die Herausgeber und Autoren erhalten heute (wie damals in der Printwelt) ihr Honorar selbstverständlich bezahlt. Kostenloser Content dient hier mehr oder minder als Teaser und wird anstelle von Abonnenten über Werbeeinahmen finanziert.
    Wer in die Röhre guckt, sind nur die Druckereien, die weniger Aufträge erhalten.
    Die Zeiten ändern sich nun mal. Mit Gutenbergs Buchdruck wurden auch die Klöster ihre Macht und Kontrolle über das Wissen der damaligen Welt los. (Und das Geschrei war damals genauso laut, nur konnte man’s noch nicht so leicht verbreiten wie heute – es gab ja noch kein www.)

    Demzufolge stimme ich dem Appell voll und ganz zu. Was Reuß und Konsorten propagieren ist rückwärtsgewandt und kontraproduktiv – sowohl für Urheber wie für Vermarkter. Es müssen neue Gesetze her, die die Vergütung von Rechteinhabern bei Online-Publikation regeln

  24. Sehe ich auch so

  25. Prima!

  26. [...] Augsburger Gegenentwurf zum Heidelberger [...]

  27. [...] kommt bereits Lob für die “Fortschritte in der Politik”. Es gebe seit der Heidelberger Erklärung bei Justizministerin Brigitte Zypries und Kulturstaatsminister einen Stimmungsumschwung “vor [...]


Comments RSS TrackBack Identifier URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 884 Followern an