Kulturflatrate: So wirds gemacht

090828Home_taping_is_killing_musicAm vorgestrigen Mittwoch trafen sich in den Räumen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Berlin namhafte Vertreter unterschiedlichster Standpunkte, um über die Kulturflatrate zu diskutieren. Natürlich wurde keine Einigung erzielt. Wie auch? Der Begriff “Kulturflatrate” ist selbst bereits eine Worthülse, die nicht auszufüllen ist. Aber glücklicherweise gibt es ja Leute, die seit Jahren in dieser Richtung vorausdenken.

Und damit meine ich jetzt nicht nur mich. Ganz und gar nicht. Aber weil ich seit Jahren über dieses Thema schreibe, bin ich in der Lage, zu erklären, worum es hier wirklich geht, und wo die Missverständnisse lauern.

Kulturflatrate, ein Missverständnis

Zuerst einmal: Die Lösung, die wir hier verzweifelt suchen, heisst nicht “Kulturflatrate”, sondern “Pauschalabgabe”, und muss eingeführt werden, weil im Internet eine weder technisch noch juristisch verhinderbare private Nutzung erfolgt, von welcher die Anbieter von Hardware, Software und vor allem Dienstleistungen profitieren. Zur Erklärung: Die seit langem existierende Pauschalabgabe auf CD-Rohlinge (und andere Kopiermedien) wird nicht deshalb erhoben, weil der Fan “umsonst kopiert” (das darf er nämlich), sondern weil die Hersteller von CD-Brennern und Leermedien (und Vergleichbarem) damit Geld verdienen, also mittelbar mit der kreativen Leistung des Urhebers.

An diesem Punkt geht die öffentliche Diskussion zielstrebig in die Irre; immer wieder wird von einer “Schuld” des Verbrauchers durch “illegale Kopien” (“Internetpiraterie”, “Raubkopien”) gesprochen, welche aber nach dem Geist und Buchstaben der europäischen Urheberrechtsgesetze gar nicht existiert: Die Privatkopie ist grundsätzlich legal. Ignoriert wird im Fall Internet dagegen das Gebot einer Vergütung für die Urheber bei indirekter kommerzieller Nutzung. Nicht der Verbraucher ist nämlich grundsätzlich vergütungspflichtig, sondern der kommerzielle, direkte oder indirekte Verwerter.

Ein direkter Verwerter wären etwa ein Verlag, oder ein Filmstudio, die dem Künstler für die kommerzielle Nutzung seiner Kreation eine Vergütung bezahlen (Zumindest in der Theorie). Indirekte Verwerter wären der CD-Anbieter Verbatim, der Brenner-Hersteller Teac. Oder eben der Internetprovider Vodafone (und andere), der Einnahmen damit erzielt, dass er einen Internetzugang mit Flatrate zum Herunterladen (“Kopieren”) von urheberrechtlich geschützten Werken bereitstellt.

Dass der “Download aus einer offensichtlich rechtswidrigen Quelle”, wie das im gewohnt schwammigen Behördendeutsch formuliert ist, heute als illegal gilt, ist das Ergebnis von einseitigen Lobbyanstrengungen, und keine Frucht der Rechtspflege.

Einfach das Urheberrecht beachten

Um den im vorgestrigen Kulturflatrate-Konvent und anderswo viel beschworenen gordischen Knoten zu lösen, ist es einzig und allein nötig, das Urheberrecht in seiner usprünglichen Form zu beachten: Vergütung bei kommerzieller Nutzung gleich welcher Form.

Verteilen der Milliardenpauschale

Möchte noch jemand wissen, wie mit den beträchtlichen Einnahmen aus einer solchen Pauschalabgabe ( schon ein Euro Abgabe pro Internetzugang und Monat erzeugt in Deutschland ein jährliches Volumen von etwa einer halben Milliarde) zu verfahren ist? Ganz einfach: Schon heute bieten Marktforschungs-Agenturen (wie BigChampagne in Los Angeles) detaillierte P2P-Download-Statistiken, die von Medienkonzernen als wertvolles Werkzeug der Marktanalyse genutzt werden. Dieselbe Vorgehensweise in einer neu zu schaffenden EU-Behörde (die vor allem aus Computern besteht) liefert genaue Aussagen darüber, welches Werk wie oft herunter geladen wurde. Da ein Buch, ein DVD-Film oder ein Musik-CD-Album in der selben Preisdimension liegen, fällt eine finanzielle Differenzierung weg. Software (auch Spielesoftware) ist anders abzurechnen, weil sie weniger den Charakter eines kreativen Werks als den einer Dienstleistung hat. Die oben angenäherte halbe Milliarde kann so sehr leicht auf die einzelnen Urheber verteilt werden. Natürlich würde das den derzeit so mächtigen Verwertungskonzernen nicht passen; aber dafür gibt es ja Verträge zwischen Kreativen und Verwertern, um letztere an der Einnahmen der ersteren partizipieren zu lassen.

Hometaping is killing… garnichts

Das Märchen vom Umsatzverlust durch Tausch und Kopie hatte schon im Analogzeitalter kein Faktenfundament, ebenso wenig in der Digitalära: Ein negativer Zusammenhang zwischen Kopie (P2P) und Umsatz mit Kulturdatenträgern und vergleichbaren Produkten wurde nie nachgewiesen. Hometaping hat die Musik nicht gekillt, können wir mit der preisgünstigen Schadenfreude einer Folgegeneration resümieren. Und P2P auch nicht.

Trotzdem müssen Kreative für die Nutzung ihrer Werke im Internet entlohnt werden. Nicht per “Kulturflatrate”, sondern durch die Pauschalabgabe auf kommerzielle Internetangebote. Dann, (und nicht vorher) wird alles gut. Versprochen.

(quellen, aber keine erklärungen: faz, heise, tagesspiegel, welt, boersenblatt)

11 Kommentare

  1. den artikel hast du so gut und verständlich geschrieben das man überhaupt nichts hinzufügen muss. er enthält eigentlich alles was es zu dem thema zu sagen gibt.

    den sollten sich mal die sog. “experten” rein ziehen, evtl. ginge dem einen oder anderen unter ihnen dann mal ein licht, vllt. gar mal ein kronleuchter, der erkenntnis auf.

  2. Sehr gut! Du hast sogar die wichtigste aller Fragen beantwortet: Die Verteilungsfrage!
    Bleibt nur noch die Ehrlichkeit einer monopolistischen Verteilungsbehörde anzuzweifeln. Welche ja eher gegen Null geht. Eben weil kein Optimierungsdrang besteht. Die Grundidee ist gut. Aber diesen Haken zufriedenstellen zu lösen, würde die Sache echt rund machen. :)

  3. Was ich aber nicht zufriedenstellend fand, war die Aussage über Spielesoftware. Wie kannst du — der eigentlich Experte sein sollte — nur behaupten, Spiele (Software ist nur eine Variante) seinen kein Kunstwerk.
    Entschuldige mal: Spiele sind der *Oberbegriff* *aller* Kunst. Filme, Bücher, Bilder, Plastiken, Musik, Installationen… was du willst. Das sind alles Untermengen von dem Konzept „Spiel“. EA-Spiele mögen miese „Volkskunst“ sein, aber trotzdem!

    Doch ich denke mal, dir ging es dabei mehr darum, zu untermauern dass es eine Dienstleistung ist.
    Nun, Fritz… *Alles* ist eigentlich eine Dienstleistung. Dein Handy entstand über eine Reihe von Dienstleistungen aus ein paar Mineralien in der Erde.
    Deswegen ist auch *alle* Kunst immer eine Dienstleistung.

    Gibt es das Konzept den „Produkts“ überhaupt? Oder ist es nicht eher ein anderes Wort für eine Dienstleistung mit materiellem Ergebnis?

    Sozusagen sind also Spiele natürlich Dienstleistungen. Aber Dienstleistung und Kunstwerk schliessen sich nicht aus. Das Eine bedingt sogar eher das Andere. :)

  4. Was die Verteilung der Einnahmen angeht, habe ich schon länger einer etwas andere Idee. Vielleicht ist da auch irgendwo n Denkfehler drin, aber hört euch den Vorschlag mal an:
    Eigentlich will doch niemand eine Super-Verteilungsbehörde, die sowieso irgendwann wieder durch die Lobby beeinflusst wird. Was wäre wenn wir zwar diese Behörde als Grundlage aufbauen, aber es zusätzlich (quasi im Opt-In-Verfahren) jedem Bürger ermöglich selbst (komplett Basisdemokratisch) über seinen Pauschalbeitrag zu entscheiden. D.h. jeder der sich dafür interessiert kann selbst entscheiden wen (welche Band, welchen Autor) er wie stark unterstützen möchte. Natürlich ist dies technisch nicht ganz einfach zu realisieren. Am besten wäre dazu sicherlich eine Webplattform geeignet.
    Grundsätzlich finde ich die Idee aber äußerst spannend, weil es der ganzen Kulturflatrate-Diskussion das letzte Gegenargument der Verteilung endgültig wegnimmt.

  5. Ich sehe es auch so: Die Verteilung der “Einnahmen” ist genau das Problem.

    Grundsätzlich hat Fritz völlig recht. Es gibt schon Pauschalabgaben – also warum macht man da so ein Bohei drum? Einfach von den Telekomfirmen in etwa so viele Pauschalabgaben einfordern wie man es bei Datenträgerherstellern etc. auch tut. Dann das Ganze anhand des schon existierenden Verteilungsschlüssels verteilen (dieser kann natürlich eventuell durch Einbeziehen von Downloadzahlen “verbessert” werden) – und fertig.

    Aber bei der Gelegenheit fängt man ja unweigerlich an, über die Gerechtigkeit dieses Verteilungsschlüssel nachzudenken. Und ich komme dabei zu keinen guten Ergebnissen, weder für die bisherige Praxis noch für mögliche zukünftige Ausgestaltungen.

  6. Fritz for President ?
    :)

    Absolut klasse und einleuchtend beschrieben!

  7. [...] Artikel über die sogenannte "Kulturflatrate" bei 11k2. Ich war da ja schon immer ähnlicher Meinung wie Fritz. Meine Kritik geht zwar noch etwas weiter, aber grundsätzlich kann ich der Darstellung voll zustimmen. [...]

  8. [...] Lesebefehl: Blogger Fritz von 11k2 schreibt über die Kulturflatrate, wie sie machbar ist, wie die Lobbyisten der Musikindustrie gegen sie wettern und welche [...]

  9. grad gefunden… und .. naja…

    http://de.fishki.net/picsw/092009/01/pics/161.jpg

  10. Aha! Man merkt einfach, daß da jemand schreibt, der sich mit der Sache beschäftigt hat. Und außerdem schreiben kann… =)
    Persönlich bin ich ja immer ein bischen skeptisch, wenn ein politischer Vorschlag die Schaffung einer neuen Behörde beinhaltet. Nur in diesem Falle
    1) ist der Momentane Zustand kaum haltbar,
    2) die Vorschläge aus dem “anderen” Lager grenz-katastrophal
    3) und die einfachere (bessere?) Lösung politisch kaum durchsetzbar.
    Also bleibt die Pauschalabgabe der beste Kompromiß, auch wenn er vielen Piraten genauso wenig gefällt wie den Rechteverwertern – oder vielleicht auch genau deswegen. Dennoch glaube ich es ist wichtig, daß es auch weiterhin Hardliner unter en Piraten gibt, denn sonst wird der Kompromiß plötzlich zur Position – und die ist dann weiteren Kompromissen unterworfen.

  11. [...] eine Pauschalabgabe der Fall wäre. Die Abgabe wäre durch die Telekomkonzerne zu leisten, siehe hier und hier in früheren [...]


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