Der Fall Helene Hegemann

Das deutsche Qualitätsverlagsgeschäft erlebt den ersten grossen Skandal des jungen 21sten Jahrhunderts. Beim benachbarten Qualitätsjournalismus dagegen liefern uns Agenturen und Tageszeitungen die Skandale um die eigene Glaubwürdigkeit schon allmorgendlich auf den Frühstückstisch. Helene Hegemanns Jugendroman “Axolotl Roadkill” ist für buchpreisgebundene 14 Euro 95 zu haben, herausgegeben vom Ullstein-Verlag, dessen Qualitätsanspruch ihr hier gerne diskutieren dürft. Mittlerweile hat sich sowohl der ekstatische Jubel um “das neue Fräuleinwunder der deutschen Literatur” ebenso gelegt wie der Sturm der moralisch rekursiven Entrüstung über das “Plagiatsverbrechen” des Teenagers.

Ok. Diese wenigen einleitenden Worte stehen natürlich im Einklang mit meinem (durch jahrelange Auseinandersetzung gefestigten) Standpunkt zu Fragen des Urheberrechts, des Copyrights und der damit verwandten Leistungsschutzphantasien. Was die 17jährige, der teenage Pausbäckigkeit noch nicht entronnene Helene getan, war, sowas wie ein Buch zu schreiben, das sie abwechselnd mit eigenen und gefundenen Gedanken füllte. Keine schlechte Idee, in Blogs, Tweets und Social Networks macht man das ja auch. Nur hatte die Kleine das Pech, einen Angehörigen der Kulturelite zum Vater zu haben, der sie nicht mässigend, sondern anfeuernd beriet. Professor Carl-Georg Hegemann lehrt Musik und Theater in Leipzig und war Chefdramaturg in Freiburg, Bochum, Berlin. Er solle es eigentlich wissen. Damit ist ihr Verbrechen also zuallererst um das des fehlgeleiteten Vaterstolzes gemindert.

Vorhin, bei meinem morgendlichen Rundblick durch das Web und seine informationelle Selbstregulierung striff ich einen Artikel über die Gefahren des Selbstveröffentlichens, via Web und Print-On-Demand. Ein Verlag, so las ich mit Vergnügen und kleinen, heissen Milchkaffeeschlucken, sei ja nicht nur “Middle Man”, Ausbeuter und Mehrwert-Rahmabschöpfer, sondern eben Werbeagentur, Distributor, und vor allem Lektor und Korrektor. Ach? Ja? Die im Zuge der oben erwähnten Entrüstung mit hoch gespülten Vorwürfe der Pottymouthness und des literarischen Elstertums ignorieren den Umstand, dass das Erstlingswerk (hoffentlich lässt sie sich nicht abschrecken) Helenes ein unbarmherziges Schiedsgericht hochprofessioneller, unbestechlicher (wahlweise: unterbezahlter, überforderter) Lektoren passieren musste, und danach erst die Gunst der Priester und Priesterinnen des Feuilleton-Orakels erwerben konnte. Das dann aber um so uneingeschränkter. Ich erspare euch die Pressezitate, weil sie, aus dem Zusammenhang gerissen, schmierig und heuchlerisch klingen und dadurch ein unnötig hässliches Licht auf die stolzen Flaggschiffe unserer nationalen Pressepublikationsflotte werfen würden. Somit muss die Schuld der minderjährigen Nachwuchsschreiberin um die ihres rein kommerziell handelnden Verlages, und dazu um die der selbsternannt hochkulturellen Jubelpresse gemindert werden.

Da bleibt nicht viel übrig. Ich empfehle daher folgendes Vorgehen: Sagt der Kleinen, sie soll bitte weiter Geschichten schreiben, gerne auch Zeilen anderer hineinmixen, das ganze auf ihr Blog stellen und die blogosphäre-weit üblichen Quellenangaberegeln beachten. Dann ist wieder alles ok, es liegt weder ein Bruch des Urheberrechts noch ein Plagiat (im Sinne eines Urheberrechts-Nuklearschlags) vor, das Mädel ist weg von der Strasse, nimmt keine Drogen und übt noch ein wenig, damit sie später mal wirklich gut wird. Was wir ihr alle wünschen. Und eigentlich auch allen anderen 17jährigen, selbst wenn sie keinen Vater aus der kulturellen Oberschicht haben.

Aber halt, dann verkauft der Ullstein-Verlag kein Skandalbuch und der unbekannte Feuilleton-Redakteur muss mit trockenem Mund weitertippen. Gehört aber beides in die Schachtel mit der Aufschrift “marginale Probleme”. Das grössere und der “echten” Realität zuzuordnende Problem der aktuellen, um uns herum tobenden Informationsrevolution und damit des nahenden Endes eines von der industriellen Produktionsweise geprägten Copyrights wird dagegen nur ganz leicht tangiert. So grade eben. Ich erkläre den Fall Helene Hegemann deswegen für abgeschlossen.

(dem SPON beim mühevollen aufwachen zuschaun: eins, zwei, drei)

(schöner kommentar in der süddeutschen)

(missverständnisse in jetzt und faz)

(denkanstoss: tyvm bettina)

9 Kommentare

  1. Sich mit geistigen Ausfällen nach vorne krakeelen und an der Rampe Stuss absondern. Lasset die andern arbeiten, solange wir den Rahm abschöpfen. So sehen die Früchte dieser moralfreien Erziehung aus. Gut konditioniert, das Töchterlein.

    Übrigens ist diese Teenie-Tuss komplett talentfrei. Für so einen Verbalauswurf bekommt man bei mir üblicherweise nur eine Termin zum Vorsprechen, wenn ich den Praktikanten mal anderthalb Sekunden Zwerchfellmassage gönne.

  2. Viel amüsanter als all das Plagiats-Geschwurbele in den Feuilletons ist doch inzwischen das Feuilleton selbst. Da muss nun verurteilt werden, was zuvor aus selben Munde gehypt und in den Literaturhimmel gelobt wurde: das klauende Fräulein Hegemann.

    Fast habe ich da schon ein wenig Mitleid mit all den Schreiberlingen. Wir, die wir uns hier im Internet niedergelassen haben, konnten uns schon vor einer ganzen Weile mit Copyright und Co., künsterlischer Freiheit und erwünschtem Abschreiben auseinander setzen. Die armen Papierfresser scheinen sich das erste Mal damit zu beschäftigen. Das ist ja fast schon wie nochmal erwachsen werden. Sollen sie also zusammen mit dem Fräulein Hegemann reifen.

  3. ich hab nichts verstanden, bin momentan nicht in deutschland, worum gehts da?

  4. [...] Schreiben über den Fall H.H. setzt immer noch eins drauf. Jetzt reicht es dann aber bald. Nur Fritz‘ Gedanken solltet ihr unbedingt noch [...]

  5. Schätze den ganzen Fall ähnlich ein … dennoch möchte ich die Verlage dahingehend in Schutz nehmen, daß sie keineswegs nur die “Abschöpfer”, den großen Plattenfirmen und Musiklabeln vergleichbar, sind; das sind verblüffenderweise tatsächlich die Buchhandlungen, insbesondere die großen Ketten. Thalia oder auch Amazon kriegen zB. gut 50% Rabatt auf alle Bücher, die sie vom Verlag einkaufen, d.h. von 10 Euro Buch gehen etwa 5 an den Verlag, 1 davon kriegt der Autor, die restlichen 4 bezahlen Herstellung, Werbung und Mitarbeiter. Viel abzuschöpfen gibt es nur bei Bestesellern. Die meisten Titel tragen sich eben so.

    Ja, natürlich ist diese Rechnung vereinfacht, und ja, trotzdem hat Ullstein im Lekorat gründlich geschlafen.

    Aber Autoren haben es deutlich schwerer als z.B. Musiker, den Sprung zum selbstständigen Internet-Künstler zu schaffen. Die Gründe dafür sind vielfältig (einer der wichtigsten dürfte sein, daß man in ein paar Sekunden merkt, ob man einen Song cool findet, aber ob ein Buch was taugt, merkt man selten sofort), jedenfalls schaffen Selbstveröffentlicher es nur in den seltensten Fällen, mehr als 2-300 Exemplare unters Volk zu streuen. Daran ist nichts Ehrenrühriges, aber viel bringen tut es halt auch nicht, wenn man bedenkt, daß man einem guten Buch locker ein Jahr schreiben kann, und dann noch nicht gelebt hat.

    Die eigentliche “Gefahren”, die abseits der etablierten Verlage lauern, sind eher die Druckkostenzuschussverlage, die Autoren gerne mal um ein paar tausend Euro erleichtern, und sie dafür mit einer ebenso ineffizienten Publikation zu beglücken. Ein Äquivalent dazu gibt’s unter Musikern denke ich nicht einmal.

  6. [...] Sehr schöner Beitrag zur Plagiatsdiskussion um Helene Hegemann (siehe 11k2) auf der TAZ, “Wir haben abgeschrieben”: “Johann Sebastian Bach, Komponist: Unter [...]

  7. Von Rechtmäßiger Autorenschaft zu wahrer Autorenschaft ist es ja ein weites Feld, wenn ich das mal so ausdrücken darf ;)
    Woher weiß denn ein (im allgemeinen nicht das Börsenblatt konsultierender) Leser eines Hype-Schriftstücks, dass sich Autor/in nicht irgendwo böswillig sondern rechtschaffen kopierend bedient hat. Man vergleiche die intelligenzfrei kopierenden Fernsehsender, insbesondere der privaten Art (auch wenn dies i.A. nach Rechte-Kauf passiert).
    Mag das sich nun rein juristisch so oder so verhalten – originell und lesenswert ist es auch als Zitat – oder eben auch im Original nicht. (Im vorliegenden Fall m.M. nach das letztere.)

  8. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder das Mädel ist ein “one hit wonder” oder sie lernt, arbeitet an ihrem Stil und wird mal eine richtige Schriftstellerin. Mit 17 kann man noch keine eigene gereifte Sprache entwickelt haben, ist so.
    Hab gestern ein Interview mit ihr mit ihrem ollen Bösewicht Harald Schmidt gesehen, die ist schon ganz schön krass drauf und kontert auch spontan und tough, die Kleene. Wenn sie es schafft, sich von ihrem Dad zu emanzipieren, dann…

  9. Das Geschrei des Feuilletons stinkt zum Himmel. Erst schreien sie der H. H. ein Bravissimo zu! Dann fallen sie über sie her? Originalität in der Kunst (“Genietum”) ist eine Erfindung der Romantik. Zuvor (vor allem im MA) galt originell vs. original. Sicher hätte sie ihre Quellen angeben müssen. Was aber grundsätzlich in der Diskussion untergeht ist: 1. Ist Helene Hegemann wirklich erst 17? Oder wird sie jünger gemacht? Wer weiß das schon . . . 2. Ist nicht vielmehr der eitle Vater (Prof.) Carl-Georg der Autor, der die Tochter nur vorschiebt? Die Textpassagen (Stil, Wortwahl, Themen) lassen das vermuten, scheinen sie doch auf (berufs-) jugendlich getrimmt. Eine umfassende Recherche tut not – hier soll das Literaturvolk kommerziell verarscht werden. Shakespeare.


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