Wer lügt, stirbt

Wir leben in einer neuen Ordnung, sagt der alte Design-Recke Richard Seymour. Unsere Kommunikation hat sich durch die Entwicklung der Technik radikal verändert, jeder spricht wieder mit jedem, wie damals im Mittelalter.

Und die klassischen Medien sind bereits tot, ohne es zu wissen, findet Richard, weil jeder publizieren kann und jeder gehört wird. In der Welt der digitalen Kommunikation sind Lügen tödlich, weil irgendwer, der irgendwo in irgendeinem Keller sitzt, diese Lüge entlarven kann und die Wahrheit der Welt mitteilen. Graubart Seymour hat da ganz klar einen Punkt. Wir sind mitten in dieser Veränderung, und in wenigen Jahren hat der Kellerbewohner dieselbe Medienmacht wie ein Konzern. Manchmal heute schon. (via core77)

7 Kommentare

  1. Gut, das ist die idealisierte Darstellung (eine punktförmige Kuh im Vakuum braucht auch kaum Platz), aber wie wär’s mit Realität? Die herrschenden Kräfte unternehmen alles, um Informationen zu kontrollieren und den Fluss asymmetrisch zu gestalten, und wo sie es nicht selbst schaffen, lassen sie die Dreckarbeit von ihren Marionetten in Politik und Verwaltung erledigen. Es ist eine hübsche Idee, mehr nicht.

  2. Was ihr vergesst, ist, dass Lügen auch ein essentieller Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft ist. Wenn es keine Lügen mehr gäbe, würde alles sofort zusammenbrechen. Fast alle Ehen und zwischenmenschlichen Beziehungen würden schweren Schaden nehmen. Es würde sofort zu mehreren Weltkriegen kommen. Stellt euch mal vor, alles was die USA, Russland, China, und die ganzen Firmen getan hätten…

    Lügen als grundsätzlich böse darzustellen, ist also nur ein Strohmann-Argument. Noch dazu auf einem sehr primitiven Niveau. Genauer gesagt einem Fantasiemodell einer pseudo-idealisierten Welt, in der Vertrauensnetzwerke, verzeihen, und ein wenig Flunkern als Fett im Getriebe der Beziehungen, noch nicht erfunden sind.

    Klar ist es gut, wenn die, die uns schaden wollen, erwischt werden. Aber bedenkt, dass der Nutzen des einen in einer Welt der limitierten Resourcen immer und ausnahmslos einen Schaden des anderen bedeutet. Wenn wir also die erwischen, schaden wir denen, zu unserem Nutzen. Und das ist gut so. Weil es ja unser Nutzen ist. (OK, es gibt auch so beta/gamma-Menschen, die ihr Leben komplett für andere weggeben. Aber so einer möchte ich nicht sein. Denn das ist genau wie nicht zu existieren.)
    Zudem wollen wir genauso, dass man uns verzeiht, wenn wir mal eine kleine Notlüge benutzt haben.

    Also wie immer, ist der weiseste Weg ein gesundes Schwanken in der Gaußschen Verteilungskurve um den Gesunden Mittelweg auf der Achse der Harmonie mit unserer Uewelt. ;)

  3. LOL. „Futurist“. Früher heiss das „Weissager“. Und der Unsinn den die Verzapfen ist noch immer genau so groß.
    Man könnte sagen ich bin Experte für [„Mind Hacking“]. Und der Typ hat nicht den Hauch einer Ahnung was da grad auf ihn zukommt. Er sollte mal Inception schauen, und sich vorstellen dass Leute schon heute professionell genau so Sachen machen. Aber nicht in Träumen sondern in der Realität. Und nicht mit Einzelpersonen, sondern mit bis zu einer Milliarde Menschen.
    Wir sehen Ideen als Lebenwesen. Die Regeln des echten Lebens, abgewandelt mit den Regeln des Bitspace, passen erstaunlich genau. Es ist schwer, weil noch alles so halb erforscht ist, und man sich jahrelang mental umtrainieren muss, um sein Verhalten davon unabhängig machen zu können (was nie komplett geht), aber verdammt, es lohnt sich!
    So ganz privat schonmal, weil man mehr Freunde und Partner haben wird. Und die Leute einem unglaublich schnell vertrauen und auf einen hören. Nur bis sie einem blind nachlaufen… da muss man entweder sehr lange dran arbeiten, oder seine moralischen Grundsätze über Bord werfen. (Ja, so wie Dark-Hat-Hacker.)

    Ich hoffe ich kann irgendwann mal einen Kurz dazu online stellen. Aber zur Zeit ist das alles noch viel zu unausgegoren um es schnell erklären zu können.

  4. der hat auch noch nichts von der bevorstehenden aufhebung der “netzneutralität” gehört, gesehen, gelesen . . .

    . . . und die wird mit sicherheit kommen (wenn auch nicht auf einen schlag, so doch schritt um schritt) . . .

    . . . denn schließlich soll das gesamte netz nur mehr ein paar wenigen leuten ihren gierigen wirtschafts- und machtausübungsgelüsten uneingeschränkt zu diensten sein . . .

    . . . und dann heißt es so wie eh und je – wer viel bis sehr viel geld hat wird gehört, gelesen, gesehen, wer dagegen nur normal viel, wenig oder bis fast gar kein geld hat kann gleich einpacken weil er/sie sich die ganzen gebühren für jeden kleinen extrafurz nicht mehr wird leisten können . . .

    . . . was aber sowieso spätestens dann vollkommen obsolet sein wird sobald “irgendwer oder irgendwas” monopolistisch und/oder oligarchisch darüber bestimmen kann und/oder darf “WAS, WIE, WANN, WO, WIE VIEL und WIE LANGE oder ÜBERHAUPT” etwas hochgeladen, gespeichert, durchgeleitet und/oder zugänglich gemacht werden kann!

    wie sagte Baron Vladimir Harkonnen vor langer zeit: “He who controls the Spice controls the universe”

    oder besser als ganzes zitat:

    [ Baron Vladimir Harkonnen: I will have Arrakis back for myself! He who controls the Spice controls the universe and what Piter did not tell you is we have control of someone who is very close, very close, to Duke Leto! This person, this traitor, will be worth more to us than ten legions of Sardaukar!

    Feyd-Rautha: And who is this, traitor?

    Baron Vladimir Harkonnen: I won't tell you who the traitor is, or when we'll attack. However, the Duke will die before these eyes and he'll know, he'll know, that it is I, Baron Vladimir Harkonnen, who encompasses his doom! ]

    nur wird es für UNS keinen “Kwisatz Haderach” an der spitze einer “Fremen Army” geben der das universum von “Baron Vladimir Harkonnen” und seinen stiefelleckenden gierigen schergen befreien wird.

    genießt also das netz – so wie es ist – noch ein paar wenige jahre. die werden aber leider viel zu schnell vorbei sein!

  5. Ich finde, es kann gar nicht genügend positive Anstöße geben, und zwar in der Richtung, daß wir uns als Individuen unserer gemeinsamen Natur bewußt werden. Und damit der gemeinsamen Natur aller Materie, Gedanken, Lebewesen. Noch nie waren wir als Menschheit (soweit wir sie m.W. geschichtlich erforscht haben) so weit wie heute, was diesen Prozeß angeht.
    Und nie waren wir weiter voneinander entfernt, was die materielle Aufteilung betrifft (“Nord/Süd-Konflikt” global, “Hartz IV” u.ä. lokal). Frühere Königreiche oder Imperien waren niemals so mächtig wie heutige multinationale Unternehmen, welche damit die ihnen dienenden Staaten von innen aushöhlen.
    Die werden eines Tages an ihrem Geld ersticken – ich hoffe nur, daß das passiert, bevor die Menschen sich gegenseitig weiter aufhetzen lassen. Denn die Menschen sind ja nicht nur dumm, sondern auch schlau, sonst würde es einen solchen Blog wie diesen hier (als klitzekleines Beispiel für AUSTAUSCH) gar nicht geben… und das echte Leben findet immer noch draußen statt, ja? Nicht im Internet, das ist nur ein tolles Hilfsmittel für den Übergang zu einer Gesellschaft, die eine wirklich hohe Kommunikationskultur hat.

    Wir Menschen sind keine Götter und egal was noch kommt an Machtausübung und damit verbundenen Grausamkeiten, alles folgt einer Ordnung, die wir kleinen Menschen niemals umstoßen werden können. (Sonst gäbe es auch keine Wissenschaften, oder?)

    Diese Ordnung zu akzeptieren, bedeutet nicht zu resignieren, sondern nur, zu sich selbst zu finden und damit zu unserer Schicksalsgemeinschaft auf diesem Planeten.

    Und Futurismus, zumindest der aus dem 20. Jahrhundert, bedeutet auch Macht über andere Menschen auszuüben. Das hat was faschistoides. Diesen Gedanken kann ich bei Richard Seymour nicht heraushören.

  6. “jeder spricht wieder mit jedem, wie damals im Mittelalter”?! AFAIK war im Mittelalter die Ständegesellschaft vorherrschend. Da sprach nicht wirklich jeder mit jedem. Ausserdem kam der normale Leibeigene kaum jemals aus seinem Kaff heraus, was seinen Kommunikationsradius ebenfalls nicht gerade erweiterte, von schriftlichem Austausch gar nicht erst zu reden.
    Ansonsten sollte man den -besonders in seiner italienischen Ausprägung ab den 1930ern- von den Faschisten vereinnahmten Futurismus keinesfalls mit dem sozial-”wissenschaftlichen” Futurismus der zweiten Hälfte des 20.Jhr durcheinanderwürfeln. Das sind zwei völlig verschiedene Stiefel. Wobei der Futurismus in der Kunst durchaus eine interessante Sache ist. Nicht nur (teilweise makaber) schön anzusehen und teilweise erfreulich absurd und utopistisch, kann man sich -das dicke Ende, das die protofaschistische Träumerei nach sich zog, dürfte hinlänglich bekannt sein- als “Techie” ganz gut in vielem davon wiederfinden, was einen immer wieder mal dazu bringt, die eigene Position zwischen Technikgläubigkeit und -kritik zu hinterfagen. Das bezieht sich nicht nur auf das allgemeine “Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe”, sondern auch auf den immensen Utopismus und Optimismus, den eine Menge -eher früher- futuristischer Kunst ausstrahlt, der heute völlig dem Profitdenken gewichen ist. So gesehen befinden wir uns schon wieder *nach* einer gescheiterten futuristischen Bewegung mit Moneten statt Mussolini und Seymour und Konsorten bellen der Karawane nach, die schon längst vorbeigezogen ist…

  7. [...] This post was mentioned on Twitter by a2moosh, 11k2. 11k2 said: Wer lügt, stirbt: http://wp.me/pjgMd-50K [...]


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