Gedankenverbrechen des frühen 21sten Jahrhunderts

Wir begehen Verbrechen, ohne es zu wissen. Das wird uns vor Gericht nicht helfen. Auch nicht die Ausrede, das diese Verbrechen ja gerade ganz neu erfunden seien, und bis gestern noch keine waren. Trotzdem schuldig. Beispiele? Hier:

Die RIAA, Sturmtruppe der Geistigen Landnahme unserer Zeit, hat still und leise einen Gesetzesentwurf im US-Bundesstaat Tennessee (irgendwo muss man ja anfangen) lanciert, wonach das Weitergeben einer “entertainment subscription login information”, also etwa Nutzername und Passwort für iTunes oder einen bezahlten Streaming Service, als verbrecherische Handlung gelten soll. Um in der bekannten Terminologie zu bleiben: Die Weitergabe seines persönlichen Unterhaltungspassworts ist Diebstahl (“Unterhaltungsvökermordweitergabe”). Lacht nicht, ich bin immer wieder entsetzt darüber, wie viele Leute (“Gehirnwäscheopfer”) diesen Diebstahlsunsinn glauben. Was die RIAA da macht, ist, neue Märkte zu erschliessen. Wachstum ist endlich, also muss man, um mehr zu bekommen, anderen etwas wegnehmen. Funktioniert prima, wie wir an der Entwicklung des Urheberrechts sehen können. (Update: Das Gesetz ist dort mittlerweile geltendes Recht).

Das Pic stammt aus einem Wettbewerb für Designstudenten. John Gall, Art Director eines New Yorker Verlags, hat es erfreut gepostet, ohne den Urheber zu nennen. Ist ja nur ein Student, nicht wahr? Trotzdem danke, der Buchcoverentwurf ist grossartig.

In Frankreich (das zur Zeit anteilig von Vivendi Universal regiert wird, in Person der Präsidentengattin Carla Bruni) wurde ein Webseitenbetreiber namens Blackistef vom zuständigen Berufungsgericht zu Strafen und Kosten von über 20.000 Euro verurteilt. Sein Verbrechen: Er betrieb das Forum Torrentnews.net und die Metasuchmaschine Torrent-public-center.com, die beide das Wort “torrent” enthalten, dass er ja gewusst hätte, dass er illegales Tun ermögliche. Befand das Gericht. Weitere Verbrechen: Er stellte “Internetseiten auf, die der Untergrundökonomie nutzen” und “trug zur Destabilisierung der Ökonomie künstlerischen Schaffens bei”. Blackistef verdiente mit den beiden Webseiten nichts, hat weder das Geld, die Strafen zu bezahlen noch um weiter in Berufung zu gehen. Die klagende französische Musikrechte-Verwertungsgesellschaft SACEM hat genügend Geld für beliebige weitere Verfahren.

Gerechtigkeit ist ein Herrschaftsprinzip, lernen wir, und was gestern noch alltägliche Gewohnheit war, ist morgen schon ein Verbrechen. Und eine neue Businessbranche. techdirt, torrentfreak

5 Kommentare

  1. In Frankreich hat’s auch Laternen…

  2. Das geht so lange weiter, bis eine ausreichend große Zahl an Leuten die gesamten Gesetze nicht mehr akzeptieren und zur Selbstjustiz greifen, in Bürgerwehrform oder in welcher Form auch immer. Gerade in Frankreich gehen die Leute gerne auf die Straße. Freue mich schon auf den Anblick der nächsten Straßenschlachen in Paris und Umgebung. Sollten wir hierzulande auch mal machen, ehrlich!

    • Die sollten die Guillotine wieder aufstellen.

  3. Irrtum Fritz, die haben nicht genug Kohle Meine Quelle berichtet von erhöhten Kokain- und Nuttenpreisen (man will halt nicht mit kriminellen gesehen werden).
    Ohne das Geld aus der Betrugsmasche wäre die Pleite schon eingetreten.
    Und nein, mit Dateien kopieren hat das alles garnix zu tun.

  4. Nun gut. In Frankreich gehen sie vielleicht auf die Straße und in Deutschland redet man `drüber. Und dann doch auch lieber über überteuerte Nutten und den Koks der Anderen.
    Mein Gott! Wie kann man sie treffen, wenn einem deren Nutten und Koks zu teuer sind??
    Ich fang da mal klein an… Die Göbbelsschnauze und die Gehirnwaschmaschiene habe ich schon vor geraumer Weile abgeschafft. Sonntag wird mei Rechner endgültig entwindofiziert und wenn ich Musik hören will, bevorzuge ich sie life. Kino und anschließend essen gehen läßt eventuell auch einen Hauch von Kultur erahnen.
    Und wenn jetzt einer ätzt, das ich altmodisch bin, so soll er gewiss sein, das ich noch viel altmodischer bin.


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