Geschäftsmodelle der Informationsära: Nicht Scheisse sein

In der anhaltenden Phase des Übergangs von der Industrie- zur Informationszeit werden wir täglich mit den Klageliedern der ehemals Erfolgreichen konfrontiert. Lieder, die davon handeln, wie schwer es doch heutzutage ist, Leuten den immer selben massenproduzierten Mist anzudrehen. Eine Zeit lang ging das wohl ganz gut.

Heute hat die digitale Distribution erhebliche Teile des materiellen Vertriebszyklus abgelöst, und damit auch das Verfahren, die Abraumhalden der Konsumgüterindustrie einzeln und mit schwer glaubhaftem Profit umzusetzen. Statt dessen kann man sich den Film einfach so runterladen. Und anschauen. Und weiter gar nichts. Oder das Album. Oder das Spiel. Das Buch. Irgend so was.

Ist jetzt alles aus, was nichts mit Zahnpasta und Vollkornbrot zu tun hat? Nein. Manche Unternehmen kommen kaum nach mit Wachsen und Gedeihen. Wegen ihrer coolen, umsatzorientierten Businessstrategie? Nein. Lassen wir ein weiteres mal Gabe Newell, Chef von Valve Software zu Wort kommen. Er weiss nämlich wie’s geht. Im Interview mit dem Spieleentwicklerblog Gamasutra bekannte er, keine klare Strategie zu verfolgen, sondern vor allem Produkte zu entwickeln, die den Mitarbeitern Spass machen. Woa? Und die Marktanalyse? Gabe: „Wir machen sowas nicht.“ Und die Produktstrategie? Gabe: „Es gibt eine Menge Leute bei Valve, die an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten. Jeder soll das machen, was seiner Überzeugung nach zum besten Ergebnis führt.“ Überhaupt: „Verfrühte Vermarktung ist die Wurzel allen Übels“, sagt Gabe. Und: „Ich denke, nicht Scheisse zu sein („not sucking“) ist viel wichtiger als der Punkt davor.“ Das ist ganz schön post-kapitalistisch, liebe Valveheads. Und der Erfolg gibt euch recht.

Ja, aber, mag man einwerfen (wenn man da ganz besonders halsstarrig sein möchte), was ihr da sagt, funktioniert doch höchstens bei Spielen. Ja schon. Und bei allen anderen Medien. Also genau den Produkten, die nicht materiell, nicht mehr einzeln zu verpacken sind. Insofern ist Gabe Newell der Steve Jobs des 21sten Jahrhunderts. Ohne die schlimmen Charakterzüge. Nur was die Innovationsfreude betrifft, und die Zielsicherheit im Aufspüren der Dinge, die wirklich zählen: Dass man Leute hat, die das tun, was sie selber geil finden. Dass man Produkte entwickelt, die nicht Scheisse sind. Ich glaube, das ist der Weg, so funktioniert die digitale Wirtschaft im 21sten Jahrhundert (und später). rps, gamasutra

Ach, und da fällt mir ein, dass Spieleentwickler ArenaNet für das kommende MMORPG Guild Wars 2 PvP-Server vorsieht, die von Spielern selbst aufgestellt und mit eigenen Regelsätzen versehen werden. Das ist ungefähr so, als könnte man Film-DVDs mit mehreren alternativen Handlungssträngen und unterschiedlichen Schluss-Pointen erwerben, oder Musik-Alben, bei welchen man die Instrumente einzeln hören, oder Bücher zu denen man den Arbeitsplatz des Autors sehen kann, und seine Gedanken, die zum fertigen Produkt führen. Eben weil wir nicht mehr in der Industriezeit leben, und es nicht mehr ein einzelnes, fliessbandgeeignetes Endprodukt geben muss, verändert sich nicht nur die Distribution von Medien, sondern unsere ganze Medienkultur. Mehr, als wir uns das im Augenblick vorstellen können. rps

7 Kommentare

  1. Das Modell ist übrigens genau das, was auch Google macht. (Ok, bis darauf, dass sie immer mehr Scheisse werden.)
    Bei Google arbeitet auch jeder daran was er am tollsten findet. Und wenn andere das auch toll finden, arbeiten sie mit daran. Und so kommen die besten Projekte von selbst nach oben.
    Hat bisher ja auch ganz gut geklappt.
    Und dass Valve das macht, macht für mich klar, dass ich das auch verfolgen werde. Aber ohne die Copyrightlüge natürlich. (Nein, auch keine Copyleft-Lizenz wie GPL. Denn das ist immer noch eine Validierung der Existenz von Copyright und lebt immer noch in dieser wahnhaften Lügenwelt.)

  2. [ weil wir nicht mehr in der Industriezeit leben ]

    warum denn immer diese EXTREME???

    ich glaube kaum das du in zukunft mit digitalen autos, bahnen und flugzeugen irgendwohin fahren oder fliegen wirst können, oder in digitalen gebäuden ein und ausgehen wirst . . . etc.

    digitale wurst und digitales brot wird auch so gut wie nach gar nichts schmecken. genauso wie digitales bier. und die digitalen bananen erst!

    computer – die geradezu lebenswichtig sind für den ganzen digitalen firlefanz – stellen sich weder selber her, noch transportieren sie sich selbst noch verkaufen sie sich selber (fabrikhallen, gebäude, maschinen, schiffe, flugzeuge, bahnen, LKWs, PKWs usw usf). auch repariert sich nichts von selbst. weder bildschirm noch werkshalle.

    zu bedenken ist auch das mittlerweile der “peak level” erreicht ist bei der automatisation in der produktherstellung sowie dem vertrieb derselben.

    och sicher, man kann immer mehr roboter quasi noch und nöcher einsetzen, realitätsbedingt wird bald aber alleine schon deshalb alles zusammenbrechen (wenn es die finanzwirtschaft demnächst nicht im alleingang schaffen sollte) weil roboter keine produkte kaufen.

    und wenn erst mal alles platt ist, es dann auch keine energie aus der steckdose mehr gibt, ist auch “DAS INTERNET” platt und mit ihm die INFORMATIONSINDUSTRIE nach neuem strickmuster.

    mir ist bewusst das manches oben genannte unter den sammelbegriff “dienstleistung” fällt, wie man aber feststellen kann ist auch diese “dienstleistungswirtschaft” in der realität mittlerweile auch an ihre grenzen gestoßen.

    und solange es auf dieser welt fast 7 milliarden menschen mit bedürfnissen gibt die befriedigt werden wollen, solange wird es auch ein INDUSTRIEZEITALTER geben.

    und sollten die gierigen, arroganten und selbst-verliebten “oberen” 500 millionen (die fast alles kapital in händen halten) nicht bald auf einen gänzlich anderen trichter kommen wie man zB. die bedürfnisse von 7 milliarden menschen befriedigt, also dafür sorgt das jeder irgendwie ein einigermaßen auskömmliches und menschenwürdiges leben leben kann und darf, aber dieser planet trotzdem bewohnbar bleibt (sprich umweltbewusstes wirtschaften) . . .

    . . . na, dann wird das ganze – in einer nicht mehr allzu-fernen zukunft – sowieso in einem RIESIGEM BLUTBAD enden!

    INFORMATIONSZEITALTER hin . . . INDUSTRIEZEITALTER her . . .

    • Na was. Ich ess Kartoffeln, obwohl die Agrarzeit vorbei ist und benutze Dinge aus Stein, obwohl… abe r darum gehts nicht. Sondern darum, dass die Kraftwandlermaschine (Motor) nicht meghr Herz unserer Gesellschaft ist, sondern die Informationswandlermaschine. Ja?

  3. Also ich finde, die Veränderung ist das beste was der Menschheit seit langem passiert ist.
    Das wird einen Evolutionssprung auslösen, da habe ich keinen Zweifel.

    • Welche Veränderung genau? Und Sprung in welche Richtung?

  4. Servus! Wir sind zurück aus der Sommerpause und dieses Kleinod habe ich doch direkt getwittert und geliked und geteilt usw.

  5. Liebes Valve,

    bitte finde doch Half Life: Episode 3 nicht mehr Scheiße!

    Dein
    urlauber


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