Die Piratenpartei und das Gendermissverständnis

Nach dem Berlin-Coup der Piraten suchen die bürgerlichen Kräfte in unserem Land angesichts ihrer subjektiven Bedrohungslage natürlich nach Haaren in der Suppe. Hm. Schwierig. Das ist ja alles so positiv und werteorientiert, was diese Piraten so sagen. Aber zum Glück kann man sich auf die ansonsten gern vernachlässigte politische Korrektheit besinnen und auf das schreckliche Missverhältnis von 14 Typen und einer Frau in der aktuellen Berliner Piratenfraktion zeigen, und mit diesem Beispiel enthüllt man dann (schwupps) die latente Frauenfeindlichkeit der Piraten. Ahh, welche Wohltat für die gequälte Bürgerseele! Nun muss man erstens entgegenhalten „cum hoc ergo propter hoc“, also „ein Beispiel ist kein Beweis“, und zweitens, dass die ganze Diskussion auf falscher Grundlage geführt wird.

Ich bedanke mich an dieser Stelle für den Diskussionsbeitrag von Pirat(in) Müslikind (Klarname ist der Redaktion bekannt) mit dem Titel „Ich will aber!“. Ich empfehle dem Leser meines Beitrags, erst einmal Müslikinds Text zu lesen und dann hier weiter zu machen.

Mein Problem mit Müslikinds Standpunkt (der stellvertretend für den vieler Leute ist): Sie befürchtet, dass deswegen so wenige Frauen den Piraten beitreten, weil diese sich überwiegend mit Männerthemen und einer Männerkultur befassen, und zweitens überhaupt nur das Internet im Kopf haben. Das ist natürlich beides nicht richtig. Die Piraten sind vom Erstansatz her eine Bürgerrechtspartei, die besondere Betonung des Internet (und angrenzender Technologien) und die besondere Wahrnehmung dieser Betonung durch die Medien rührt daher, dass sich sämtliche Altparteien einen feuchten darum kümmern. Mal ganz einfach formuliert. Irgendjemand muss eben auf das digitale Postgeheimnis, nicht-rechtsstaatliche Datensammelwut und eine anhaltende Erosion unserer Rechte (Beispiel Immaterialgüter) achten.

Aus dieser öffentlichen Wahrnehmung (Klischee: die sitzen doch nur den ganzen Tag vor dem Computer) und der noch lange nicht verwirklichten Emanzipation in unserem Land resultiert das Bild einer von Männern geprägten Partei. Der Fehler? Computer sind gar nicht wirklich Männersache. Bürgerrechte auch nicht. Und auch nicht uneingeschränkt freie Bildung, Und das Recht auf wirtschaftliche Teilhabe. Das sind alles weder Männer- noch Frauenthemen, sondern Menschenthemen.

Was die Piraten also tatsächlich leisten müssen, ist nicht etwa mehr Tierschutz, Kinderpflege oder Pastellfarben ins Parteiprogramm zu integrieren. Das wäre nämlich eine Kapitulation vor einem sexistischen Weltbild, in dem Männer eben ölverschmiert und nach Bier riechend unter ihrem Computer liegen, um dort mit Muskelkraft die QuadCore-Hinterachsen-Aufhängung nachzuziehen, während sich Frauen um die Kinder kümmern und ansonsten gemeinsam bedauern, dass sie von den Männern nicht verstanden werden.

Statt dessen erkläre ich immer wieder weiblichen Mitbürgern, dass die Piraten solchen Genderquatsch erst gar nicht anfassen, sondern einen weiten Entfaltungsraum für alle progressiven Themen bereitstellen. Und dass sie bitte beitreten und/oder mitmachen sollen, was immer mehr meiner Bekannten/Freundinnen/Acquaintances auch tun. Weil sie ja verstehen, dass Nerds tatsächlich eine Post-Gender-Einstellung haben. Und damit sehr präzise unterscheiden, zwischen möglicher erotischer Spannung einerseits und allem anderen andererseits. Im Bereich „alles andere“ nämlich gibt es so gut wie keine Unterschiede zwischen Männern, Frauen oder sonstwie orientierten. Einfacher: Vor dem Computer sind alle gleich. Vor dem Bürgerrecht auch, vor der Bildung, vor der sozialen Frage.

Meine Antwort auf Müslikinds anerkennenswerten Diskussionsbeitrag ist: Nein, wir Piraten müssen nicht Themen finden, die alle Bevölkerungsteile und -milieus einbinden, sondern weiter die progressive Kraft bleiben. Dass uns eben deswegen Genderverbrechen (als ebenfalls virtuelle Fortsetzung des Raubvölkermordkopierertums) vorgeworfen worden, ist nicht etwa schrecklich, sondern liegt in der Natur der Sache. Wenn uns Leute, die eine Emanzipation nicht aktiv verwirklicht haben, sondern statt dessen Quoten einführen, Frauenfeindlichkeit vorwerfen, sollten wir uns geschmeichelt fühlen. Weil wir dann wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Müslikind schreibt sehr schön von einem Biotop der Piraten, und von einer noch zu findenden Biotop-Exit-Strategie. Nein: Das Biotop der Piraten ist die Zukunft. Und eine Exit-Strategie dafür brauchen wir nicht. Im Gegenteil.

Pic Christian Handle cc by sa

30 Kommentare

  1. Amen! Das unterschreibe ich so! Vielen Dank für diesen Beitrag zum Nusskuchen-Gender-Wahn! :-)

  2. Dir fehlt eindeutig der Flattr-Button.

  3. “…vor der sozialen Frage…”

    -Kinderbetreuung?
    -Niedrigere Löhne?

  4. Wundervolle Formulierung! Stelle mir das grade bildlich vor.
    “… in dem Männer eben ölverschmiert und nach Bier riechend unter ihrem Computer liegen, um dort mit Muskelkraft die QuadCore-Hinterachsen-Aufhängung nachzuziehen…”

  5. Mich beschleicht das Gefühl, der werte Schreiber hat den Artikel auf welchen er sich bezieht nicht ganz verstanden…
    Am folgernden Satz wird es deutlich: “Mein Problem mit Müslikinds Standpunkt (der stellvertretend für den vieler Leute ist): Sie befürchtet, dass deswegen so wenige Frauen den Piraten beitreten, weil diese sich überwiegend mit Männerthemen und einer Männerkultur befassen, und zweitens überhaupt nur das Internet im Kopf haben.”
    Müslikinds Standpunk ist nicht ganz so banal wie er hier verstanden wurde.
    Soll doch gerne “Das Biotop der Piraten [...] die Zukunft” sein, trotzdem sind gegenwärtige Verhältnisse zu beachten um die Zukunft zu verändern.

  6. Will „Müslikind“ sagen, dass das Internet eine Männersache ist?
    Da müsste ich aber lachen, denn so wie ich das erlebt hab, ist das Internet primär ein Kommunikationsmedium. Und Kommunikation ist mehr eine Frauensache als Männersache. In Sachen sich kennenlernen hat das Internet Frauen einen klaren taktischen Vorteil gebracht, dass man viel reden kann, ohne sich überhaupt zu sehen. Was es für Männer eher schwierig macht, da sie dabei unnatürlich wenig von der Frau zu sehen bekommen, und daher leicht in eine Falle tappen können oder schlichtweg keine Motivation aufbringen können. Während Frauen den Mann nach belieben auf Fehler abklopfen können, bevor sie was von sich zeigen.

    • “Kommunikation ist Frauensache”? So ein Bullshit.

      • Das war mal. In der Vor-Piraten-Ära.

  7. Fritz, ich bin stolz drauf deinen Blog zu lesen. Das hast du sehr sehr gut ausgedrückt! Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen.
    Ich hab noch eine schöne Analogie: Wir sind für Sexismus, was die Kids von South Park für Rassismus sind:
    http://www.southpark.de/alleEpisoden/408/?lang=en
    (Ab 18:14.)

  8. Super Beitrag! Danke!

  9. Danke! Genau das kann man an den Piraten schätzen!

  10. Bitte erklär mir, wo genau ich schreibe, dass wir andere Themen brauchen! Mir geht es darum, dass wir unsere Themen, die alle betreffen, so vermitteln, dass auch alle merken, dass sie sie betreffen! Weil ich davon ausgehe, dass die Menschen, die von unseren Forderungen betroffen sind auch die Möglichkeit haben sollten, sich zu beteiligen. Unterschiedliche Menschen bereichern unsere Perspektiven. Es ist vermessen, anzunehmen, dass eine so homogene Gruppe die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Ich sehe den Widerspruch zu deiner Position nicht. Oder willst du etwa bestimmte Menschen an der Mitarbeit hindern? Bin etwas verärgert, dass du mir vorwirfst, etwas nicht richtig verstanden zu haben (schon in der Überschrift), obwohl du offenbar meinen Beitrag nicht richtig gelesen hast.

    Lies dazu auch den Text von Arte Povera: http://www.wider-die-windmuehlen.de/2011/09/genderdebatte-zum-x-ten-oder-3-arten-von-chancengleichheit-und-auch-keine-losung/.

    Und zu deinem Vorwurf, es würde nichts vorwärts gehen: Mein Beitrag war der erste von mindestens drei. Ich möchte eine Diskussion anstoßen und dann auch etwas tun. Als erste Idee hat sich schon ergeben, dass wir einen Flyer “Piratenpartei für Nicht-Nerds” machen wollen. Da ich aber auch ein RL und einen Beruf habe, kann ich nicht jeden Tag weitermachen.

    • Ja, nee. Irgendwie nicht. Du schreibst auf deinem Blog explizit von der angeblichen Genderproblematik (Frauenmangel) der Piraten. Und nicht etwa nur davon, dass die Piraten vorhandene Inhalte besser kommunizieren müssten (Was ich nur zum Teil mittrage). Ich mache dir auch keinen Vorwurf (schon gar nicht in der Überschrift, die bezieht sich auf den Mainstream), sondern der Gesamtdebatte und allen Teilnehmern. Ich denke andererseits, dass ich deinen Beitrag sehr wohl richtig gelesen (und verstanden) habe, aber wohl nicht so, wie das deine Absicht war. Ich denke, wir brauchen keinen Flyer „Piratenpartei für Nicht-Nerds“: Bei Aktionen wie Volksbegehren-Unterschriften und Kinderliederbücherverteilen erlebe ich ständig, dass “Nicht-Nerds” sehr wohl was mit Piratenthemen anfangen können, wenn diese in ihren Lebensbereich kommen. Tatsächlich glaube ich, dass wir gar nicht mal so weit entfernte Standpunkte haben, wir kommunizieren es nur völlig unterschiedlch. Konkret: Hast du ein Zwischenergebnis unserer bisherigen Diskussion? Was, denkst du, sollten wir (das gesellschaftliche Piratenmilieu) als nächstes tun?

      • Ich probiere nochmal auf den Punkt zu bringen: Es gibt viele Piratenanhänger, die es nur noch nicht wissen. Ich glaube, da sind wir uns einig. Solche Aktionen wie die von dir genannten sind wichtig und richtig. Aber ich bin der Meinung, dass wir noch mehr tun müssen, um die Partei für Leute zu öffnen, die auch hinter unsere Zielen stehen, aber eben nicht unsere Kommunikationsmittel nutzen oder sich durch unseren “Habitus” abgeschreckt fühlen. Werde mich deshalb um den Flyer kümmern, es haben auch schon mehrere Leute Interesse bekundet. Zum sonstigen weiteren Vorgehen von meiner Seite: Ich werde als nächstes darüber bloggen, welche Zugangsbarrireren es gibt. Es wird viel darüber spekuliert und ich möchte das mal zusammentragen. Ich nehme an, dass daraus weitere Ideen entstehen, was man dagegen tun kann. Das wird dann der folgende Blogeintrag. Parallel gibt es ja auch andere Leute, die diskutieren arbeiten, z.B. den Kegelklub.

        • …was aber letztlich nichts mit dem Genderthema zu tun hat, sondern ein grundlegendes Problem ist.

          Das fängt schon bei so Kleinigkeiten wie dem (teilweise) martialischen Auftreten in schwarzen Tshirts an. Ich greife hier exemplarisch ‘raus aber denke wir bräuchten etwas wie ein “how to be a nice pirate”.

  11. Schon über den Begriff der Bürgerrechte kann aus feministischer Sicht lange diskutiert werden. Was damit gemeint ist, sind Freiheitsrechte – Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit ect. Das ist alles wichtig. Klassischerweise war im 19. Jahrhunder der Bürger männlich, und die Ideologie war, dass es nur Leistung und die richtige Wirtschaftsordnung braucht, damit jeder Mann zum Bürger werden kann. Das Problem der Piraten ist, dass Ihr das immer noch denkt. Freiheit braucht aber Rahmenbedingungen. Ihr müsst Euch Gedanken machen über Freiheitsrechte und Gleichheitsrechte.

    • Ich kann dir hier nicht zustimmen, Maria. Die Piraten sind keine wirtschaftsliberale Partei, sondern eine der Bürgerrechte. Gleichheit ist hier ein unveräusserlicher Grundsatz, und “Bürger” ist wie “Pirat” geschlechtsfrei. Für Piraten. Sagmal: Kennst du viele Piraten? Sind die so 19-t-jahrhundertlich, oder nur unsicher? Für mich und die Piraten in meinem direkten Umkreis ist Gleichstellung jedenfalls eine Selbverständlichkeit, die nicht weiter diskutiert werden muss. Und die jederzeit eingefordert werden kann.

      • Maria hat völlig recht. Ihr Piraten kapiert es nur einfach nicht. Der Unsinn, den du auf ihren Beitrag geantwortet hast, illustriert sehr schön, wie wenig Ahnung ihr habt.
        Mein Vorschlag: lest mal ein paar von diesen … wie heißen die gleich noch …. achja, Bücher! Wenn ihr bloß im Internet rumklickt und blödes sexistisches Zeug verzapft, kommt eure Partei nämlich nie über die paar Prozent hinaus. Oder WOLLT ihr das bleiben: eine kleine Meckerpartei, die hin und wieder mal Schlagzeilen macht, aber für den Großteil der Bevölkerung nicht existiert.
        Und bevor du fragst: ich bin männlich, bisher zwar Piratenwähler, aber kein Mitglied. Wenn’s so weitergeht wie bisher, wähle ich euch auch bald nicht mehr. Und nicht nur wegen eurer doofen Beiträge bzgl. Frauendiskriminierung. Ich sage nur NPD – klingelt’s?

        • Ich bin ja ein grosser Freund von unterhaltsamen Pauschalvorverurteilungen, aber inhaltlich sehe ich in deinem Beitrag keinen Gewinn für die Diskussion. Ausser, dass du Gedrucktem grundsätzlich mehr glaubst als elektronisch Dargestelltem, was ein eigenwilliger Standpunkt ist. Ich vermute mal, dass du einer dieser Hardcore-Grünen-Wähler bist, die zur Zeit mit unnötigen Beissreflexen auf den Erfolg der Piraten (laut Forsa jetzt bei 10%) reagieren. Whatever.

  12. “Statt dessen erkläre ich immer wieder weiblichen Mitbürgern, dass die Piraten solchen Genderquatsch erst gar nicht anfassen, sondern einen weiten Entfaltungsraum für alle progressiven Themen bereitstellen.”

    Der Entfaltungsraum für alle progressiven Ideen zu populären Themen ist gerade bei den Piraten sehr begrenzt, Streichholzschachtel groß. Entfalten wird eine Frau (oder wer auch immer) sich dort nur können, wenn man im reaktionären Fahrwasser der Restpartei mitschwimmt. Dabei ist es eben nicht nur so, dass man für die progressiven Ideen angegriffen wird, sondern als Frau auch noch sexistisch beleidigt werden muß, sollte eine den groben Fehler begehen, die Piraten mit progressiven Ideen zu handelsüblichen Themen zu überfallen.

    • Marina Weisband: “Ich bin in der Piratenpartei nie Sexismus begegnet.”
      http://www.marinaslied.de/?p=675

      • Über die Politik der Piraten zu reden ist nicht so dein Ding?

        Marinas auch nicht….

        • Das war jetzt ne billige Replik. Ich rede viel über die Politik der Piraten, und Marina fast pausenlos. Das selbe gilt für Feminismus.

          • Marina nennt sich “Politiker” und rennt im kurzen Kleidchen zu Markus Lanz und Harald Schmidt, um sich darüber zu beklagen, dass sich niemand für ihre Politik interessiert, aber für ihr Aussehen. Nun ja. Zu politischen Fragen kommen da nur Blubberblasen und Phrasen, in denen nicht fehlen darf, wie ungeheuer progressiv das alles ist. Was auch immer. Der Hintergrund aber, vor dem selbst die Politik der Piraten progressiv wirkt, muß schon sehr sehr reaktionär und rückständig sein und das isser ja dann meist auch. Das gilt dann auch für Marina, die es unheimlich emanzipiert und progressiv findet, als Frau überhaupt Politik zu machen und irgendein Amt zu bekleiden. ABER: Viele Frauen machen Politik, aber wenige bei den Piraten. Der geringe Frauenanteil bei den Piraten hat einen ganz simpel erklärten Grund: Es ist die Politik der Piraten. Ein sehr reaktionäres Erklärungsschema für das Problem des Desinteresses an den Piraten (das nicht nur Frauen betrifft, sondern progressive Kräfte im Allgeimen), das aber auch Marina gern bedient: Frauen mögen eben keine Politik. Nun seid ihr aber eine Partei, oder wollt das zumindest sein, und Frauen, die nicht – wie Marina – sich als ‘Politiker’ verstehen, sondern als “Politikerin” und die tatsächlich progressive Ideen vertreten, also nicht nur progressiv vor dem politischen Hintergrund der Piraten, sondern radikal und egalitär sind und sozialen Fortschritt bedeuten würden, haben es bei den Piraten schwerer als irgendwo sonst. Bei den Piraten muß eine Frau nämlich erst gegen die Post-Gender-Ideologie um ihre Anerkennung als Frau streiten, um eine Ausgangsbasis zu finden, progressive, egalitäre Ideen gegen die ProMann-Politik der Piraten durchzusetzen. Die Postgenderideologie, wie auch die “Ich bin Politiker”-Haltung von Marina, sind hervorragend dazu geeignet, die Wirklichkeit auszublenden, in der es eben für Männer und Frauen unterschiedliche soziale, gesetzliche und politische Rahmenbedingungen zu analysieren und verändern gibt. “Postgender” bewirkt hier nur, was Marinas Statements veranschaulichen: Wir sind alle Männer. Auch die Frauen.

  13. @Feminenz: Erstmal find ichs gut, dass du dich ausführlich äusserst, und nicht nur Texte in Phrasenlänge. Allerdings finde ich, dass du das Prinzip Post-Gender nicht verstehst. Weil du es an den Denkmustern der (reaktionären) Gesamtgesellschaft misst. Du sagst: “Wir sind alle Männer. Auch die Frauen.” Ich sage: “Wir sind alle Nerds. Auch die Frauen. Und die Männer.” Du wirfst den Piraten mangelnde Progressivität vor und ignorierst, dass in dieser Kultur (Nerds/Piraten) auch Menschen in kurzen Kleidchen in erster Linie als Menschen betrachtet werden. Um Feministin zu sein, muss man nicht wie ne Kampflesbe aussehen (darf man aber, freies Land und so). Du und ich, wir sind uns einig, dass Gleichstellung in unserer Gesellschaft noch lange nicht erreicht ist. Nur über die Wahl der Mittel sind wir uneins: Aber Quoten und Binnen-I haben in mehreren Dekaden nichts erreicht, also lass es uns mit dem Post-Gender-Ansatz versuchen.

    • Ich verstehe das Prinzip “Postgender”, aber die politischen Forderungen der Piraten und deren Praxis passen nicht dazu. Vor dem Hintergrund reaktionärer Politik, führt “postgender” nur zu weiteren sozialen Verwerfungen. Politik ist aber bitte mehr als Begriffspiraterie.

      Was Antidiskriminierungsmaßnahmen wie eine Frauenquote und das Binnen-I angeht, so sind diese beiden Forderungen bei der Piratenpartei verfehlt. Wohl darum werden sie nur selten erhoben. (Was aber gerade die männlichen Piraten nicht abhält, vollkommen grundlos auch gesamtgesellschaftlich dagegen zu wettern.) Denn zum einen gibt es keine auf das weibliche Geschlecht bezogenen Zugangsbeschränkungen bei den Piraten, die es damit zu überwinden gilt und zum anderen wäre eine geschlechtergerechte Sprache von Nöten und eben nicht nur die sprachtheoretische Angleichung eines tatsächlich verschwindend geringen Frauenanteils. Der Frauenmangel bei den Piraten läßt sich aber mit der sprachlichen Integration der Frauen sowie auch eine Frauenquote auch nicht beheben. Zudem nützt das auch nichts, wenn sich selbst die politische Geschäftsführerin als “Geschäftsführer” bezeichnet. Das Binnen-I findet außerdem in der Berichterstattung über die Piratenpartei bereits Verwendung. Zugang zur Partei haben aber alle Frauen und selbst zur Parteispitze braucht es nur ein bisschen Lippenstift, Jugendlichkeit, ein reaktionäres Weltbild, etwas politentleertes Phrasensprech und knappe Kleidchen. Ich rede hier aber über die reaktionäre, neoliberale Politik der Piratenpartei und nicht über den geringen Frauenanteil, wobei die reaktionäre Politik eben zum Anspruch “postgender” sein zu wollen, absolut nicht paßt. Gegen diesen Widerspruch zwischen Anspruch der Piratenpartei und reaktionärer Wirklichkeit im Programm der Piratenpartei sollte dringend etwas unternommen werden. Ich schlage dabei weder das Binnen-I noch die Frauenquote vor und bitte um Kenntnisnahme dieses Umstandes. Ich fordere vielmehr eine progressive und egalitäre Politik, damit Anspruch und Programm miteinander harmonieren, wie zBsp. ein Recht auf anonyme Geburten als politische Forderung (Ausdrucks des Rechts auf Anonymität, aber dies eben nicht nur im Internet, sondern auch als Bürgerrecht für Frauen), selbstbestimmte Elternschaft (Abschaffung aller Zwangsmaßnahmen zur Bestimmung elterlicher Verantwortung, wie zBsp. Abstammungs- und Bluttests-> Gleichstellung homosexueller und heterosexueller Paare, absolute Gleichstellung unehelicher, leiblicher und angenommener Kinder; Gleichstellung lediger und verheirateter Väter sowie mit Müttern), echte Basisdemokratie in Struktur und Logik(und nicht nur das, was Piraten dafür halten), etc.

      • Schön, dann haben wir ja mal ein paar sachliche Punkte, an welchen wir unterschiedlicher Ansicht sein können. Für mich sind weder Frauenquote noch Binnen-I echte “Antidiskriminierungsmaßnahmen”, sondern nur Hilfsmittel, die aber nur Symptome und nicht Ursachen behandeln. Der “Frauenmangel bei den Piraten” spiegelt einen gesamtgesellschaftlichen Zustand wieder, keinen parteispezifischen. Dein Vorwurf “selbst zur Parteispitze braucht es nur ein bisschen Lippenstift, Jugendlichkeit, ein reaktionäres Weltbild, etwas politentleertes Phrasensprech und knappe Kleidchen” ist sexistisch. Ich war auf dem BPT in Heidenheim dabei, als Marina gewählt wurde, wegen ihrer inhaltlich herhorragenden Rede. Was du an der Piratenpartei “reaktionär” findest, hast du bislang nicht begründet. Deine eher erfreulich utolpischen politischen Forderungen zum edne deines letzten Kommentars kannst du gerne in der Partei deiner Wahl zur Diskussion stellen. Aber langsam überlege ich, ob ich dich nicht doch in die Fundamentalistenschublade tun soll.

        • Frauenmangel ist kein “gesamtgesellschaftlicher Zustand”, er ist ein sichtbares Problem der Piratenpartei. In Deutschland leben derweil mehr Frauen als Männer. Über den “Frauenanteil der Mitglieder der im Bundestag vertretenen Parteien 2002 und 2004 (in %)” läßt sich hier etwas finden:

          http://www.bmfsfj.de/Publikationen/genderreport/6-Politische-partizipation-und-buergerschaftliches-engagement/6-4-Frauen-und-maenner-in-der-institutionalisierten-interessenvertretung/6-4-2-parteimitgliedschaften-und-parteiaemter.html

          Über den Frauenanteil in der PP läßt sich überhaupt nichts Genaues sagen, weil das Geschlecht nicht erfaßt wird. Vermutet werden max. 10 %. Da ich aber den Frauenmangel in der Piratenpartei als Effekt der reaktionären Politik der Piratenpartei beschreibe und ansonsten für unerheblich halte und auch überhaupt nicht beheben will, sondern mir das vollkommen schnuppe ist, wie viele Frauen bei den Piraten derart kritikwürdige Politik machen (je weniger, desto besser), ist eine Erklärung der reaktionären Politik fällig:

          Reaktionär (und sexistisch) ist es, zBsp. konterfaktisch einen “gesamtgesellschaftlichen Frauenmangel” zu behaupten oder den Frauen “Desinteresse für Politik und IT” zu unterstellen (Marina Weisband), was dann dazu führen soll, dass Frauen die Politik der Piratenpartei ablehnen und auch nur selten eine Mitgliedschaft wünschen. Es werden also Gründe gesucht und publiziert, die in der “Natur der Frau” oder in deren Sozialisation (moderne Version) zu finden sein sollen, um die Ablehnung durch Frauen als politische Meinungsäußerung zu entkräften. Frauen werden als politisch denkende Wesen zu Opfern ihrer Sozialisation erklärt.

          Ich sage hier klipp und klar: Es ist schlicht und ergreifend die reaktionäre Politik der Piratenpartei, einschließlich der sexistischen Grundhaltung, die Frauen davon abhält, Piraten zu wählen oder die Parteimitgliedschaft zu wählen. Erschreckend finde ich aber vorallem, dass soviele und vorallem junge Männer so bereitwillig auf diese Stumpfsinn anspringen. Ist das ein erneuter Beweis für die “Bildungsmisere der Jungen”?

          • Alles klar: Hier ist die Diskussion zu einem sichtbaren Ergebnis gekommen. Du begründest nichts, sondern wiederholst Vorurteile. Dann noch viel Spass dabei und tschüs.

  14. Da dachte ich, mit den Piraten eine progressive Partei gewählt zu haben, aber schon treibt auch dort die Genderista ihr Unwesen.
    Politik bedarf keiner geschlechtsspezifischen Unterscheidungen, es geht um Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Bedürfnissen.
    Hört doch endlich auf, den Fortschritt mit albernen Spitzfindigkeiten zu behindern, Mädelz!
    Gruß
    G.O.


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