Was passiert da grade auf YouTube, dem wichtigsten globalen TV-Sender unserer Tage? An guten Tagen kann ich mich zu einem müden Lächeln durchringen, wenn ich den Vorwurf “ihr wollt doch nur alles umsonst” höre. An normalen Tagen ist mir der Pauschalvorwurf nicht nur gegen aktiven Piraten, sondern gegen alle Bürger und Konsumenten einfach egal. Wegen seiner epischen Haltlosigkeit.
Wir sehen in den letzten Wochen, Monaten, Jahren dabei zu, wie die Volksvertretungsorgane in Exekutive, Legislative und Judikative (ja, in der Publikative auch) massive Anstrengungen unternehmen, das “Recht der Urheber auf kommerzielle Verwertung ihrer geistigen Leistung” gegen das Volk und dessen Wunsch nach Teilhabe an Wissen und Kultur zu “beschützen”. Gesetze werden verschärft, Firmen und Privatpersonen auf astronomische Schadenersatzsummen verklagt, Polizeibehörden arbeiten rund um die Uhr. Zugunsten einer, wenn man nachrechnet, sehr, sehr kleinen Industriebranche.
Auf YouTube und in darauf verweisenden unabhängigen Medien formiert sich derzeit eine Widerstandsbewegung gegen die selbsternannte Urheberrechtslobby. Überraschend für viele besteht dieser Widerstand nicht aus Nutzern, sondern aus Urhebern. Was passiert da? Immer mehr Uploader, Musiker, Urheberrechtsinhaber beschweren sich bei der welt-beliebtesten Videoplattform, YouTube, und weil das nichts bringt, anschliessend in der freien Online-Publikative, dass ihre eigenen Videos, mit ihren eigenen geistigen Leistungen darin, durch einen der Mediengiganten wie Warner, EMI, Sony oder Universal (es gibt noch ein paar Giganten ausserhalb der eigentlichen Musikszene) beansprucht und gesperrt wurden.
Der Vorgang in einfachen Worten: Du machst einen Song (oder eine Häkelanleitung mit eigener Musik, oder ganz ohne Hintergrundsound), nimmst ein Video auf und stellst es in deinem eigenen Account hoch. Wenige Tage später ist das Video wegen des Urheberrechtsanspruchs eines grossen Labels gesperrt, und die Funktion, irrtümlich gesperrte Videos wieder zurückzufordern, ist aus deinen Accounteinstellungen verschwunden. Was kannst du tun? Du kannst dir einen us-amerikanischen Anwalt nehmen und den Mediengiganten vor einem us-amerikanischen Gericht nach den Regeln des Digital Millennium Copyright Act (DMCA) verklagen. Viel Glück dabei.
Oder du weichst auf Vimeo oder eine andere Videoplattform aus und akzeptierst, dass die Centbeträge aus deinen Anteilen an der Werbung, die Youtube zum Video deines Songs (deiner Häkelanleitung) ausschüttet, in Zukunft an die Majorlabels gehen. Die sich ein ansehnliches Zusatzeinkommen verschaffen, indem sie die geistige Leistung von Tausenden juristisch Wehrloser plündern.
Ich habe in zurückliegenden Beiträgen hier im 11k2-Blog, auf der Telepolis, auf Techfieber und anderswo immer wieder darauf hingewiesen, dass die sogenannte “Contentindustrie”, die aber in Wirklichkeit keinen Inhalt produziert oder verkauft, sondern Rechte beansprucht und ausbeutet, zunehmend erfolgreich damit beschäftigt ist, die kommerzielle Verwertung von Kultur und Wissen an sich zu reissen. Nicht nur von einzelnen Werken, sondern von allen Werken, die sie unter fadenscheinigsten Begründungen überhaupt beanspruchen können.
Wir (das Volk) haben zugelassen, dass Urheberrechtsgesetze weltweit massiv verschärft wurden; jetzt sehen wir dabei zu, wie diese Gesetze gegen uns alle verwendet werden. Die meisten von uns sehen schweigend dabei zu, weil uns allen ja beigebracht wurde, dass wir “sowieso nichts tun können”, weil “die da oben sowieso machen, was sie wollen”. Ich werde nicht schweigen.
8 Kommentare
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Warte mal… hast du grad offen Filesharer als „Piraten“ bezeichnet? Oder meintest du unsere Partei?
Ich hoffe du meintest zweiteres. Ansonsten bist du nämlich selbst dein größter Feind. :/
Lol, als ob die ganze „Informationsbesitz“-Lüge irgendwas mit Urhebern zu tun hätte. Oder gar mit „beschützen“…
Die Deppen können ja nicht mal Leistung von Arbeit unterscheiden. Geschweige denn Dienstleistung von Produktion oder gar Information von Materie.
Das passiert, wenn man 1. es möglich macht, jemanden auf bloße Behauptung hin zu schädigen (Auch bekannt als „Bestrafen das wir uns schönreden konnten“), und dann 2. auch noch dem organisierten Verbrechen die Zügel überlässt
Ich hab ja immer gesagt: Die Medienmafia ist es, die genau das tut, für was sie uns verdammt.
Fairerweise, und nicht nur um kein Heuchler zu sein, muss man aber sagen: Da niemand ein Recht auf Geld für irgend eine Information besitzt, die zufällig das Ergebnis seiner geistigen Arbeit ist, und vom Urheber schon an die Welt weitergegeben wurde – womit er jegliche Kontrolle und damit auch jegliches Recht auf Forderungen verloren hat – ist es nicht so, dass den Künstlern dadurch irgendein Schaden entstünde. Was wir ja auch nicht umsonst dauernd sagen.
Es ist mehr so, dass die daraus Geld schlagen, wenn niemand das Recht hat.
OK, Geld schlagen sie auch nur draus, wenn wir da mitspielen. Vergesst das nie.
Nee, ich dachte am Anfang auch, dass uns das beigebracht wurde. Nach vielen vielen anstrengenden Gesprächen musste ich jedoch feststellen, dass es nur eine Ausrede ist. Denn das Leben fühlt sich nicht soo schlimm an, und man sitzt lieber auf seinem faulen Arsch, und tut nix, so lange es nicht eine bestimmte Grenze an Schmerz pro Tag überschreitet.
Ich nenne es den „Frosch-im-Kochtopf-Effekt“. Wenn man die Hitze langsam genug hochdreht, denkt er garnicht dran, zu springen. Und wenn der Partner die physischen/psychischen Schläge über genug Zeit verteilt, läuft der andere Partner auch nicht weg, selbst wenn der Langzeitschaden das Tausendfache des Kurzzeitschadens ist, den es kostet das zu stoppen.
“management” = sagt doch schon alles aus, oder?
[ Eingeheizt
In der Managementliteratur grassiert eine Geschichte, die den Verlust von Lernfähigkeit von Organismen demonstrieren soll. Wenn man einen Frosch in kochendes Wasser wirft, dann tut er alles, um dem Inferno zu entkommen. Setzt man ihn aber in lauwarmes Wasser und erhöht langsam die Temperatur, dann kocht er bei lebendigem Leibe, ohne dass er Anstrengungen macht, sein Wärmegefängnis zu verlassen. Stimmt das? Eckart Menzler-Trott, Freising
Die Geschichte kursiert nicht nur bei Managementseminaren, auch Greenpeace hat mit dem gekochten Frosch bereits geworben. Vielleicht hätten die Naturschützer sich besser erst einmal bei einem Biologen kundig gemacht.
Ich habe nach längerem Suchen tatsächlich einen Zoologen gefunden, der schon einmal im Dienst der Wissenschaft Frösche erhitzt hat: Victor Hutchinson von der amerikanischen University of Oklahoma. Die Amphibien wurden in einen Topf mit Wasser gesetzt, dessen Temperatur pro Minute um ein Grad erhöht wurde. "Wenn die Temperatur steigt, wird der Frosch immer aktiver bei dem Versuch, dem erhitzten Wasser zu entkommen", schreibt Hutchinson. Irgendwann zeigt das Tier dann Zeichen von Hitzestress, und es kommt zu muskulären Spasmen. Diesen Punkt, der schon bei einer Temperatur von unter 40 Grad erreicht werden kann, nennt man auch das "kritische thermale Maximum" - wird das Wasser noch wärmer, dann kommt es zur Hitzestarre und zum Tod.
Für Organisationen und Völker mag also gelten, dass sie eine kontinuierliche Verschlechterung ihrer Situation hinnehmen, ohne mit der Wimper zu zucken - bei Tieren lassen sich die Sensoren nicht so leicht täuschen.
Christoph Drösser ]
P.S.: Ich hab das Gefühl ich muss mal erwähnen, dass meine Kommentare nicht heissen dass ich das was du sagst insgesamt nicht gut finde. Meine Bewertung (hier 5 Sterne) sagt das besser aus. Die Kommentare sind nur die kleinen Differenzen zur Perfektion, die einen zum Menschen machen. Sollte ich jemals keine Fehler mehr finden, dann solltest du dir sorgen machen. Weil du dann entweder zu einem perfekten Gottwesen aufgestiegen bist, oder von uns gegangen bist, ohne es zu merken. ;)
Impliziert ja, du würdest diese Differenz ausmachen, was ein ziemlich hoher Anspruch an dich selbst ist. Zum Thema, so leidig es auch ist, am Ende bleibt nur die Kapitalismus-Kritik, gepaart mit Fragen, die nicht neu sind.