Free Alba und das Ende des Nationalstaats

In zwei Jahren will die amtierende schottische Regionalregierung eine Volksabstimmung abhalten, in der es um nicht weniger geht als die nationale Unabhängigkeit Schottlands nach langen Jahrhunderten der Besetzung durch die Engländer. Spielt sowas heute noch eine Rolle? Offenbar ja, weil die Scottish National Party seit letztem Jahr eine Mehrheitsregierung in Edinburgh bildet. Was kann 2014 passieren?

Die schottische Bevölkerung kann mehrheitlich für die Unabhängigkeit stimmen, so dass die EU um ein Mitgliedsland reicher und das Vereinigte Königreich Ihrer Majestät Elisabeth der Zweiten um ein bedeutendes Stück kleiner wäre – bis hin zum Verlust des Supermacht-Status und Sitzes im UN-Sicherheitsrat. Zunächst ist das alles (ausserhalb von Schottland zumindest) noch Polittheater. Bis der Domino-Effekt ins Spiel kommt.

Was ist mit Nordirland, Wales, Cornwall? Wollen diese Regionen ebenfalls über eine Unabhängigkeit abstimmen? Und was ist mit den vielen separatistischen Bewegungen im kontinentalen Europa? Alba ist der schottische (gälische, keltische) Name für ein ehemals freies Land, und womöglich Symbol für den Niedergang des Nationalstaats. Letzterer wurde in Europa vor allem durch Napoleon Bonaparte so beliebt, der mit der Vaterlandsidee grosse Zahlen von Bürgern zum Eintritt in die Armee motivieren konnte. Und damit auch den totalen Krieg der Volksarmeen ermöglichte, die in den folgenden 150 Jahren unseren Kontinent auch prompt in einem Umfang verwüsteten, der für monarchische oder feudale Söldnertruppen nicht vorstellbar gewesen wären. Ein freies Alba könnte der Beginn einer Separationswelle werden.

Kandidaten gibt es genug: Die beiden ungleichen Hälften Belgiens, das ost-tschechische Moravia (Mähren), die noch dänischen Färöer Inseln, in Frankreich die Bretagne, Korsika, Occitanien (Süd-Frankreich), Savoyen (Südwestfrankreich, oder Südburgund), die Basken auf beiden Seiten der spanisch-französischen Grenze, in Spanien alle Randregionen, in Italien über ein Dutzend lokale Unabhängigkeitsbewegungen, die samische Bevölkerung in Norwegen, Schweden und Finnland, selbst in Deutschland soll es immer wieder die Idee einer alemannischen Separation mit Anschluss der schwäbischen Teile an die Schweiz geben.

Zentralregierungen auf dem ganzen Kontinent fürchten jetzt einen Zerfall ihrer Macht, Spanien hat bei der EU offen gegen die Unabhängigkeit Schottlands opponiert, aber ich halte diese Entwicklung für begrüssenswert. Wenn die grossen Nationalstaaten zerfallen, wird die Bindung der Regionen an die Europäische Union um so stärker und die Interessenvertretung ethnischer Gruppen wird einfacher. Grundsätzlich halte ich das Konzept eines Nationalstaats für so bedenklich (und gefährlich), dass ich demokratisch und gewaltfrei durchgeführten Separatismus durchaus als ein politisches Zukunftsmodell sehe.

pic Brian Yap cc by nc

5 Kommentare

  1. Dieser „wir müssen alle eine einzige riesige global Gruppe werden“-Druck den man oft zu hören bekommt, finde ich sowieso krankhaft. Wie wenn man alle Menschen in ein Muster und ein Regelwerk pressen könnte… Das Konzept erwartet von allen maximale Toleranz, ist aber selber den Menschen und ihren Eigenheiten gegenüber komplett intolerant.

    Tatsache ist, dass absolut niemand das Recht hat, jemand anderem vorzuschreiben, mit wem und mit welchen Idealen er sich gruppieren will, und mit wem nicht. Wir können die Ideale anderer Scheisse finden (wie z.B. Nationalismus). Aber wir haben kein Recht, jemandem diese zu verbieten. Sowieso ist „verbieten“ nur ein anderes Wort für eine Gewaltherrschaft und Diktatur; würde uns also zu genau dem machen, was wir doch anscheinend verabscheuen.*

    Wir Menschen sind überhaupt nicht für Gruppierungen über grob 100 Leute gemacht. Weil wir keine in-Reih-und-Glied-geschaltete Einheitskultur sind. Wir sind verschieden. Und das ist gut so! Und schön!

    Wenn die Schotten mehrheitlich anders drauf sind als die Engländer, und die beiden Gruppen deswegen nicht zusammen sein wollen, dann trennen sie sich.

    Und der Rest der Welt hat dabei mal schön das Mett zu halten, da er ’nen Scheissdreck dabei zu bestimmen hat!

    Ihr wollt immer ach-so-tolerant sein, aber sobald es euch an „damals“ erinnert… auch wenn das größtenteils an den Haaren herbeigezogen ist… setzt bei euch das Hirn aus, und ihr schaltet in den Hassrage-Modus… genau wie „damals“.

    *FACEPALM*

    ___
    * Jaja, ich weiss, in Deutschland ist es OK, bestimmte Gruppen wild und blind zu hassen, wenn diese Gruppen dasselbe tun. Ich schätze das macht es dann auch OK, Mord und andere Greueltaten zu begehen, wenn das Opfer selber ein Mörder ist, watt? Nur eine Entschuldigung erfinden, und alles ist OK… vorausgesetzt man ist die stärkere Gruppe… DAS ist Deutschland. …immer noch. Da hat sich nix geändert.

    • P.S.: „Ihr“ schliesst dich hier nicht unbedingt ein, Fritz. War vielleicht die falsche Wortwahl. :)

  2. Ich bin übrigens dafür, Bayern zu einem eigenen Land zu machen. :)
    (Und auch die USA sind eigentlich zwei Länder… mindestens…)

  3. Ich bin für BAReFOOt-Land! Dann gibt er endlich ruhe! ;)

    Und wenn Europa dann schon ein Beispiel gibt, bekommen die Palestinenser vielleicht endlich mehr Zuspruch, damit da unten auch endlich mal ruhe ist.


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