Wer hat eigentlich den Begriff “Geistiges Eigentum” erfunden?

Die New York Times hatte gerade einen Hintergrundartikel zur Frage des “Geistigen Eigentums” sowie zum Vorwurf des “Diebstahls” in diesem Zusammenhang. NYT-Autor Stuart P. Green erklärt, dass die verschiedenen Rechteverwertungsindustrien in der zweiten Hälfte des 20sten Jahrhunderts unterschiedliche Rechtsprechung und Gesetzesgrundlagen erfuhren, so dass im Jahr 1962 das American Law Institute (eine Organisation zur Archivierung und Systematisierung der US-Rechtsprechung) den Vorschlag machte, einen neuen, gemeinsamen Begriff für vertraglich zugesicherte Leistungen zu etablieren.

In einer radikalen Abkehr von der bisherigen Rechtspflege fassten die Archivare “alles von irgendeinem Wert”, also auch Verträge und Abmachungen, unter dem Term “property” zusammen. Die Vereinfachung des bis dahin komplizierten Vertragsrechtsgeflechts wurde von Juristen begrüsst und fand in den 60ern Einzug in die Lehrpläne der US-amerikanischen Jura-Fakultäten. Und soweit es sich auf Verträge bezieht, die geistige Leistungen zum Inhalt haben, nannte man das alles eben “intellectual property”. Der Begriff wurde natürlich ins Deutsche übersetzt und geistert seither in den Köpfen von Verwerten, und leider auch Urhebern.

Nun ist aber ein Begriff nicht dasselbe wie ein Inhalt, und Dinge können anders heissen, als sie sind. Ich geb mal zwei Beispiele: In Deutschland gab es für eine Weile den Begriff “Endlösung der Judenfrage”, der nichts anderes bzeichnete als geplanten Massenraubmord (die Vermögen der Ermordeten dienten zur Kriegsfinanzierung), behauptet aber durch seine Formulierung, es habe einmal eine “Judenfrage” gegeben (was eigentlich nie der Fall war) und das Abschlachten eines der netteren Bevölkerungsteile sei eine Lösung dafür (was ebenfalls nicht der Fall ist).

Weniger plakativ, aber mit dem selben Trick operierend ist das Kunstwort “Entsorgungspark”. Stehen da Bäume? Wachsen da Blumen? Gehen wir mal zum Picknick dort hin? Nein. Weil das ja in Wirklichkeit eine Müllkippe ist , mit Müllsortierung und Müllverbrennung.

Das selbe ist mit den geistigen Leistungen passiert, die einfach zu geistigem Besitz deklariert wurden, ohne das jemals sein zu können. Jetzt klarer?

nyt, pic Fruggo cc by

12 Kommentare

  1. Genauso wie mit der Abmahnung – das bezeichnen manche als “Kriminalisierung” – weil dieser Kampfbegriff gut rüber kommt.
    Dabei ist es eine zivilrechtliche Angelegenheit.

    Eigentlich besteht im 21 Jahrhundert alles Digitale nur aus Einzen und Nullen – alles Weitere wäre Interpretation des Rezipieten

    • 1. Weder noch. Die „Abmahnungen“ müssen korrekt als Schutzgelderpressungen bezeichnet werden. Mit rechtlichen Angelegenheiten haben die nämlich nix zu tun.
      Denn die Abmahner wollen garnicht, dass das jemals vor Gericht endet. Da hätten sie nämlich keine Chance.
      Es geht darum, die Opfer zu terrorisieren, bis sie Geld abdrücken. Ganz einfach.

      2. Aus was soll das Digitale denn sonst bestehen, als aus Einsen und Nullen? Das ist wie wenn du sagen würdest: „Eigentlich besteht im Einunzwanzig Jahrhundert [sic] alles [sic] Materie nur aus Quarks und Leptonen“ ^^

      • Es gibt Modelle/Theorien nach denen Materie (Quarks, Leptomen . . .) letztlich wieder nur aus Energie/Information bestehen – dann schließt sich wieder der Kreis – Qualitative Unterschiede zwischen Materie und Ideen könnten sich aufheben . . .

        Könnten bösartige Computerviren bei angeblicher Nichtexistenz von Geistigem Eigentum eigentlich überhaupt Schaden anrichten? Löschen wäre ja eigentlich kein Verlust demnach.

        Persönlichkeitsrechte ( z.B. Recht am eigenen Bild, intime Daten etc) sind doch heute im Web auch nicht total kontrollierbar. Also könnten solche Persönlichkeitsrechte abgeschafft werden – oder existieren vielleicht nicht wirklich.

  2. Dann denk Dir halt einen neuen Namen für “Geistiges Eigentum” aus – und alles wird jut

    • Was bringt es, sich einen neuen Namen für etwas auszudenken, das es nicht gibt? Du kannst Jehova auch Gott, Allah, Xenu oder fliegendes Spaghettimonster nennen… dat ändert nix. ^^

      Das Ergebnis dieser Leistung/Arbeit, kann man nicht besitzen, weil man dazu die Herrschaft darüber haben müsste. Was bei Information die öffentlich abrufbar ist, annähernd so absurd ist, wie am Nordpol zu behaupten, man würde von da aus jetzt nach Norden gehen. Man wird nie die absolute Kontrolle über alle Menschen haben können. Nicht mal annähernd.
      Auch die Illusion des Rechtsstaates kann an dieser einfachen Tatsache nichts ändern.

      Für die Leistung haben wir aber schon einen Namen: Geistige Leistung.
      Wobei „Geistige Arbeit“ auch Sinn gäbe. Die wird dann aber einmalig, und nicht pro Stunde abgerechnet. Analog zu Watt versus Wattstunde/Joule.

      • Also wäre dann, wenn keine Kontrolle darüber möglich wäre, auch physisches Eigentum absurd – so wie es http://de.wikipedia.org/wiki/Sportsfreunde_der_Sperrtechnik aus rein sportlicher Motivation vorführen.

        Ein Kapitaldelikt wie Mord könnte demnach auch wegen technischem Fortschritts absurd sein – weil nicht mehr verfolgbar ( z.B. Stealth-Killerdronen)

        • Das einzige was hier absurde hier ist deine sogenannte Logik.

      • Wenn “Geistige Leistung” analog zu Ernergie gesehen werden soll:
        Für ein Watt hat noch nie irgendjemand etwas bezahlt. In Stromrechnungen werden in der Regel Kilowattstunden aufgeführt.

        “Geistige Leistung” wäre ein potentielles geistiges Vermögen eines Menschen ( wenn es analog zu Watt und Kilowatt gesehen werden soll).

        Die Erhebung von Steuern staatlicherseits wäre nach Deiner “Unkontrollierbarkeitstheorie” dann auch absurd. CDs mit Kontendaten aus der Schweiz tauchen ja nur mal zufällig auf.

        Da also eine allgemeine gerechte Erhebung von Steuern nur bei totaler Kontrolle (quasi unmöglich) ist – wären Steuern ebenso absurd wie Geistiges Eigentum.

  3. Find ich gut, dass du das mal für uns recherchiert hast. Wegen sowas lese ich den Blog hier. :)

  4. hast du gut geschrieben!

    zur ergänzung:

    ich habe hier noch 2 duden aus den jahren 1965, ’73 und ’82 sowie auch 3 BGBs und 2 STGBs aus den 70zigern sowie 80zigern als auch von 1nes von anfang der 90ziger, in keinem dieser bücher findet man auch nur ansatzweise etwas über “geistiges eigentum”!

    bis auf diesen “satz” im BGB (dieses habe ich der einfachheit halber aus der netzausgabe kopiert):

    [ Anlage 4

    Bezeichnungen und Kennzeichen der Weltorganisation für geistiges Eigentum

    (Fundstelle: BGBl. I 1971, 673, bzgl. der einzelnen Änderungen vgl. Fußnote) ]

    ES GIBT KEINE FUSSNOTE (oder irgendeien sonstigen inhalt des “gesetzes”. weder vorher noch nachher. bestenfalls leere platzhalter 5 und 6)

    den besten artikel zum thema gibt es aber hier nachzulesen:

    http://www.geistiges-eigentum.eu/geistiges_eigentum_kompetenz.php

    [ . . . Ähnlich verhält es sich auch mit dem sogenannten "Geistigen Eigentum" bei Urheberrechten und Copyrights. Juristen können einem exakt sagen, wann ein Copyright oder ein Urheberrecht für ein bestimmtes Werk ausläuft, aber die Frage, wie lange generell solche Fristen sein sollen, sind Fragen auf die Juristen keine Antwort geben können und wollen, denn dabei handelt es sich um gesellschaftliche Fragestellungen. . . . ]

  5. Wenn es “Geistiges Eigentum” garnicht gibt tut das eigentlich auch nichts zur Sache.
    Tatsache ist das es ein Urheberrecht gibt. Und Urheber über Nutzungsrechte an ihren Werken verfügen können.

    Mancher Urheber mag irrige Vorstellungen haben und vielleicht noch im 20 Jahrhundert leben.

    Es kann vorteilhaft klingen alle bisher urheberrechtlich geschützten Werken im Web frei verfügbar zu machen.

    Davon profitieren bestimmt alle – außer den Urhebern (Künstlern, Schriftstellern, Musikern) selber.

    Ein Gesetz bisheriges Urheberrecht zu ändern oder abzuschaffen liegt allein im Interesse von Konsumenten. Ein Urheber kann jetzt schon frei entscheiden seine Werke der Menschheit frei zur Verfügung zu stellen.
    Das Begehren einer Gesetzesänderung ist deshalb nur auf dem Begehren der Allgemeinheit begründet urheberrechtlich geschützte Werke kostenlos zu nutzen.

    Neben dem Urheberrecht gibt es auch andere Rechte deren Aufrechterhaltung im Internet des 21 Jahrhunderts nicht mehr möglich sein könnte. Z.B. das Persönlichkeitsrecht (z.B. Recht am eigenen Bild). Bilder und Daten.
    Wenn angeführt wird das sich die unkontrollierte Verbreitung von urheberrechtlichen Daten im Internet nicht verhindern lässt – dann doch die Verbreitung von persönlichen Daten genauso wenig.

    Ein ungehinderter Zugriff auf persönliche Daten (z.B. biometrische- oder genetische Daten) würde die Wissenschaft vielleicht weiter bringen als alle privat kopierten mp3 Songs zusammen.

    Ein Gesetz zur legalisierung unkontrollierter Verbreitung persönlicher Daten wird von den Piraten sicher nicht angestrebt weil es sich über Interessen der Mehrheit hinwegsetzen würde.

    Interessen von Künstlern, Schriftstellern, Musikern sind nicht relevant. Sie sind eine Minderheit (und waren historisch schon immer vogelfreies fahrendes Volk gewesen).

    Wenn es so günstig für Künstler heute sein soll ihre Werke im Web frei zu veröffentlichen – und sie davon uneingeschränkt profitieren, wenn alles für sie besser sein soll – dann kann man sie doch einfach überzeugen und braucht keine Gesetzesänderung des Urheberrechts.

    Alles was Künstler schaffen und der Allgemeinheit nicht zur Verfügung stellen wird ja auch nicht der Allgemeinheit genommen.

  6. es kann kein “geistiges eigentum” geben.

    unser geist ist kein “ich” sondern ein “wir”.

    ideen können nicht privatisiert werden.


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