Im Rahmen des jährlichen Festivals für elektronische Musik in London, Bloc (6.+7.7.12), wurde einer der grössten heute lebenden Komponisten, Steve Reich, zum Thema “Inspiration” befragt. Komponisten sind ja eigentlich die Leute am ungünstigen Ende der aktuellen Urheberrechtsdebatte:
Sie verbringen ihr Leben damit, Einflüsse zu verarbeiten, um Werke zu schaffen, die sie dann in der Regel nicht selber aufführen – so dass sie auch kein Geld durch Performances, Merch, etc machen können. Komponisten sind vollständig auf indirekte Geschäfts- und Finanzierungsmodelle angewiesen, also Verwertungsgesellschaften, Stipendien, etc. Und doch sind genau diese Werke in besonders weitem Umfang auf der Grundlage bereits vorhandener Kultur errichtet, was die Frage nach einem angeblichen “geistigen Eigentum” oder besser der “geistigen Leistung” in den Vordergrund holt.
Steve Reich berichtet, dass er in den Siebzigern in Ghana afrikanische Musik studierte, um zu verstehen, wie man komplexe (und trotzdem tanzbare) rhythmische Patterns schreibt. Im gedanklichen Kontext der Copyrightmaximalisten hat er also “geistiges Eigentum” aus Ghana illegal in die USA importiert. Im gedanklichen Kontext der Informationsära dagegen hat er das getan, was alle Kulturschaffenden die ganze Zeit tun, und schon immer getan haben: Er hat Kulturformen weiter verarbeitet und zur Grundlage neuer Werke gemacht.
Ich denke, das Video oben illustruiert die Problemstellung sehr deutlich: Wie schaffen wir es, als Gesamtgesellschaft, Kulturschaffende so zu finanzieren, dass sie weiter solche bedeutenden Dinge “schöpfen” können, ohne durch den aktuellen juristischen Prozess der Definition von Werken in der geistigen Sphäre die künstlerische Freiheit einzuschränken? Die Antwort auf diese Frage ist allerdings gar nicht so schwer zu finden: Wenn man nachrechnet, wieviele Kreative wieviel Geld brauchen, erhält man einen – im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft – lächerlich niedrigen Betrag.
Das Problem entsteht erst dadurch, dass eine Industrie vom kreativen Prozess partizipieren möchte. Vielleicht wird es daher in einigen Jahren keine Distributionsindustrie für Kultur und Wissen mehr geben? Vielleicht schaffen es aber auch einige Firmen, sich auf den Mehrwert ihrer nichtkreativen Leistungen zu konzentrieren und so begleitende Geschäftsmodelle aufzubauen, die den kreativen Prozess selbst nicht behindern. Ein Beispiel dafür, aus der Musik, ist Tunecore. Es gibt also noch Hoffnung für uns alle, nicht wahr?
via mefi
7 Kommentare
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Sehr schöner Artikel. :)
Auch vom Stil und der Dichte her.
Ja, wir können definitiv hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Mit weniger Lady Kaka und Dieter Hohlen, und mehr Beardyman und Kutiman.
Artikel sehr schön – aber hoffentlich übersehen die Piraten mal nicht, dass die Verwerter gerade massiv dabei sind wiederrum MASSIV ALLE Datenträgerpreise zu erhöhen! Wenn mal wieder von einer kulturflatrate gesprochen wird, dann sollte das aber auch bitte einbrechnet werden – denn bitte warum zahl ich auf einen USB Stick dann mehr als 2 EUR gebühren für verwerter um meinen selbstproduzierten Java or whatever code darauf zu speichern ?
..und wenn wir gerade dabei sind, will ich auch meine überschüssigen Beiträge aus Haftpflicht (privat und berufs-Hausrat, Kfz,Kranken- und sonstigen Versicherungen erstattet bekommen und beim letzten “all inclusive” Urlaub war ich auch 36 Mal weniger am Buffet als der dicke Mann vom Nachbartisch ….
Reich hat also “geistiges Eigentum” illegal geschmuggelt…wenn schon, ist dies die typische Auslegung der Kunst-und Wissensmarxisten. Fritz, einzig dein Alterstarrsinn ist von besonderer Qualität
ah, ein hinkender vergleich, gefolgt von einem persönlichen angriff. ob du da deiner sache mal wirklich einen gefallen getan hast anonyme internetpersona?
haha, großartig. treffender hätte ich es auch nicht schreiben können. :-)
darauf würde ich jetzt eigentlich auch gerne persönlich werden und vergleiche auf deine Mama in verbindung mit nicht erhaltenen diensten…. aber so tief in den geistigen Tiefflug zu gehen um mit dir konkurieren zu können, trau ich mich nicht einmal ….
BTT: wie gerade gelesen habens die Piraten ja doch aufm schirm =)
Hahaha. Wer redet nochmal ständig von Pauschalabgabe? Während die Pfennigsbeträge einmalig auf Speichermedien und Abspielgeräte erhoben werden, die wohl zweifellos mehrheitlich genau (und teilweise reichlichst “über Gebühr” zu dem die Abgabe betreffenden Zweck (miß) braucht werden, sollen aufs gesamte Internet generell monatlich Pauschalabgaben von ALLEN für ALLES geleistet werden. (Was nochmal im Detail? Nur Musik? Filme, Bücher,Bilder,Software,Spiele und sonstwas wird dann ebenfalls noch pauschaliert bezahlt? Zukünftig nicht mehr gesaugt und verteilt? Oder was?)
Neben der Undurchführbarkeit dieser schwachsinigen Grundidee dürfte das wohl auch so manchen freiheitlichen Grundsätzen widersprechen. Tja, aber so ist das eben, wenn man nur den eigenen Vorteil im Blick hat…..