Die US-Amerikanerin Colleen Lachowicz kandidiert (zum wiederholten Mal) für einen Sitz im Landesparlament des Bundestaats Maine (Auf der Karte ganz rechts oben, kurz vor Grönland). Vor einigen Tagen verschärften die dortigen Konservativen (Republicans) den Wahlkampf, indem sie eine eigene Website “colleensworld” ins Netz stellten, wo sie Coleens Hobby plus einige ihrer freien Meinungsäusserungen veröffentlichten. Die Regionalpolitikerin spielt in ihrer knappen Freizeit unter anderem World of Warcraft (und Angry Birds), was für die gegenwartsfernen Republicans wie ein Angriffspunkt aussah:
Wer einen Level 85 Ork (pic oben) spielt, anderen Leuten mit Gift und blanken Klingen auf den Pelz rückt, kann nicht politisch verantwortlich handeln, lauten die Vorwürfe. So lustig das jetzt für den überdurchschnittlich gebildeten 11k2-Leser spontan wirken mag, so tief ist der Riss, der an dieser Stelle wirklich durch unsere Gesellschaft geht.
Eine kleine Gruppe möchte der Gesamtgesellschaft ihren eigenen Lebensstil überstülpen; Krawattentäter sollen die Welt regieren, während Leute, die soziale oder musische Neigungen haben, nur als Untertanen vorgesehen sind. Nun ist aber Gaming die heute meistverbreitete Kulturform – über 183 Millionen US-Bürger spielen online, nehmen in der Virtualität Rollen ein und kommunizieren darüber mit anderen. Folgerichtig hat die tapfere Spielerin/Politikerin (pic unten, in der Mitte) schon erste Spendenangebote von engagierten Gamern bekommen.
Für uns hier auf der ruhigeren Seite des Atlantik bietet Colleen ein gutes Beispiel: Mutiges Eintreten für die Kultur der Gegenwart. Für mich sind Computer- und Videogames ein wichtiges Politikthema, weil sie nämlich von fast allen Leuten (vielleicht mit Ausnahme von Bundestagsabgeordneten, die dafür aber Aufsichtsratsposten haben) genutzt werden, und weil eine kleine Gruppe Machthungriger versucht, Gaming zu stigmatisieren, um damit eine ganze Bevölkerungsschicht zum Schweigen zu bringen. Machen wir uns nichts vor: Gaming ist der neue RocknRoll, die neuen Comics, der neue Pulp, also Kunst, die aus dem Jetzt kommt und sehr vielen Leuten hilft, mit der komplizierten modernen Welt besser klarzukommen.
Ich bin der Überzeugung, dass der angebliche Jugendschutz im Medien- und vor allem Spielebereich ebenso massiv dereguliert werden muss, wie das unselige Betäubungsmittelgesetz, das weit mehr Leid als Ordnung erzeugt. Aber das sagte ich schon, vorgestern, auf der Listenaufstellungsversammlung zum Bezirkstag. Letzterer hat hier Einfluss auf vor allem soziale und kulturelle Themen, in einem Gebiet mit 1,8 Millionen Einwohnern, auf einer Fläche, vier mal so gross wie das Saarland oder ein Drittel kleiner als Schleswig Holstein. So über den Daumen gepeilt bin ich dann in einem Jahr einer von 26 Regionalparlamentariern. Und immer noch Gamer.
3 Kommentare
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…und der Bezirk hat immerhin ca. 1,5 mal so viele Einwohner wie Maine (USA) … ;)
Hallo Fritz,
das Projekt “Kulturförderung für Computerspiele” ist etwas, wobei ich Dich mit Freuden unterstützen werde :)
Sylvia/donaupiratin
[...] Konkurrent gepwnt und sitzt jetzt im Senat der nordwestlichen US-Ecke. Gamer spendeten nach den Angriffen gegen ihr friedliches Bildschirm-Hobby 6300 US-Dollar und sicherten ihr Unterstützung zu. [...]