Ich verbringe in den letzten Jahren erhebliche Zeit damit, an Online-Diskussionen teilzunehmen, durch mein publizistisches wie auch politisches Engagement, und erlebe dabei die Wiederholung der immer selben Muster, die zum Absturz von hoffnungsvoll begonnenen Diskursen führen. Wenn wir Langeweile, Weltschmerz, schlechtes Wetter und/oder Fernsehprogramm als Teilnahmegründe beiseite lassen, können wir vor allem zwei Motivationen erkennen, die einen bei einem Gespräch im Internet (egal ob Blogkommentar, Forum, IRC oder Mailingliste) mitmachen lassen:
Entweder ich möchte Argumente austauschen, um gemeinsam mit Anderen ergebnisorientiert eine Meinung zu finden (doch, das gibt es, sogar relativ oft), oder ich habe bereits eine Meinung und erwarte von den anderen Gesprächsteilnehmern, dass diese meine Position übernehmen. Die zweite Motivation ist auch sehr häufig anzutreffen, und führt in so gut wie allen Fällen zum Implodieren der Diskussion, mit oder ohne Anwendung von Godwins Gesetz. Dazu kommen Einzelne, die präzise das Ziel haben, eine Diskussion abzuschiessen, indem sie möglichst viele Leute verärgern, also Trolle – aber die sind in der Regel leicht als solche zu erkennen und müssen dann nicht mehr ernst genommen werden.
Problematischer ist der unterschiedliche Stand rhethorischer Fähigkeiten, was sich gerne so auswirkt, dass eine ursprünglich sachliche Diskussion mangels Ausdruckskraft Einzelner emotional wird – wenn ich nicht wortgewandt genug bin, um dazulegen, warum ich dieser oder jeder Ansicht bin, komme ich leichter in Versuchung, statt dessen den “Gegner” persönlich anzugreifen oder seine Argumente unsachlich zu diskreditieren; und sei es mit dem Godwin-Soforttreffer, die Nazis hätten dies und das auch gut gefunden, also könne die Gegenseite keine Zustimmung erwarten.
Um also eine (Online)-Diskussion ergebnisorientiert zu halten, ist es hilfreich, genauer zu formulieren, was man eigentlich gerade sagen will. Schlecht wäre etwa “du hast doch keine Ahnung!”, zielführender dagegen “ich bin da völlig anderer Meinung” oder “ich halte deine Position für sehr kritikfähig”. Natürlich hat nicht jeder immer die Nerven dafür, sondern prollt statt dessen einmal kurz dazwischen – mit dem Risiko, dass die Diskussion den Faden verliert, und man selbst die Glaubwürdigkeit.
Eins muss ich noch dazu sagen: Aus meiner Berufserfahrung im Journalismus weiss ich, dass es strenggenommen eigentlich so gut wie keine Fakten gibt, sondern maximal nachprüfbare Quellen. Und selbst diese entwickeln sich im Lauf der Zeit in unterschiedliche Qualitätsabstufungen, wie uns eine statistische Analyse der Stanford University von nicht weniger als 230.000 medizinischen Studien zeigt. Gerade da, wo signifikante Ergebnisse berichtet wurden (“das neue Medikament wirkt fünf mal besser als herkömmliche”), ergibt eine Nachprüfung, dass auch hier stark relativiert werden muss (“das neue Medikament hilft in mehr als der Hälfte aller Fälle”). Wissenschaftliche Fakten, das lernen wir spätestens aus einer Untersuchung dieser Grössenordnung, gelten bis zur nächsten Nachprüfung. Dann eventuell nicht mehr.
Was bedeutet das für unsere Online-Diskussionen? “Das ist wissenschaftlich bewiesen” ist ein Scheinargument. Richtig wäre: “Es gibt dazu eine so überwältigende Datenmenge, dass hier eine weithin anerkannte Theorie aufgestellt werden konnte”. Mehr nicht. Davon darf man sich den Spass am diskutieren aber nicht nehmen lassen. Dann mal weiter…
10 Kommentare
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Wngr rdn, mr ktzn ^^
warum kotzen ? :-)
Hallo Fritz,
ich darf dich hoffentlich so lapidar anreden.
In deinem Beitrag “Wie fahre ich eine Online-Diskussion vor die Wand” bleibst du leider beim Beschreiben des Aussehens hängen. Sehr schön sehen kann man das hier:
“… und erlebe dabei die Wiederholung der immer selben Muster, die zum Absturz von hoffnungsvoll begonnenen Diskursen führen.”
“… mit oder ohne Anwendung von Godwins Gesetz. Dazu kommen Einzelne, die präzise das Ziel haben, eine Diskussion abzuschiessen, indem sie möglichst viele Leute verärgern, also Trolle…”
“Problematischer ist der unterschiedliche Stand rhethorischer Fähigkeiten, was sich gerne so auswirkt, dass eine ursprünglich sachliche Diskussion mangels Ausdruckskraft Einzelner emotional wird…”
und hier
“… oder ich habe bereits eine Meinung und erwarte von den anderen Gesprächsteilnehmern, dass diese meine Position übernehmen.”
Wobei Letzteres das Übelste ist, was man in einer Diskussion antreffen kann.
Da du dich hier etwas beschwerst, habe ich den Eindruck, du weißt nicht, warum das so ist. Die Antworten liegen tief im Unterbewusstsein eines jeden von uns begraben. Wie wäre es denn, wenn du immer voraussagen könntest, worauf dein Gegenüber hinaus will? Oder wie du denen ein Bein stellen kann, die anderen ihre Meinung über helfen wollen? Magst du es wissen wollen?
Klar, man kann dieses Angebot als vermessen betrachten, aber wenn du möchtest, zeig ich auch, wo ich mich schon ausgelassen habe.
Unsere Überzeugungen sind nun mal die Grenzen unserer Gedanken…
Nihilus
Ich fürchte, du hast mich missverstanden. Ich stelle im OP keine Fragen, sondern gebe Antworten.
Dann entschuldige vielmals, daß ich deine Antworten als Fragen fehlinterpretiert habe. Ich werd mich dann mal an den ersten Kommentar halten:
Zitat: “Wngr rdn, mr ktzn ^^”…
Nihilus
Wo ich bei den meisten Onlinediskussionen das Problem sehe ist, dass diese im leeren Raum stattfinden. Irgendwelche Menschen diskutieren über Todesstrafe, Depressionen oder das Diskutieren selbst aber es gibt kein “Ziel”, es muss keine gemeinsame Position gefunden werden wie in anderen Diskussionen wo die Parteien mit dem Ziel diskutieren eine gemeinsame Lösung zu finden. Es geht hauptsächlich darum einfach nur seine Meinung kundzutun (ebenso wie in diesem Kommentar hier^^) und sich damit selbst darzustellen. Nicht die Lösung ist das Ziel sondern das reine recht haben.
Manchmal ist auch einfach das Ziel, andere an der eigenen Meinung teilhaben zu lassen. Tu ich manchmal. Ob’s jemanden interessiert, stellt sich dann in vielen Fällen schnell raus. Ich finde Fritz’ Anmerkungen zutreffend und interessant, da man sich auch selbst mal in der Hinsicht hinterfragen kann (aber freilich nicht muß)
Klar, selbstdarstellung ist ja auch nicht zwangsweise was negatives. Aber wenn kein “muss” zu einer Diskussion besteht weil ein reales Interesse daran herrscht eine gemeinsame Lösung zu finden, gehts eben fast ausschließlich darum sich über seine Meinung darzustellen. Ich widerspreche dem Artikel ja nicht, ich ergänze nur^^
Ich widerspreche nur der einseitig klingenden Aussage “wenn kein MUSS … besteht, geht es darum, sich … darzustellen”. Für mich ist eine Diskussion oft ein Erfahrungstausch, bei dem jeder was dazulernen kann. Nicht jede Diskussion muß Streitcharakter haben. Es kann auch konstruktiv zugehen…meine Meinung…
Und wenn du deine Erfahrungen austauscht stellst du dich nicht dar? Und warum muss Selbstdarstellung automatisch Streitcharakter haben?