Die zynische Doppelstrategie der Musikindustrie

090309recordsDirekte Frage eines Tech-Journalisten: Warum seid ihr Typen so planlos? Direkte Antwort aus der Chefetage eines Musikkonzerns: Das ist Teil eines grossen Plans, ab 2100 2011 alles anders. Dann ist Musik kostenlos und Filesharing-Dienste werden von uns bezahlt.

Michael Arrington von TechCrunch hatte die Gelegenheit, ein ausführliches Gespräch mit einem „big music label executive“, also einem Top-Manager aus der Musikindustrie zu führen. Und weil der Verlauf der Unterhaltung so enthüllend, und TC nebenbei eine so ernstzunehmende Publikation ist, stelle ich hier „Big Music Will Surrender, But Not Until At Least 2011“ vor. Der Original-Titel sagt bereits aus, worum es geht, aber die Antworten, die Michael erhielt, gehen weiter. Und nein, natürlich will „Big Music“ nicht kampflos aufgeben.

Von langer Hand geplant

Kernfrage war natürlich: „Warum seid ihr Typen so verdammt planlos? Euer Geschäftsmodell löst sich vor euren Augen auf, und alles, was euch einfällt, ist, schnelles Geld zu machen, indem ihr eure Kunden und Geschäftspartner über den Richtertisch zieht?“

Antwort: „Das ist alles Teil eines grossen Plans“. Tatsächlich seien sich die Musikkonzerne darüber im Klaren, dass Musik und ihre Kopien in naher Zukunft völlig umsonst zu haben sein werden. Umsätze mit CDs fallen um etwa 20 % pro Jahr, und dieser Rückgang hört erst auf, wenn die Null erreicht ist. Es gibt nichts, das diese Verluste ersetzen kann.

Natürlich sei man sich dessen bewusst, dass Musikaufnahmen in Zukunft nur Marketingfutter sind. Das bedeutet auch, dass die heute juristisch heftig bekämpften Internetangebote (…ich denke da mal an die Pirate Bay) in Zukunft Partner der Industrie sind, und für ihre Promotiontätigkeit bezahlt werden. Statt wie bisher dafür bezahlen zu müssen. Also „Radio Payola“ auf einem globalen Internet-Level.

Zwischen 2011 und 2013, so der ungenannt bleibende Manager, würde es dann soweit sein: Die Big Labels stellen ihr Geschäftsmodell um, auf die Realität des ubiquitären Filesharing. Einnahmen werden dann nicht mehr durch den blossen Verkauf von Musik erzielt, sondern durch „360 Verträge“ mit den Künstlern, die den Labels Anteile an buchstäblich allen Umsätzen sichern: T-Shirts, Konzerttickets, Fanclubs, Werbeauftritte, alles.

Aber heute sei es noch nicht so weit, und deshalb müsse die Strategie der juristischen Einnahmen verfolgt werden: Man klammert sich an den bekannten Anspruch, alleiniger Vertriebsberechtigter auch für private, unkommerzielle Kopien zu sein, und verklagt erfolgreich Internet-StartUps. Diese Einnahmen gehen bereits zurück, erklärt der Musik-Mann. Apple, MySpace Music, Imeem, Rhapsody, Last.fm bringen echtes Geld in die Kassen, viel mehr Geld, als man heute mit dem Akzeptieren der (Filesharing-)Realität machen könnte.

Konkurrenz, die durch ein solche Festklammern an veraltete Geschäftsmodelle eigentlich zwingend entstehen müsste, befürchten die Big Labels nicht. Schliesslich sind sie es, die alle bekannten Künstler unter Vertrag haben. Statt dessen rechnen sie damit, dass die Umstellung auf das neue Geschäftsmodell der Vermarktung von Künstlern statt ihrer Musikaufnahmen in kurzer Zeit die „Gräuel der P2P-Hexenprozesse“ (gegen Rentner, Teenager, Verstorbene) vergessen sein lässt.

Erkenntnis für Wenige

Das ist natürlich der Standpunkt der „alten“ Musikindustrie, dessen Formulierung sich plakativst am aktuellen Pirate Bay Prozess nachlesen lässt (laufende Prozessberichterstattung: torrentfreak, 11k2). Nicht berücksichtigt werden dabei Entwicklungen, die auf eine Umgehung der bestehenden Vertriebsstrukturen abzielen. Beispiel: Pop-Diva Madonna, nicht nur die Konzerttouren der kommenden zehn Jahre, sondern auch ihre nächsten drei CDs vom Konzertveranstalter Live Nation für eine Gesamtvertragssumme von 120 Millionen Dollar vermarkten lässt.

Dieselbe technische Umwälzung, die derzeit Tonträger obsolet macht, indem sie Musik durch TeraByte-Festplatten praktisch kostenfrei speicherbar und durch Breitband-Internet und BitTorrent ebenso kostenfrei verteilbar gestaltet, gibt also Künstler die Möglichkeit, sich von den Vertriebsstrukturen des 20sten Jahrhunderts zu befreien. Wie bedeutend die Rolle der „Big Labels“ in zwei, drei oder vier Jahren tatsächlich sein wird, muss abgewartet werden. Wichtig ist aber, dass die Musikabteilungen der Medien-Multis sehr genau wissen, was die Zukunft bringt. Nachdem Millionen von Filesharern es ebenfalls wissen, gibt es dennoch Aufklärungsbedarf: Die öffentliche Meinung wird von dieser Erkenntnis heute genauso wenig beeinflusst wie die politischen Entscheidungsprozesse. Veröffentlichungen wie die von Michael Arrington sind also ein Schritt in die richtige Richtung. Ach, und dass Michael sich das alles nur ausgedacht hätte, kann man ausschliessen.

(techcrunch) (pic wikipedia gnu)

9 Kommentare

  1. > sondern durch “360 Verträge” mit den Künstlern, die den Labels Anteile an buchstäblich allen Umsätzen sichern: T-Shirts, Konzerttickets, Fanclubs, Werbeauftritte, alles.

    Und warum genau sollte ein Künstler sowas tun? Weil die einen kleinen teil davon an Filesharing-Dienste weitergeben?

    Diese Dienste verbreiten meine Musik doch auch so.

    Sieht nach einer Branche auf der verzweifelten Suche nach einem Geschäftsmodell aus.

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  2. > Schliesslich sind sie es, die alle bekannten Künstler unter Vertrag haben.

    HA HA HA HAA. Ich hab noch nie so einen Bullshit gehört. Was sie meinen sind alle beschissenen, hochgepeppelten „Acts“, die eh keiner hören will. Wer hört denn noch „Charts“?

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  3. Weisst du an was mich das gesamte Verhalten der Musikindustrie erinnert?

    Es ist, als wären wir in folgendem Clip jetzt exakt am Satz „Das war doch nur Spaß“ (aka. Wir haben doch nicht wirklich so einen…ehem… Schwachsinn gedacht… Haltet ihr uns für… ehem… blöd? …lach… hust…) angelangt:

    http://failblog.org/2009/03/03/professionalism-fail/

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  4. Kleine Bemerkung am Rande: das erste Datum lautet 2100. Und solange will sich die MI glaube ich nicht Zeit lassen ;)

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  5. ja ist denn schon der 1. April? o_O

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  6. [ Schliesslich sind sie es, die alle bekannten Künstler unter Vertrag haben. ]

    klar doch. aber jeder vertrag läuft auczh mal aus!

    . . . . und dann?

    lass erst mal all die ganzen anderen goldesel morgenluft wittern, wie jetzt u.a. zB. Madonna. . . . .

    . . . . .dann ist es nicht mehr weit hin bis sich auch die zweite und die dritte reihe der immer noch sehr lukrativen künstler emanzipiert und wegbricht, wenn sie denn ihre verträge erfüllt haben. . . .

    . . . . .und dann sitzen sie da, die major-mega-firmen, mit ihren künstlichen und wertlosen, weil meist talentlosen, Chart-Hupfdohlen die keiner mehr hören oder sehen will/kann. . . . .

    alles nur eine frage der zeit. ein paar major künstler haben ja schon bewiesen das es auch ohne die major-firmen geht, wenn sie denn auch noch beweisen das sie auf dauer erfolgreich sind – NUN DENN. . . . . .

    . . . . . dann wird sich der rest von ganz alleine ergeben! es muss nur noch der damm vollends brechen – das dauert zwar noch eine weile – aber risse hat er ja schon, der damm!

    die ganze geschichte mit der MI (und all die anderen übrigen „sinnlos-rechte- und sinnlos-patentinhaber“) mutet mir so langsam an wie die geschichte von

    „Vom Fischer und seiner Frau“
    (wer die geschichte nicht kennen sollte: http://www.internet-maerchen.de/maerchen/fischer.htm)

    wenn die MI so weitermacht und einfach den hals nicht mehr voll genug bekommen kann, dann werden alsbald 2 der 3 teilnehmenden parteien wieder dort landen wo die geschichte anfing – nämlich in der „ARMSELIGEN HÜTTE“.

    mit dem großen unterschied das es der einen partei (der partei der geldgeber – die u.a. auch mal gelegentlich als kunden bezeichnet werden) völlig egal sein kann!

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  7. SORRY der erste link funktioniert nicht wegen der klammer am ende der adresse. wie die aber dorthin kam K.A. – also nochmal:

    http://www.internet-maerchen.de/maerchen/fischer.htm

    und zur sicherheit:

    http://tinyurl.com/apk4xn

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  8. […] eine Chance. Aber mehr Problem als Chance, denn die Literaturverkäufer wollen offenbar der gescheiterten Musikindustrie nacheifern und setzen auf die Kriminalisierung der Nutzer. Ausgerechnet zur […]

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  9. […] eine Chance. Aber mehr Problem als Chance, denn die Literaturverkäufer wollen offenbar der gescheiterten Musikindustrie nacheifern und setzen auf die Kriminalisierung der Nutzer. Ausgerechnet zur […]

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