Choruss: Die dunkle Seite der Kulturflatrate

090320jimgriffinWie kann eine Kulturflatrate (a.k.a pauschale Urheberrechtsabgabe auf Internetzugänge) das Gegenteil von dem bewirken, was sie soll?

Warner Music engagierte vor einer Weile zur allgemeinen Überraschung den Industriekritiker Jim Griffin. Dieser entwickelte ein System, nach dem (zunächst) Universitäten eine pauschale Abgabe bezahlen sollten, um dafür sicher vor rechtlicher Verfolgung zu werden. Also… so etwas ähnliches wie eine Kulturflatrate.

Nur: Jetzt kommen Details ans Licht, und sie sehen ziemlich übel aus.

Der Plan sieht vor, eine neue, privatwirtschaftliche Verwertungsgesellschaft namens Choruss zu gründen, an welche Körperschaften wie Unis Geld bezahlen. Die Musik-Konzerne werden aber weiterhin ihr möglichstes tun, um kostenlose P2P-Angebote aus dem Netz zu bomben. Ausserdem sind weder Konsumenten noch Organisationen sicher davor, von Rechteverwerter verklagt zu werden, die nicht am Choruss-System teilnehmen.

Ich kann es Mike Masnick vom Techdirt-Blog daher nicht verübeln, wenn er das Ganze als Schwindel bezeichnet. Auf keinen Fall wird die Idee nämlich dazu beitragen, P2P zu legalisieren, oder auf eine andere Weise Rechtssicherheit für Konsumenten und Künstler zu schaffen. Sondern nur dazu, den sterbenden Konzernen neue Einnahmensquellen zu bringen.

Lasst uns noch einmal einen Blick darauf werfen, was das Konzept der Pauschalabgabe eigentlich im Urheberrechtsgesetz macht: Schon bisher werden geringe Aufschläge auf alles erhoben, was zum Kopieren benutzt werden kann, Geräte und Speichermedien. Diese Aufschläge werden (nach einem allerdings dringend renovierungsbedürftigem System) an die Künstler ausgeschüttet, ein Teil geht direkt an die Verlage.

Das Urheberrechtsgesetz nennt den Grund für die Abgabe deutlich: Weil eine Privatkopie technisch nicht verhindert werden kann. Das gilt, nüchtern betrachtet, auch für Kopien via Internet, die ebenfalls nicht verhindert werden können. Und dafür fordert das Konzept des Urheberrechts eigentlich eine (kleine) Pauschalabgabe. Die dann den Urhebern zustünde, und nicht den Konzernen. Weil eine private Kopie eben keine kommerzielle Nutzung ist, egal, was einfallslose Manager behaupten.

Also ist Choruss tatsächlich eine Perversion der Kulturflatrate, die das Gegenteil von dem bewirkt, das sie tun soll. (via techdirt)

5 Kommentare

  1. verstehe ich jetzt nicht.

    Woran ist hakt, ist doch der organisatorischen Rahmen.
    Also: Ob alle mitmachen? Wer bekommt wie das Geld? Was bedeutet das juristisch (für Nutzer, Musiker, Konzerne)?

    Und das sind auch in anderen Zusammenhängen ungeklärte Probleme.

    Wenn es eine Kulturflatrate gibt, muss doch auch irgendwie das reinkommende Geld verteilt werden. Und wenn die alten Konzerne da mitmischen, tun die das, damit sie das Geld bekommen. Was denn sonst?

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  2. „es hakt“ soll es natürlich heißen.

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  3. Sehr schön zusammengestellt, Fritz. Jetzt verstehe ich auch, woher dein Interesse an der Kulturflatrate kommt. Es gibt sie nämlich irgendwie schon. In einem Konzept das schon fast surreal realistisch rüberkommt (das von dir zitierte Urheberrecht).

    Gut dass die Verwerterindustrie bald tot ist. Wie wir ja aus deinem Bericht zur 180-Grad-Wendung wissen ab 2012. :D

    Ok, ich stimme dir endlich zu, dass die Kulturflatrate auch eine sinnvolle Sache sein kann. Wenn die Verteilung der Gelder richtig klappt

    Und nun der Knackpunkt: Ich behaupte dass es niemals eine faire und korrekte Verteilung der Gelder geben kann. Und zwar per Definition nicht.
    Ok, das muss ich definitiv begründen. :)
    Aber ich glaube das ist gar nicht so schwer. Denn ich bitte dich mal, auch nur zu versuchen, eine komplett faire Methode der Verteilung der Kulturflatrate-Einnahmen zu definieren.
    Wenn du eine findest, dann Respekt. Absolut! Aber wenn nicht, dann ist es wohl Zeit zum überdenken der Basisstrategie. :)

    Auch glaube ich, dass es nie eine Gruppe von Menschen geben kann, die diese Einnahmen selbstlos fair verteilen. Wenn, dann müsste das ein Programm übernehmen.

    Und nun kommen wir zum Kernproblem: Woher nimmt dieses Verteilungssystem, egal ob Mensch oder Programm, die Parameter der Verteilung? Totale Internet-Kopier-Überwachung? Du weisst selber, wie unrealistisch das ist.

    Ich denke, der einzige Grund, warum es überhaupt möglich ist, sowas (per Definition fehlerhaftes) in die Welt zu setzen, ist durch Nutzung der wilden Spekulationen im Angesicht fehlender Informationen, zu denen Menschen nun mal fähig sind.

    Ich wünschte es wäre anders, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sowas in der *Realität* funktionieren soll…

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  4. Oh, ich muss noch was zu deinem Blog ganz Allgemein erwähnen. Man sieht hier nicht, ob man eine Antwort auf seine Kommentare bekommt. Und so wird jede Nachricht zum Monolog ohne Einfluss von Reaktionen auf frühere Kommentare.

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  5. Ah, freut mich, dass ich dir (nach Jahren) klarmachen konnte, was ich meine, Barefoot. Und ich glaube, ein halbwegs gerechter Verteilerschlüssel (z.B. öffentliches, aber anonymes Beobachten des P2P-Traffic) würde genügen. Besser als das, was wir jetzt haben. Und: Findest du wirklich, dass wir hier im 11k2 threaded comments brauchen? Bei weit unter 100 Comments pro Post?

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