Sind Kids verloren im Netz?

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Der Kommunikationswissenschaftler und Jugendforscher Axel Dammler hat ein Meinungsforschungsinstitut für Kinderangelegenheiten gegründet: „iconkids & youth“. Cooler Move, würde ich meinen, da hat er nicht viel Konkurrenz. Ein neues Buch hat er daraus auch zusammengefasst, mit dem reisserischen Titel „Verloren im Netz – Macht das Internet unsere Kinder süchtig?“. Da gehen natürlich bei mindestens der Hälfte der Käuferzielgruppe die Mitleids-Lämpchen an.

Für 17,95 Euronen zimmert der Autor einen zunächst neutral scheinenden Standpunkt: Schon immer habe die ältere über die jüngere Generation geschimpft, Beispiele finden sich auf sumerischen Keilschrifttafeln ebenso wie in beliebigen späteren Zeitdokumenten. Trotzdem gibt es auch heute wieder einen Kulturknick: Die Jugend hängt nachweisbar immer mehr vor dem Rechner, immer weniger am einstmals gesellschafts-einenden Fernsehbildschirm, und nur widerwillig vor Druckwerken.Und damit steht für den Autor fest. „Die Jugend ist auf der Flucht“. Weil sie sich immer weniger mit der politischen Alltagsrealität auseinandersetzt, mit dem Tagesgeschehen. Warum das so ist, hätte Axel eigentlich durch simples Nachfragen von der untersuchten Teenagerschaft erfahren können. Statt dessen hat er sie nach ihrem schlechten Gewissen befragt: „Denkst du, dass du zuviel Zeit vor dem Computer verbringst?“.

Erfreulicherweise behält der professionelle Jugendinteressierte aber seine Gutmenscheneinstellung bei: „Unsere Jugend ist nicht verloren!“. Und dass man sich, als Erwachsener, um die Kids bemühen müsse, dieses „Internet“ kennenlernen solle, den „Jugendlichen die Welt erklären“, ihnen „Alternativen zum Internet“ zeigen, und überhaupt einen „zeitgemäßen gesellschaftlichen Konsens“ schaffen. Wow. Schon heisse Luft, oder?

Ich bin über das Buch und die gerade kursierenden Rezensionen gestolpert, eben weil dessen Titel so reisserisch rüberkommt. Ich hab mir kein Rezensionsexemplar bestellt (so wichtig ist es dann doch nicht), aber der Tenor des Buchs ist klar: Hier beschreibt ein Aussenstehender eine Problemsituation, die deshalb besteht, weil alle Beteiligten damit zufrieden sind. Die Nicht-Digitalisierten, weil sie lieber ihr gewohntes, vertrautes Leben weiterführen wollen, ohne neue Herausforderungen, und die Kids, die froh sind, wenigstens in der virtuellen Sphäre ihre Ruhe zu haben. Selbst wenn man ihnen deswegen Internetsucht unterstellt. Egal.

Ich bin sicher, dass Axel ein paar tausend Copies von seinem Buch verkauft. Aber „Verloren im Netz – Macht das Internet unsere Kinder süchtig?“ ist trotzdem ein nutzloses Stück toten Baums. Weil es von einseitigen Voraussetzungen (a.k.a. Vorurteilen) ausgeht und nichts erklärt. Aber das wiederum ist gar nichts Neues, sondern nur eine Abbildung des Digital Divide.

In anderen News vom selben Tag erfahren wir: „Internetsucht“ ist eine Erfindung der Nicht-Digitalen und nichts als selbst-rechtfertigendes Geschwätz.

( pressemeldung pdf, techfieber, socialnet)

9 Kommentare

  1. > immer weniger am einstmals gesellschafts-einenden Fernsehbildschirm, und nur widerwillig vor Druckwerken.

    Da gehen aber bei mir schon die Alarmglocken an. Wie kann man das verdummungsmedium Fernsehen so als Ideal hinstellen. Schrecklich!
    Ich würde das schon so sehen, dass er also bewusst gerne Kinder verdummen würde.

    Und das funktionsmäßig einfach nicht konkurrenzfähige Medium der Druckwerke (Hallo? Keine *Suchfunktion*) ist ebenfalls nur ein Ideal alter, rückständiger Leute. Es wurde doch mal bewiesen: Kids lesen mehr *wegen* dem Internet!

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  2. wundert mich, dass der mann ein solches buch raus bringt. eigentlich sollte er es besser wissen. schließlich befragt er ja seit „ewigkeiten“ die kinder dieser welt – und das sehr gerne über kindercampus.de …

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  3. „Weil es von einseitigen Voraussetzungen (a.k.a. Vorurteilen) ausgeht und nichts erklärt.“

    Sehe ich das richtig: Du behauptest das, ohne das Buch jemals gelesen zu haben?

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    • Hehe, strike!

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    • Ja, bas, ich hab mir die presseerklärung und rezensionen dazu angesehn und bin zu dieser meinung gekommen.

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    • ach nein komm das musst du dem fritz schon lassen

      -Erklären wir den Jugendlichen die Welt!
      -Holen wir die Jugendlichen zurück in die Mitte der Gesellschaft!

      das klingt doch echt total abgefuckt

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  4. ach das giebts auch noch auf totem baum

    er hätte wohl lieber ein buch über kau tabak oder den ionenantrieb schreiben sollen
    hätte er bestimmt mehr abgesahnt
    und warscheinlich genausoviel peil davon was er da schreibt

    aber das werden sichlich mamis kaufen weil sie nicht verstehen warum der kleine benjamin torben nichtmher mit dem holzspielzeug sondern nurnoch! mit diesem computer spielt
    das ist leider wie in den yahoo groups
    da suchen sich leute die keine ahnung haben rat bei leuten die genauso keine ahnung haben

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  5. muss ichs nochmal erklären? ihr lest hier (z.b.) meine meinungsbeiträge zu afghanistan. obwohl ich noch nie dort war. ich behaupte ja nicht, ich würde reiseberichte verfassen. genauso bei büchern (und ähnlichen medien), da gibts den selben unterschied zwischen meinungsäusserung und rezension. jetzt klarer?

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