Politik für Einsteiger, Piraten des Allgäu

Gestern hatte ich so gut wie keine Zeit zum Posten (was mir grundsätzlich sehr widerstrebt), weil der neugewählte Piraten-Vorstand meines Heimatbezirks (unter meiner Mitwirkung, wie ich euch schon erzählt hatte) eine konstituierende Sitzung abhielt.

In einer kleineren Stadt im Voralpenland statt in der regionalen Metropole, um gleich mal die Unabhängigkeit von gefestigten Strukturen zu demonstrieren. Ebenso wie den Willen, über die Grenzen des natürlichen Piraten-Lebensraums (a.k.a. „Grossstadt“) hinauszugehen und auch Leute Ernst zu nehmen, die zwar nicht im urbanen Spannungsfeld leben, trotzdem aber mit dem Missbrauch des aktuellen digitalen Wandels (Datenschutzverstösse, Copyright, Zensur) unzufrieden sind.

Auch wenn dieser demonstrative Akt verlangt, dass man am Samstagmorgen um halb acht aufsteht, damit man nach einer Zugfahrt durch Wiesen und Wälder um 11 Uhr vormittags mit der Arbeit anfangen kann. Und das nach einem vorabendlichen Rockabilly-Konzert in meiner favourite Hafenbar, mit mehr hübschen Mädels als für die seelisch-moralische Stabilität eines Piraten gut sein kann.

Aber nachdem ich mich, nach einer langen Phase der Ablehnung gegenüber der politischen Bürokratie (ich denke, die meisten von euch teilen diese Ablehnung) entschlossen hatte, nicht nur an den Inhalten aktueller Netzpolitik (zB hier im 11k2), sondern auch an den Strukturen (so was wie Presseerklärungen, Wahlprogramme, innerparteiliche Gruppendynamik) mitzuwirken, heisst die Konsequenz eben auch mal, den persönlichen, subjektiv heroischen Kampf gegen das feindliche Morgengrauen und die zu dieser Zeit besonders starke Gravitation aufzunehmen. Einen eisernen, geradezu übermenschlichen Willen vorausgesetzt, kommt man dann doch aus dem Bett. Mind over Matter.

Wenige Stunden vorgespult: Der für mich interessanteste Teil an so einer konstituierenden Vorstandssitzung ist, dass eine Gruppe von Politik-Laien ohne Berufserfahrung (a.k.a. „wir“) Dinge wie Geschäftsordnung und Satzungsanträge aus eigenem Bemühen und mit nur wenigen, nicht immer nutzbaren Vorlagen diskutieren und im schlimmsten Fall auch beschliessen muss. Weil das mit zu den Aufgaben eines Vorstands gehört.

Und genau hier liegt die ungeheure, epische Chance einer (dieser) jungen Partei: Man kann von vorne anfangen, von Grund auf gestalten, was man bei anderen Parteien als verkrustet und verfahren empfindet. Ein einziges grosses Abenteuer, und dazu eines, das jetzt bereits Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft hat. Nur mit gezielten Aktionen des AK Vorrat, Transparency International und gelegentlichen Petitionen würde kein so massiver Druck auf andere Parteien, auf die Medien, auf die öffentliche Meinung ausgeübt.

Das leistet erst die kleine, als chaotisch und unerfahren gedisste Piratenpartei. Aber genau diese Schwäche ist ihre Stärke: Sie bietet einen (gesellschaftlichen) Aufbruch an, in Begriffen, die bisher in der öffentlichen Diskussion keine Rolle gespielt hatten. Alle „alten“ politischen Verbände (wie etwa Parteien) betrachten die Begleitumstände der digitalen Revolution aus ihrem gewohnten Blickwinkel; erst die Piraten sind frei von solcher Vorbelastung und können diese für uns noch unabsehbar wichtigen Probleme gezielt angehen. Und dafür lohnt es sich dann auch mal, viel zu früh aufzustehen und mit der Bummelbahn ins Allgäu zu fahren.

Für Einigkeit, Recht und Freiheit der Information.

(pic Swordfish-yang cc)

3 Kommentare

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Guy Fawkes, 11k2. 11k2 said: Politik für Einsteiger, Piraten des Allgäu: http://wp.me/pjgMd-4tF […]

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  2. Da hab ich doch ne Frage:
    Jetzt wo wir für jeden Rechner 15,19 Euro und jeden Brenner 1,88 Euro Copyrightabgabe zahlen sollen (an die VG Wort) – so wie wir schon für Photokopierer (ebenfalls VG Wort), Rohlinge (an die GEMA), und was weiß ich noch alles zahlen.
    Darf ich deshalb jetzt mit diesem Rechner legal Kopien von VG Wort-„geschützten“ Produkten tauschen? Nö!
    Darf ich wenigstens die VG Wort einen kriminellen, erpresserischen Raubritter-Verein wie die GEMA nennen und dazu aufrufen diese Vereinigungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu schädigen? Auch nicht!
    Wozu verdammt noch mal ist diese verdammte Abgabe dann gut? Ach so, ich vergaß: Raubritter…

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  3. Sehr gut Fritz! Auch wenn du das vielleicht nicht so mitbekommst, so sind wir dir doch mächtig dankbar für deinen Dienst an der Gesellschaft, und auch für diesen Blog. Ich hoffe es nimmt dir nur dann Zeit, wenn es das ist, was du eh gerne tust. :) Und von meiner Stimme kannst du ausgehen! :)

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