Copyright, mal grundsätzlich

Was darf man kopieren, was darf man runterladen? Ich befasse mich seit vielen Jahren mit den Rechten und Gesetzen, die den Umgang mit „geistiger Leistung“ regeln; erst als Musiker, später als Journalist. Eigentlich war das mal eine relativ durchsichtige Sache, aber heute mache ich mir ab und zu einen etwas zynischen Spass daraus, Freunde und Bekannte zu befragen, ob sie denn wüssten, was sie heute eigentlich kopieren, herunterladen oder weitergeben dürften. Keiner weiss es. Dabei war alles mal ganz einfach:

„Zulässig ist, einzelne Vervielfältigungsstücke eines Werkes zum persönlichen Gebrauch herzustellen.“

Und:

„Der zur Vervielfältigung Befugte darf die Vervielfältigungsstücke auch durch einen anderen herstellen lassen; doch gilt dies für die Übertragung von Werken auf Bild- oder Tonträger und die Vervielfältigung von Werken der bildenden Künste nur, wenn es unentgeltlich geschieht.“

Mit der Einschränkung:

„Die Vervielfältigungsstücke dürfen weder verbreitet noch zu öffentlichen Wiedergaben benutzt werden.“

Gestern und Heute

Das wäre doch eigentlich gar nicht so kompliziert. Kopieren… persönlicher Gebrauch… keine öffentliche Wiedergabe, aber Verschenken schon. So weit, so gut. Winziges Problem: Das ist die ursprüngliche Fassung von 1965. Die gilt heute nicht mehr. Weil das deutsche Urheberrecht 1985, 1993, 1998, 2003 und 2008 geändert wurde. Und immer zugunsten der Urheber und Verwerter. Also auf Kosten aller Anderen.

Heute gilt: Kopieren darf man nur, wenn dazu kein Kopierschutz umgangen wird (Film-DVDs haben immer einen Kopierschutz, man darf sie also nie kopieren), und auch nur, wenn dazu das gekaufte Original verwendet wird.

Krieg der Welten

Warum ist das heute so? Weil sich die kommerziellen Verwerter von Kulturprodukten beim Gesetzgeber durchgesetzt haben. Es soll übrigens demnächst noch eine weitere Verschärfung kommen. Warum dieser massive Druck auf die Gesetzeslage? Das hat zwei Gründe. Zum einen der „Aufeinanderprall“ zweier Rechtssysteme: Auf dem europäischen Kontinent gilt traditionell ein Urheberrecht, dass sich auf die unveräusserlichen Rechte des Urhebers bezieht. Die sind so unveräusserlich, dass er sie sogar seine Erben weitergibt, für weitere 70 Jahre kommerzieller Nutzung nach seinem Ableben.

In England hat sich ein anderes Verständnis der „geistigen Schöpfung“ entwickelt. Hier, und ebenso in den ehemals britischen Kolonien, wie US-Amerika, Kanada, Australien, zählt eigentlich nur die kommerzielle Verwertung. Deswegen heisst das dort auch nicht etwa „Authors Right“ oder „Creators Right“, sondern Copyright, also „Recht, Kopien herzustellen und zu verkaufen“. Was wir in den letzten Jahrzehnten erleben, ist ein Versuch der Angleichung europäischen Urheberrechts an das anglo-amerikanische Copyright. Mehr Rechte für die Verwerter, weniger für Kreative und Konsumenten. Betrieben wird diese Angleichung vor allem von US-Firmen, und in der Folge auch von japanischen und europäischen Medienkonzernen (Deswegen ist das Anfügen des amerikanischen Copyright-Symbols an kontinentaleuropäische, eigene Werke juristisch auch Unsinn, hier gibt es kein Copyright, und das Urheberrecht gilt auch ohne eine solche Anmerkung).

Heuschreckenplage

Der zweite Anlass für die Veränderungen und Verkomplizierungen der letzten Jahrzehnte liegt im Erfolg der Popkultur selbst begründet. Sowohl in der Filmindustrie der Nachkriegszeit als auch in der Musikindustrie (hier mit Einführung der CD) wurden buchstäblich märchenhafte Profite erzielt, so dass die Unterhaltungsindustrie zum lohnenden Übernahmeobjekt für Investoren und Bankiers wurde. Welche heute das Geschehen ganz beherrschen und deswegen auch nach ihren eigenen Regeln spielen wollen: Es soll bitte nur um ihre eigenen Verwertungsrechte gehen, um Dividenden und Boni.

Das alles hat natürlich mit dem ursprünglich einmal geregelten Verhältnis zwischen Urhebern und Bürgern nichts zu tun, Kultur ist industrialisiert worden. Wer das so nicht will, muss sich politisch engagieren (Alle Parteien haben klare Standpunkte zu diesem Thema) oder in Freiräume begeben.

Kreativ und trotzdem frei

So wie Creative Commons, ein Rechtebaukasten, mit dem der Urheber genau bestimmen kann, was der Nutzer mit dem Werk machen darf. Zwischen: „Nur gucken, nicht anfassen“ und „Alles, was du willst“. Kommerzielle Möglichkeiten gibt es nämlich inzwischen auch weit jenseits von der Vervielfältigung der guten alten Datenträger aus Papier, Vinyl oder Polycarbonat (CDs und DVDs). Das Urheberrecht und seine käufliche Schwester Copyright laufen in der digitalen Gegenwart eigentlich ins Leere: Kulturnutzung hat heute eine andere Bedeutung als vor 50, 100 oder 150 Jahren. Geht es nach den derzeit so einflussreichen Heuschrecken dann ist Copyright das „ius primae noctis“ des 21sten Jahrhunderts. Dass sowas nicht lange gutgehen kann, lehrt die Geschichte in zahlreichen Beispielen. Da die Zivilisation aber unaufhaltsam voranschreitet, werden die Neo-Feudalisten unserer blühenden Kulturlandschaften weder unter den Heugabeln und Dreschflegeln der Entrechteten enden noch nach dem Ende ihres parasitären Geschäftsmodells kläglich verhungern: Auch ihnen steht die Sicherheit des sozialen Netzes („Hartz IV“) zu; eine Errungenschaft, auf die wir hier stolz sein können.

(Fritz Effenberger, CC 3.0 by-nc-nd)

11 Kommentare

  1. […] This post was mentioned on Twitter by herr bee, 11k2. 11k2 said: Copyright, mal grundsätzlich: http://wp.me/pjgMd-4Gw […]

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  2. Finde ich gut, dass du mal grundsätzlich dazu sprichst. Ich hab mich aber mal etwas tiefer in die natürlich Regeln eingearbeitet. Und wir brauchen das alte Copyright weder zu bekämpfen, noch neue Gesetze einzuführen, noch neue Lizenzmodelle zu entwerfen, um gegen die Heuschreckenplage vernichtend zu siegen. :)
    Wirklich!
    Denn jeden Kreative kann ganz einfach so vorgehen: Seine Arbeit als Dienstleistung sehen (eigenlich gibt es keine nicht-Dienstleistung aber das führt jetzt zu weit). Und halt Bedingungen für die Dienstleistung festlegen. Nicht für das Ergebnis (Information).
    Das funktioniert praktisch genauso wie das Vorbestellen von Waren. Man zahlt im voraus für etwas versprochenes. Und wenn man es nicht bekommt, gibt es Geld zurück oder sonst ein fairer Deal. Aber in der Sichtweise, dass die Endkunden die Investoren sind, und die Vorbestellung der Investition in das gleichkommt, was man da präsentiert.
    Der Schlüsselpunkt der ganzen Sache ist, dass ausschliesslich die Investoren eine Kopie bekommen, und diese voll die Kosten decken. Zusätzliche Einnahmen kann danach jeden machen, der eine Kopie ergattern kann. Investoren, man selber, Andere. Gesetze oder Kopierschutztechniken braucht es dazu keine. Null. Nada. Und es gibt auch keine Konfliktstellen mit bestehenden Gesetzen. Es regelt sich elegant selbst, darüber dass jemand den Geld bezahlt hat, weiss dass er die Kosten hat, wenn er es für Lau weitergibt.

    So kann wirklich jeder aus dem Nichts ein Riesenprojekt aus dem Boden stampfen, gut daran verdienen, und das Ergebnis für alle frei sein.

    Creative Commons, die alte Verwerterindustrie, und die dazugehörigen Gesetze sind damit ad absurdum geführt.
    Und weil sich dann bald keine Sau mehr für die Dinger interessiert, die man nicht weitergeben kann, weil sie von Dingen überschwemmt werden, die man weitergeben kann, und weil sie dazu noch ein schlechteres Preis-/Leistungsverhältnis aufweisen, wird die Verwerterindustrie und der ganze Mist über kurz oder lang in sich implodieren. Oder sich anpassen. Ganz ohne politischen oder sonstigen manuellen Druck. Ohne Gesetzesanpassungen. Ohne PR und große Aktionen.

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    • Oh, und dieser Kommentar ist, da ich ja beim Posten keine Gegenleistung verlangt hab, schonmal direkt Gemeinfrei. Ohne CC-Lizenz. Ist das nicht schön? :)

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    • Das ist eine eher theoretische Welt, von der du da erzählst. Wie ist es dann mit P2P? Und mit den Rechten der Kreativen und Konsumenten? Vielleicht hast du es nicht präzise genug beschrieben, aber so würde es nicht funktionieren.

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  3. Natürlich ein sehr spannendes Thema. Allerdings bin ich mir nicht sicher ob das „alte“ Urheberrecht so eindeutig ist wie es hier dargestellt wird.

    Der Knackpunkt ist „Die Vervielfältigungsstücke dürfen werder verbreitet…werden.“. Also für mich höhrt sich das verdammt nach Tauschbörse an. So wäre zwar eine private Kopie nicht unbedingt illegal, aber Tauschbörsen verbreiten Kopien und das hat mit „fair use“ wenig zu tun. Wenn man ehrlich zu sich ist kann man den „Geist“ des alten Urheberrechts verstehen. Privatkopien sind in ordnung, sollange man damit nicht hausieren geht……

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  4. Da hast du dir wieder einmal einen goldenen Erklärbären verdient. Verständlicher kann man diesen Gesetzeswust kaum formulieren. Nur die Schlussfolgerung halte ich für diskutabel: Das Urherberrecht an sich läuft meiner Meinung nach auch im Reich der digitalen Kopie nicht ins Leere. Ein Track hat nach wie vor einen Autor bzw. eine Band als solchen. Daran ändert sich nix und im Normalfall wird der sogar ganz absichtlich im Dateinamen stehen, schliesslich will man’s auch wissen, von wem das Stück ist.
    Ganz anders die Verwertungs“rechte“. Die interessieren -ganz zu recht- keine alte Sau. Weil sie ein reiner Papiertiger sind und sich sowieso nicht durchsetzen lassen.

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    • Richtig, die „Urheberschaft“ bleibt auf jeden Fall erhalten. Es geht immer nur um die Frage der kommerziellen Verwertungsrechte.

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  5. […] Den ganzen spitzen Artikel bei 11k2 lesen ! […]

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    • http://www.rockthe.biz/

      [ komplette doku auf einen streich (LEGAL ;-D) runterladen: http://thepiratebay.org/torrent/5402749 ]

      The music business is changing a lot at the moment.

      The old ways of marketing and distribution are collapsing. The Internet is an opportunity for artists to sell music on their own. It is getting more and more difficult for the major players in the music industry to justify the high percentage they take from the CDs they produce. The CD as the only media used to promote and to sell music is quickly loosing dominance.

      read more on http://www.rockthe.biz/ueber-rtb.html

      Content:

      1 – The Music-Crisis / Die Musik-Krise
      What led to the music-biz crisis? Who is responsible and why?

      2 – Indie VS. Major
      What are the advantages and disadvantages of Independent / Major-Labels?

      3 – Selfrelease / Selbstvermarktung
      What is selfrelease, how can you do it right or wrong?

      4 – New Media / Neue Medien
      How do you use the internet propperly, where are dangers and advantages?

      5 – Copyright
      What about copyright issues in trhe new music business?
      What about alternativities like Creative Commons?

      6 – GEMA
      A closer and critical look at the german collecting society
      called GEMA (like RIAA).

      7 – The Future of CD / Zukunft der CD
      What will happen to physical soundcarriers like the CD or vinyl?

      8 – Livegigs
      Making money with livegigs, how and why?

      9 – Income / Einkommen
      Bands and labels tell you how and how much money the make.

      10 – The Future Of Music / Zukunft der Musik
      What will the future of music / music-biz look like?

      11 – Tips & Hints / Tipps & Tricks
      All interviewed artists, labels, coaches etc give you usefull hints
      to make your way in professional music biz.

      Tech Spec:

      Video Codec…: H264
      Video Bitrate.: 1.8Mbps
      Frame Size….: 720×576
      Frame Rate….: 25fps
      Audio Codec…: mp3
      Audio Bitrate.: 128Kbps
      Audio Freq….: 44KHz
      Audio Channels: Stereo

      Audio Language: German
      Sub Language: English

      Licence:

      CC (by-nc-nd)

      http://www.rockthe.biz/

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  7. […] Copyright, mal grundsätzlich Was darf man kopieren, was darf man runterladen? Ich befasse mich seit vielen Jahren mit den Rechten und Gesetzen, die den Umgang mit „geistiger Leistung“ regeln; erst als Musiker, später als Journalist. Eigentlich war das mal eine relativ durchsichtige Sache, aber heute mache ich mir ab und zu einen etwas zynischen Spass daraus, Freunde und Bekannte zu befragen, ob sie denn wüssten, was sie heute eigentlich kopieren, herunterladen oder weitergeben dürften. Keiner weiss es. Dabei war alles mal ganz einfach: (11k2, 13.06.2010) […]

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