Der verschwundene Freitag

Donnerstagabend überleg ich noch kurz: Was liegt morgen so an? Nix, weil ich ja den Technik-Job im Theater an nen Kollegen abgeben konnte, damit ich abends schön auf die interne Eröffnungsparty in der Ballonfabrik gehen kann. Also ausschlafen. Hat auch was. Freitagmorgen, ca. 8:15 (also knapp nach Mitternacht): klingelklingel, telefontelefon. Nanu, wer ruft mich denn um diese Zeit an, ich schlaf doch noch. Aus mir selbst nicht verständlichem Impuls heraus robbe ich zum Schreibtisch, wo das Nervteil liegt: „Hallooo?“ „Guten Morgen, Herr Effenberger, wo sind Sie denn gerade?“ „Äh, zuhause..“ „Sie haben aber jetzt eine Veranstaltung!“

(Die Kollegin vom Theater, mit geduldiger Stimme) „Nein, die hab ich doch abgegeben, schon vor zwei Wochen“. „Sie stehen aber bei uns im Plan, 8 Uhr morgens, für die Kindervorstellung“. Mein Gehirn macht leise knirschende Geräusche, dann höre ich meine eigene Stimme sagen: „Ja, stimmt. Das waren ja zwei Veranstaltungen, und ich hab nur das Konzert am Abend abgegeben“. Darauf die Kollegin unbeirrt: „Können Sie dann jetzt gleich kommen?“. Klar. Was denn auch sonst. Dann mal los, mit Zähneputzen als einziger Motivationshilfe.

Kaum im Theater (malerisch gelegen in den ehemaligen Kasernen des letzten Jahrhunderts) angekommen, empfängt mich schon der Myrrheduft der Hochkultur, der gefühlte Sekundenzeiger verlangsamt sich, die Hektik meines knapp geglückten Notstarts in den Tag fällt von mir ab, der Mensch steht wieder im Mittelpunkt. Meine Chefin begrüsst mich freundlich auf dem Korridor, ungeachtet meines Lebenswandels. Auf der Bühne glückliche junge Frauen, sie bereiten die Aufführung des Vormittags vor. Ich begebe mich, jetzt völlig ohne Zeitdruck, auf den Technikbalkon und beginne mit dem Ausleuchten. Nein, das Stück heute ist eher einfach, ich kann auf die voreingestellten Lampen zurückgreifen und muss nicht mit der Leiter sechs Meter hoch an die Decke, um dort Farbfilter zu wechseln oder den Fokus nachzujustieren. Wäre mir auch nicht recht gewesen, so ganz ohne Kaffee im Kopf. Während die weiteren Vorbereitungen ihren Lauf nehmen, führe ich, ähm, wichtige Gespräche mit anderen Mitarbeitern und prüfe, hm, wichtige Dinge nach. Bis dann endlich die fröhlichen Vorschulkinder in den Vorraum strömen. Der Busfahrer fragt nach Kaffee, vergeblich. Ich leide mit ihm, für eine Sekunde. Dann wechsle ich die Identität, und bin Zerberus am Eingang zum Theatersaal, bemühe mich um Freundlichkeit (trotz kalten Koffeinentzugs) und dirigiere den noch formbaren Kulturnachwuchs zu den blauen Klappsitzreihen im Saal. Schön, alle drin, dann wieder zurückswitchen in den Technikmodus, in Beleuchterposition wechseln, das Stück geht los. Irgendwas mit Hexen und Gesang. Eine knappe Stunde später der Applaus, für mich beginnt die Ausschaltprozedur, und das mit kleinen, kleinsten und kaum sichtbar winzigen Überbrückungstätigkeiten gefüllte Warten darauf, dass die Künstlerinnen endlich ihre paar Klamotten in den Nebenraum getragen haben. Ich mische mich in diese Prozedur nicht ein, weil jede Form von Entscheidungsfindung, welches Kistchen ich denn zuerst wohin stelle solle, den Prozess erfahrungsgemäss nur verzögert. Danke, und bis nächstesmal, kurz vor Mittag (Aussenwelt-Zeitrechnung) bin ich wieder zuhause.

Frühstück. Kaffee. Internet. Müde. Ich sollte was in mein Lieblingsblog tippen, und auch ein paar Artikel für Geld… klingelklingel, telefon, telefon. Diesmal ist es die auffallend hübsche Brünette von neulich, und sie flüstert mir ohne zu Zögern mein Lieblingswort ins Ohr: Kaffee. (Ich habe auch noch andere Lieblingswörter, keine Sorge). Und weil ich so ein guter Mensch bin, erkläre ich mich natürlich ohne Zögern dazu bereit, mich mit ihr zu treffen, zu einem Kaffee und ein paar Belanglosigkeiten. Ich bin erklärtermassen ein grosser Freund von Belanglosigkeiten, immer vorausgesetzt, die Gesprächssituation hat das hohe intellektuelle Niveau dieses Nachmittags. Der natürlich viel zu schnell seinem vorläufigen Ende entgegeneilt, weil sie ein wichtiges Kulturevent an der Uni besprechen und ich als Vorstandspirat an der Demo auf dem Rathausplatz teilnehmen muss. Um den freien Austausch der Ideen und Standpunkt nicht zu sehr zu unterbrechen, verabreden wir uns für den nächsten Tag.

Die erwähnte Demo (Stuttgart 21, gegen Gewalt und so) ist bei meinem Eintreffen bereits in Auflösung begriffen, nochmal ne Runde Händeschütteln mit Piraten und Stadträten, gemeinsames Krachmachen und kurze Diskussion, wer am Besten in welche Partei wechseln solle.

Dann zurück in die Homebase, um schnell ein paar Adapter zu löten, damit am Abend in der Ballonfabrik die Bühnenmonitore laufen. Plus zwei Besuche in der favourite Haibar, bis ich dort endlich den Käptn antreffe, der mir mit grossmütiger Geste Mikrofone und Kabel leiht. Alles hinten rein in den Honda und entlang der Stadtmauer in die Wolfzahnau.

Dort staune ich erstmal über den enormen Fortschritt, den die munteren Vereins-Punks geregelt kriegen; die ehemalige Fabrikhalle sieht aus wie ein cooler Club. Schnell die Kabelverbindungen rein, dann aufs Dubstep-Pedal treten und warten, wie lang es dauert, bis die ersten der über 100 zur internen Eröffnungsparty geladenen Gäste jammern, dass es zu laut sei.

Höhepunkt des Abends allerdings die Lokalhelden Sputnik Booster und die Future Posers: Anarchische Chiptunes und ekstatisch tanzende Roboter. Nach ein paar Bier zuviel: Rückweg und wohlverdiente Hibernation bis zum nächsten Tag. Der übrigens genau so weitergeht, und morgen auch. Hoffentlich ist bald Montag und ich kann mich ein bischen ausruhen.

9 Kommentare

  1. Ein kleiner Einblick in Fritz‘ Alltag. Nice one, schöne Eins :D

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  2. tja.. das leben eines verunstaltungstechnikers… ich fühle mit dir

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  3. fritz, danke für den einblick in deinen alltag! hat mich schon immer mal interessiert, was du so eigentlich treibst, außer dieses tolle 11k2 schreiben.

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    • Schleimer :D

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      • haha von wegen. find das echt mal spannend. man liest und liest und stimmt häufig zu, und dann frag ich mich doch auch, was steckt da fürn mensch dahinter, so im privaten.
        soll jetzt aber keine aufforderung für ne weiterentwicklung richtung tagebuch werden hier @fritz ;)

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        • Next step: Katzenbilder.

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  4. n1

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  5. wo sind die kinder?

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  6. das ist ja fast schon literarische hochkültür:-)

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