Die Erneuerung des Urheberrechts

Auf dem Bundesparteitag der Piratenpartei im Chemnitz wurde am letzten Wochenende das Parteiprogramm auch zum Urheberrecht weiterentwickelt (zu anderen Programmpunkten werde ich später Stellung nehmen). Das ist erfreulich, weil wir, als Gesellschaft, Gegenentwürfe zum Alleinvertretungs­anspruch der Medienkonzerne benötigen. Wichtig ist hier, dass die Piratenpartei eindeutig zwischen kommerzieller und privater/nicht-kommerzieller Nutzung geistiger Werke unterscheidet, letztere muss tatsächlich uneingeschränkt legal sein und bleiben.

Drei Interessengruppen

Die Bedingungen der kommerziellen Nutzung allerdings müssen zwischen drei Interessengruppen ausgehandelt werden: Kreative, Konsumenten und Verwerter. Grundsätzlich müssen Kreative an der wirtschaftlichen Verwertung ihrer Leistungen teilhaben können. Ist das nicht der Fall, bleibt den Künstlern und Forschern nichts anderes übrig, als sich einen Brotjob zu suchen statt den Tag mit Geistigem zu verplempern. Konsumenten wollen den freien Zugang zu allem, und darüber hinaus eine Möglichkeit, den Preis geldwerter Leistungen (nicht alle geistigen Leistungen sind Geld wert) mit zu bestimmen, etwa durch Auswahl unter konkurrierenden Angeboten. Verwerter hätten am liebsten die alleinige Preiskontrolle über alle geistigen Inhalte, um ihren Profit maximieren zu können.

Es geht auch ohne Urheberrecht

Grundsätzlich wissen wir, dass es ein funktionierendes System wirtschaftlicher Nutzung von geistigen Inhalten auch völlig ohne Urheber(verwertungs)recht geben kann (siehe 11k2: Urheberrecht schadet den Urhebern); allerdings ist es in der gegenwärtigen politischen Lage nicht möglich, diesen Freiheitsgrad wieder zu erlangen. Wir wissen auch, dass in jener regulierungsfreien Zeit Urheber und Verwerter florierten, wenn sie in der Lage waren, gemeinsam an der Erstveröffentlichung zu verdienen.

Monopole und ihre Nachteile

Heute haben Urheber das Problem, an ihrer eigenen geistigen Leistung nur dann effektiv zu partizipieren, wenn sie sich dazu an einen Verwerter binden; eine Ausnahme stellen hier bildende Künstler, die in der Regel Originale und keine Kopien (und auch nicht das Recht auf Kopien a.k.a Copyright) verkaufen.

Im weiten Bereich der massenvermarktbaren Kultur- und Wissensgüter dagegen gilt heute ein Alleinvertretungsanspruch durch den Vertreter eines Urhebers bis 70 Jahre nach dessen Tod, in Einzelfällen („lex disney“) auch 95 Jahre. Ist es gesellschaftlich wünschenswert, dass ein Monopol auf die kommerzielle Verwertung eines geistigen Werks so lange anhält? Eher nicht, da immer nur Einzelne von dieser Form des Verwertungsrechts profitieren. Es sollte daher zunächst das Urheberverwertungsrecht auf dessen Lebensspanne begrenzt werden. Natürlich muss sich dann etwa ein Verlag überlegen, ob er das neueste Buch eines 100jährigen Autors ins Programm aufnimmt; das das gehört dann zum unternehmerischen Risiko.

Zeitliche Einschränkung

Eine Beschränkung des (kommerziellen) Urheberverwertungsrechts auf 10 Jahre, wie aktuell im Parteitagsbeschluss GP118 nachzulesen, würde dagegen zu folgender Situation führen: Ein Erstverwerter eines geistigen Werks würde Marketingkosten anführen, um den Anteil des Urhebers am wirtschaftlichen Erfolg zu drücken; nach Ablauf von 10 Jahren könnten „Klassiker“ wie langfristig vermarktbare Bücher, Filme, Musikstücke dann allein von Verwertern genutzt werden, ohne dass der Urheber daran teilhat. Eine solche Regelung wäre als weder für Konsumenten noch Kreative positiv, sondern nur für Verwerter.

Der freie Markt

Um das zu vermeiden, muss eine Zusatzregelung eingeführt werden: „Verpflichtende Lizenzen“ (siehe 11k2 zu: Reto Hilty). Nach diesem Modell darf jeder Verwerter geistige Leistungen Kreativer nutzen, muss aber einen festzulegenden Anteil am Umsatz an den Urheber abführen, ein etwaiger Erstveröffentlichungsvertrag kann für begrenzte Zeit (z.B. fünf Jahre) abgeschlossen werden. Daraus entsteht eine Wettbewerbssituation, die sich für alle Beteiligten positiv auswirkt: Urheber profitieren von jeder kommerziellen Nutzung ihrer Werke für die Dauer ihrer Lebensspanne, Verwerter können in Wettbewerb miteinander treten und sind nicht darauf angewiesen, möglichst viele Verwertungsmonopolverträge anzuhäufen, Konsumenten können unter den Angeboten mit den für sie ansprechendsten Preis/Leistungs-Verhältnissen wählen. Die private, nichtkommerzielle Nutzung von Kopien muss in diesem Modell natürlich weiterhin frei bleiben.

Die kommerzielle Verwertung digitaler Kopien ohne weiteren Zusatznutzen wird sich unabhängig von allen zukünftigen Gesetzen als wirtschaftliche Luftnummer herausstellen, da der Konsument nicht bereit ist, für eine digitale Abbildung ohne physischen Gegenwert nennenswerte Geldbeträge auszugeben. Die Digitalwirtschaft von morgen wird also vor allem aus neuen, noch nicht entwickelten Dienstleistungsmodellen bestehen, die massengefertigten physischen Kopien des Industriezeitalters haben keine Zukunft.

Programmänderungsantrag

Ich werde daher auf dem nächsten Bundesparteitag der Piraten einen entsprechenden Programmänderungsantrag stellen, der das Modell der Verpflichtenden Lizenzen einbringt. Ich denke, der Schritt zu einem solchen, sehr wettbewerbsorientierten Wirtschaftskreislauf ist weniger weit und hat daher grössere Chancen auf politische Verwirklichung als die bisher beschlossene Version. Plus: Es entsteht ein gerechterer Ausgleich zwischen den Interessen der Urheber, Konsumenten und Verwerter.

Dieser Beitrag ist eine Antwort auf den Blogartikel „Drei Fragen zur Content-Verwertung“ von Andi Popp. (pic pd)

10 Gedanken zu „Die Erneuerung des Urheberrechts

  1. Ja, Fritz, habe Dich in Chemnitz vermisst. Selbst unter Piraten kursieren noch die merkwürdigsten Vorstellungen zu diesen Thema. Es freut mich, das Du dann beim nächsten BPT wieder mitmischen willst.

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  2. Sorry, mir lebt ihr immer noch zu sehr in der Fantasiewelt des „geistigen Eigentums“. Ich habe lange über die Theorie hinter der ganzen Sache nachgedacht. Ansprüche, Besitztümer, u..s.w.
    Und im Grunde sind wir doch nichts weiter als Expandierende Biomasse im Kampf um Ressourcen. Und weil wir rausgefunden haben, dass andere Biomasseklumpen/Lebewesen uns nützlich sein können, wenn wir zusammenarbeiten (zumindest so lange, bis es nur noch diese beiden, und genug Ressourcen, gibt), haben wir entschieden, diesen anderen nicht zu schaden, weil das hiesse uns selber zu schaden.
    Also erfanden wir Regeln dafür, was wir als Schaden definieren, und was nicht. Dabei wurde klar, dass anderen Ressourcen wegzunehmen die diesen bereits kontrolliert, für diese natürlich schädlich ist. Diese Ressourcen unter Kontrolle von Lebewesen nennen wir „Besitztümer“.
    Das ist bei Land so, und bei Informationen. Nur das Problem ist: Man kann Informationen nicht wirklich kontrollieren. Man kann nur ihre Medien kontrollieren. Was bei (vielen) Menschen eher schwierig bis unmöglich wird.

    Sowas wie Urheberrecht ist also eine freie Erfindung, genauso wie Copyright. Die Grundidee, dass wir Leuten die wertvolle Informationen/Daten/Ideen erschaffen, für ihren Dienst dankbar sein wollen, ist in obigem Sinne logisch korrekt. Leider besteht die ganze Gedankenwelt der praktischen Regelung jedoch auf der Verwechslung von Informationen (strukturellen Eigenschaften) mit physikalischen Gegenständen (Materie). Sie geht nämlich davon aus, dass man Ideen wie physikalische Objekte (z.B. Stühle) kontrollieren könnte. Was natürlich Unsinn ist. Ohne diese Annahme funktioniert das Urheberrecht aber nicht.
    Und totalitärkommunistische „Kulturflatrates“ kommen uns natürlich nicht in die Tüte, weil: Wozu dann noch anstrengen, wenn man für das beste Lied aller Zeiten genau die selbe Belohnung bekommt, wie für „Maschendrootzaun in dä Morning“?

    Was bliebt? Simpel: Du hast Informationen. Du weisst sie sind wertvoll. Wenn du sie rausgibst, werden sie in alle Welt verteilt, und damit wird ihr Wert bald gleich Null sein. Also was tust du? Du gibst sie nur unter den Bedingungen heraus, die sich für dich fair anfühlen. Und du achtest darauf dass du den Empfängern entweder sehr traust, oder du dir im klaren bist, dass Informationen die einmal draussen sind, nie wieder kontrollierbar sind, sich überall verteilen, und es somit aus ist mit den Gegenleistungen. Also gehst du sicher, dass du beim ersten Mal schon bekommst, was du willst.
    Später kannst du nur (um Spenden) bitten. Aus Respekt. Verlangen und darauf bestehen ist dann nicht mehr.

    Das reicht schon an Regeln. Urheberrecht, Lizenzen, und der ganze Schrott werden plötzlich nutzlose und absurde Konzepte. Weitergeben kann jeder wie er will. Für Geld und ohne. Nur: Wer Geld dafür gegeben hat, und es auch verlangen darf, der wird sich freuen, auch was dafür verlangen zu können, wenn jemand anders ihn um die Informationen bittet.

    Problem gelöst.

    (Ja, Kriminelle, die totalitäre Kontrolle über uns ausüben, und unsere Informationen kontrollieren wollen, müssen natürlich trotzdem aus der Gemeinschaft fliegen!)

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    1. Deine Lösung beruht also darauf, das Informationsmonopol des Urhebers auszunutzen? Bewusst Bildung und Kultur auf die wohlhabende Schicht zu beschränken ?
      IMHO würde so ein System den Informationsfluss und -zugang auf mittelalterliche Verhältnisse vor Erfindung des Buchdruckes zurückversetzen.

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  3. Eeem, warum genau brauchen wir nochmal „Verwerter“? Es is 2010, verdammt! Wozu soll sowas gut sein? Find ich nicht richtig, dass die Piraten jetzt einknicken.

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  4. Interessant ist immer, dass man auf alle mögliche Geräte, wie Computer, Drucker, DVDs usw. für seine Privatkopie Gebühren zahlen soll und trotzdem noch Kopierschutz und Co. bestehen bleiben. Die rotzfreche Behauptung der Verwerter, wenn alles frei wäre würde die Welt zusammenbrechen stimmt so nicht!

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  5. Wozu Verwerter? Tja, leider braucht der kommerziell interessierte Urheber die immer dann, wenn er nicht rein digital veröffentlichen kann oder möchte und sich außer Stande sieht, das Marketing auch noch allein zu wuppen. Und Werbung muss sein, sonst ist nichts verkauft/verdient.

    Eine Buchproduktion z.B. kann sich schlicht kaum ein Autor leisten, weil er ja Dienstleister dafür bezahlen muss (ausgenommen er ist zusätzlich noch drucker udn Buchbinder). Und wenn er es tut, dann weiß keiner davon. Weil allein auf social networks zu vertrauen reicht da leider nicht, um wenigstens die Produktionslkosten zurück zu erhalten.
    Der Verwerter/Verlag übernimmt in diesem Fall das Risiko, dafür bekommt er auch ein Stück vom Kuchen. Und der Autor sein vertraglich vereinbartes Grundhonorar und zusätzlich Auflagenbeteiligung. Ich kenne tatsächlich Autoren, die davon leben können!

    Book on demand: ich hab’s mir grade mal vom „Marktführer“ online berechnen lassen: ein Roman mit 500 Seiten kostet bei einer maximalen Auflage von 200 Stück (in der billigsten Produktionsqualität) lustige 3.104,00 € brutto. Um damit eine Marge von 10 % zu erreichen, müsste das Buch im Handel für 31,90 € brutto angeboten und die komplette Auflage verkauft werden. Wie aber als unbekannter Autor auch nur die 200 Stück zu diesem exorbitanten Preis losbringen?
    Der „kostenlose Marketingservice“ beinhaltet zwar eine „eigene Autorenhomepage“ und die Aufnahme ins deutsche Buchhandelsverzeichnis. Aber Werbung müsste nochmal extra bezahlt werden – eine Anzeige im Buchjournal z.B. für „nur“ 529 €uronen.
    Dazu kommen dann noch laufende Kosten von 1,99 € brutto/Monat, damit der Dienstleister die Druckvorlagen gespeichert hält, falls du nochmal eine Auflage haben willst.
    Und das alles für eine Marge von 310,40 € bei komplett verkaufter Auflage! Die wäre schon komplett von der einen Anzeige gefressen und ich zahle noch drauf.
    Ein ganz schön teures Hobby!

    Ich finde die „Verpflichtenden Lizenzen“ eine sehr gute Alternative!

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    1. (nach ca. 5 min. suchen)

      bei LuLu . . .

      http://www.lulu.com/de/publish/books/?cid=de_home_nav_bk

      . . . machen sies dir für 2466.00 EURO (Preiskalkulator aufrufen). also für ganze 638 EURO billiger.

      wenn ich denn nun ernsthaft anfangen würde zu SHOPPEN würde ich irgendwo mit sicherheit nochmals 500 bis 800 EURO sparen können.

      außerdem kann man auch in der zB. ukraine drucken lassen. dort bekomme ich sicher 1000 (oder noch mehr) gedruckte bücher für um die 1500 EURO. dank i-net kann man das produkt auch dort aus relativ billig vermarkten lassen. und zwar professionell.

      schon mal davon gehört das wir grenzübschreitende ausbeuter-marktwirtschaft nach neoliberalem drecks-kapitlistischem vorbild haben???

      wenn also die sau-bonzen die systeme missbrauchen können kann das ein jeder andere auch.

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      1. Ich antworte spät, aber komme nicht umhin, es noch zu tun.
        Auch wenn es billigere Angebote für „book on demand“ gibt, es lohnt sich für den Autor auch bei günstigeren Angeboten nicht, wenn er wenigstens ein bisschen was verdienen will. Ob ich nun mit 3.000, 2.500 oder 2.000 €uronen in Vorkasse gehen muss, ich muss in Vorkasse gehen. Das Geld muss ich erst mal haben. Und der im best case zu erwartende „Gewinn“ ist nicht mehr als eine Aufwandsentschädigung – für die Zeit von 1 Jahr oder mehr, die in 500 Seiten Roman – inklusive Recherche dafür – an Arbeit drinsteckt.

        Ansonsten bitte ich dich, die Ausführen von JL weiter unten zu lesen. Der hat das wunderbar ausgeführt.

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  6. Dieses Pild da oben zeigt eine „Kopfpresse“.
    Dieses Instrument ist ein mittelalterliches Folterinstrument.
    Da wurde man kopfmäßig eingeschnallt und der Kopf quasi von oben zusammengedrückt.
    Zuerst wurde die Schädeldecke schwer angeknackst, bei stetiger Druckerhöhung quollen die Augen heraus, schließlich brach das Kiefergelenk und die Zähne bohrten sich dann quasi in den oberen Rachen/Schädelbereich.
    Nur so zur Info.
    (GutenbergGutenberg…..tsstsstss….)

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  7. Das ist eine extrem gute Initiative von Dir. Tatsächlich würde Antrag 118, wenn er zum Gesetz würde, das Aus für sämtliche Autoren bedeuten. Aus genau dem von Dir genannten Grund (ein weiteres Szenario wäre, dass große Verlage nach Ablauf der Schutzfrist einfach Manuskripte aufkaufen, die vorher in bescheidener Auflagenzahl gelaufen sind, und schauen, ob man mit einem entsprechenden Werbeetat nicht doch noch einen feinen Gewinn damit machen kann).

    Man lebt als Autor, wenn überhaupt, eben *nicht* von den einmalig gezahlten Honorarvorschüssen, sondern von den langjährigen Einnahmen über Tantiemen und Verwertungsrechte. Und Print-on-Demand-Angebote sind eben *keine* Alternative, weil man bis auf wenige Ausnahmefälle nie mehr als dreistellige Auflagenzahlen damit erreicht. Allein Lektorat, Produktion und Vermarktung eines Buchs sind so teuer, dass es momentan keine Alternative zu den großen Verlagen gibt. Das wird sich möglicherweise ändern, wenn ein Großteil der Leser ebooks den Vorzug geben. Vorher nicht. Und deshalb kann ein Autor eben nicht wie ein Automobilkonzern, um den Vergleich aus Andis Blog zu bemühen, einfach sehen, wo er bleibt. Der Autor ist eher der Ingenieur, der auf den Konzern angewiesen ist, der seine Ideen auch baut … letztlich sind all dieses Vergleiche aber holprig.

    Es läuft einfach darauf hinaus: keine kommerzielle Vermarktung eines Manuskripts, ohne dass der Autor daran mitverdient. Ansonsten werden die Piraten für Kunstschaffende unwählbar. Und das wäre schade.

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