Organisierte Aufklärung und Vernunft

Da ich zu meiner eigenen Verwunderung mitten im 21sten Jahrhundert gehäuft Diskussionen über Religion und Kirchen führen muss, möchte ich hier meine grundsätzlichen Standpunkte dazu veröffentlichen.

– Die verfassungs­mässig garantierte Freiheit der Weltanschauung ist unbedingt zu schützen. Das heisst, jeder soll glauben was er will, auch wenn ich das im Einzelnen noch so blöd finde.

– Die in der Vergangenheit von weltanschaulichen Organisationen (Kirchen) ausgeübte Gewalt rechtfertigt keine neue Gewalt. Es ist weder akzeptabel, Kirchen anzuzünden, noch den Papst zu ermorden.

– Die festgeschriebene Trennung von Staat und Kirche muss endlich durchgeführt werden. Dazu muss die Kirchensteuer abgeschafft werden; entsprechende Organisationen sollen direkt Mitgliedsbeiträge verlangen.

– Die Konfession ist aus dem staatlichen Melderegister zu streichen.

– Der Religionsunterricht an Schulen soll durch das Fach Ethik ersetzt werden.

– Alle Kirchen (und entsprechende Körperschaften) sollen durch unabhängige Wirtschaftsprüfer überwacht werden, die Ergebnisse sind zu veröffentlichen, da es sich hier um privilegierte Körperschaften des öffentlichen Rechts handelt.

– Alle zusätzlichen staatlichen Förderungen sind zu streichen; d.h. Kindergärten sind dann entweder kirchlich oder kommunal und nicht querfinanziert, Kirchenbauten sind entweder sakral und damit aus Mitteln der Kirche zu unterhalten, oder öffentlich bezahlt und damit für alle Zwecke zugänglich.

– Kirchliche Mitarbeiter sind aus Eigen- und nicht aus Steuermitteln zu bezahlen.

– Unabhängig von religiösen Initiationsriten soll der rechtlich bindende Beitritt zu einer Religionsgemeinschaft erst mit Eintritt der Volljährigkeit durch eine schriftliche Erklärung möglich sein. Opt-In statt Opt-Out.

In anderen Ländern funktioniert das auch, also warum nicht hier in Deutschland? Um meine humanistische Überzeugung besser vertreten zu wissen (auch und gerade in Gremien wie dem Rundfunkrat), bin ich dem Bund für Geistesfreiheit beigetreten (geht auch kostenlos). Bis zum nächsten Bundesparteitag der Piraten sind noch ein paar Monate Zeit, ich kann also in Ruhe an meinem Programmantrag feilen und ihn mit euch diskutieren. Was denkt ihr? (pic: der olle descartes, gemalt von frans hals)

19 Kommentare

  1. In einem Punkt widersprichst Du Dir allerdings; eine Finanzaufsicht über Religionsgemeinschaften dürfte der Staat nur so lange führen, wie er das jetzige Staatskirchenrecht beließe. Mit der Forderung, die Trennung von Kirche und Staat durchzusetzen und die Finanzprivilegien zu streichen, wäre auch das Aufsichtsrecht weg. Die Kirchen wären damit auch fiskalisch herkömmlichen Wirtschaftsunternehmen gleichzusetzen – was sie ja auch sind, wie jedes beliebige Bordell und jeder andere Waffenhersteller.

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  2. Du hättest deine Liste wieder mal größtenteils durch einen einzigen zentralen Satz sagen können: Kirchen müssen (ab jetzt) Firmen sein. Punkt.
    Daraus würde sich deine Liste zwingend folgern lassen. Und es würde klar werden, dass die Liste noch Details vergaß, die diese Regel enthält. :)
    Deswegen sind Funktionen (allgemeine Regeln mit Parametern, vergleichbar mit Naturgesetzen) den Listen (Unvollständige Samples mit Artefakten, vergleichbar einer Liste von Beobachtungen) immer vorzuziehen, wenn man sie denn kennt.

    Aber bitte kein Fach “Ethik”. Das wird in der Praxis wieder nur zum Fach „Propaganda für unsere Weltanschauung”. Besser ein Fach „Sozialer Umgang“, in dem man lernt, mit seinen Mitmenschen klarzukommen. :)

    Denkfreiheit? Selbstverständlich. Doch Religion ist und bleibt weiterhin eine massiv grassierende psychische Krankheit. Das ist auf garkeinen Fall abwertend zu verstehen! Es ist eine Selbstschutzreaktion des Gehirns vor nicht verarbeitbaren Extremsituationen. Üblicherweise in einfachen Worten: Nicht erklärliches. Und genauso, ist sie mit ein klein wenig Aufwand zu heilen, was der Person zu einem glücklicheren, freieren Leben (weil nicht eingeschränkt durch eine wahnhaft verzerrte Weltsicht) verhilft. Das Problem mit solchen schizophrenieähnlichen Erkrankungen: Die Menschen die darunter leiden, wollen selber garnicht geheilt werden. Weil aus ihrer verzerrten Sicht nämlich die Reälität beängstigend, böse und schlechter wirkt. Und ihre Sicht gut, sicher, und geborgen. Leider ist es in der Realität jedoch umgekehrt. Doch ihnen das logisch klarmachen zu wollen ist sinnlos. Man muss ihnen einfach die echte Welt so erklären, dass sie nicht mehr beängstigend, sondern schöner und viel toller und vorteilhafter ist als ihre Wahnwelt. Und dann muss man ihnen die Möglichkeit geben, ihren Selbstrespekt zu behalten, wenn sie die Wahnwelt aufgeben.
    Denn dann kommen sie nämlich von ganz alleine. :)
    Also: Tut was gutes: Zeigt euren Mitmenschen wie schön die Realität sein kann!

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  3. ja wahnsinn, deine punkte kann ich GENAU SO unterschreiben.
    was ich denke? eben genau was du denkst.
    weitermachen. *g*

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  4. Bee, Barefoot: eben keine Firma, sondern eine Körperschaft öffentlichen Rechts, also steuerbefreit. Deswegen die Finanzaufsicht. Und meinetwegen ja, statt „Ethik“ eben „soft skills“. Und wegfallen sollten die Zusatzleistungen des Staates an die Hauptkirchen. Unser Geld, Dudes.

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  5. Zunächst verstehe ich nicht, warum du die Kirchen angesichts dessen, dass sie es laut GG schon sind, zu Körperschaften öffentlichen Rechts erklären willst. Verzeih bitte mein Dilettantentum.

    Es sei dabei gesagt, dass ich mich primär auf die evangelisch-lutherische Kirche beziehen kann und beziehe.

    Dann möchte ich einige Argumente gegen die Abschaffung der Kirchensteuer vorbringen, allein aus dem Grunde, dass du die Forderung danach nicht begründest;

    Erstens sehe ich an den Ländern mit eigener Verwaltung der Kirchen keine wirkliche Besserung der Lebensumstände. In den USA, wie auch etwa in Englang oder im Vatikan, finanzieren sich die Kirchen durch Werbekampagnen und Vermögenserträgnisse. Dort sind sie also, verzeih die harten Wörter, zu kapitalistischen Unternehmen mutiert. Nicht gerade Sinn von Kirchen. In Frankreich wiederum, da traditionell Kirche und Staat getrennt werden, muss die Kirche buchstäblich betteln gehen, und das wieder vor allem beim Staate, die Angestellten müssen häufig Zweitberufen nachgehen. Auch nicht das, was etwa eine karitative Einrichtung befördern würde.
    Zweitens würde die Kirche von Investoren abhängig, Lobbyismus entstünde, mittellose Bedürftige wie Arme der dritten Welt hätten das Nachsehen.
    Drittens ist der Verwaltungsaufwand einer Eigenfinanzierung der Kirchen wesentlich höher als die Gebühr, die sie für die Einsammlung der Steuer gegenwärtig ausgeben muss, womit – ja, wieder Reccourcen für Hilfs- und Gemeindeprojekte verloren gehen.
    Außerdem brauchen wir von den Arbeitsplätzen, vom Pfarrer bis zur Reinigungskraft, nicht zu sprechen. Ökonomisch schier unhaltbar.
    Und letztlich dazu noch die Tatsache, dass eine Institution wie die Diakonie kontinuierliche Einnahmen braucht, um effektiv Hilfe leisten zu können, ansonsten brächen die gesamten hiesigen Sozialwesensysteme ein.

    Ich bin kein großer Anhänger der Christenheit und der Frömmigkeit, aber wir sollten uns der christlichen Kirche, nicht nur um ihrer Subsidiarität Willen, einmal besinnen und uns glücklich schätzen, sie überhaupt zu haben.

    Und dieser polemisierende Marxismus, den Barefoot an den Tag legt, ist schon seit einigen Jahrzehntchen ziemlich out. Sowjetunion & Söhne übrigens auch.

    Gruß an den gelahrten Oheim!

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    • Wie wäre es, wenn man statt den Kirchen Geld zu geben, unabhängige Sozialdinger aufbauen würde?

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      • Ich denke, man würde dabei zunächst Art. 144 GG (1) widersprechen, der den Geistlichen Recht auf staatlichen Schutz gewährt. Kann man ändern, ok. Aber trotzdem müsste man bei dem Unterfangen gewaltige Zahlen von Sozialwesenbeschäftigten aus den Kirchen kompensieren und da diese gewiss nicht selten christlicher Tugenden wegen engagiert sind, verlöre man u. U. Vertrauen und Engagement der Helfenden. Zumal der Zivildienst unlängst indirekt gestutzt wurde womöglich auch ein Personalproblem.
        Außerdem sollte man nicht vergessen, dass es eine Bewegung evangelischer (zugegebenermaßen auch teils röm.-kath.) Theologen und Religionspraktiker waren, die im 19. Jahrhundert mit der sogenannten „inneren Mission“, die soziale Hilfe erst begründete. Wichern, Spener, Löhe, von Bodelschwing, Kolping; das sind die Gründer der ersten Hilfseinrichtungen gewesen.

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        • Ausbeutung: Diakonie-Heime betreiben Lohndumping à la Schlecker

          Mit christlicher Wohlfahrt hat das wenig zu tun: Laut einem Pressebericht beschäftigen Diakonie-Heime Zehntausende Mitarbeiter in Zeitarbeitsfirmen – und drücken so die Lohnkosten. Mit ähnlichen Methoden sorgte schon der Discounter Schlecker für Schlagzeilen.

          Hamburg – Das Wort Diakonie kommt aus dem Altgriechischen; man versteht darunter alle Dienste, die die Kirche dem Menschen erweist. Der Diakon ist in diesem Selbstverständnis der Diener. In einigen Pflegeeinrichtungen der Diakonie gilt diese Prämisse offenbar nur eingeschränkt.

          Nach Angaben des „Stern“ haben Häuser des evangelischen Wohlfahrtsverbands die Löhne Zehntausender Angestellter gedrückt. Viele Mitarbeiter seien in Zeitarbeitsfirmen beschäftigt und müssten dort zu niedrigeren Löhnen arbeiten als bei einem regulären Angestelltenverhältnis, berichtet die Zeitschrift.

          Das Vorgehen erinnert an die Dumpingmethoden der Drogeriemarktkette Schlecker. Das Unternehmen hatte zum Beispiel Verkäufer in die Zeitarbeitsfirma Meniar („Menschen in Arbeit“) gezwungen und deren Löhne auf 6,78 Euro gedrückt. Mittlerweile hat sich das Unternehmen von seinen Methoden distanziert und Besserung gelobt.

          Laut „Stern“ nutzen Diakonie-Heime die unternehmenseigene Leiharbeitsfirma Dia Logistik, um neue Mitarbeiter zu den niedrigen Zeitarbeitstarifen einzustellen. Vor allem bei qualifiziertem Pflegepersonal habe das Unternehmen kräftig gespart. Nach Angaben des Magazins verdient eine ausgebildete Altenpflegerin mit zwei Jahren Berufserfahrung bei der Diakonie pro Stunde 14,28 Euro. Bei der Leiharbeitsfirma erhält sie nur 10,16 Euro – monatlich ist das ein Minus von 640 Euro.

          WEITERLESEN:

          http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,739093,00.html

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          • Ich kann mich irren, aber soziale Institutionen dürfen meines Wissens keinen Gewinn machen. Etwaige persönliche Bereicherungen, die die Leiter der Diakonie also von solch einer Aktion davontrügen, können nicht vorhanden sein. Vermutlich muss sie also entweder Einbußen von Einnahmen hingenommen oder mangelhaft verwaltet haben. Das rechtfertigt aber nicht, der Diakonie moralische Verwerflichkeit vorzuwerfen.

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  6. amen!

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  7. Den meisten Punkten kann ich zustimmen, nur mit einem habe ich ein Problem: Die Abschaffung des Schulunterrichts, bzw die Substituierung. Ich bin der Meinung, im Interesse des Allgemeinwohls ist es wichtig, dass Kinder über ihren Glauben auch noch von jemanden anderen als den möglicherweise fundamentalen Eltern und Pastoren unterrichtet werden. Deshalb sollte man im Gegenteil auch den Islam als Fach anbieten.

    Ich hatte nie Religionsunterricht, und manchmal nervt mich schon mein mangelndes Wissen über den ganzen Hokus-Pokus, den man schon als Teil des Allgemeinwissens bezeichnen kann. Ich sach nur Kreuzworträtsel.

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    • [ und manchmal nervt mich schon mein mangelndes Wissen ]

      gegen mangelndes wissen gibt es zu fast jedem thema auf der welt inzwischen tausende (pro thema) – im besonderen aber über religion im allgemeinen und religionsformen 100 tausende – bücher, wissenschaftliche abhandlungen, dokumentationen, filme, tondokumente, internetseiten etc.!

      wie wärs vllt. damit das du dich mal selber darüber schlau machst statt darüber zu jammern das dir früher nicht – von irgendeinem demagogen – irgendetwas ins hirn eingehämmert wurde.

      aber ja doch . . . ich weiß, selber lernen ist scheiße (und anstrengend). allemal „besser“ ist es sich von irgendjemanden voll-blubbern zu lassen um im anschluß daran auf irgendeinem stück kontrollpapier kreuzchen zu machen (um zu sehen was evtl. hängen-geblieben ist).

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  8. FULL ACK!

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  9. […] This post was mentioned on Twitter by Stephan M.. Stephan M. said: RT @11k2: Organisierte Aufklärung und Vernunft: http://wp.me/pjgMd-5Lu […]

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  10. Das kann ich so nur unterschreiben.

    Gibt es so was wie den Bund für Geistesfreiheit auch nördlich des Weißwurstäquators? Brauche was in Hessen.

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  11. Nette Idee. Nur leider ist der Religionsunterricht im Grundgesetz Artikel 7 Absatz 3 fest verankert. Den werden wir nicht los:

    „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu erteilen.“

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    • Folge: Um uns die Mühe zu sparen, das Grundgesetz extra zu ändern, fordern wir statt dessen die Gleichstellung des Ethik-Unterrichts bzw die Verpflichtung, an allen Bildungseinrichtungen, die Religionsunterricht anbieten, das auch mit Ethik zu tun.

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  12. […] Da ich zu meiner eigenen Verwunderung mitten im 21sten Jahrhundert gehäuft Diskussionen über Religion und Kirchen führen muss, möchte ich hier meine grundsätzlichen Standpunkte dazu veröffentlichen. – Die verfassungs­mässig garantierte Freiheit der Weltanschauung ist unbedingt zu schützen. Das heisst, jeder soll glauben was er will, auch wenn ich das im Einzelnen noch so blöd finde. – Die in der Vergangenheit von weltanschaulichen Organisationen … Read More […]

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