Geistiges Eigentum ist die Kernenergie des 21. Jahrhunderts

Zu kurz gedacht, Mark. Der Chef des Fotorechtehändlers Getty Images und Sprössling des Getty-Ölimperiums hatte einmal behauptet, Geistiges Eigentum sei das Öl des 21sten Jahrhunderts. Angesichts seiner Familiengeschichte ein naheliegender Gedankengang. Trotzdem falsch.

„Geistiges Eigentum“, oder besser „Einseitiges Beanspruchen der geistigen Leistung anderer Leute“ ist nicht das Öl, sondern die Kernenergie unserer Zeit: Ein Industriezweig, der ausschliesslich im Rahmen gesetzlicher Sonderstellung und mit Förderung und Riskoübernahme durch die Gesamtgesellschaft gedeihen kann: Profite landen in den Kassen einiger weniger Investoren, Folgekosten trägt der Bürger.

Hier ist ein Umdenken nötig: Die wachsende Rechteverwertungsindustrie fordert immer neue Vergünstigungen und Sonderrechte, mit Hinweis auf zu erwartende Verluste bei Umgehung ihrer künstlich errichteten Geschäftsmodelle. Statt dessen müssen aber die bereits errichteten Handelsschranken entfernt werden; geistige Leistung muss dem freien Markt zur Verfügung stehen, statt in Mikromonopole aufgeteilt zu sein. Bei der wirtschaftlichen Nutzung geistiger Leistungen sind die Interessen der Urheber (Erfinder, Kreativen) ebenso zu berücksichtigen wie die der Gesamtgesellschaft. Die Leistungen sollen für die Produktivität des ganzen Wirtschaftskreislaufs zur Verfügung stehen. Dabei muss ein angemessener Teil der Gewinne den ursprünglichen Schöpfern zukommen. Eine Rechteverwertungsindustrie, gegründet auf Verwertungsverträgen zum Nachteil von Kreativen, Produktiven und Konsumenten, ist hier nichts anderes als ein Störfaktor, ein Relikt fehlgeleiteten Staatskapitalismus‘ vergangener Tage.

Die Tragweite dieser Entwicklung hin zu einer durch Lobbyanstrengungen staatlich geschützten Rechteindustrie wird erst langsam offenbar, sie fügt unserer Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur einen grösseren Schaden zu als die bekannten Nachteile der Kernenergie. An diesem Punkt wird auch das (anzunehmende) Versagen der letzten grossen Bürgerbewegung sichtbar. Ebenso wie die sozialdemokratischen Kräfte nach zumindest formellem Erreichen ihrer Ziele (Arbeiterrechte) völlig an Kraft verlor, wird auch die grüne Bewegung nach dem Festschreiben von Atomstopp und Angrenzendem zum Opfer ihrer Selbstbezüglichkeit, und ist in ihrer Gesamtheit nicht mehr in der Lage, die Herausforderungen der digitalen Gegenwart zu adressieren. Die Rolle des ausserparlamentarischen Stachels im Fleisch der Wohlstandsdemokratie übernehmen daher die Piraten. Viel Glück damit.

Und für den Leitsatz „Geistiges Eigentum ist die Kernenergie des 21. Jahrhunderts“ beanspruche ich urheberrechtlichen Schutz. Fritz Effenberger, cc by. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(tschernobyl-pic: Zhenya Krasovskaya)

2 Kommentare

  1. Ich gründe dann schonmal die Partei für die Zeit nach der die Piraten ihr Ziel erreicht haben. ;)

    Ok, ich spekuliere auf ein komplettes Ersetzen des Wirtschaftsfeudalism^W^Wder Demokratie durch eine Autokratie.

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  2. […] nicht endgültig zum Öl des 21sten Jahrhunderts werden zu lassen. Oder eben, präziser gesagt, zur Kernenergie des 21sten Jahrhunderts. Mit den bekannten Folgen. Bewerten: Weitersagen:Gefällt mir:LikeSei der […]

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