Das Ende des Buchs (wie wir es kennen)

Ich gebe zu, ich mag Bücher. Ich mag das System aus Buchstaben, Wörtern, Sätzen, Inhalten, ich mag die Spannung beim Umblättern, die Bilder, die bunten Cover. Ich glaube, ich mag Bücher deswegen, weil sie in meiner Kindheit das wichtigste Tor zur Welt waren; mehr als Fernsehen und Radio, wo man immer davorsitzen und warten musste, bis etwas Interessantes passierte. Bei Büchern dagegen bestimmst du selbst das Lesetempo, blätterst vor und zurück, machst Pause, um nachzudenken oder dir etwas vorzustellen. Das Konzept von Interaktivität ist hier also schon sichtbar.

Technischer Vorteil von Papier

Ich benutze Bücher immer noch, weil sie unbestreitbare Vorteile gegenüber elektronischen Lesegeräten haben: Hoher Kontrast, hohe Bildauflösung, endlose Batteriestandzeit, temperaturunabhängig. Deswegen kaufe ich auch noch welche. Der Mobilität wegen. Alle anderen Leseinhalte dagegen nehme ich von Bildschirmen auf; völlg mobil muss nur der Freizeittext sein. Aber auch das ist nur eine Frage von wenigen Jahren oder Monaten. Der OLED-eInk-Touchscreen mit integrierter Solarstromerzeugung ist spätestens in einem Jahr auf der CES zu sehen. Dann werde ich keine Bücher mehr auf Papier kaufen, sondern alle nur noch auf mein leichtes, robustes und nie mehr akku-entladenes eLesegerät drag-and-droppen, nachdem ich sie aus dem Internet (oder seinem nicht mehr fernen Nachfolger) heruntergeladen habe.
Das wäre dann auch das Ende der Verlage, des Buchhandels, der bezahlten Autoren. Oder? Nein. Nur das Geschäftsmodell ändert sich drastisch: Es gibt dann keine exlusiven Datenträger mehr (in diesem Fall solche aus Papier), die man pro Stück gegen Geld verkaufen könnte. Statt dessen ist die Information ubiquitär: Wenn man etwas an einem Ende ins Internet hineingibt, kommt es gleichzeitig an allen anderen Enden wieder heraus. Die Exklusivität ist weg. Und was ist dann das Geschäftsmodell?

Umwandlung von Text in Geld

Eine Ware ist immer so viel wert, wie ein Kunde bereit ist dafür zu bezahlen. Und nicht, was irgend jemand dafür verlangt. Und wofür bezahlen Leute in unserer Zeit (und in Zukunft)? Für Originalität, Authentizität, aber auch für Beratung, Kuration, Bequemlichkeit. Der Buchladen der Zukunft kann also durchaus offline zu finden sein, dann aber mit Sofas, Kaffee und eBuchhändlern, die uns beraten, und zwar besser, als das Suchmaschinen und Social Bookmarking Services können. Dieser Service, die Beratung, ist Geld wert, das der Kunde zu zahlen bereit ist.

Gegenwert ohne Ware

Die kreative Leistung, das Zur-Verfügung-Stellen von neuem Wissen und erdachten Abenteuern ist übrigens ebenfalls eine Dienstleistung, für die gerne bezahlt wird. Nur muss die Bezahlung in einem realistischen Verhältnis zum Wert des Angebots stehen. Falls sich die Inhaltevertriebsindustrie, oder im oben begonnenen Beispiel die Buchverlagsindustrie statt dessen darauf konzentriert, „Bücher“ in Form von personaalisierten, kopiergeschützten Kopien zu Papierpreisen anzubieten, wird genau eines passieren: Alle laden sich die Kopien kopierschutzbefreit und kostenlos aus den vielfältigen digitalen Quellen herunter. Ohne sich deswegen schlecht zu fühlen; Gesetze, die mit allgemein anerkannten ethischen Prinzipen kollidieren, haben keine Chance. Wir alle gehen bei Rot über die Ampel, wenn niemand zusieht, nehmen uns offenbar herrenlose Dinge mit nach Hause, laden einen Film, einen Song, ein Buch herunter, wenn wir dabei nicht beobachtet werden. Und mittlerweile sollte eigentlich jeder wissen, dass alle Downloadmöglichkeiten ausser den klassischen Tauschplattformen (Torrent, Gnutella etc) sicher sind. Dann allerdings werden sowohl Verlage als auch Autoren leer ausgehen.

Autoren, die vom Internet leben

Kluge Autoren weichen diesem Scheinzusammenbruch bereits heute aus und verkaufen ihre eBooks auf Amazon (und anderswo) zu sehr niedrigen Preisen. Und verdienen trotzdem angemessen, weil sie 70 % vom Endverkaufspreis bekommen. Und nicht 5 Prozent, wie in der Papierwelt. Was nützt das den Verlagen? Garnichts, wenn sie es nicht schaffen den nächsten Evolutionsschritt zu tun: Vom Logistiker und Financier massengefertigter physischer Kopien zur Lektorats-, Marketung- und Downloadagentur. Mag sein, dass hier nicht die Umsatzgrössenordnungen des 20sten Jahrhunderts erreicht werden, aber immer noch mehr als im eigentlichen Verliererbusiness des Digitalen Wandels, den Herstellern physischer Kopien wie Bücher, Zeitungen, Schallplatten, DVDs, Bänder. Also Druckereien oder Presswerke. Diese Branche wird unweigerlich zugrunde gehen und auf das wirtschaftliche Bedeutungsniveau von Handarbeitsbedarf und Reitsport zurückfallen: Ehemals staatstragende Industriebranchen, die heute keine messbare Rolle mehr spielen.

Pferde? Ja, aber nicht im Bergwerk

Dieser Wandel wird in spätestens 20 Jahren vollzogen sein, in manchen Branchen früher (Tonträger), in anderen später (Kinderbücher). Und es gibt nichts, das diesen Wandel stoppen könnte; technische Erfindungen setzen sich durch. Der Verbrennungsmotor hat das Pferd abgelöst, der Buchdruck mündliche Überlieferung und manuelle Abschriften, die Unfallchirurgie das Amputieren von verletzten Gliedmassen. Ich persönlich bin froh über jede dieser Weiterentwicklungen, und auch über den Digitalen Wandel, weil er Autoren und Leser (Kultur- und Wissenkonsumenten) von den Zwängen spätindustrieller Massenproduktion befreit. Für alle anderen gibts die neuen, post-industriellen Geschäftsmodelle oder dann eben BGE.

pic oben matt smith cc by nc nd
pic unten Relly Annett-Baker cc by nc sa

12 Gedanken zu “Das Ende des Buchs (wie wir es kennen)

  1. Oooh jaaaa. :)
    Beratung ist bei Büchern soo wichtig, und eine tolle Art, Geld zu verdienen. Bei einem Film hat man vielleicht zwei Stunden seines Lebens verschwendet wenn er Scheisse war. Bei einem Spiel weiss ich schon früh obs mir nicht gefällt. Aber bei einem Buch? Da kann man sich nicht erlauben einfach mal eins der Billionen die es so gefühlt gibt rauszupicken und zu lesen, um rauszufinden ob es gut ist. Da verliert man sein halbes Leben bevor man eins findet.

    Ich würde zum Beispiel gerne ein Sci-Fi-/Cyberpunk-Buch lesen das 100% frei von „Fantasy“ oder „leiicht verändertes Heute“ ist. Also etwas das wirklich futuristisch ist. Und dazu noch eine gute, mich persönlich bewegende Geschichte bietet.

    Das kann nur ein menschlicher Berater den ich selber fragen kann jemals bieten. Jemanden dem ich etwas über mich erzählen kann, und was ich will, und der dann das eine Buch unter Tausenden raussucht, die ich alle einzeln durchgehen müsste.

    Das ist Geld wert. (Genau so wie das Schreiben eines solchen Buches natürlich.)
    Und da isses dann auch egal ob derjenige vorher oder nachher Geld will. Oder überhaupt welches will. Denn ich will was dafür geben. Rein aus Dankbarkeit. (Weil ich gelernt hab, dass sich Dankbarkeit und nett sein im Normalfall lohnt.)

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    1. Die beiden von Daniel Suarez haste schon gelesen? Daemon und Darknet? Ansonsten spielt Cyberpunk eigentlich immer ins ehr naher Zukunft, das andere ist New Space Opera: Mit autonomen Computern, aber auch mit Raumschlachten. So wie Ian Banks, Alistair Reynolds.

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  2. Übrigens kann man unseren ganzen Paradigmenwechsel in einem Konzept zusammenfassen:

    Ware ⇒ x

    x(0) = Ressourcen
    x(n) = Diensteistung + x(n−1)

    Also in Worten: Alles wofür wir bezahlen, ist gemacht aus Ressourcen plus Dienstleistungen/Arbeit. Aber:

    Die Ressourcen sind unsere Erde. Unsere Erde gehört uns allen, und ein Stück Erde gehört, wenn man „gehört“ als „Recht“ definiert niemals einem allein. Wenn man „gehört“ dagegen als „unter Kontrolle haben“/„Macht darüber haben“ definiert, dann gehört es dem mit der meisten Macht / den stärksten Waffen.

    Also wenn man dann das Konzept des „Wegezolls“ für unter Kontrolle stehende Ressourcen weglässt, kommt das Konzept des „Besitzes“ eigentlich niemals vor, und alles wofür wir bezahlen eigentlich nur eine Reihe von Dienstleistungen.

    Und das Konpept

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    1. Aaaah, warum muss das Ding absenden, wenn man über dem Webseiteneingabefeld Enter drückt? :(

      Also, wo war ich stehengeblieben…

      …und alles wofür wir bezahlen eigentlich nur eine Reihe von Dienstleistungen.
      + und alles wofür wir bezahlen ist eigentlich nur eine Reihe von Dienstleistungen.

      Und das Konpept

      P.S.: Ein Königreich für eine Vorschau! :(

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  3. Nochmal sauberer:

    Ware/Produkt ∈ x
    x(0) = Ressourcen
    x(n) = Dienstleistung + x(n−1)

    Musik/Film/Buch/Spiel/Software/… ∈ y
    y(0) = Idee
    y(n) = Dienstleistung + y(n−1)

    Ressourcen: Teil der Welt die uns allen gehört.
    Dienstleistung: Arbeit

    Das Interessante: Das Konzept des „Besitzes“ kommt dabei eigentlich in beiden Fällen nie vor.

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  4. „Inhalten“

    ist das einzige woran ich interessiert bin. der rest geht mir persönlich komplett am arsch vorbei. heißt also konkret:

    mir ist egal wie ich den jeweiligen stoff zum konsumieren bekomme – hauptsache ich bekomme ihn zum lesen – PUNKT – und „!“

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      1. ja und der dubstep-artist „excision“ hat vor einiger zeit auf facebook seine fans (also auch mich) gefragt, ob man lieber ein physisches produkt oder downloads hätte, und mein vorschlag, das zeug auf usb-stick mit excision-logo rauszubringen, fand kein gehör. kann man nix machen (außer mit den füßen abstimmen)…

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  5. Es ist lustig, vor 2 Jahren sagt einer meiner Chefs, Print sei tot… nun ja, räusper. Die FDP war auch bei 18 % und nu.
    Es gibt nicht wenige, die haben allmählich die digitale Schnauze voll.
    Wie würden wir uns denn beschreiben in 40 Jahren? Als die Generation, die über 8Tagesstunden auf eckige Kästen gestarrt hat.
    Mag sein, das all die Dinge, wie Platten, Bücher, spazieren gehen, Freunde real besuchen, sterben. Ich bin sicher jede Bewegung bekommt eine Gegenbewegung, steht zumindest in analogen schlauen Büchern

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  6. Und wie sollen die Leute die euch beim Bücher kaufen beraten sollen alles wissen über alle Bücher haben? Ganz richtig aus Datenbanken oder daraus wo dran sie beteiligt sind beim verkauf. Datenbanken wird man dann aber schnell Raubkopien und jeder der sie bedienen kann bekommt dann ohne kosten seine Beratung. und wenn nach dem beraten wird wo dran man verdient gibt wieder Einheitsmassen Ware.
    Alternativ kann man natürlich auch hoffen das Leute 30jahre lang lesen (ohne andere Beschäftigung) sich viel merken und dann aus diesem wissen beraten. Dann ist aber die große Masse an wissen verloren weil man natürlich nur dazu Rat bekommt was der Berater kennt.
    Dienstleistung wird irgendwann ein teures gut. Aber Beratung wirds nie.
    Kanns mir zumindest nicht vorstellen das so was auch nur einen Bruchteil so schön funktioniert wie Leute es sich vorstellen.

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  7. Das gedruckte Buch wird es in 20 Jahren nicht mehr geben und durch e-books ersetzt sein. Aber wir fahren ja auch nicht mehr mit der Kutsche durch die Gegend, und das PC-Spiel “Halflife 2” ist meiner Meinung nach sowieso wichtiger als Schiller

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    1. HL2 ist weiiit überbewertet. Wäre es ein Film, wärs ein B-Movie oder ein typischer Hollywood-Actionstreifen für Unterbelichtete, so primitiv ist die Geschichte. Und Grafik war beim Erscheinen die schlechteste unter allen Vieren (Riddick und Far Cry hatten die beste). Spielmechanisch wars nur ein Standard-Shooter (*gähn*) mit der Gravity-Gun, die wir davor schon aus anderen Spielen kannten.

      System Shock 1 & 2… Deus Ex 1…Alpha Centauri… sowas sind Legenden.

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