Ja, aber, was genau ist denn das Problem mit ACTA?

Die Verunsicherung der Bevölkerung zum Thema ACTA nimmt nicht ab – wie auch, wenn die Agressoren der Copyrightkriege beträchtliche Unternehmens- und Steuermittel in Desinformationskampagnen leiten. Heute erreichte uns (Genauer: Die Adresse des Bezirks-Vorstands, dem ich angehöre) eine Email mit der Bitte um Klärung. Ok, hier sind die Fragen, und darunter meine Antworten.

…die ACTA-Debatte dominiert ja gerade das Internet und eins der meistkritisierten Kontraargumente ist die fehlende Transparenz. Die fehlt mir aber jetzt immer noch sehr stark, obwohl nun scheinbar alle eine Meinung dazu vertreten.

Nachdem ich mich zuerst erschreckend stark vom Anonymousvideo beeinflussen lassen habe, bin ich auf diese Seite gestoßen (http://www.ferner-alsdorf.de/2012/02/das-anti-counterfeiting-trade-agreement-acta-und-das-deutsche-recht/wettbewerbsrecht/strafrecht/rechtsanwalt/verkehrsrecht/), die mir zeigt, dass sich an der Rechtssituation nichts ändert wird. Bei tagesschau.de habe ich erfahren, dass die „offizielle Seite“ nicht befürwortet, dass Provider ihre User überwachen, und, dass der illegale kostenlose Zugriff auf Musik und andere Daten falsch ist, kann man ja nun auch nicht bestreiten. Ich frage mich nun, wieso ist die Debatte trotzdem so einseitig durch die Kontrapositionen gefärbt? Ich hoffe, dass Sie mir vielleicht Antworten auf ein paar meiner Fragen geben können.

Wo genau besteht der Unterschied zwischen dem ursprünglichen Geschäftssystem und dem Internet? Gelten dort nicht mehr die ursprünglichen Auffassungen von richtig und falsch? Warum nennen viele das ACTA-Abkommen antiquiert und für das Internet ungeeignet? Und warum werden Wissen und Kultur im Internet mehr privatisiert als es in der analogen Welt war?

Werden vom ACTA-Abkommen auch die Künstler/Autoren/… profitieren oder nur die Industrie?

Ist die ständige Datenüberprüfung nicht die einzige Möglichkeit, um Urheberrechtsverstöße aufzuspüren?

Antwort:
Ich fürchte, wir können hier nicht das ganze Problem der Verwertung geistiger Leistung im 21sten Jahrhundert diskutieren. Aber:
ACTA bringt den Urhebern garnichts, sondern nur den Verwertern, schafft also mit gesetzllichen/vertraglichen Mitteln Geschäftsfelder, wo vorher keine waren. Das hat aber nichts mit freier Marktwirtschaft zu tun, sondern mit Staatskapitalismus, a.k.a. Kommunismus.
ACTA bringt auch keinen zusätzlichen Schutz (Verbotenes war vorher schon verboten), sondern verbietet Zusätzliches. Richtig und Falsch sind übrigens Begriffe, die in der Real-Politik keine Rolle spielen.
ACTA schafft mit schwammigen Formulierungen einen Rahmen, der in nationales Recht umgesetzt werden soll, die Erfahrung lehrt, dass dort der Einfluss von Lobbygruppen zu einer unnötigen Verschärfung der Gesetze führt.

Hintergrund:
Das Grundproblem ist ein zentrales, und tatsächlich künstlich errichtetes Missverständnis. In der analogen Welt kauften wir Datenträger (Schallplatte, VHS-Kassette, Buch, Zeitung) um an Informationen zu kommen. In der digitalen Welt werden diese Datenträger nicht mehr benötigt, also müsste eigentlich die Distributionsindustrie zumachen. Will sie aber nicht, weil man sich bisher damit einen goldenen Hintern verdienen konnte. Also deklariert sie den Inhalt (geistige Leistung) anstelle des Datenträgers zu Ware. Das ist zwar eine Lüge, aber mit genug Geld kriegt man diese Lüge trotzdem in den Rang einer Wahrheit. Es geht im digitalen Zeitalter also auf einmal, und weil die Distributionsindustrie das erfunden hat, nicht mehr um den “Besitz an Lizenzen zur kommerziellen Verbreitung von Wissen und Kultur auf physischen Datenträgern”, sondern um den “Besitz an Wissen und Kultur”. Und dagegen müssen wir kämpfen. (Wir, die 99%).

Der “illegale kostenlose Zugriff auf Musik und andere Daten” ist übrigens nur deswegen “falsch”, weil die Distributionsindustrie das sagt. Richtig wäre dagegen: “Weder die geistige Leistung noch ihre Kopie sind eine Ware, sondern nur Basis für Geschäftsmodelle”. Diese Geschäftsmodelle existieren, und werden aktiv genutzt (auch von der existirenden Distributionsindustrie), der Streit um ACTA rührt aber daher, dass diese Industrie versucht, weitere Rechte an sich zu reissen, die ihr nicht zustehen. Sondern den Bürgern, und den Urhebern. (Auch wir, die 99%)

Ich sags nochmal, weils so wichtig ist: Internationale Konzerne versuchen gerade, mit Scheinargumenten (“Künstler verhungern wegen böser Internetpiraterie”) den Besitz unseres Wissens und unserer Kultur an sich zu reissen. Das ist das ganze Problem. Ob die Multis nun Monsanto, Nestle, Universal oder Sony Music heissen, wir müssen ihren Einfluss auf unsere Politiker (“Korruption”) neutralisieren, wenn wir der ansonsten sicheren Dystopie entkommen wollen. Noch Fragen?

pic: B. Marcelle

14 Kommentare

  1. […] Gastbeitrag: fritz […]

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  2. das wirkliche problem heutzutage ist das es, im gegensatz zu früher (gab es zwar auch aber bei weitem nicht in diesen ausmaßen), tatsächlich mehrheitlich fast nur noch extremst korrupte – im prinzip hoch kriminelle – politiker gibt, die ausschließlich ihr eigenes wohl im auge haben satt das wohl der allgemeinheit (dem sie sich bei amtsantritt durch (mein)-eid verpflichtet haben), die nicht einmal durch demokratische wahlen die gewissen und entscheidenden schalthebel der macht erklommen haben sondern durch parteiinternes (mit favorisierenden lobbyisten zur verstärkung im rücken) schachern, teils plumpen manipulationen sowie durch mediales drohen und einschüchtern bis hin zur öffentlichen hinrichtung von auch nur im ansatz ernstzunehmenden gegnern (siehe zZ christian wulff der wegen zT. trivialster verfehlungen öffentlich geradezu abgeschlachtet wird nur um von der kanzlerin, ihren zäpfchen (schäuble, von der schleim etc. etc.) und ihren mafiösen spießgesellen in konzern- groß- und finanzwirtschaft und ihr vereintes schändliches treiben abzulenken. ich mag ihn nicht und über seine eigene dummheit braucht man wahrlich nicht diskutieren, aber so wie mit ihm medial verfahren wird ist nicht mehr auf eine kuhhaut zu bekommen. da gibt es wahrlich ganz andere die an den pranger gehörten – sprichwörtlich sogar ans kreuz geschlagen werden müssten – dafür das sie dem DE volk hunderte milliarden VWL-schaden zugefügt haben. von denen hört man aber so gut wie gar nichts, oder eben nur mal ganz kurz.).

    auch wird man diese ganzen korrupten arschlöcher nicht mehr los. da kann man soviel wählen wie man will. denn entweder sitzen sie nach verlorener wahl plötzlich in brüssel (zB. stoiber, etc. etc. etc. etc. etc.) oder auf hoch dotierten posten als regierungsberater bzw. als lobbyisten und aufsichtsratvorsitzende in der privat wirtschaft (zB. schröder, fischer, schily, koch, etc. etc. etc.) und oft sogar alles zusammen (zB. rürrup, riester, hartz, etc. etc. etc.), oder es werden ihnen hohe posten in ministerien verschafft (zB. die zZ. auffällige FDP affäre etc.). [ übrigens sind das alles die gleichen fickgesichter die sich bei jeder sich bietenden gelegenheit über den bösen sozialismus/kommunismus auslassen sowie sich über die ehemalige DDR und ihre bonzen aufregen. ]

    DAS IST ES woran wir kranken!

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  3. Schnellere Antwort:
    LOL… der Typ glaubt ernsthaft, , sowas wie „geistiges Eigentum“ würde tatsächlich existieren! Wie blöd kann man sein! ROFL
    Und dann kann er nicht mal Urheberrecht von Copyright unterscheiden!
    EPIC FAIL!

    Dann würde ein Link zu einer Erklärung der Physik der Informationsübertragung folgen

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  4. *FACEPALM*
    Eeem, Fritz… diese Form von Staatskapitalismus heisst „Faschismus“.

    „Faschismus ist die Verschmelzung von Staat und Wirtschaft“ — Benito Mussolini

    Natürlich meint er damit den echten Faschismus, und nicht den Nazi-Aspekt den wir heute damit verwechseln.
    Man könnte auch sagen, es ist ein Wirtschaftsfeudalismus mit „König“.

    Wieso Leute sowas als „Kommunismus“ bezeichnen…
    Es ist so ziemlich das genaue Gegenteil von Kommunismus.

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    • Zu diesem Geschichtsbild wirst du keine breite Zustimmung ernten; aber du hast ja mit solipsitischen Denkmodellen kein problem.

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  5. Richtig und Falsch sind übrigens Begriffe, die in der Real-Politik keine Rolle spielen.

    Weil „richtig“ und „falsch“ relativ sind!
    Jeder der glaubt, es gäbe ein globales „richtig“ und „falsch“, der ist ein egozentrisches Arschloch das denkt, er könne seine ganz persönliche Sicht als global gültiges Naturgesetz betrachten.

    Wenn solche Leute dieser Irrglaube dann dazu führt, dass sie nicht drauf achten, ob ihre Wahl-Herren-und-Meister ihren persönlichen Ansichten zustimmen, und sie weiter Teil ihrer Gemeinschaft sein lassen… dann ist das ihre eigene dämliche Schuld.

    Selbst die Rechtspsychologie hat solche Begrifflichkeiten – darunter auch der Begriff „Schuld“ – schon lange abgelegt.
    Zeit dass wir das geistig nachholen, meinste nicht?

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    • P.S.: Ja, ich bin heute ’n ziemlicher Arsch. Ich drücke mich nicht gerade freundlich aus.
      Weil ich es satt habe, immer Rücksicht zu nehmen und nett zu bleiben, wenn ich mir den ganzen Tag verblödeten Schwachsinn aus allen Richtungen anhören muss.
      Dafür bist du, Fritz, nur zum kleinsten Teil die Ursache. Aber wenn das Fass voll ist, ist das Fass voll.
      Und Recht hab ich trotzdem. (Wie immer bei gebildeten Menschen: Im Sinne einer wissenschaftlichen Theorie die durch Beobachtungen bestätigt wurde. Nicht im Sinne von dem was Laien unter „recht haben“ verstehen.)

      Wenn de magst, kannst.du also den Kommentar im Kopf durch einen Freundlichkeits-Filter jagen… bis ich wieder was Nerven gesammelt hab…

      Und keine Sorge, du weisst ja: Respektieren tu ich dich trotzdem. Wählen würde ich dich auch. Sonst wär ich nicht die ganze Zeit hier, ’nä? :)

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    • „LOL… der Typ glaubt ernsthaft, , sowas wie „geistiges Eigentum“ würde tatsächlich existieren!“

      Du glaubst also „geistiges Eigentum“ gibt es nicht, ist also „global falsch“. Damit hast du dich wohl selbst als e. A. bezeichnet.

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  6. Gesamtfazit zu dem Artikel: Gut gesagt. Weiterleitfähig. :)

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  7. ganz ehrlich – das was unter Antwort steht ist eine Aneinanderreihung von Behauptungen. Das macht die Gegenseite ja genauso und somit dürfte der Fragensteller nicht besser da stehen als vorher.
    Beim Hintergrund blitzt kurz eine bessere Erklärung auf, aber – wahrscheinlich der Zeit geschuldet – viel zu oberflächlich.

    Ich glaube einige Deiner Vertiefungen früher waren wesentlich besser…

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    • Und ab wann hältst du das nicht mehr für Behauptungen, sondern für Fakten? Sobald es im SPON zu lesen war? Der Unterschied zwischen diesem und früheren meiner Posts zum Thema ist imho, dass ich sehr viel kompromissloser als früher die Copyrightdebatte als Klassenkampfinstrument der 1% bezeichne.

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      • Ob das bei SPON steht ist egal, aber wenn man z.B. anführt:

        […]ACTA bringt auch keinen zusätzlichen Schutz (Verbotenes war vorher schon verboten), sondern verbietet Zusätzliches.[…]

        mag das stimmen wäre aber – untermauert durch entsprechende Passagen aus ACTA – erst faktisch belegt.

        Das ist wie wenn ein Farbenblinder fragt: „Dieser graue Balken – welche Farbe hat der?“ und einer sagt „der ist rot!“, der andere „der ist grün!“.
        Gehen wir mal davon aus, dass einer recht hat, so wird seine Behauptung nicht wahr weil er’s schon so oft gesagt hat und „die 99%“ das auch finden und es Teil des Klassenkampfs ist die Farbenblinden bewusst fehl zu informieren, sondern weil er es ggf. mit einer Lichtwellenmessung belegen kann welche Frequenz zu sehen ist und das die eben nun mal als grün definiert ist.

        Und wenn Du nun die Copyright Debatte als Klassenkampfinstrument sehe willst würde das imho Deine Behauptungen eher schwächen, da Du damit ganz klar sagst, dass Du parteiisch bist.

        Ich wollte ausdrücken, dass das was Du geschrieben hast als „Munition“ in einer Diskussion mir ACTA-Befürwortern wenig weiter hilft, unabhängig davon, dass ich Dir grundsätzlich beipflichte.

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