Michael Jackson, Musikpirat

Ja, denkt denn niemand an die Kinder? Nein, Stop, ich meine: Künstler. Die unbedingt geschützt werden müssen, selbst vor dem Nachspielen einzelner, erkennbarer Melodieteile. Wofür “Verwertungsgesellschaften” wie die deutsche Gema dann bereits Fantasielizenzgebühren einfordern. Ob die Künstler selbst von diesen Gebühren jemals etwas abbekommen, ist eine andere Geschichte aus dem Zauberland des Urheberrechtsmissbrauchs. Michael Jackson jedenfalls, so wird mit Verweis auf seriöse Quellen berichtet, habe gegenüber dem 7ties Pop-Artisten Daryl Hall einmal gestanden, die Basslinie für “Billie Jean” aus dem Hall&Oates-Song “I Can’t Go For That (No Can Do)”, auf deren 81er Album “Private Eyes” kopiert zu haben. Antwort des “Bestohlenen”:

Kein Problem, ich hab es selbst woanders kopiert. Lustig, oder? Die Geschichte ist aber nur deswegen von humoristischem Wert, weil sie einen scheinbaren Widerspruch darstellt. In Wirklichkeit nämlich funktionieren Kunst und Kultur so, dass Kreative eben Stücke aus früheren Werken weiterverwenden. Das ist auch absolut notwendig, weil ein künstlerisches Werk, dass überhaupt keine bekannten Elemente enthält, also buchstäblich “etwas völlig Neues” darstellt, mangels Kontext nicht rezipiert werden kann und deshalb auch keine Anerkennung als künstlerisches Werk erfährt.

Im Gegensatz zu diesem Grundprinzip des Kulturschaffens erleben wir heute den Versuch, den Begriff des “geistigen Eigentums” zu etablieren, der nur einen Zweck hat, nämlich aus Kultur, die per Definition Allgemeingut ist, einzelne Stücke herauszulösen, die sich ebenso vermarkten lassen wie physische industrielle Güter oder Rohstoffe. Das kann natürlich nicht gutgehen, und erzeugt Paradoxien wie die oben beschriebene.

Um das Dilemma aufzulösen, müssen wir nichts weiter tun, als den Begriff des “Geistigen Eigentums” (ein klassisches Oxymoron) durch den der “Geistigen Leistung” zu ersetzen. Letztere ist, auch in der wirklichen Welt, Grundlage für zahlreiche gut funktionierende Geschäftsmodelle. Michael hat in unserem Beispiel oben genau dasselbe getan, was alle Menschen seit Erfindung der Zivilisation tun: er hat kopiert. Dieses Kopieren zur Straftat zu erklären, wird letztlich nicht funktionieren.

Wir können dem Scheitern dieses Versuchs übrigens vom Sofa aus zusehen. Wenn wir nicht gerade auf Anti-ACTA-Demos oder an der Wahlurne für das störungsfreie Weiterbestehen unserer Zivilisation kämpfen.

techdirt, pic/amigurumi Chanita Khamthong

11 Kommentare

  1. [...] Gastbeitrag: fritz [...]

  2. Die Musik zu Billie Jean hat Quincy Jones komponiert. MJ hat nur den Text dazu geschrieben.
    Nebenbei bemerkt:
    Im Hip Hop heisst “kopieren” übrigens “sampeln” Seit die ersten Sampler mit einer Speicherkapazität von einem Takt und mehr auf den Markt kamen, gibt es den Beruf des Sample Clearers. Der darf dann mit den Plattenfirmen verhandeln, damit der Künstler frei von Bürokratie ist … Ach ja, ich wäre auch gerne ein wohlhabender Musikkünstler. Dann könnte ich nach Lust und Laune alles “samplen” ohne böse Briefe von GEMA und GVL ;-)

    • So wie du das grade schreibst, klingt das wie kompletter Schwachsinn. Aber vielleicht meinst du das ja ganz anders. Ironisch eben.

      • Du hast nicht viel mit Musikern zu tun, gell. Aber ich sehe ja, daß du auch mit Halbwissen dich engagiert für unsere Rechte einsetzt. Ach ja… meine letzten zwei Sätze waren tatsächlich ironisch gemeint ;-)

        • liest du mal das hier:

          http://www.sub-bavaria.de/wiki/Tech_Ahead

          • Nach 93 nichts mehr veröffentlicht? … danach kamen die ersten Sampler mit mehr Speicherkapazität auf den Markt. Dies ermöglichte das kopieren, verarbeiten und verfremden des nicht eigenen Quellmaterials. Mein Kommentar bezog sich auch mehr auf die Musik die durch MIDI Sequencer und elektronische Klangerzeuger entstanden ist als durch Plektrum, Fingernägel und Drumsticks. Ich bin vielleicht eine andere Generation in einer anderen Welt… daher mag es ja für Ausserirdische wie Schwachsinn klingen.

    • ein problem wurde es erst als manche, meist kleine küstler, anfingen damit erfolgreich zu sein. ganz gut hier nachzulesen:

      http://en.wikipedia.org/wiki/Music_sampling_%28legal_issues%29

      was man aber auch herauslesen kann ist das fast ausschließlich die reichsten bands/künsler/labels/firmen die größten arschlöcher diesbezüglich sind welche den kleinen nicht mal die butter auf dem brot gönnen.

      scheint also überall so zu sein das es immer der gleiche menschentypus ist der zwar unermessliche reichtümer anhäuft aber nie den kragen voll genug bekommen kann, und allen andern selbst die kleinsten gewinne missgönnt bzw. leistungslos an sich bringen will, so irgendwie nur möglich.

  3. weil ein künstlerisches Werk, dass überhaupt keine bekannten Elemente enthält, also buchstäblich „etwas völlig Neues“ darstellt, mangels Kontext nicht rezipiert werden kann

    Tut mir Leid Fritz, aber das ist Unsinn. Es kann sehr wohl verarbeitet werden. Denn es ist ja immer noch ein neuronales Signal. Etwas intensivst vom erwarteten differierendes und deswegen am stärksten zu einem Lerneffekt führendes sogar. (Siehe unten.)

    Es resoniert nur natürlich per Definition für die Person mit nichts. Hat also keine persönliche Bedeutung („Kontext“).
    Aber in der Realität ist das eher unmöglich. Da jeder Input über einen Sinn ja immer am Anfang über die gleichen Neuronen laufen muss, und deswegen schonmal diese Gemeinsamkeiten (z.B. vergleichbare Frequenzänderungen) hat.
    Zudem ist „neu“ ja relativ. Dieser Text ist für dich „neu“. Für mich nicht.

    Was tatsächlich Null resoniert, ist absolut neutraler Input. Der kann natürlich, auch per Definition, kein Differenzen zu bekanntem enthalten. Und deswegen auch keinen Lerneffekt bewirken. Also ist es dann natürlich wirklich unmöglich, sich das zu merken oder sich dran zu erinnern.
    Deswegen kommen uns langweilige Zeiten im Moment so lang und im Nachhinein so kurz vor, während es bei interessanten umgekehrt ist. Intensitätsabhängig, natürlich.
    (Deswegen lebt man auch subjektiv viel länger, wenn man dafür sorgt, dass man ständig intensiv neues erlebt. :)

    Aber etwas völlig neues, was ja alles im Prinzip einmal war (ausser es ist genetisch bedingt), und deswegen intensive Lerneffekte auslöst, kann sehr wohl verarbeitet werden… Ausser vielleicht, wenn es auch über völlig neue Neuronen verläuft. ^^

    • P.S.: Zum Rest stimme ich jedoch zu.

  4. „Geistige Leistung“ – Wort des Jahrzents!

    Sehr sehr gut gesagt. Accuracy bonus 120%!

  5. Wir sehen übrigens vom Versuch aus dem dieses Sopas zu können Scheitern.


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