Die Extrempositionen der Copyrightdebatte

Zwei aktuelle Veröffentlichungen markieren gerade die beiden Antipoden der Copyrightdebatte – wobei der Begriff “Copyright” hier metaphorisch zu verstehen ist; tatsächlich geht es um die grundsätzliche Frage, ob Geistiges besitzbar ist, oder wie wir sonst mit Schutzrechten für geistige Leistungen umgehen.

Einerseits erklärte unlängst Ralph Oman, früherer Chef des US Register of Copyrights (gibts in Deutschland nicht, in seiner Funktion entfernt mit dem Deutschen Patent- und Markenamt vergleichbar) in einem “amicus brief”, also einer Unterstützererklärung zu einem Gerichtsverfahren, neue Technik, die bestehende Geschäftsmodelle beeinflussen könnten, müssten zuerst vom Parlament freigegeben werden. Also nie. Mr. Oman stellt sich also ganz auf die Seite derjenigen, die einfach ihre Geschäfte weitermachen wollen wie bisher. Das kollidiert natürlich mit dem Konzept des freien Wettbewerbs, aber so stringent wird das ja auch in den turbokapitalistischen Nationen nicht angewendet.

Auf der anderen Seite steht eine Studie von Michele Boldrin und David Levine, beide Professoren an der Washington University in St. Louis (im Auftrag der Federal Reserve Bank of St. Louis), aus der hervorgeht, dass die Innovation in einem Land eine um so grössere Rolle spielt, je schwächer der Patentschutz ist. Die Professoren kommen daher zum Schluss, dass es das Beste wäre, Patente ganz abzuschaffen, so dass sich niemand auf langen Verwertungsfristen ausruhen kann, sondern schnellstmöglich alle Erfindungen auf den Markt bringen und dann weiterforschen möchte. Die negativen Folgen wären weit weniger negativ, als wir das befürchten, beruhigen uns die Fachleute. Unternehmen konzentrieren sich nämlich typischerweise erst dann auf Patentverfahren, wenn ihre Innovationskraft nachlässt. Ein Schutz von Besitzständen auf Kosten der Weiterentwicklung ist aber nicht im Sinn der Allgemeinheit. Eine besondere Situation sehen Boldrin und Levine im Pharma-Sektor, dort sollten ihrer Ansicht nach andere Anreize geschaffen werden als Patentschutz. Im gegenwärtigen Patentsystem müssen selbst besonders innovative Unternehmen, die ständig neue Produkte entwickeln, einen bedeutenden Teil ihrer Umsätze für Patentkosten aufwenden, statt noch mehr in Forschung und Produktverbesserung investieren zu können.

Am Beispiel dieser beiden antipodischen Haltungen zu den geistigen Schutzrechten lässt sich gut erkennen, dass sich der Kampf um das “geistige Eigentum” eben zwischen den Verwertern älterer geistiger Leistungen und dem ganzen Rest der Zivilisation abspielt. Dieser “Rest”, also wir alle, sollten daher Entscheidungen treffen – und durchsetzen – um die “geistige Landnahme” zu stoppen und statt dessen im Sinn des Fortschritts die “geistige Allmende” zu stärken.

3 Kommentare

  1. Ja, sollten wir. Wobei … wer ist „wir“? Ruf doch mal was ins Leben, was die Leute hinter ihren HD-Fernsehern hervorlockt und aus der Dösigkeit ihrer Konsumverblödung reißt….alleine gehe ich bestimmt nicht auf die Strasse und halte Banner hoch…und auf der Strasse bin ich oft…

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    • Wie du weisst, bin ich Teil einer Alternative. Du auch?

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      • Ich bin eher eine Insel…zumindest fühlt es sich so an…ich bin weder Teil des Problems noch Teil einer Alternative, aber ich stütze solche Alternativen wenn es Sinn macht…

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