Metal in Zeiten der Mashup-Kultur

Mich interessiert nicht nur, was kommerziell mit aktueller Musik passiert (tendenziell gar nichts, solange Medienkonzernabteilungen das Thema blockieren), sondern eben auch und vor allem kulturell: Wohin entwickelt sich Musik, was passiert mit den verschiedenen Stilen und Arbeitsweisen? Wie wirkt sich die digitale Revolution nun wirklich aus?

Ich habe in der Überschrift die Genrebezeichnung Metal eher stellvertretend verwendet, als harte Kante der Rockmusikkultur, als Eisbergspitze all dessen, was mit mit elektrischen Gitarren zu tun hat. Beim morgendlichen Blogsurfen fiel mir das Projekt Sieve-Fisted Compositions von Chris Lawhorn auf: Ein Mashup/Edit aller Fugazi-Alben, kondensiert in 22 Tracks auf dem demnächst erscheinenden Album “Fugazi Edits”.

Fugazi waren nicht nur unglaublich nett, politisch korrekt, vegan und antikapitalistisch, sondern auch eine Post-Hardcore-Band von erheblicher musikalischer Gestaltungskraft. Ich war 1992 für drei Wochen mit meiner damaligen Band Tech Ahead als Support für die Jungs auf Tour und hab sie sehr schätzen gelernt. Was allerdings Chris Lawhorn aus den Hymnen zusammenschneidet, hat mehr mit Industrial als mit Occupy zu tun, und deutet eine der Folgen der Informationsrevolution an: Der Computer ist Musikinstrument, ebenso wie Produktions- und Kompositionswerkzeug, und setzt die DJ-Herangehensweise fort. Musik ist damit eben nicht mehr nur kreativer Prozess, Inspiration und göttlicher Funke, sondern Mausklick und Keyboard-Shortcuts. Diese Meta-Arbeitsweise gibt es schon seit einer Weile, “Fugazi Edits” zeigt den Gegensatz besonders deutlich.

Und welchen Einfluss hat die Bildschirm-Arbeitsweise auf den musikalischen Schöpfungsprozess? Ich meine hier nicht den eher simplen Trick, einer Gitarrenband noch ein paar Sounds vom Laptop beizufügen, oder einen Klicktrack mit Samples, und auch nicht alle Post-Production-Möglichkeiten, sondern den Einfluss von Edits (wie im Beispiel oben) auf die Inspiration. Mir fällt nämlich auf, dass meine eigenen musikalischen Experimente – ich hatte euch schon von .execute erzählt – genau so etwas andeuten: Was kommt dabei raus, wenn man gesampelte Loops live (manuell und ohne Sampler) nachspielt? Wie klingt das, wenn man von einem Doommetal-track nur die Bridges spielt, die Gesangsparts und Soli weglässt, und die Drums eher etwas Dubstep-angelehntes darunterlegen?

Ich glaube, hier und in benachbarten Subgenres entwickelt sich gerade (d.h. 2012) so etwas wie ein neuer Musikstil, der auf den Einflüssen der Informationsrevolution aufbaut und diese kreativ weiterentwickelt. Wahrscheinlich wird das erst in einigen Jahren wirklich sichtbar, aber ich mag es einfach, dabei zuzusehen, wie die Gegenwartskultur rotglühend und funkenschleudernd aus den Spalten im Boden der Alltagsrealität quillt und neue Gebirge und Kontinente formt. Ich glaube, Kultur hat mehr mit dem kollektiven Unbewussten zu tun als mit ihren Beschreibungen. Wie seht ihr das?

4 Kommentare

  1. Eigentlich ist das nicht so unterschiedlich zur Dub-Ästhetik, klassisch oder elektronisch. Der musikalischen Substanz ist es letztlich egal, ob man sie sampelt, live spielt oder neu arrangiert, und das Verfahren selbst ist auch nicht ungewöhnlich. Schon im 14. Jahrhundert haben Motettenkomponisten vollkommen heterogene Materialien (Volkslied, Choral, Soldatenlied, Schlager, Kinderlied) auseinandergenommen, einen Text-Musik-Mashup in unterschiedlichen Sprachen hergestellt und damit eine Bewegung angestoßen, die für Jahrzehnte immer neue Innovationen hervorgebracht hat. Warum sollte das heute nicht auch möglich sein?

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    • wir antworten mal mit einer Original-„Motette“ von bee selber:
      (unter „wahrheitsgemäß“ gefunden und von zynastesie erklärt)

      „bee (20:25:22) :

      Ich erinnere mich mit Grausen, das war Hallo Deutschland, bis heute eines der peinlichsten Elaborate des GEZ-Fernsehens. Gemeinsam mit diesem Schund lief damals übrigens Leo, das Zeitgeistimitat aus Bayern, das sich mit seinem pseudoelitären Gelalle an den einsetzenden Neoliberalismus anbiederte. Spießig, fade und OUT!

      Die Deutschen haben das mit der Demokratie immer noch nicht gelernt. Aber sie haben ja auch Politiker, die ihnen eintrichtern, warum Transparenz böse ist. Kein Wunder, dass Politik seit jeher als dreckiges Geschäft bezeichnet wird; sie tut auch alles, um diesen Anschein von Lug und Trug aufrecht zu erhalten“
      Ist das der
      „stil, der auf den Einflüssen der Informationsrevolution aufbaut und diese kreativ weiterentwickelt“??.
      (Nebenher: Welche „Information“ soll denn da „Revolution“ gemacht haben, ohne daß man das gemerkt hat?)
      Wer sind eigentlich in diesem bee-Text „die Deutschen“?
      Gehört bee auch dazu?
      Und was für eine „pseudoelitär gelallte“ Demokratie meint bee hier?
      Wie geht diese bee-„Motettenentgleisung“ zusammen mit „Volkslied, Choral, Soldatenlied, Schlager, Kinderlied“ und „kreativ weiterentwickeln“?
      Motettenkomponisten sollten heute für „Bewegungen“ schon etwas mehr „komponieren“ anstatt so billig zu kompostieren, schon mal wegen mashup kultur
      Als ob „das mit der Demokratie“ „erlernbar“ wäre, denn der ist es letztlich egal, wer sie wie als kreative Motette verhunzt

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