Das Problem mit der Intelligenz

Erfolg und Ansehen sind in unserer Zivilisation eng mit der cerebralen Leistungsfähigkeit verknüpft, mit “wissenschaftlichen” Methoden messbar als Intelligenz. Die russische Mathematikerin Tanya Khovanova bekam einen Job in der MIT-Abteilung für mathematische Forschung und war bei dieser Gelegenheit erfreut, als sie mit der Intelligenten-Vereinigung Mensa konfrontiert wurde. Nachdem ihr versichert wurde, dass es auch eine Intelligenztestversion für Nicht-Muttersprachler gäbe, war sie als international etablierte Wissenschaftlerin natürlich sehr neugierig darauf, selbst daran teilzunehmen. Und damit begannen die Probleme. Sehen wir uns eine typische Intelligenztestfrage an:

Welches Wort passt nicht in die folgende Reihe?

Cow, hen, pig, sheep.

Hm. Huhn ist der einzige Vogel und Nicht-Säuger. Aber Schwein ist das einzige der vier Tiere, dessen Fleisch nicht koscher ist. Und alle in unserem Beispiel ausser dem Schaf haben drei Buchstaben. Also?

Noch schlimmer bei “mathematischen” Fragen: Welche Zahl kommt als nächste?

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9?

Als Mathematikerin weiss Tanya, dass für diese Frage nicht weniger als 1479 Lösungen bekannt sind. Einige Beispiele:

10, wenn es eine Reihe natürlicher Zahlen ist.
1, wenn es eine Reihe der Summe aller Stellen natürlicher Zahlen ist.
11, wenn es eine Reihe von Palindromen ist.
0, wenn es eine Reihe der Einerstellen natürlicher Zahlen ist.

oder irgendeine andere Zahl die einer anderen Sequenzierungregel folgt.

Sie sagt: Kreative Menschen bekommen weniger Punkte. Der Intelligenztest misst eigentlich, wie durchschnittlich du bist.

Sie erreichte knapp die Mindestpunktzahl zur Aufnahme in den Club der selbsternannten, aber womöglich nur besonders durchschnittlichen Genies.

Ich glaube, das Problem liegt darin, dass ein solcher Intelligenztest wissenschaftliche Methoden dort einsetzt, wo sie nicht wirken können. Das Problem eines solchen Tests liegt also in der Behauptung, die gestellten Aufgaben wären allgemeingültig, und ebenso ihre Bewertung. Da diese Behauptung nicht geprüft wurde, das grundlegende Axiom des Testkonzepts also nicht hinterfragt, ist Intelligenz, wissenschaftlich formuliert, bisher nicht prüfbar. Danke an Tanya für die erneute Klarstellung.

tanyakhovanova, pic: MIT, pd

11 Kommentare

  1. Danke für den Hinweis! Auch wenn der Post von Tanya ca. 4 Jahre alt ist (btw: Was bedeutet im diesem Zusammenhang „erneute Klartellung“?) – das Problem bleibt aktuell.

    Liken

    • „erneute Klarstellung“: dass Intelligenztests Angepasstheitstests sind, wussten wir schon……

      Liken

      • Und wer ist wir? Und was hat der Ausdruck „Angepasstheitstest“ für einen Aussagewert – außer dass er an das Weltbild einer gewissen Personengruppe (ist diese gleichbedeutend mit „wir“?) angepasst ist?

        Liken

  2. Ich widerspreche nur ungern, aber der Satz: „Erfolg und Ansehen sind in unserer Zivilisation eng mit der cerebralen Leistungsfähigkeit verknüpft“ kann so eigentlich nicht stehen bleiben. Es gibt – im Gegensatz zu Studien über Intelligenztests – mittlerweile sehr viele, sehr eindeutige Studien darüber, was Menschen nur allzu oft tatsächlich auf die Erfolgsspur bringt: Aussehen und familiärer Hintergrund. Hübschen, schönen Menschen, am besten noch mit Bildungsbürgerhintergrund und Familienvermögen, wird am allermeisten verziehen. Schlechte Zensuren in der Schule, Faulheit oder Inkompetenz am Arbeitsplatz – all diese Dinge führen bei eher unansehnlichen Menschen sehr viel schneller zum Rauswurf. Trägt der schöne Taugenichts auch noch den Namen einer berühmten Familie, kann er sich mehr oder weniger erlauben was er will. Das sind natürlich keine 100%-Aussagen, zeigen aber einen sehr deutlichen Trend.

    Liken

    • richtige einwände – meiner meinung nach. gerade in unserer gesellschaft sind erfolg und ansehen eher mit beziehungen, umfeld und rücksichtslosigkeit u.ä. als mit cerebraler leistungsfähigkeit verbunden.
      beste beispiele dafür findet man überall ohne daß man lange suchen muss. politiker, spitzenmanager oder auch nur das arschloch von vorgesetzten, den man sich täglich antun muss.

      Liken

  3. Allein das Lesen dieses Artikels, ließ meinen Intellekt spürbar steigen.

    Liken

  4. Dabei weiss doch jeder, dass die Wissenschaft nur durch Kreativität vorangetrieben wird!

    Liken

  5. Die gute Tanya verbringt vermutlich auch viel Zeit damit ihre Schnürsenkel auf die ‚richtige‘ Weise zuzubinden und vermeidet es peinlichst, beim Spazierengehen auf Fliesen mit der ‚falschen‘ Farbe zu treten. Nee, jetzt mal ernsthaft: Wenn durch genormte (!) IQ-Tests die menschliche Intelligenz erfasst werden soll, dann resultiert daraus doch zwangsläufig ein Ergebnis, das die Verstandesleistung der Probanden innerhalb der Normalverteilungskurve einordnet. Das ist auch so gewollt und jeder, der solche Tests durchführt (z. B. Psychologen), weiß das auch und wird die Probanden auch nicht ausschließlich nach diesen Ergebnissen beurteilen. Leute, die sich aufgrund eines vermeintlich (?) überdurchschnittlich absolvierten IQ-Tests für ‚was Besseres‘ halten sind ja schon schlimm, aber Leute wie unsere gute Mathematikerin, die sich durch ihr krampfiges Formulieren von alternativen Lösungswegen als ’noch intelligenter als der Test‘ inszenieren wollen, tun mir fast schon ein wenig leid. Wir können halt nicht alle wie Wesley Crusher sein. (seufz)

    Liken

  6. Na Fritz, selber mal durchgefallen bei dem Test? *g*
    Auch ich stelle die Behauptung in Frage, daß der gemessene IQ relevant ist für den gesellschaftlichen Erfolg. Gustave Le Bon z.B. schätzt die Situation aufgrund eigener Beobachtungen so ein, daß man sogar davon profitieren kann, einen niedrigen IQ zu haben – da man dadurch auch gequirlte Scheiße gewinnbringend an den Mann bringen kann, man muß nur selbst glauben es sei Gold das man da verkauft, die Überzeugungskraft überwiegt die Intelligenzleistung in dem Falle. Jeder Vernunftbegabte weiß, daß man aus Scheiße kein Gold machen kann. Die, die das nicht wissen, haben gute Erfolgsaussichten. Leider.

    Liken


Comments RSS TrackBack Identifier URI

Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.