Erwachsen werden durch Gaming

Es gibt eine ganze Reihe von zentralen Aspekten der wichtigsten Kulturform unserer Zeit, Computer- und Videogames, die nur verstanden werden können, wenn man sich mit dem Thema auch wirklich persönlich beschäftigt hat. Patricia Hernandez (pic) beschreibt im meiner Ansicht nach führenden PC-Gaming Blog “Rock, Paper, Shotgun” (RPS) ihre eigene Erfahrung, vor allem mit Fallout 2. Sie bekam das legendäre Rollenspiel als Teenager von ihrer dominanten Mutter als Belohnung dafür, dass sie sich zähneknirschend in auferlegte Rollenklischees fügte. Allerdings öffnete Fallout das Tor für eine ganze neue Welt, was Patricias Leben nachhaltig veränderte und ihr half, zu einer selbstbestimmten Person zu werden.

Schon das Setting in einem post-apokalyptischen Kalifornien, nach dem Ende des amerikanischen Traums, gab ihr die Freiheit, weit über ihre lateinamerikanische Immigrantenherkunft und deren Begeisterung für die USA hinauszudenken. Dazu kamen Entscheidungsoptionen, die in ihrem bisherigen Leben einfach nicht vorgesehen waren. Sie wählte eine weibliche Figur aus, dazu Eigenschaften, die ihrem eigenen Selbstgefühl entsprachen, und verliess den Startort Arroyo, indem sie nicht den mühevollen Weg durch den Tempel nahm, sondern statt dessen seinen Wächter umbrachte. Für eine teenage Chica eine geradezu unvorstellbare Entscheidungsreiheit.

Kaum in Modoc angekommen, fand sie die Option interessant, mit der Bürgermeisterstochter Miria zu flirten und die Konsequenzen für eine gemeinsam verbrachte Nacht in Form einer Heirat zu akzeptieren. Und das, obwohl der Begriff “lesbisch” in der Welt ihrer Herkunft überhaupt nicht vorkommt. In ähnlicher Weise wurde sie vor immer neue, folgenschwere Entscheidungen gestellt, was ja auch den Sinn eines RPGs ausmacht, und in einem geringeren Rahmen den Sinn aller Computer- und Videogames: Sie lassen dich Entscheidungen treffen. Etwas, das Teenager typischerweise verwehrt ist.

Und genau das ist die “Droge” Computerspiel. Nicht das Abschlachten menschenähnlicher Pixelsilhouetten, nicht das endlose Sammeln von Items unterschiedlichster Nützlichkeit, nicht einmal das Erkunden nicht-existierender Landschaften. Nein. Entscheidungen. Deswegen sind Computer- und Videogames das Beste, das Heranwachsenden heute passieren kann, damit sie sich zu reifen, selbstbestimmten Persönlichkeiten entwickeln. Entscheidungen.

gaming made me: fallout 2

12 Kommentare

  1. Ich kaufe ein „f“. Du darfst es da einfügen, wo es fehlt.

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  2. Ach, immer diese maßlose Überschätzung jedes digitalen Furzes. Games als „wichtigste Kulturform unserer Zeit“? Sie sind nicht einmal die wichtigste Spielform unserer Zeit. Olympische Spiele, Weltmeisterschaften, Fußball, Tennis, Formel 1 – was ist damit? Allesamt unwichtigere Spielformen als Fallout? Und gar „Kulturform“. Gibt’s da nicht auch noch ein paar andere Formen, die zwar schon etwas alt, aber noch immer hauptsächlich in Gebrauch sind? Gespräche, Diskussionen, Lesen, die Oper, das Theater, Konzert, Ausstellungen? Das alles soll unwichtiger sein als irgendwelche Computerspiele? Erwachsen werden durch Computerspiele, weil man da angeblich was entscheiden kann? Du kannst nichts entscheiden, was das Programm nicht vorgesehen hat. Und was immer Du entscheidest, es bleibt folgenlos in Deinem Leben. Wenn Du aber als Schüler dem Lehrer widersprichst, wenn Du entscheidest, Dich einer mobbenden Peer Group in den Weg zu stellen, wenn Du entscheidest, Dich von Deinem Freund/Freundin zu trennen, von zuhause auszuziehen, Dein eigenes Geld zu verdienen, den Job zu kündigen, den ganzen Beruf zu wechseln, eine Familie zu gründen, die Konsequenzen einer Fehlentscheidung zu tragen – dann wirst Du erwachsen. Zu wissen: Das Leben ist irreversibel, es gibt keinen Resetknopf, der alles wieder auf Anfang stellt – das ist erwachsen. Nix gegen Computerspiele, auch sie tragen immer irgendwas zur Entwicklung bei, genauso wie übrigens Dame, Mühle, Schach, Sabble und wie die Steinzeit-Spiele alle heißen. Auch in solchen Spielen trifft man Entscheidungen, man wird für Fehlentscheidungen, falsche Spielzüge, Leichtsinn, Denkfaulheit bestraft, und man muss lernen, anständig und fair verlieren zu können, deshalb ist es gut zu spielen, und darum trägt das alles irgendwie ein bisschen zum Erwachsenwerden bei, aber das, was eigentlich erwachsen macht, ist das wirkliche Leben. Denk ich mir mal so nach 61 Jahren Leben in dieser Welt.

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    • Wie ich schon in diesem anderen Medium sagte, Computer- und Videogames sind diejenige Kulturform, mit der auch die Bundesbürger die meisten Zeit verbringen. Ja, ok, du hast halt keine Ahnung davon. Deine Entscheidung, ob du zum alten Eisen gehören willst. Viel Spass noch mit deiner Hochkultur. Und beim Kommentieren von Artikeln, die nur oberflächlich gelesen hast.

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      • Lieber Fritz,
        deinen Kommentar empfinde ich als überheblich.

        Woher nimmst du die Statistik, dass „Computer- und Videogames“ die Kulturform sind, „mit der auch die Bundesbürger die meiste Zeit verbringen“?
        Ich habe beim Statistischen Bundesamt versucht eine Statistik über den Zeitgebrauch in der Freizeit in Verbindung mit kulturellen Angeboten zu finden; leider hat sich bei mir kein Erkenntnisgewinn eingestellt.
        Bitte poste den Link, damit ich mir selbst ein Bild machen kann (es interessiert mich sehr und kann mich in anderen Diskussionen evtl. stützen oder aber meine Meinung korrigieren!)

        Davon abgesehen behaupte ich einfach, dass bei einem weit gefassten „Kulturbegriff“ Video- und Computerspiele vielleicht die am häufigsten verwendeten „Kulturgüter“ sind, jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass „die meiste Zeit“ damit verbracht wird. Das würde ja mehr als 50% der freien Zeit (in der Kultur genutzt wird) bedeuten.
        Das schließt mit ein, dass Kino, Theater, Museen, Diskussionsrunden (Podiumsdiskussionen usw.) Vorträge, Kabarett, Opern, die Pflege von Traditionen die zu unserer Kultur gehören wie Sportvereine, Musikvereine, Tanzvereine, usw. usf. alle zusammen WENIGER Zeit in Anspruch nehmen.

        Und die Aussage „ob du zum alten Eisen gehören willst“ empfinde ich für dich als tragisch, denn falls du tatsächlich die oben genannten Kulturgüter dazu zählst, dann hast du mit dem Gros unserer Gesellschaft und mit den Grundlagen unserer kulturellen Errungenschaften und Kommunikation im RL nur noch sehr wenig zu tun, was ich äußerst schade fände!

        MfG
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        • Ich hab den Link auch nicht mehr. Aber überleg mal kurz, wer wieviel Zeit womit verbringt. Hochkultur (Theater, Museen etc) ist eine Nischenveranstaltung, Handys und Computerzugang hat dagegen jeder. Bundesbürger unter 40 verbringen regelmässig viele Stunden täglich mit elektronischer Unterhaltung, auch wenn das in deinem Lebensumfeld nicht vorkommen mag. Ich selbst wende viel Zeit für Offscreen-Kultur auf (meatspace), aber noch mehr für Onscreen-Kultur. Das kann jeder halten wie er will, nur eine pauschale Ablehnung von elektronisch augmentierter Freizeitgestaltung wie in Christians Comment weiter oben sortiert den Betreffenden in meinen Augen zum alten Eisen, ja.

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  3. Grundvorraussetzung zur persönlichen Reifung sind nicht Entscheidungen, sondern sichere Bindungen. Ich denke, Du bewertest das ein bißchen einseitig, aber das weißt Du sicher ;)

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    • Der sichere soziale Rahmen ist eine Voraussetzung für persönliche Entwicklung, das Üben von Entscheidungen ein Teil des Reifungsprozesses. imho.

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      • Ja, es gehört dazu. Der Text las sich, als sei das das Hauptkriterium. Und das habe ich in Frage gestellt. Es ist unbestritten, daß man Dinge nur lernt, indem man sie tut. Sichere Bindung halte ich persönlich aber für wichtiger. Siehe John Bowlby.

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  4. 3 negative Kommentare, die nicht vom Autor stammen und einer, der Deutschwitze mag. Daher das: Weiter so Fritz, die stille Mehrheit schweigt und geniest deinen Artikel. Der Rest ist nur Geltungsbedürfnis.

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    • Geltungsbedürfnis? Wenn du meinst.

      Davon abgesehen hat Felix oben (in der Antwort nach meinem ersten Beitrag) seine Aussage schon extrem stark relativiert indem er „Computer- und Videogames“ durch „elektronische Unterhaltung“ ersetzt hat.
      Da kann ich schon eher zustimmen, da zur elektronischen Unterhaltung auch Nachrichten, Filme, Blogs usw. im Netz gehören. Falls das von Anfang an gemeint war, hätte ich nichtmal einen Kommentar geschrieben; allerdings ist dann der Artikel schlicht und einfach ungenau und nicht weit genug durchdacht.

      MfG
      Optimist

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      • Felix = Fritz … sehr peinlich :-/

        Tut mir leid @Fritz!!!

        MfG
        Optimist

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  5. Auch wenn ich nicht ganz mit der Meinung des Autoren übereinstimme, hier wurde viel wichtiges und interessantes gesagt. Wer in einer Familie heranwachsen muss, in der er für das Einhalten eines von oben bestimmten Rollenbilds mit Computerspielen belohnt wird, für den ist es natürlich ein Akt der freien Entscheidung, wenn er im Spiel und der Fantasie die jedem Spiel folgt, mal gleichgeschlechtliche Romanzen oder den Widerstand gegen den Unterdrücker wählen darf. Ich habe nie Fallout gespielt. Aber sonst habe ich sehr viel Zeit meiner Jugend vor dem Rechner mit Spielen verbracht. Schon die Überlegung, dass man wenn man wollte auch mal den „bösen“ spielen könnte, oder wie es wohl wäre, wenn man …, ist für die Vorstellungskraft beflügelnd. Mein Sohn ist gerade voll auf Pokemon und StarWars. Das ist aus meiner Position als Vater nicht immer leicht zu verkraften. Aber wenn er in seine Fantasiewelten mit Laserschwert oder Pokeball abtaucht, geschieht so viel in seinem Gehirn. Den Anstoß dafür liefert der Computer. Wir gehen auch öfter mal in Museen, in Berlin haben wir ein reichliches Angebot, oder in den Wald Pilze sammeln oder dergleichen, aber so faszinierend diese Ausflüge auch sind, die Fantasiewelten finden die Anregungen doch eher in actionreichen Geschichten. Die „erlebt“ er nur im Computer, denn in Vorgelesenen oder auf dem Bildschirm gesehenen Geschichten ist er eben nur der Zuschauer. Ich halte das nicht für die wichtigste Kulturform, auch wenn hier ferhältnismässig viel Zeit angelegt wird, aber schon für sehr wichtig.

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