Wollen alle Angela, oder ist die Demokratie am Ende?

parteien

Die Politikinteressierten aller (Bundes)Länder sind gerade aufgewacht, weil die Speerspitze (oder eben der Schaufelradbagger) des deutschen Journalismus auf den ersten Blick unverständliche Umfragewerte berichtet. Dann lieber zweimal hinsehen:

Wir erleben gerade das Entstehen eines Mems — je nach Blickwinkel das eines unerschütterbaren Mutti-Imperiums oder das der bereits erfolgreich implodierten Demokratie. Dabei hatte die Tagesschau (oder eben die ARD) Infratest nur nachfragen lassen, ob die Deutschen denn zufrieden wären mit ihrer Regierung; angesichts der aktuell guten Umfragewerte der amtierenden schwarzgelben Koalition. Dabei hatte sich gezeigt, dass nur 38% der 1003 Befragten (Fehlertoleranz bis 3,1%) die Regierungskoalition der CDU/CSU/FDP gut finden, dagegen 56% die „Regierung Merkel“ – also sogar noch mehr als unter den 1500 mit der Sonntagsfrage Konfrontierten, da waren es 47% für CDU/CSU/FDP.

Heisst das, wir können das mit der Demokratie gleich knicken? Angesichts dieses dicken Unterschieds? Nein, garnicht. Man darf sich nur nicht von den bunten Balken beeindrucken lassen — genau dafür sind die nämlich erfunden würden. Fürs Beeindrucken.

Wenn Statistiken zufolge vorletztjahrhundertlicher Literatur die allerfieseste Form der Lüge darstellten, müssten sie diesen Ehrenplatz heute eigentlich an die Präsentation (mit oder ohne Powerpoint) abtreten, in welcher die blassen Zahlen nochmal geschönt und gefärbt als rechteckige Säulen der Wahrheit auftreten.

Also gut: Vorhang auf. Angeblich (genau wissen wir’s ja nicht) finden 56% die „Regierung Merkel“ gut, aber nur 38% die mit den Parteienbuchstaben drin. Und die (entscheidende) Differenz von 18%? Das sind wohl Leute, die zwar Parteienbuchstaben nicht so toll finden, trotzdem aber ein allgemeines Zufriedenheitsgefühl haben… oder besser, eine allgemeine Sehnsucht nach Zufriedenheit, Sicherheit und der Abwesenheit von Problemen und Parteien. Diese 18% bilden so etwas wie die DRIPP, oder „Deutsche Rückzug Ins Private Partei“. Oder noch genauer, die „Deutsche Rückzug Ins Private Bei Gleichzeitiger Teilnahme An Umfragen Partei“, also DRIPBGTAUP. Dieser steht, wie wir wissen, eine „Partei“ gegenüber, die weder an Umfragen noch an Wahlen teilnimmt, mit respektablen „Zustimmungsraten“ von 28% (entsprechend einer Bundeswahlbeteiligung 2009 von gerade mal 72%), also deutlich mehr als die vorhin beschriebenen indifferent Privaten. Diese grundsätzlich Abgeneigten waren schon mal sehr viel weniger, nämlich in den wilden post-68er Jahren, mit damals unter 10%. Dazu kommt, dass immer mehr Wahlzettel absichtlich ungültig abgegeben werden, 2009 waren’s 1,4 Prozent für die Zweit und 1,7 für die Erststimme. Da fehlt also ein knappes Drittel Wahlberechtigter in der Aufstellung.

Zurück zu den sehr ungenauen Zahlen vom Anfang, die uns einen Farbbalken mit der Addition von „ich wähle Neocons“ und „lasst mich mit der Politik in Ruhe“ präsentieren. Also etwas beim zweiten Hinsehen reichlich Aussageloses. Ja, eigentlich vorsätzlich Falsches. Rechnet man nämlich unter Aufbietung sämtlicher Arithmetikkentnisse die Prozentzahlen der „Sonntagsfrage“ zusammen, kommt eine glatte 100 raus. Die „weiss nicht“ oder „mir egal“ werden also nicht gezählt. Wir wissen daher gar nicht, wieviele Stimmen wirklich nach momentaner Stimmung auf die jeweiligen Parteien entfallen würden, oder wieviele Wähler gar nicht erst zur Wahl gehen würden, wäre am Sonntag Gelegenheit dazu. Was uns die journalistisch unkorrekt hingezauberten Zahlen aber verraten, ist, dass es ganz entgegen unserer anfänglichen Befürchtung sehr wohl Meinungs-, Stimmungs- und Befindlichkeitsgruppen gibt, die sich nicht in das Parteiraster pressen lassen. Ah, gut.

Wozu dann noch der ganze Aufwand? Weil es eben eine prozentual zweistellige Wählergruppe gibt, die irgendwie zur Wahl geht und dann irgendwie irgendwas ankreuzt. Ohne so genau zu wissen, warum. Und aus dieser Gruppe lassen sich bestimmt einige durch die Legoversion von Demokratie mit spielzeugbunten Klötzchengrafiken beeinflussen. Wissenschaftlich korrekt ist dagegen nur eine Vorgehensweise, nämlich selbst an der Wahl teilzunehmen und die ausgezählten Stimmen, trotz aller vorhandenen Bugs im Wahlsystem, als vorläufiges amtliches Endergebnis anzuerkennen. Alles andere ist Jahrmarkt fürs Volk, mit Karussell, Wurfbude und einer Geisterbahn, die im Direktvergleich mit Fukushima, Prism, Monsantomais, Hartz-IV und den anderen allwöchentlichen Skandalfratzen wie reine Erholung wirkt. Treten Sie ein, meine Damen und Herren, treten Sie ein.

9 Kommentare

  1. Rein wissenschaftlich betrachtet macht die einzelne Wählerstimme 0,00000125 Prozent des Wahlergebnisses aus. Wenn man von der Annahme ausgeht, daß 80 Millionen Menschen zur Wahl gehen. Was natürlich nicht zutrifft. Aber auch, wenn man diesen Anteil verzehnfacht (entspräche dann 8 Millionen Wahlteilnehmern), geht er rein mathematisch-statistisch betrachtet im Grundrauschen unter.

    Das mit dem Jahrmarkt ist aber tatsächlich so. Früher nannte man es „Brot und Spiele“. So öffentlich Menschen den Löwen zum Fraß vorwerfen und so. Wäre das nix mehr heute? ;)

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  2. Rein wissenschaftlich betrachtet macht die einzelne Wählerstimme 0,00000125 Prozent des Wahlergebnisses aus. Wenn man von der Annahme ausgeht, daß 80 Millionen Menschen zur Wahl gehen. Was natürlich nicht zutrifft. Aber auch, wenn man diesen Anteil verzehnfacht (entspräche dann 8 Millionen Wahlteilnehmern), geht er rein mathematisch-statistisch betrachtet im Grundrauschen unter.

    Das mit dem Jahrmarkt ist aber tatsächlich so. Früher nannte man es „Brot und Spiele“. So öffentlich Menschen den Löwen zum Fraß vorwerfen und so. Wäre das nix mehr heute? ;)

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    • Und was willst du dem Leser damit sagen? Das er nicht zur Wahl gehen soll, weil seine Stimme genausoviel zählt wie die der anderen >60 Millionen Wahlberechtigten?

      Sorry aber das ist der dümmste Grund nicht zur Wahl zu gehen. Und jedes Wahljahr wird dieser Mist wieder verbreitet.

      Vielleicht solltest du auch mal „rein wissenschaftlich“ nachprüfen was genau Grundrauschen bedeutet.

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      • Ich sage damit nur, daß man sich nicht zu viel versprechen soll von einer Tätigkeit, die im Grundrauschen untergeht. Wenn Du einen Vergleich haben willst, kannst Du die akustische Wahrnehmung heranziehen. Da (unter Anderem) ist es erklärt: http://de.wikipedia.org/wiki/Grundrauschen

        Gruß

        Thomas

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        • Und dir fällt immer noch nicht auf warum dein Vergleich hinkt? (kleiner Tipp: versuch mal Rauschen in deinem Zusammenhang zu definieren)

          Meiner Meinung nach ist und bleibt es eine Bullshit-Entschuldigung um nicht zur Wahl zu gehen.
          Aber man kann ja immer noch schön jammern, „ich kann ja sowieso nix ändern, die da oben machen doch sowieso was sie wollen…“. Traurig.

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          • Ein Wirkanteil von unter einem Promille definiere ich als „Rauschen“. Wie definierst Du das?
            Keine Sorge, ich gehe wählen, aber es gibt echt nützlichere Dinge. Rechne mir Dämel doch einfach mal vor was Du meinst, offenbar bin ich ja zu dumm, um selber drauf zu kommen. Laß mich nicht dumm sterben…

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          • Ich kann auch auf andere und wahrscheinlich viel wirksamere Weise etwas ändern, als alle 4 Jahre einen dieser Arschlöcher zu wählen. Denn durch Wahlen etwas zu verändern ist eine Mär.

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  3. Als die zahlen im Radio veröffentlicht wurden und ich die beiläufig mitbekommen habe, habe ich die auch für unsinnig befunden..
    Mir war doch gleich so als ob damit irgendetwas nicht stimmen kann. ;)

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    • Wenn meine Oma das im WDR4 hört, nimmt sie das aber einfach so hin und glaubt den Scheiß. „Die da oben“ waren und sind laut ihrer Aussage zwar immer schon „Verbrecher“ und „machen, watt se wollen“, aber gewählt werden sie dann trotzdem, aus Tradition. Ich komm zwar nicht aus der Mittelschicht, sondern aus einer klassischen Ruhrpott-Bergbau-SPD-Familie, so daß garantiert keiner CDU wählt, aber das ist kein Trost. Überhaupt keiner…

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