Bayern 2013: Nach der Wahl ist vor der Wahl

ludwig2

In fortschrittlichen Kreisen ist das Entsetzen nach der Landtagswahl 2013 gross: CSU in Bayern bei 48%, Piraten und Linke bei 2, selbst die ehemals fortschrittlichen Grünen nur noch einstellig (ich hoffe, damit ist der Rechtsrutsch der Bayerngrünen beendet). Untergang des zukünftigen Abendlandes? Naja, nee.

Wir müssen uns vor Augen halten, dass die CSU schon mal 62 Prozent hatte, nämlich 1974, und selbst 2003 noch mal knapp über 60. Warum ist das so? Trotz Verwandtenbeschäftigungs-Affäre, trotz Hypo-Alpe-Adria, trotz Mollath und dem ganzen, für jeden síchtbaren Ausmass des Versagens und der Korruption? Weil die CSU in Bayern für regionale Identität steht, für Sicherheit. Und gerade in aktuellen Zeiten der Verunsicherung, mit zunehmender wirtschaftlicher Prekarisierung, Totalüberwachung durch in- und ausländische Geheimdienste und anhaltender Erosion unserer bürgerlichen Rechte schaltet ein grosser Teil unserer wahlberechtigten Mitbürger eben um auf Wunschdenken und wählt (krampfhaft) CSU. Das wird man diesen Leuten auch nicht ausreden können.

Ausserdem müssen wir uns vor Augen halten, das die Wahlbeteiligung bei dieser Landtagswahl wieder einmal etwas unter zwei Dritteln lag – das heisst, über ein Drittel der Wahlberechtigen geht gar nicht erst hin, viele davon aus einer Art Verweigerungshaltung. Das bedeutet: In Bayern kreuzt traditionell ein Drittel der Wähler die CSU, ein weiteres Drittel andere Parteien an, bei einem dritten Drittel Demokratieverweigerer. Ich glaube nicht, dass sich das so schnell ändern wird, wenn ja, dann durch Wegsterben der Angstgeneration und durch die forschreitende Urbanisierung durch den Strukturwandel und die Breitbandanschlüsse im flachen Land.

Die Piratenpartei dagegen, vor sieben Jahren von der Hacker- und Nerdkultur als Mittel der parlamentarischen Arbeit gegründet, konnte ihr Ergebnis der Bundestagswahl 2009 gerade mal halten. Was bereits eine Leistung ist, angesichts der oben beschriebenen Verhältnisse. Was die Piratenpartei – eigentlich erfreulich – noch nicht macht, ist ein schizophrener Wahlkampf, der bei anderen Parteien rein emotional und inhaltefrei geführt wird, bei völligem Verzicht auf Programm und Inhalte. Der Wahlerfolg gibt dem Double-Think der Etablierten recht: Es geht nur ums Image, nicht um Text. Hier ist für die junge Fortschrittspartei noch reichlich Raum für Verbesserungen, und ich selbst werde meinen Kommunalwahlkampf Anfang 2014 (mit einem dicken lokalen Wahlprogramm in der Tasche) emotionaler und aggressiver führen als wir das bisher von den Piraten kennen.

Ich meine, hey, schliesslich geht es um die Zukunft. Die Ängste meiner Mitbürger kann ich nicht auflösen, dazu fehlt mir die fachliche Ausbildung. Das Flächenbombardement der Massenmedien kann ich ebenfalls nicht abstellen; die Piraten müssen weiter gegen Blödsinn wie Leistungsschutzrecht, gegen die Zerstörung des Urheberrechts zugunsten von Konzernen und auf Kosten von Kreativen und Konsumenten, gegen unkontrollierte Überwachung und Stasi-2.0-Tendenzen, für ein Recht auf wirtschaftliche Teilhabe aller Bürger am massiven Reichtum dieses Landes, für den Erhalt unserer Rechte kämpfen. Auch wenn das alles den Männern an der Macht (ja, ich sage damit, das Anschi eine Marionette ist) überhaupt nicht gefällt und deswegen die progressive Piratenpartei mit allen medialen Mitteln bekämpft wird (wobei es auch neutrale, seriöse Medien gibt, aber nur einzelne).

Alles was ich tun kann, ist, der tatsächlich ziemlich grossen postmateriellen Gegenwartskultur nahebringen, das “wir alle zusammen” eben mehr als 2 Prozent sind und wir – zusammen mit den ausserprlamentarischen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen – sehr wohl etwas erreichen können. Ihr könnt dabei mitmachen oder nicht, das ist eure freie Entscheidung.

Das pic oben zeigt Ludwig den zweiten, zentrale Identifikationsperson des bayrischen Selbstverständnisses, der aber auch nur deswegen “König von Bayern” war, weil sich sein Urahn, Maximilian  Grossvater, Ludwig der Erste, nach erheblichen territorialen Gewinnen durch einen Pakt mit Napoleon (und damit gegen Deutschland) kurzerhand selber zum König erklärt hatte. Keine Romantik also, sondern reine Machtpolitik und Amigo-Wirtschaft, schon damals.

Btw: Für mich geht der Wahlkampf noch bis Samstag, dann ist ein Monat Pause, dann Kommunal- und Europawahlkampf. Mal sehn^^.

9 Kommentare

  1. Ja, beim CSU- Wahlerfolg war viel Wunschdenken dabei. CSU wählen hat ein bissel was von Stockholm- Syndrom :D

    Gefällt mir

  2. Freut mich sehr, dass du (ihr? Im Sinne der Partei) das Ergebnis nicht so demoralisierend interpretiert wie es möglich wäre.

    Ich kann dem glaube ich nicht viel mehr hinzufügen als: weiter so! :)

    Viele Grüße,
    Piff.

    Gefällt mir

  3. Wenn Wikipedia nicht lügt, dann nannte sich Kurfürst Maximilian IV. Joseph von Bayern seit 1806 König Maximilian I. von Bayern. Der hatte sich mit Napoleon gegen Deutschland verbündet und ordentlich Land gewonnen.
    Ludwig I. erweiterte den Titel 1837 dann – fantasievoll aber rechtlich nicht ganz einwandfrei – in „König von Bayern, Herzog von Franken, Herzog in Schwaben und Pfalzgraf bei Rhein“.

    Gefällt mir

    • …was die Wikipedia sagt.

      Gefällt mir

      • Übrigens schließen sich sowohl der Verein für Stadtteilkultur im Münchner Nordosten e.V. (www.nordostkultur-muenchen.de) als auch Bertelsmann (www.wissen.de) der Biografie von Maximilian an – wer da auch immer von wem abgeschrieben haben mag.
        Grüße aus dem Herzogtum Berg (Ex-Bayern)

        Gefällt mir

  4. Kann man es den Bayern verdenken? Dank CSU stehen sie als wirtschaftlich erfolgreichstes Bundesland da, im Gegensatz zu dem von ach so „fortschrittlichen“ linken Parteien regierten Berlin, dass permanent in Schulden von Milliardenhöhe absäuft. Auch bei uns in NRW hat es Rot-Grün geschafft, den ehemals ausgeglichenen Landeshaushalt nachhaltig zu ruinieren.

    Aber es passt natürlich nicht in dein Weltbild, dass die Bayern nicht aus Angst heraus die CSU wählen, sondern weil sich deren Politik bewährt hat. Das ewige Dilemma der Linken. Man hält sich für fortschrittlich und unglaublich überlegen, jammert aber ewiggestrig den gleichen marxistischen Schwachsinn vor sich hin, der niemals irgendwo auf diesem Planeten zu irgendetwas anderem als Armut geführt hat. Schuld an der Wahlpleite sind dann die Massenmedien, die bösen Konzerne oder der Kapitalismus im allgemeinen. Schuld sind immer andere, an einem selbst kann es schließlich nicht liegen, man gehört ja zur überragenden Elite der vermeintlich „postmateriellen“ Gesellschaft, welche die Weißheit natürlich mit Löffeln gefressen hat.

    Genau aus diesem Grund werden auch die Piraten bei der Bundestagswahl am Sonntag eine heftige Schlappe einfahren. Euer Programm ist einfach Müll. Kein normaler Mensch hält das Urheberrecht für Teufelszeug oder interessiert sich dafür, auf welchem Lokus Transen in Zukunft kacken gehen. Ganz zu schweigen von euren BGE-Träumereien. Wir haben im Moment ganz andere Probleme, die ihr nicht mal im Ansatz registriert.

    Am besten ihr löst euren Laden auf und wandelt ihn in eine NGO um. Sozusagen ein Greenpeace für Datenschutz, dass ist das einzige Thema von dem ihr Ahnung habt. Für den restlichen Unsinn, kann ich in einem Anfall von Nihilismus auch die Grünen oder die Linkspartei wählen.

    „… überhaupt nicht gefällt und deswegen die progressive Piratenpartei mit allen medialen Mitteln bekämpft wird.“

    Das ist ja wohl der größte Witz überhaupt. Von den Piraten hat man doch in den letzten Woche kaum etwas gehört, trotz Steilvorlagen wie Prism, die eigentlich zu keinem besseren Zeitpunkt hätten geliefert werden können. Das Problem sind nicht die Medien, sondern die Idioten die ihr darin zu Wort kommen lasst. Bei den Medien weiß man wenigstens, dass sie einseitig und manipulativ berichten, wirklich abgeschreckt den Piraten jemals wieder meine Stimme zu geben, hat mich der Livestream vom Parteitag.

    Gefällt mir

    • Freie Meinungsäusserung. Auch hier. Ansonsten bin ich natürlich der gegenteiligen Meinung.

      Gefällt mir

    • Ich bin in einer großen Familie in Bayern auf dem Land aufgewachsen. Bin dort der einzige der nicht CSU wählt.
      Mit 14 Leuten meiner näheren (Geschwister, Eltern, Großeltern) und weiter entfernten (Cousins, Vettern, etc.) habe ich mich die letzten Monate leidenschaftlich über das Thema CSU und Bayernwahl unterhalten.

      Um es kurz zu machen:
      Ich kann mich der Meinung von Fritz anschließen: Leider sind die meisten Argumente sehr angstfokusiert und dienen der bayerischen Identität. Leider trifft es den Kern, wie ich ihn bei 14 CSU-Wählern angetroffen habe. Und dann sind dort noch nicht mal die Meinungen der Mitbewohner im Dorf einberechnet, die ich häufiger beim Schützenfest erlebt habe…

      Gefällt mir


Comments RSS TrackBack Identifier URI

Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.