Fred Breinersdorfer: Vom Tatort-Autor zum Piratenversteher

Fred_Breinersdorfer

Im Frühjahr 2012, auf dem Scheitelpunkt der damals tobenden Urheberrechtsdiskussion unterzeichnete der Drehbuchautor und Rechtsanwalt Fred Breinersdorfer zusammen mit 50 anderen Tatort-Autoren einen offenen Brief an Grüne, Linke und Piraten. Darin warfen die Drehbuchschmiede den Adressaten „Lebenslügen“ vor und bestanden wortreich auf der Aufrechterhaltung von Schutzfristen – derzeit betragen diese 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers (was kaum zu dessen finanzieller Situation beiträgt, aber das ist wieder Teil einer anderen Diskussion). Damals.

Inzwischen sieht Breinersdorfer aber, dass seine sämtlichen Werke zwar frei (und illegal) im Internet erhältlich sind, die grossen Anbieter legaler Filmdownloads aber dagegen Bedingungen diktieren, die auf Medienkonzerne zugeschnitten sind und unabhängige Kulturschaffende benachteiligen. Also fordert er, ganz im Gegensatz zur Hardliner-Position von 2012, eine Freigabe von Film im Netz. Eine Zwangslizenzierung. So etwas wurde schon früher diskutiert, ist also keine Erfindung Breinersdorfers. Nur überrascht es, dass der ehemalige Tatort-Rechte-Verteidiger jetzt diesen Schwenk macht. Er forderte in einem Gastbeitrag zur Süddeutschen Zeitung, Filme (und womöglich später auch andere internetfähige Kulturgüter) per Gesetz freizugeben, damit diese von jedem angeboten werden können. Mit der Auflage, den oder die Urheber finanziell zu beteiligen. Das würde zumindest die Einkommenssituation Breinersdorfers und seiner Tatort-Kollegen verbessern. Verlierer eines solchen, längst überfälligen Modernisierungsgesetzes wären allerdings die Abmahnkanzleien sowie die Quasi-Monopolisten. Eine starke Lobby, die sich problemlos gegen eine schwache Regierung durchsetzen kann. Trotzdem möchte ich mich bei Fred bedanken, für diese späte Einsicht, und dafür, dass er dazu öffentlich steht. Dass ein ehemaliger Urheberrechts-Hardliner jetzt auf die Seite des Realismus wechselt und eine Reform fordert, gibt mir etwas Anlass zur Hoffnung. Jetzt müssen wir, Kreative und Konsumenten, uns nur noch gegen die Verwerterlobby durchsetzen. Viel Glück uns allen.

Auch lesenswert: Bruno Kramm zum Thema.

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4 Kommentare

  1. „derzeit betragen diese 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers (was kaum zu dessen finanzieller Situation beiträgt“
    Welcher Verlag wird einem greisen Autoren einen Vorschuss auf dessen vielleicht letztes – vielleicht bestes – Werk zahlen, wenn mit dem Tod des Autoren die Exklusivität der kommerziellen auswertung enden sollte?

    Ja, das ist eine andere Debatte, aber solche Sätze zeigen, wie ahnungslos in dieser Debatte jeder mitzureden gedenkt.

    Das ist nun leider auch in diesem Fall zu erkennen: wie soll denn die Pflicht eine angemessene Beteiligung zu zahlen gegenüber einem im Ausland versteckten Piratenserver durchgesetzt werden?
    Wie sollen die Haftungsfragen für eine solche Beteiligung mit den Filehostern im Ausland geregelt werden, die sich auf das DMCA berufen und nicht wie Rapidshare der neueren BGH-Rechtsprechung unterliegen?

    Breinerdorfer hatte wohl einen schwachen Moment – ausgegoren ist die Idee jedenfalls nicht. Denn im Endeffekt würde nur die Lizenzierungs- und Vertriebspraxis einer kosmetischen Änderung unterzogen – die Probleme bleiben ohne Lösung.

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    • Der Konsens in den Reihen der Reformer geht dahin, die Mindestschutzfrist auf zehn Jahre zu setzen, auch wenn der Urheber früher dahinscheidet. Mehr an Verwertungszeit benötigt ein Buch nicht. Die Abrechnung mit den Verwertern von verpflichtenden Lizenzen, wie nun auch von Breinersdorfer vorgeschlagen, geschähe wie in anderen Geschäftsbereichen auch, und der Option, zivilrechtliche Ansprüche gegen Firmen im Ausland auf dem juristischem Weg durchzusetzen. Auch hier: Es geht nicht darum, für jede einzelne Nutzung Geld zu erhalten, sondern darum, die Urheber grundsätzlich zu beteiligen.

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      • An den Fragen wer diesen Betrag festlegen soll und warum er nicht auf ein nicht-kriminelles (Servce-)Geschäftsmodell wechseln will… ganz zu schweigen von der technischen Umöglichkeit, moralischen Verwerflichkeit und unternehmerischen Hinfälligkeit… ändert sich dadurch nichts.

        Dass ein(e) Ehepartner(in) zustimmt, einen nach 10 Jahren nicht mehr grundlos zu schlagen und zu demütigen macht ihn/sie nicht plötzlich zu einem/r akzeptablen Ehepartner(in).

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  2. Damit ich das richtig verstehe: Er will also unendlich Schutzgeld… per Kaiserdekret… von allen… für immer… ?
    Und wer legt den Betrag fest den jede völlig wertlose Kopie kosten soll? Er? Die Regierung? Eine Gema?
    Und wird der Betrag für alle gleich? … Weil z.B. Justin Bieber — die unendliche Verfügbarkeit mal gerade weghalluziniert — auch genau so wertvoll ist wie z.B. Scroobious Pip?
    Und Geschmack/Wert auch für alle gleich ist…?

    Ganz zu schweigen davon dass immer noch die Frage offen bleibt, wie das Ganze in der Realität umsetzbar sein soll…? Wo Kopieren sich nunmal der Kontrolle entzieht.
    Ich meine ohne ein totalitäres System der totalen Überwachung mit TCPA in jedem Gerät und jedem Hirn.

    Und das alles nur, weil der feine Herr nicht das selbe Geschäftsmodell nutzen will, das jede andere Serviceindustrie seit dem ältesten Gewerbe der Welt nutzt… Weil man da für sein Geld ja arbeiten müsste … wie das gemeine Volk! Nein, bloß nicht! Geld einstreichen ohne was dafür zu tun ist so viel schöner!

    Dass es zumindest mal an die Kreativen selber geht ist ein Anfang… Aber mit Realität hat das immer noch absolut garnichts zu tun.

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