Bahnstreik: Die Angst vor der Arbeiterklasse

v_for_vendetta

Eigentlich undenkbar im wiedervereinigten Deutschland: Eine Gewerkschaft verkündet den Streik der von ihr vertretenen Berufsgruppe. Und gleich für mehrere Tage! Kein Wunder, dass die privatwirtschaftlichen Medien im Chor mit regierungsnahen Rundfunkanstalten aufheulen, Missbrauch des Streikrechts anmahnen und von Millionenschäden für die Wirtschaft sprechen. Und nicht einmal vor plakativer Veröffentlichung von Adresse, Telefonnummer und Foto vom Wohnhaus des Gewerkschaftsvorsitzenden zurückschrecken. Ach so, dann ist doxxing gar nicht von 4chan erfunden worden?

Aha! Tatsächlich machen Claus Weselsky und die von ihm vertretene GDL nichts anderes als das, was sie machen sollten: Dafür sorgen, dass die Löhne und Arbeitsbedingungen der Lokführer, also Leuten, die täglich Verantwortung für Tausende von Menschenleben haben, nicht auf Drittweltniveau absinken. Es ist ja nicht so, dass das Geld etwa nicht da wäre. Es wird nur anders verteilt, als die Mehrheit das möchte. Und in diesem speziellen Fall wehrt sich ein Teil dieser Mehrheit eben.

Während Lokführer in Deutschland nur die Hälfte bis ein Drittel des Gehalts ihrer Schweizer Kollegen erhalten (andere europäische Staaten liegen dazwischen), sind die Vorstandsgehälter seit der Privatisierung auf zweistellige Millionenbeträge explodiert.

Ja, ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass ein öffentlicher Nahverkehrsverband Managern exakt genau so viel bezahlt wie Lokführern. Irgendwann. In der Zwischenzeit wäre es ein sinnvoller erster Schritt, die Steigerung der beiden Gehaltsgruppen aneinander zu koppeln. Und dafür zu sorgen, dass Deutschland im europäischen Vergleich nicht länger ein Billiglohnland ist. Da ist es natürlich nicht hilfreich, wenn die ehemals als linksaussen verschriene SPD-Arbeitsministerin Andra Nahles von einer gesetzlichen Streikrechtseinschränkung faselt, nachdem sie bereits das soziale Netz (aka Hartz4) mit grösseren Löchern versehen hat.

Arbeiterklasse ist heute ein schmutziges Wort. Jedenfalls, wenn man den neoliberalen Medien glaubt. Eigentlich ist es das Konzept, dass Leute, die von ihrer Arbeit leben müssen, sich zusammenschliessen, um gemeinsam für ihre Rechte einzutreten. Aber der Neoliberalismus wird sich nur dann durchsetzen können, wenn wir das zulassen. Wenn wir uns einreden lassen, dass wir nur dann Arbeit und Wohlstand haben, wenn wir stillhalten und die immer rasanter aufklappende Einkommensschere ignorieren. Wenn wir über kleine streikbedingte Unbequemlichkeiten schimpfen, statt mitzumachen, wenn Arbeitnehmer die Nase voll haben von der wachsenden wirtschaftlichen Ungerechtigkeit.

Remember, remember, the 5th of November. Heute wäre ein guter Tag für einen spontanen Generalstreik mit Strassenblockaden, findet ihr nicht auch?

Pic time warner

14 Kommentare

  1. Das Problem ist doch eher, dass die GDL eben nicht nur für die Interessen ihrer Mitglieder (Lohn, Arbeitsbedingungen), sondern für persönliche Machtausweitung streiken lässt. Die Ausweitung auf Zugbegleiter & Co. soll lediglich die EVG schwächen und die eigenen Mitgliederzahlen anschwellen lassen.

    Streikrecht ist ja was Gutes, aber nicht, wenn es für die falschen Ziele missbraucht wird (selbst der Vorgänger des GDL-Vorsitzenden hält die Streiks für unverhältnismäßig).

    Und bewirkt hat der aggressive Kurs nebenbei auch nichts, die Verhandlungen sind festgefahren und ein Konfrontationskurs erleichtert kaum eine Einigung.

    Klar, es gibt einen Imageschaden für die Deutsche Bahn, wenn nichts mehr pünktlich oder überhaupt fährt – aber seien wir ehrlich, es lässt eh kaum ein Fahrgast ein gutes Haar an dem Unternehmen und durch ihre Monopolstellung wird die Bahn dennoch kaum starke Einbußen erleiden müssen.

    Die Leidtragenden sind also wie üblich Pendler und sonstige Fahrgäste, die keine Alternative zum Angebot der DB haben.

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    • > Klar, es gibt einen Imageschaden für die Deutsche Bahn, wenn
      > nichts mehr pünktlich oder überhaupt fährt – aber seien wir
      > ehrlich, es lässt eh kaum ein Fahrgast ein gutes Haar an dem
      > Unternehmen und durch ihre Monopolstellung wird die Bahn
      > dennoch kaum starke Einbußen erleiden müssen.

      Du hast vergessen, dass DB Schenker Rail auch bestreikt wird – warum schaffen die wohl noch 50% Kapazität, während Fernverkehr und Regio 1/3 schaffen? Bei DB Schenker Rail gehts echt um Geld und Marktanteile. Soviel zum Thema „nutzt nix“. Die Streiks wirken, und jeden Tag, den sie länger durchhalten, ist ein Guter für dieses Land.

      Dann der Streik bei DB Regio und Fernverkehr.
      Du redest von „falschen Zielen“? I loled, wenn auch nur kurz. Wer die Lenkzeiten der Leute kennt, weiss, wie brutal das Geschäft ist – wer nicht, bitte informieren. Wir reden von zwölf-Stunden-Schichten mit acht Stunden Pause dazwischen. Für 1750 EUR netto nach 25 Dienstjahren. (http://www.heise.de/tp/artikel/43/43103/1.html) Warum die *bisher* noch nicht massivst gestreikt haben, ist für mich da eher ein Rätsel – ah, ich vergaß, bisher waren es Beamte, die durften ja nicht streiken. Privatisierung ist was Tolles, jetzt wird dieses Land einmal, nur ein *einziges* Mal mit der Rechnung konfrontiert – das Echo ist Heulen und Zähneklappern.

      Sorry für die Polemik, aber da geht mir die Hutschnur hoch.

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      • Die Polemik hält sich noch in Grenzen, damit kann ich leben.

        Die Aussagen waren v.a. auf den Personenverkehr bezogen (hätte ich besser spezifizieren sollen), mit dem Güterverkehr hast du natürlich vollkommen Recht. Allerdings werden die beiden Felder ja auch unterschiedlich bestreikt.

        Zu falschen Zielen / nutzt nix: Der Punkt an dem es weh tut, ist eben genau der Güterverkehr, diesen könnte man aber auch einzeln bestreiken, ohne dass man den Personenverkehr als Kollateralschäden hinnehmen müsste. Der Streik im Personenverkehr bringt irgendwas zwischen nichts und wenig für die „Sache“, außer dass man besser Stimmung gegen (verdientes) Streikrecht und die Streikenden machen kann.

        Von daher halte ich das sowohl für falsch als auch ein Schneiden ins eigene Fleisch.

        Das Grundziel „besseres/lohnenswerteres Arbeiten für Lokführer“ (und nur für die, Zugbegleiter gehören zur EVG und sollten nicht Teil der Forderungen sein) erreicht man auch mit einer reinen Bestreikung des Güterverkehrs.

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    • [ Das Problem ist doch eher, dass die GDL eben nicht nur für die Interessen ihrer Mitglieder (Lohn, Arbeitsbedingungen), sondern für persönliche Machtausweitung streiken lässt ]

      da hat aber bei dir die propaganda ganze arbeit geleistet, was blödmann?

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      • Passend zum Nicknamen scheinen Beleidigungen und Polemik wohl die einzige Quintessenenz deiner Kommentare zu sein, oder?

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        • *Quintessenz natürlich

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        • *Quintessenz

          In lateinischer Form im 15. Jahrhundert übernommen von mittellateinisch quinta essentia → la „das fünfte Seiende“, in heutiger Form seit dem 17. Jahrhundert verwendet, von lateinisch: quintus, „fünfte/ r/ s“, und Essenz. Ursprünglich meinte man damit die „fünfte Essenz“ nach den vier Elementen: Feuer, Wasser, Luft und Erde.
          Die Quintessenz ist also etwas ganz Besonderes.

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          • Ich habe mich nach 1 Minute selbst korrigiert, der Troll braucht über 2 Stunden, um es in Google einzugeben. xD

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  2. Doch, finde ich auch. Vor allem im Anbetracht der leicht überprüfbaren Tatsache, daß Bahnfahren in D teils um das mehrfache teurer ist als in allen angrenzenden Ländern, erzeugt in mir um so mehr das Gefühl, daß hier mal richtig derbe durchgezogen werden muß. Allerdings bin ich kein Befürworter von Straßendemos, sondern plädiere eher dafür, daß Hunderttausende Bahnreisender eine Klagewelle gegen die Bahn anwackeln, daß die aus dem Verwalten nicht mehr rauskommt. Mit dem Ziel, das Bahnfahren in D „wieder“ (*) auf europäisches Niveau zu bringen, was Fahrpreise und Löhne anbetrifft.

    Mit sozialistischem Gruß

    Thomas

    (*) war das jemals der Fall in D? Zu meinen Lebzeiten wohl nicht…

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  3. Man muss sich auch mal ins Gedächntis rufen, wie die Lohnentwicklung in Deutschland in den letzten Jahren war – und wie der DGB und andere Gewerkschaften (nicht) damit umgegangen sind.

    Ich bin mir nicht sicher, inwieweit es der GDL wirklich um Macht statt um die Interessen ihrer Mitglieder geht, ganz sicher wäre es aber nicht schlecht, wenn Gewerkschaften mal langsam wieder was tun würden.

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    • lohnentwicklung?
      hat es in DE in den letzten 25 jahren eine lohnentwicklung gegeben?

      ach ja stimmt – arbeiten wie in 2000endrn (überstunden etc.) für einen lohn aus den 1950zigern.!

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  4. Die Bundesregierung und besonders die ehemalige Arbeiterpartei SPD nutzt die im Bundesbesitz befindliche BAHN AG und forciert die Eskalation im Streit mit der GDL um die Öffentlichkeit auf ihre geplante Änderung des Streikrechtes einzustimmen.
    Die Folgen einer solchen Änderung sind leider den meisten Arbeitnehmern nicht bewußt. Es wird nur der Anfang sein um nach und nach wichtige Rechte zu beschneiden. FDP Urgestein Gerhard Baum (mMn der letzte Liberale) hat eindringlich davor gewarnt aber es scheint als hätte die Bundesregierung schon gewonnen denn der deutsche ist ja prinzipiell fürs Streikrecht aber nur wenn es ihn nicht stört.
    Von daher: Kämpft weiter, Lokführer (auch wenn ihr mir damit mein Wochenende ruiniert habt), es ist wichtig für alle Arbeitnehmer. Wenn das Recht zu streiken beschhnitten wird werden es früher oder später alle (Arbeitnehmer) ausbaden müssen.

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    • was machen die ISLAMISTEN nochmal im irak?

      ach ja – leuten die köpfe abschneiden!

      naja, ich kenne einen halben bundestag dem das nicht im geringsten schaden würde.

      „wolle ma se rei-lasse“ (in den bundestag)?

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  5. Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    Bahnstreik

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