Adolf Hitler, die Bayerische Staatsregierung und das Urheberrecht

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Es ist 2015, das Jahr, in dem wir keine Ferien auf dem Mond oder dem Meeresboden machen können, wie uns das vor 50 Jahren versprochen wurde. Statt dessen tragen wir ein brieftaschengrossen flaches Gerät bei uns, mit dem wir von überall aus alle Bücher, Filme, Zeitungen der Welt ansehen und mit jedem anderen, der ebenfalls so ein Gerät dabei hat, sprechen oder Nachrichten austauschen können. Weltweit. Und alles, was wir mit diesen Geräten machen, wird von Geheimdiensten kontrolliert und aufgezeichnet. Eine seltsame Zukunft haben wir uns da zurecht gezimmert.

Mit dem Jahr 2015 endet ausserdem, wie sich manche unter uns erinnern, der nach internationalen Verträgen 70 Jahre über den Tod des Autors hinausreichende urheberrechtliche Schutz einer ursprünglich 1925 veröffentlichten, etwas wirren Propagandaschrift namens „Mein Kampf“. Ab 2016 dürfte also jeder das Pamphlet nachdrucken und verkaufen – zumindest, was das Urheberrecht betrifft.

Warum nicht früher? Das Urheberrecht bezieht sich doch auf den Urheber, oder notfalls seine, in diesem Fall nicht vorhandenen Erben? Da sich allerdings das nach Kriegsende neu gegründete Bundesland Bayern mit Zustimmung der US-Befreierarmee zum Rechts- und Besitznachfolger, also Erben von Herrn Hitler erklärte (juristisch gewagt, aber auch gerichtlich schwer angreifbar), gingen damit auch die Urheberrechte an diesem „Kampf“ an Bayern über. Wohlgemerkt, aufgrund von Behauptungen der ersten, noch von den USA eingesetzten und nicht etwa demokratisch gewählten bayerischen Staatsregierung.

Ein urheberrechtlicher Schutz bezieht sich übrigens nur auf eine erneute kommerzielle Verwendung; der Besitz, Weiterverkauf oder die Privatkopie der Hitler-Bibel (die in der braunen Zeit von Standesbeamten an frisch getraute Paare übergeben wurde) waren die ganze Zeit über legal. Auch wenn es sich im konkreten Fall um ein wirklich übles, menschenverachtendes Machwerk handelt, wurde dennoch das Urheberrechtsgesetz dazu missbraucht, eine Wiederveröffentlichung zu unterbinden – andernfalls hätten die verantwortlichen Institutionen klar Stellung beziehen müssen. Sich hinter internationalen urheberrechtlichen Regeln zu verstecken ist aber natürlich viel bequemer, als offen gegen den Faschismus Fahne zu zeigen.

Mit dem Ende des laufenden Jahres 2015 und der damit verbundenen urheberrechtlichen Schutzfrist für das Machwerk muss also eine neue Position dazu gefunden werden. Wäre es nicht, etwa aus geschichtswissenschaftlicher Sicht, wünschenswert, die eklige Hetzschrift freizugeben? Aus dieser Sicht ja – aber wir können natürlich nicht vergessen, dass das Zentralwerk des deutschen Nationalsozialismus die Blaupause für millionenfachen Brudermord an europäischen Mitbürgern mit jüdischem, kommunistischen oder anderem Minoritätenkontext lieferte. Und noch liefert, wenn man die nach offiziellen Schätzungen seit dem Mauerfall 1989 in Deutschland über 800 von Neonazis ermordeten Menschen nicht verdrängt. Das ist Grund genug, ein menschen- und verfassungsfeindliches Schriftwerk wie Adolf Hitlers (und seiner Ghostwriter) „Mein Kampf“ als maximal wissenschaftliche, kommentierte Ausgabe zuzulassen. Nur mit dem Urheberrecht im eigentlichen Sinn hat das alles nichts zu tun.

In anderer Weise schon, weil eben dieses in der braunen Zeit auf Wunsch des deutschen Diktators geändert wurde, so dass ein Weiterverkauf einer gebrauchten Ausgabe verboten war. Der sogenannte „Erschöpfungsgrundsatz“ (der Urheber kann nur über den Erstverkauf einer Kopie seines Werks bestimmen, hat aber keine Rechte am legalen Weiterverkauf) des Urheberrechts wurde also aufgehoben, damit der Autor mehr Einnahmen erzielen konnte. Das verschafft uns Urheberrechts­reformisten das bittere Vergnügen, immer dann „Godwin“ ausrufen zu dürfen, wenn ein heutiges Medienunternehmen, etwas im Softwarebereich, etwas ähnliches versucht. Ein blasser Trost angesichts der epischen Katastrophe, die uns das Buch, sein Verfasser und die Ausführung der darin gelisteten wahnsinnigen Pläne beschert haben.

Weiteres lest ihr z.B. beim Journalisten Giesbert Damaschke, der das Thema schon vor sieben Jahren sehr gründlich recherchiert hat. Die privaten wie öffentlich-rechtlichen Medien nähern sich dem schwierigen Thema bereits viel unpräziser: tagesschau, br, dw, spon

5 Kommentare

  1. ein gutes beispiel dafür, warum die schutzfristen noch verlängert werden müssen.

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  2. Vielleicht liege ich falsch, aber ich denke, dass „Mein Kampf“ nicht unbedingt verboten gehört. Letztlich ist es ein nicht sonderlich gut geschriebenes Buch über die Motivation eines Größenwahnsinnigen. Lesen kann man es auch jetzt, wenn man denn will, aber es verführt doch beileibe niemanden dazu, diesen abstrusen Ideen zu folgen. Viel gefährlicher halte ich demgegenüber die schleichenden Hasspredigten gegen Muslime/Christen, die sich seit Jahren überall zu etablieren beginnen. Denn dies halte ich für viel realer und näher. Und dies unter den Augen der ganzen Presse und den hilflosen Vogel-Strauß-Versuchen der Politiker. „Mein Kampf“ ist demgegenüber meiner Meinung nach eher historisch interessant, weil im ersten Kapitel eigentlich schon steht, dass es Krieg geben wird und das Buch damals in allen Haushalten verteilt wurde, soweit ich mich erinnere; außerdem ist die Motivation von Hitler, dass Juden eigentlich nur ein Mittel für die Regierung sind, interessant, denn sie zeigt auch, wie unwichtig Religion eigentlich ist und dass es nur um das Wecken von einem Feindbild geht mit dem Ziel Verbundenheit zu generieren und einen Wahlsieg zu erreichen. Das Regime als Ganzes war gefährlich und verbrecherisch, aber das Büchlein schrumpft spätestens beim Lesen in seiner scheinbaren Gefährlichkeit. Wie gesagt: ist nur meine Meinung, womöglich hat das Verbot ja auch unter anderen Gesichtspunkten einen Sinn.

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  3. kill it with fire: ausdrucken und verbrennen?

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  4. Eine Sache zu verbieten, macht sie nur interessanter: Als ich das Rauchen aufgab, kaufte ich mir trotzdem bei der nächsten Ankunft am Flughafen eine Stange SilkCut und behielt sie im Schrank bei meinem Computer. Damit war der Drang welche zu kaufen beseitigt.
    Dasselbe dürfte auch hier gelten. Der Schaden, den Herrn Hitlers Auffassungen schufen, ist zu bekannt, um wirkliche Nachahmer heranzuziehen.
    Was aber gut wäre, wäre eine Verarbeitung jener Auffassungen in der Öffentlichkeit. Vor allem auch die Entsorgung des Begriffs „Nationalsozialismus“, von dem vor allem der Teil „Sozialismus“ seit der Nachkriegszeit (vor allem im Westen) zum Zwecke der Verteufelung aller wirklich sozialistischen Bestrebungen mißbraucht wurde:
    Daß die Ursprungsgedanken jener Partei seitens der Brüder Grosser und anderer spätestens ann 1928 auf der Deutschen Industrieversammlung an dieselbe verkauft wurden (unter der sich auch viele jüdische Geschäftsleute befanden!) ist dabei immer tunlichst ausgelassen worden, so daß sozialistisch und Nazi- faschistisch (denn auch da gibt es Unterschiede) in der damaligen BRD immer gleichgesetzt wurden.
    Was in der Verarbeitung daher hervorzuheben wäre, ist
    A. der im Prinzip kapital-feudalistische Charakter des Faschismus;
    B. die militaristisch strikt geordnete Befehlsstruktur des Faschismus;
    C. die strikte Ständestruktur (die angeblch „klassenfrei“ ist);
    D. „il stato fascisto é il stato corporativo“ (Encyc. Ital. 1936, Gentile)
    [E. die Darwin-Verquerung der Eugenik und ihre Rassenanwendung, die über die persönlichen Verirrungen Hitlers und in vor allem südlich-bayerisch-österreichisch verbreitetem Rassismus Folgen fanden.]
    Es wär da einiges zu tun – in Anbetracht von Pegida: vieles!
    Unsere Fehler waren:
    – Unsinnige Erweiterung der EU (statt Assoziation bis zur Reife);
    – unsinniger Einlaß von Wirtschaftswanderern (NICHT Flüchtlingen);
    – Ideologie von „Multi-„alles: Kultur, Geschlechter = Null-Kultur,…..;
    – Vernachlässigung von Integration zu Partnerschaft, nicht Ghetto;
    – Dummheit, sich in US-Dummheit einwickeln zu lassen, und damit sich zum Racheziel zu machen, weit wit von den USA;
    – Dummheit, sich in US-Zangengriff um Rissland einwickeln zu lassen, statt das Einige Europa anzustreben – mit Russland (und mit Ukraine, wenn sie mal weniger korrupt ist).
    Sehr viel liegt also an – und da die Generation Lübke, Kiesinger, Schleyer, Gerstenmeyer, etc. nicht mehr in Bonn sitzt, läßt es sich vielleicht sogar einrichten. Aber es ist viel – und wichtig!

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  5. Verstehe in Anbetracht der Reaktionen (wieder mal) eins nicht: es wird immer nach dem Schaden geschaut und wie man ihn am besten beheben kann. Nach den Ursachen wird selten geschaut. Das ist für mich wie bei einem Dachschaden das Putzkommando auf dem Dachboden zu verstärken, den Boden zu versiegeln und vermehrt Tropfeimer hinzustellen, anstatt einfach das Loch im Dach zu flicken.

    *kopfschüttel*…

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