Warum ich stolz bin, Deutscher zu sein

Bauhaus

Es war etwas kompliziert, in einem Land aufzuwachsen, das den grössten Genozid und Brudermord der Geschichte begangen hat. Ohne sich wirklich davon zu distanzieren. Und statt dessen Mittäter des Dritten Reiches als Parlaments­abgeordnete, Richter, Offiziere, Geschäftsführer weiter in Ehren hielt. Und das bis zum heutigen Tag, an dem wir den 70sten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee feiern.

Allerdings glaube ich, dass nichts Gutes dabei herauskommen kann, wenn man sein Land hasst, das, in dem man aufgewachsen ist, das einem eine kulturelle Identität gegeben hat. Für mich persönlich kam die Befreiung aus dieser Sackgasse mit dem Mauerfall. Obwohl – oder gerade weil – ich im Süden der Republik aufgewachsen bin, in der stumpf-weiss-blauen Heimatvertriebenenkultur der wirtschaftswunder-verliebten Nachkriegszeit, in der man als Kind durchaus auch mal angeschrien wurde, wenn man es wagte, Hitler zusammenfassend als Arschloch zu bezeichnen.

Als dann ’89 die Mauer auf einmal weg war, konnte ich mit meiner damaligen, lärmigen, bösen Hardcore-Indie-Band eine Tour durch mehrere Berliner Stadtteile machen, um danach wieder mit dem VW-Bus Kurs auf den Süden zu nehmen. Nur lenkte ich das Bandmobil schon bald wieder runter von der nunmehr ehemaligen Transitstrecke; nach Dessau, um endlich meine nationale Identität (wenn es sowas gibt) anzukucken. Tatsächlich war der erste Blick auf das dortige Bauhaus zwar kein religiöser, aber dennoch ein Moment der Versöhnung mit meiner Herkunft. Es machte für mich einen kaum beschreibbar grossen Unterschied aus, dieses Monument des anderen, des nicht beschissenen, verkommenen, faschistischen Deutschland mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenen Händen anzufassen. Ja, ich bin hingegangen und hab das Bauhaus angefasst. Die Mauer. Die Tür. Die Kaffeetasse in der Cafeteria der staatlichen Kunstschule, wo nach wie vor unterrichtet wird.

Das für heutige Verhältnisse eher klein geratene Hochhaus, mehr eine Skizze der postmodernen Schlichtheit als ein Paukenschlagsintro für das damit beginnende Beton-und-Glas-Jahrhundert, brachte für mich in diesem Moment die Existenz des „anderen“ Deutschland in die Realität zurück. Ja, so konnte ich sehen, es hatte Deutsche gegeben, die vor Hitler und seinen Millionen von Mittätern fliehen mussten, weil sie Demokratie, Freiheit, Menschlichkeit mehr liebten als eine unklare Vorstellung von Heimat und Gemeinschaft. Die für Gleichberechtigung der Klassen und Geschlechter kämpften, die Kunst befreiten, eine Baukultur für die Zukunft etablierten – für die das Bauhaus in Dessau als Symbol steht – und dann ihre exponiertesten Köpfe ins Exil schicken mussten. Dieser Moment, in dem ich, damals 29 Jahre alt, zum ersten Mal in meinem Leben vor dem unscheinbaren Gebäude stand, gab mir die Verbindung zu dem Land zurück, in dem ich aufgewachsen bin, zu den Menschen um mich herum, und zu der Republik, die sich bis heute so unbeschreiblich schwer damit tut, die innere Spaltung, die Fortführung des grossen Bürgerkriegs zu überwunden: Existenzangst gegen Zukunftsorientierung, Untertanendenken gegen demokratische Selbstbestimmung, Herrschaft gegen Emanzipation.

Die Behauptung, ich sei stolz, Deutscher zu sein, ist ohne Frage sehr plakativ formuliert. Unverrückbar richtig ist allerdings, dass ich kein anhaltend latentes schlechtes Gewissen mit mir rumtragen muss. Ich hätte das Land verlassen, in der braunen Dreckszeit, nicht weil ich Jude oder Roma wäre – in meiner Abstammung stapeln sich ausschliesslich simple Deutsche – sondern weil die kleinbürgerliche, angstgesteuerte, demokratiefeindliche Mördergesellschaft die Mehrheit bildete. Das ist heute nicht mehr so, auch wenn von selbsternannten Neonazis angeführte Untertanenameisen zu Zehntausenden durch die ostdeutschen Städten wanken und von einem erträumten starken Staat Symbole der Sicherheit in Form von Gewalt gegen Schwächere fordern (Der Staat hat aber keine Zeit, der hat genug damit zu tun, die Bedürfnisse der 1% zu erfüllen).

Heute gibt es eine Mehrheit für Menschenrechte, und das haben wir gemeinsam erreicht (zwar mit Hilfe ausgedehnter Befreiungsarmeen, aber immerhin), und darauf können wir so was wie stolz sein. Und darauf, dass das dem Deutschen inhärente nationale Nerdtum, die Liebe zu Kultur, Wissenschaft und Fortschritt, nicht ausgerottet werden konnte, sondern über die Dekaden (oder Generationen) hinweg langsam wieder nachwächst.

Das alles hat nun nichts mit dem Konzept einer Nation (Nationen sind nur zum Kriegführen gut, zu sonst nichts), sondern eher dem einer kulturellen Identität zu tun – innerhalb welcher ich stolz bin: Auf mein Neinsagen, meinen Widerspruch, mein kompromissloses Bestehen auf Freiheit und Menschenwürde für alle, und darauf, dass das alles wieder Eigenschaften sind, die zu meiner kulturellen Identität als Deutscher gehören.

Jetzt klarer?

pic detlef mewes cc0/gemeinfrei

14 Kommentare

  1. „…das den grössten Genozid und Brudermord der Geschichte begangen hat…“
    Ich kenne Ihre Geschichtsquellen ja nicht – und man soll auch nicht relativieren – aber da wären noch die Kleinigkeiten der 50 Millionen chinesischen Opfer Maos, der mehr als 6 Mill (jüdischen) Opfer Stalins (vom weißen und roten Terror abgesehen) und dem 1/3 der Gesamtbevölkerung Kambodschas. Wobei ich fand (als Zeitzeuge des Indochinakriegs), dass es für das einzelne Opfer stets sch…egal war, wieviele noch um ihn herum krepiert sind.

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    • Oder die belgischen „Kongogräuel“.
      Zitat Wikipedia: „Es wird geschätzt, dass zehn Millionen Kongolesen den Tod fanden, etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung.“

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      • Alles Opfer ohne Lobby, Abfindung, Entschuldigung. Nicht mal eine angemessene Gedenkstätte oder gar Tribunale. Widerlich.

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    • Nach den von Ihnen obern genannten Verbrechen fragt heute kaum noch einer. Auch Vietnam steht nicht mehr zur Diskussion oder der unberechtigte Einmarsch von Busch in den Irak ohne Uno – Mandat.
      Aber der Holocaust ist gegenwärtig wie eh und je. Und die Kollektivschuld wird jedem Deutschen per Rezept verordnet. Egal wie jung oder wie alte er ist.
      Keiner fragt danach, oder weiss es überhaupt, was die Israelis bereits 1947/48 mit dem Land Palästina und den Menschen gemacht haben.
      Die Israelis sind die guten, die Palästinenser die schlechten.
      So war es schon immer und so wird es wohl auch weiter gehen.
      Ilan Pappe , ein israelischer Historiker schreibt darüber in seinem Buch: „Die ethnische Säuberung Palästinas.“
      530 palästinensische Dörfer wurden zwangsgeräumt, viel dem Erdboden gleichgemacht.
      An deren stelle sieht man jetzt Parks und Freizeiteinrichtungen.
      Vergewaltigungen , Plünderungen — Massaker .
      Wem wurde das im Geschichtsunterricht vermittelt?
      Von Golda Meir 1969 stammt der Satz: So etwas wie ein Palästinenservolk gibt es nicht, hat nie existiert.
      Was ist mit den Menschen, die heute mit Zustimmung unserer Politiker sterben, als Soldaten oder Zivilisten?
      Es kräht kein Hahn danach
      Ich habe das Gefühl, dass der einzelne gar nicht mehr zählt. Es fängt erst bei Millionen von Getöteten an.

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  2. Zu Pegida: kann sein. Ist aber eher Schuld der Medien oder untätigen?/unfähigen Politiker. Die haben nichts zu tun, dir ist schon klar, wie Bürokratien arbeiten(funktionieren) oder? ;-) Erinnerst du dich noch an die Rettungsschirme, die so alternativlos waren?
    Was ist für dich ein Nazi? :-)
    Manche Positionen sind sinnvoll, andere nicht. Die Proteste selber kann ich nicht beurteilen, ist aber etwas seltsam, dass die Thesen nie öffentlich vorgetragen wurden.

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  3. Schöner Text.

    @dude: und was wolltest du denn nun eigentlich sagen? Dass du um 01:46h eigentlich ins Bett und nicht vor den PC gehörst, weil eh nichts kohärentes mehr zustande kommt?

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  4. Sehr schöner Text.

    Bei einigen Kommentaren zieht es mir die Fussnägel hoch. Die Relativierung des Holocaust, aus der Richtung es gäbe viel schlimmere Verbrechen und daher hätte unsere Großväter Generation doch gar nicht die schlimmsten aller Ungeheuer hervorgebracht, ist ekelerregend.
    Dabei wird gerne übersehen, dass man die geschichtliche Schuld der Deutschen mit keinem noch so großen anderen Verbrechen tilgen kann. Wir tragen die Verantwortung und Aufgabe, dass so etwas möglichst nie wieder passiert.

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    • @Krcek Keiner vergleicht hier und was heißt hier „…die geschichtliche Schuld der Deutschen…“
      Es gibt keine Kollektivschuld – sondern immer nur eine individuelle.
      “ Wir tragen…. passiert.“ Was tun Sie dagegen als Individuum?

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  5. Welch ein selbstgerechter und angepasster Stuss. Wer hat Sie denn zum moralischen Richter über die Menschheit ernannt? Sie sind weder Opfer noch Täter und können nicht mehr als Ihre Meinung vertreten. Es sind gerade die deutschen Demutsakrobaten, die den Holocaust relativiern, sonst würden sie sich auch für die anderen Verbrechen interessieren – als ginge es um eine Olympiade der Gräuel, das ist ekelhaft!

    Kein normaler Mensch würde jemals eine „geschichtliche Schuld …mit einem… anderen Verbrechen (zu) tilgen gedenken“ – weil es erstens absurd- und auch weder rechtlich noch moralisch vereinbar wäre.
    Kein wirklich moralisches Wesen bewertet ein jüdisches Opfer über ein anderes. Wohlgemerkt: Nicht weniger, aber auch nicht mehr!

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  6. @alphachamber „Es sind gerade die deutschen Demutsakrobaten…
    ralativieren.“ Das scheint Herr Krcek aber wohl nicht nachvollziehen zu können, wenn es nicht einmal die Politiker können.
    Er sollte sich mal mit Menschen und deren Literatur auseinandersetzt, die dazu etwas sagen können.
    Z. B. Alfred Grosser
    Wie Sie schon schreiben, kein normal denkender und fühlender Mensch käme auf den Gedanken, Vergleiche anzustellen.
    Aber es ist schon erstaunlich, dass kaum einer diesem „WIR sind schuldig“ etwas entgegenzusetzen hat und andere Verbrechen gut verdauen kann – ja sie oft gar nicht mehr wahrnimmt.
    Das macht mir Angst.

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  7. Leute. Bisher waren wir uns einig, dass man Genozide nicht gegeneinander aufrechnen kann, und kaum sagt das jemand ganz direkt, blubbert die Kollektivempörung hoch. Muss das sein? Als obs nicht im Eingangstext stehen würde… was mit der Nation und der Schuld und der Identifikation eigentlich ist. Jeder von euch kann sich aussuchen, auf welcher Seite er stehen möchte: Auf der, die von einer ach so unerträglichen Kollektivschuld winseln, oder auf meiner, die stocksauer darüber ist, dass die eigentlich mal fortschrittliche deutsche Identität von den Nationalisten so grauenhaft besudelt wurdet.

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  8. KEIN EINZIGES Land der Welt hat je für seine Kriege und Verbrechen bezahlt und in solch massivem Umfang, wie die BRD – nicht nur aus dem Vermögen der eigentlichen Täter, sondern aller nachfolgenden Generationen, bis heute. Das sog. Wohlstandswunder wurde 1966 abgewürgt durch maßlose Wiedergutmachungs-Forderungen. (z.B. schätzte die israelische Regierung selbst jüdische Vermögensschäden, in ihrer Note vom 12.3.1951, auf 15 Millarden DM. Jüdische Verbände jedoch erhoben Forderungen von 29 Milliarden, denen niemand zu widersprechen wagte, usw., usw.)
    Abgesehen von den endlosen Mea culpas, Verbeugungen, Kniefällen, Mahnmale und Stolpersteine in jedem Dorf, und die „nie-wieder-Mantras in Schulen und Parlamenten, etc., etc. Kein Kaff ohne Blechtafel, dass hier ein Jude starb. Die eigenen 100-Tausende unschuldigen Zivilisten, lebendig mit Phosphor brennende und zerfetzte Leiber in zerbombten Häuser sind alles nur wohlfeile tote Nazis, die es eh nicht besser verdienten – ja, da können sich einem die „Fußnägel schon aufrollen“.
    Und wenn man sich als braver Philister schon auf die Internationalen Normen und Internationalen Menschenrechte ad nauseum bezieht, dann gelten diese eben international – also gleich und für die Behandlung aller Opfer und Täter, ohne Ausnahme.

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    • Die israelische Regierung hat einen Freibrief – durch unsere Regierung abgesegnet. Kaum einer wagt Widerspruch.
      UNO – Mandate landen im Papierkorb( wie auch schon bei den Amerikanern).
      Wie sagt Rolf Verleger: „Sie wiederholen Mantra-artig, Israels Attacken seien gerechtfertigt, denn jeder Staat habe das Recht, sich gegen terroristische Attacken zu wehren.
      Dann müsste man erst einmal die Frage stellen: Was ist die Ursache für diese Entwicklung?

      Und 1947/48 – als da kannte der Normalverbraucher das Wort „Terrorist“ noch gar nicht.

      Aber diese Frage stellt sich niemand. Nicht Deutschland und Amerika schon gar nicht.
      Unendlich viele Deutsche wurden durch Hitler getötet . Denken wir nur mal an Bonhoeffer, der die Pfarrer aufrief, aus der Kirche auszutreten.
      Auch an Tausende von Jehova -Zeugen, die sogar den Hitlergruß verweigerten, im Gegensatz zu den etablierten Kirchen. Davon redet heute kein Mensch mehr.

      Hesse schreibt über diese Zeit außergewöhnlich lesenswerte und sehr differenzierte Briefe.
      Die Frage nach der Ursache wird nie gestellt – bis auf wenige Außenseiter, die dann ausgegrenzt werden. Das habe ich bei der Massenhysterie“Je suis Charlie“ “ deutlich zu spüren bekommen, weil ich mir erlaubte, zu sagen: Pour moi, je ne suis pas Charlie“,
      ohne gleich nachzulegen, dass ich den Terroranschlag furchtbar finde.
      Da musste man „Charlie sein und wehe nicht !!!
      Keiner wagte die Frage zu stellen, wie konnte das passieren?
      Die Antwort lag bereits in der Schublade.
      DieTäter sind tot.. Also keine Anklage. Das hatten wir doch schon mal??!!

      Ich kann wirklich froh sein, dass ich keine „Stockhiebe“ erhielt.
      Na, wer weiss, wann das eingeführt wird, da „wir“ doch alles von Amerika übernehmen.

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  9. […] Anfang letzten Jahres hab ich noch ein wenig tiefer nachgegraben und das hier veröffentlicht: Warum ich stolz bin, Deutscher zu sein. […]

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