Der Kapitalismus, ein Missverständnis

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In den aktuellen Diskussionen und Sinn und Legitimation eines kapitalistischen Wirtschaftssystems (hier der hervorragende Beitrag zum Thema vom heutigen griechischen Wirtschaftsminister Yanis Varoufakis, von 2013) fällt mir auf, dass ein Erfolg solcher Diskussionen auch durch eine Begriffsverwirrung, ein Missverständnis verhindert wird. Was durchaus auf eine Fehlinterpretation der Kapitalismusdefinition durch Karl Marx zurückgeht, aber das nur am Rande.

Durch den verallgemeinernden Gebrauch des Wortes „Kapitalismus“ für „irgendwas mit Wirtschaft“ reden wir über den gravierenden Unterschied hinweg, der dem Begriff in zwei geradezu gegensätzliche Teile spaltet. Im einen Fall meinen wir damit die von uns allen als grundsätzliches Freiheitsrecht verstandene Gewerbefreiheit. Das Recht jedes Menschen, sich selbständig wirtschaftlich zu betätigen und in diesen wirtschaftlichen Prozess auch andere Menschen zu integrieren.

Im zweiten Fall meint „Kapitalismus“ die wirtschaftliche Betätigung durch nicht-menschliche Marktteilnehmer. Nein, keine Aliens oder Dämonen, sondern Konzerne. Unternehmen sind keine Menschen, sondern Regelwerke. Algorithmen, oder bildlich gesprochen Viren. Die nur den einen Zweck haben, nämlich maximalen Profit zu erwirtschaften. Für den Konzern (Virus) selbst und seine Anteilseigner, die wiederum Menschen oder Nicht-Menschen (Algorithmen) sein können. Es gibt tatsächlich eine kleine Gruppe von Menschen, a.k.a. „die 1 %“, die in sehr hohem Mass von den Vorteilen profitieren, die unsere Zivilisation den nicht-menschlichen Marktteilnehmern eingeräumt hat.

Unternehmen („corporations“) sind in der Lage, Gesetze zu brechen, ohne dass sich irgendjemand dafür verantworten muss. Sie können Leben zerstören, wirtschaftlich als auch physisch, ohne dafür ernsthaft belangt zu werden. Sie können sich aus ihrer finanziellen Verantwortung stehlen, durch transnationale Aktivitäten Steuern vermeiden und Lobbyisten bezahlen, um andere, kleinere Marktteilnehmer durch Gesetze und internationale (Freihandels)-Verträge zu benachteiligen.

Um in unseren aktuellen Diskussionen auch nur annähernd zu gemeinsamen Ergebnisse zu kommen, sollten wir daher unterscheiden. Tatsächlich steckt diese Unterscheidung bereits im Wort „Kapitalismus“, weil dieses ja eine „Herrschaft des Kapitals“ beschreibt. Also nicht der Produktivität, der Wirtschaftsleistung oder der Gewerbefreiheit, sondern der finanziellen Mittel, die dazu genutzt werden, ohne Beachtung der Gesetze oder der menschlichen Bedürfnisse weitere finanzielle Mittel zu gewinnen.

Wenn wir allerdings die Frage stellen: Wem nützt die Kapitalwirtschaft, ausser den Unternehmen selbst? – müssten wir uns eingestehen, dass die „Erfindung“ des Unternehmens eine schlechte Idee war, die revidiert werden muss. So ähnlich wie Wasserleitungen aus Blei, Stromgewinnung aus Kernspaltung oder die Hexenverbrennung. Nicht alle Konzepte haben sich im Lauf der Geschichte bewährt, manche sind daher ausser Mode gekommen, mit dem „Kapitalismus“ im engeren Sinn sollten wir vernünftigerweise ebenso verfahren. Auch wenn es dabei beträchtliche Widerstände geben wird: Es ist an uns (den Menschen), zu entscheiden, ob wir Demokratie und selbstbestimmtes Leben ernst nehmen. Und konsequenterweise diese Fehlentwicklung der vergangenen Jahrhunderte korrigieren.

pic: National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), pd

8 Kommentare

  1. Die kritische Masse steigt. Inzwischen stimmt bereits ein Großteil meines Umfeldes in meine bereits seit Langem diesbezüglich geäußerten Bedenken. Ich formuliere das zwar noch etwas negativistisch als „Geld ist wie Krebs, es wuchert und wuchert, mit dem Endziel, seinen Wirt zu vernichten“ – aber es besteht noch Hoffnung, indem weiter aufgeklärt wird. Es ist höchste Eisenbahn.

    Gruß mit „red star“

    Thomas

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  2. kapitalismus aufzuhalten widerspricht dem prinzip des kapitalismus. o.a. „maximaler profit“ wird erreicht durch ausgabenreduktion bei gleichzeitiger einnahmenerhöhung und ja extremer mir das gelingt, desto maximaler ist der profit. die tägliche aufgabe jedes am kapitalismus beteiligten individuums. bei manchen gehts da ums überleben, bei anderen nur noch um den ehrgeiz. das übel ist in der erfindung des geldes zu suchen, gegen das kann ich alles tauschen, also versuchts jeder zu horten. eines tages wird dieses system kollabieren … und dann gehts ganz normal von vorne los … also ruhig bleiben und weitermachen. das ist nichts anderes als abstrakter darwinismus.

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    • Meinst Du, man solle so lange warten? Ich meine: nein, sollte man nicht. Es ist Zeit für eine Revolution. Das ist nicht als Aufruf zur Gewalt mißzuverstehen.

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      • das hat mit „drauf warten wollen“ nichts zu tun, das ist ein naturgesetz. du kannst auf den kollaps warten oder revolutionieren, kommt am ende aufs gleiche raus. solang es geld als „die zentrale droge“ gibt wirds genau so weitergehen. das hat im übrigen auch wenig mit der regierungsform zu tun. ob du nun nach russland, nordkorea, china, deutschland oder usa guckst, überall herrscht nur der kampf zwischen oben und unten. das ist purer überlebenskampf der geführt wird, weils den menschen an fressfeinden fehlt und sie clever genug sind ihre nahrungsmittel selbst herzustellen. btw, wir hatten 89 schon ne revolution und was kam raus? :)

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  3. „…Die nur den einen Zweck haben, nämlich maximalen Profit zu erwirtschaften…“ Under Rest macht’s aus Liebe?
    Die Frage ist doch die, wie der das junge Talent des Bill Gates vom Menschne zum „Virus“ wurde. Dann wären wir einen großen Schritt weiter.

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    • Entschuldigung für die vielen Typos. Hier ist der korrekte Text:

      “…Die nur den einen Zweck haben, nämlich maximalen Profit zu erwirtschaften…” Und der Rest macht’s aus Liebe?
      Die Frage ist doch die, wie das junge Talent des Bill Gates vom Menschen zum “Virus” wurde. Dann wären wir einen großen Schritt weiter.

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  4. Die Beschreibung hier am Anfang hat ein paar Corrigenda:
    Kapitalismus nimmt seine eigene Existenz-Berechtigung als „Befreiung persönlicher Aktivität“ aus Adam Smiths Wirtschafts-theorie, die ja in der Tat als befreiend gemeint war, nämlich aus der landgebundenen Feudalstruktur.
    Was folgte war eben, besonders angefeurt durch die INdustrielle Revolution, der „Liberalismus“ der Manchester-Prägung, nämlich der völlig freie, ungezügelte Kapitalismus, der auch zur Staatsform überzugehen fähig war – am meisten in den Vor-Anti-Trust-Laws USA, und wohl in Hitlers Industrie-Reichsführersystem, noch etwas kopiert in M. Thatchers „Quangos“.
    Wo Marx absolut NICHT fehlging, war die Kapitalismus-immanente Accumulation und Konzentration der Bestimmung allen Lebens in wenigsten Händen. Wenn ich hierbei von der ‚Bestimmung allen Lebens‘ spreche, so meine ich die Abhängigkeit aller von der Präsenz der Grundlagen und Produkte, die zum Lebenserhalt notwendig sind – und deren Kontrolle (durch Eigentum) durch eine minimal-kleine Gruppe, die dadurch auch alle Macht ausübt.
    Marx war also keineswegs im Irrtum, sondern korrekt in seiner Warnung vor dieser Entwicklung einer nahezu Nietscheanischen „Über-Macht“.

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  5. Es müsste halt eine massive Kapitalsteuer geben, die das Horten von Geld verhindert, wenn man ein Kapitalistisches System erhalten will. Es ist ja interesannt, dass die reichen „das unendliche wachstum“ fordern, aber gleichzeitig nicht für wachstum sorgen wollen (geld ausgeben)! eine krankheit des geistes, würde man vermuten..

    und ebenso den finanzmarkt verbieten. banken sollten nur für EC karten etc zuständig sein. geld aus nichts schaffen (für seine kunden, und „nebenbei“ in irrsinnigen größenordnung für sich selber)? das ist nunmal einfach schachermacher.. da kann jemand sagen was er will..

    das versprechen, dass wir alle für das gleiche (oder mehr!) geld weniger arbeiten müssen ist ja leider nicht eingetroffen…

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