Geistiges Eigentum, nächstes Level: Gerüche

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Nachdem sich geistiges Eigentum (btw. ein frei erfundener Begriff, es gibt tatsächlich maximal „Nutzungsrechte“) von Wissen und Kultur ausgehend auch auf „Songs, die so ähnlich klingen wie andere“ auszubreiten droht, ist der Schritt nicht mehr weit, auch alles andere zum potentiellen Geistigen Eigentum zu erklären. Heute: Gerüche.

Der texanische Hersteller von hochgiftigen Fracking-Chemikalien, Flotek Industries, fügt seinen Produkten ein künstliches Orangen-Aroma hinzu, um das Zerstören ganzer Landstriche etwas, naja, natürlicher wirken zu lassen. US-Telekomriese Verizon verspüht in seinen Shops einen typischen Blumenduft, der Musikinstrumentenhersteller Eddy Finn Ukulele Co. fügt seinen Kleinstgitarren einen Pina-Colada-Duft hinzu und United Airlines achten auf den korrekten Geruch ihrer Einrichtungen nach einer Mischung aus Orangenschale, Sandelholz, Zedern und Leder. Und alle haben vor, für den jeweiligen Geruch Markenschutz einzutragen. Um sich und diesen Vorteil vor der Konkurrenz zu schützen, im Zweifelsfall vor den bösen Chinesen.

Wir wissen aber alle, was passiert, wenn Disney ein Märchen der Grimm-Brüder okkupiert und anschliessend jemand versucht, eine Schneewittchen-Nummer auf die Bühne zu bringen. Oder wenn ein Kneipier auf die grandiose Idee kommt, seine Pinte T-Stube zu nennen. Oder wenn jemand Teile einer Oper von Bert Brecht und Kurt Weill vortragen möchte: Die Opern gehören nämlich jemandem. Und alle diese Besitzer der „geistigen Eigentumsrechte“ verklagen daraufhin jeden Nutzer unseres Wissens und unserer Kultur in Grund und Boden, auch wenn dieser gar keine direkte geschäftliche Konkurrenz darstellt. In der Praxis ist das „Geistige Eigentum“ so etwas wie der neue Landbesitz – letzteres ist ein Konzept, dass einige wenige Leuten reich gemacht hat, aber sicher nicht diejenigen, die Landflächen zur Produktion nutzen, etwa Bauern.

Gerüche sind also die neueste Mode im Rennen um den Besitz an Gedanken, Ideen und Sinneswahrnehmungen. Es ist eine Frage der Zeit, bis ein Unternehmen versucht, das Blau des Himmels oder die Kühle von Wasser zu trademarken. Ausser, wir wehren uns dagegen.

wall street journal, pic Jan Rehschuh cc by sa

5 Kommentare

  1. Irgendwann wird man eine Abgabe dafür zahlen müssen, dass man Gefühle hat. Wie weist man denn nach, dass genau der Geruch kopiert wurde? Einfach nach der Zusammensetzung? Klingt wirklich schlimm, aber im Grunde nur konsequent: Wenn sich Pharmafirmen darum streiten, welche Genkombinationen sie sich patentieren lassen können.

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  2. zu kritisieren, dass der begriff gestiges eigentum ein erfundener wäre, ist ungefähr so sinnvoll, wie zu kritisieren, dass der himmel blau ist.

    der begriff ist schon lange in der rechtsphilosophie verbreitet und seine verbreitung ist wohl der tatsache geschuldet, dass er im kapitalismus mit all seinem materiellen eigentum in einer fruchtbaren umwelt geboren wurde.

    die behauptung von richard stallmann, dass der begriff von einer verschwörung aus der rechteverwertungsindustrie erfunden wurde, ist bislang unbewiesen, und letztlich wäre auch irrelevant, denn gäbe es den begriff nicht, dann gäbe es einen anderen für genau den gleichen sachverhalt.

    außerdem sollte man nicht vergessen, dass auch die dinge, die unserseits durchaus als schützenwert betrachtet werden, letztlich unter diesen begriff fallen, bis hin zum grundlegdenden urheberpersönlichkeitsrecht, was ohne den schutz von werken wirkungslos bliebe, und das ein menschenrecht ist.

    kommen nun zum orangenduft.

    mal angenommen, wir einigten uns darauf, dass der orangenduft zwar intellectual property sei, der eigentümer aber die öffentliche hand, die weltbevölkerun, oder der liebe gott sind, und keinesfalls ein pharmakonzern dieses property einfach kaufen oder klauen dürfte, was wäre dann noch schlimm daran, anzuerkennen, dass es intellectual property gibt?

    letztlich kommt es bei besitz und eigentum immer nur darauf an, WEM etwas gehört.

    vielleicht müsste man den begriff des eigentums mal überdenken, und an diese stelle das geschriebene recht modifizieren.

    da eigentum, glaube ich, auch auschliesst, dass „alle“ der eigentümer eine sache sein können. beim eigentum gibt es immer auch verlierer.

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    • topkek

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      • nochn kek, einen hab ich noch:

        ralf hütter hat heute gegen diesen feuerzeughersteller verloren. :D

        man darf also kraftwerke weiterhin kraftwerke nennen.

        auch wenn ein gasfeuerzeug und die band kraftwerk immerhin miteinander gemeinsam hätten, dass beide nur noch heiße luft produzieren.

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  3. Hat dies auf akinblog rebloggt und kommentierte:
    Der Wohlgeruch (C) stinkt zum Himmel (TM) …

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