Ist Deutschland an allem Schuld?

Stephan Schulmeister

Aktuell weisen zwei Erklärungsansätze, aus den USA und Österreich, einen Weg zum Verständnis der Griechenlandkrise.

Stephan Schulmeister (Bild oben) ist Wirtschaftswissenschaftler, er lehrt an der Uni Wien. In seinem aktuellen Essay „Der Weg in die Depression“ beschreibt er in sieben Schritten, wie nach der „Finanzkrise“, also der Spekulationskatastrophe von 2008, Griechenland zu Opfer von Bördenwetten und der hegemonialen deutschen Wirtschaftspolitk wurde.

Zusätzlich gaben die Griechen ein tolles Ziel für wahlkampf-fördernde Ressentiments ab. Am Ende geht es immer um den nationalen Machterhalt, gerne auf Kosten kleinerer, schwächerer Nationen. Schulmeister weist nach, dass Griechenland von Anfang an weit schlechtere Konditionen von der von Deutschland kontrollierten Europäischen Zentralbank erhielt. Er fasst zusammen: „In 43 Jahren als Wirtschaftsforscher habe ich noch nie ein solches Konzentrat an blanken Lügen wahrgenommen wie in Bezug auf Griechenland … Die meisten Journalisten haben das einfach abgeschrieben.“

Professor Patrick Chovanec lehrt an der Columbia University’s School of International and Public Affairs in New York. Er arbeitet als Chief Strategist und Managing Director bei der Finanzmanagementfirma Silvercrest und Berater der Parteispitze der US-Partei Republicans. Im Magazin Foreignpolicy schrieb er bereits im Februar dieses Jahres „Es ist Zeit, Deutschlnd aus der Eurozone zu werfen“ und fügt im Untertitel hinzu: „Warum der Anker, der die europäische Wirtschaft in die Tiefe reisst nicht Athen ist, sondern Berlin“. Er beschreibt im Artikel, dass die aktuelle europäische Schuldenkrise durch den massiven deutschen Exportüberschuss (2014 waren „wir“ Exportvizeweltmeister, hinter China) verursacht wird: Deutsches Vermögen deckt Kredite an die Süd-Euro-Länder, die damit wieder deutsche Produkte kaufen und dem Zentralland der EU doppelte Profite bescheren. Gleichzeitig hielt die politische Führung in Berlin Löhne und Sozialleistungen niedrig (der Mindestlohn von 8,50 liegt nach Steuern nur knapp über dem Sozialhilfesatz), führt damit die Gewinne zurück in die Wirtschaftsunternehmen und schützt die eigenen Banken vor den Folgen von Fehlspekulationen, in der Subprime wie in den PIIGS-Staaten (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien). Chovanec sieht Deutschland als Verursacher der Eurokrise, und hält die Politik der Bundesregierung für schädlich – sowohl für Europa als auch für Deutschland selbst.

Dass diese Politik sich tatsächlich nicht nur gegen die Bevölkerung des südlichen Euroraums, sondern auch gegen die deutsche richtet, erleben wir seit Jahren. Das Prekariat, der Bevölkerungsanteil, der in wirtschaftlicher Unsicherheit am Rand der Armutsgrenze lebt, umfasst heute in unserem Land bereits über 25 %. Neokonservative Regierungen, die mit Hilfe von Aufrufen zur Diskriminierung und (haltlosen) Wohlstandsversprechen Wahlerfolge erzielen, werden uns solange in dieser wirtschaftlichen und demokratischen Abwärtsspirale halten, bis wir sie beseitigen. Das allerdings liegt an uns.

Und um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, Deutschland ist schuld an diesem Desaster. Und wir selbst, als Bewohner und Teil Deutschlands, tragen eine Mitschuld daran, weil wir den Nutzniessern der in- und ausländischen Krise, unserer neokonservativen Elite, freie Hand gelassen haben.

#ThisIsACoup

profil, foreignpolicy, pic Michael Thurm cc by nc sa

13 Kommentare

  1. Wie viel Selbsthass muß in einer Person stecken damit sie solche Geschichten glaubt/verbreitet.

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    • Bei Stephan oder Patrick?

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      • Alle Leute die automatisch glauben das Deutschland über Griechenland/die EU herrschen will, nur weil man nicht in einen gescheiterten Staat investieren will. Bzw. erst investiert wenn man glaubt, das die Investition nicht wieder auf Schwarzgeldkonten landet.

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    • Ich finde es wirklich schade, dass Sie sich damals bloß nur hingesetzt und nicht hingelegt haben.
      Vote from the rooftops!

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  2. Yanis Varoufakis full transcript:

    our battle to save Greece

    The full transcript of the former Greek Finance Minister’s first interview since resigning.

    http://www.newstatesman.com/world-affairs/2015/07/yanis-varoufakis-full-transcript-our-battle-save-greece

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  3. Laut dem Statistischen Bundesamt sind die Hauptexporte Deutschlands* (zusammen 41,8% ALLER Exporte in die GESAMTE Welt) sind Autos, Maschinen und chemische Produkte.

    Ich bezweifle ernsthaft, das sich die Bürger Griechenlands oder eines anderen Landes der Welt so viele BMWs, Kohleschürfer und Glyphosat gekauft haben, das sie deshalb Schulden machen mußten.

    Der einzige Grund warum Deutschland Exportweltmeister und Exportvizeweltmeister ist, ist weil China eben immer noch hauptsächlich Kleinteile exportiert. Deutschland importiert Kleinteile, baut sie zu großen, teueren Maschinen zusammen und verkauft diese wieder. 10.000 Wischblätter kosten eben weniger als 5 BMWs in denen jeweils 3 Wischerblätter verbaut sind.

    Das ist dasselbe wie mit den Waffenexporten. Ja, Deutschland gehört zu den größten Waffenexporteuren. Aber auch nur deshalb, weil ein Panzer eben mehr kostet als 10.000 AK74 inklusive 10 Magazine und 300 Patronen pro Gewehr. Das aber mit den AKs um eniges mehr Menschen getötet werden können bedenkt keiner.

    Was auch immer bei dem „Deutschland hat einen derart großen Handelsüberschuß“ Gesülze (mit Absicht) weggelassen wird: Deutschland importiert auch mehr als JEDES andere Land der EU und war bereits mehrmals “ IMPORTweltmeister“.

    Warum erwähnt eigentlich nie jemand wie viele Arbeitsplätze bei den Zulieferern Deutschlands geschaffen werden?

    Auch den Vorwurf der absichtlichen Schaffung eines „Prekariats“ lasse ich nicht unkommentiert:
    Die Gehälter der Auto -, Maschinenbauer- und Chemieindustrie sind die höchsten in Deutschland gezahlten. Selbst die „Werksarbeiter“ mit denen die Autoindustrie die Löhne drücken will sind besser bezahlt als die zwei am schlechtesten bezahlten Branchen Deutschlands (Gastronomie und Einzelhandel).
    Dienstleistung wurde in Deutschland noch nie gut bezahlt, ich muß es wissen nach 15 Jahren in der Gastronomie und seit dem im Lebensmitteleinzelhandel.

    Und natürlich will dieser Berater der Republikaner das Deutschland aus der EU fliegt:
    1.) Sämtliche Länder in die Deutschland liefert brauchen keine US amerikanischen Produkte
    2.) Ein geschwächtes Deutschland war das Ziel der EU (EGKS, EWR anyone?). Dieses Ziel wurde verfehlt, also muß nachgebessert werden.
    3.) Deutschland ist mit seinen reichen, äußerst kritischen Bürgern/Verbrauchern der größte Gegner von US amerikanischen Produkten.
    Als gutes Beispiel leßt mal den Artikel „Chicken Tax“ in der englischen Wikipedia durch, es zwingt sich unweigerlich der Vergleich zur aktuell laufenden Debatte um TTIP und die „Chlorhühner“ auf.

    Ich finde es außerdem faszinierend, das jetzt der Vorschlag eines US Republikaners so viel Beachtung findet. Normalerweise wenn man die Meinung eines Republicans wiederholt wird diese sofort als nichtig abgetan. Weil schließlich sind es ja die Republicaner die in den USA für möglichst unternehmer- und milliardärsfreundliche Politik stehen. Bis hin zur Erlaubniss Kunden den Service zu verbieten, nur weil sie homosexuell sind.

    Aber weil er eben in die „Deutschland ist böse“ Kerbe schlägt ist auf einmal ein Republikaner eine legitime Quelle.

    Und überhaupt:
    Die Maschinen- und Chemieindustrie hat in Deutschland eine längere „Tradition“ als in allen anderen Ländern der Welt, schon lang vor der EU. Das können wir nun mal gut. Warum sollten wir jetzt anderen das Feld überlassen?

    Wobei ich zugeben muß, ich selbst fahre einen 23 Jahre alten Audi 80, mein Vater einen gleich alten VW Passat und mein Bruder einen Lada Niva. In unserer Familie gibts nur Pragmatiker und in neuen Autos ist zu viel Mist den keiner braucht.

    *www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Aussenhandel/Handelswaren/Aktuell.html

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  4. Dass ein Land, das viele Lasten in der Eurozone (und der EU gesamt) traegt, – mehr als jedes andere – sich in der Kamelrolle nicht mehr viele weitere Strohhalme auflade lassen kann und daher auf Beschraenkungen besteht, ist weder fehrlhaft noch Selbstsucht.

    Was Griechenland in die schlechten Finanzen getrieben hat, sind wohl doch zumeist einige allzu eifrige „Kredit“- (=Schuldengeber), Banken, Verkaeufe garantierende Regierungen, usw. Hinzu allerdings auch eine nur allzu froehliche Zukunftssicht mit fast unbegrenzten Ausgaben – ein auch in anderen Laendern, vor allem in der unteren Mittelklasse, nicht unbekanntes Phaenomen der Werbewirtschaft. Da liegt dann die beruehmte Gewinnklasse fuer Porsche u.a.

    Wenn die Europaeische Bank und ihre bremsenden Einfluesse bemaengelt werden, wuerde ich nur eine nicht rechtzeitige Bremsung bekagen. Mit Weltbank und IMF allerdings bin ich mmer vorsichtig – wenngleich ich nicht annehme, dass letztere sich mit Frau Lagarde ebenso brutal und moerderich benehmen wurde, wie es diese Institution nach 1990 (unter US Fuehrung) getan hat, mit dem Ziel, Russland fuer immer zu bankrottieren und zu einem Staat der „3. Welt“ zu degradieren – was ja fast gelungen waere, vor allem auch mit den beruechtigten „Privatisierungen“ und damit der „Oligarchen-Schoepfung“. Hier hat nur Herrn Putins Eingreifen sein Land gerettet. Wollen wir mal sehen, ob Herr Tsiripas da auch kann.

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  5. Ich persönlich finde es bizarr, dass immer noch viele Leute in meinem Land glauben, das viele Geld würden die Griechen bekommen. Nichts könnte falscher sein. Das viele Geld geht an unsere eigenen Banken, die sich in der Finanzkrise verspekuliert haben und jetzt noch einmal „gerettet“ werden. Auf Kosten der Griechen, der Deutschen und aller anderen.

    http://www.nytimes.com/2015/07/14/opinion/the-eurozones-damaging-deal-for-greece.html?_r=0

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    • Das ist einfach der Mechanismus: die Banken haben das Geld verliehen, mit dem Griechenland dann was auch immer gemacht hat. Und dass diese Banken das Geld wiederbrauchen hat zunächst mal nicht automatisch mit einem Illuminati-Plan der Weltkontrolle zu tun, sondern mit ihrer eigenen Bilanz – die brauchen das Geld wieder, damit sie nicht selber zusammenbrechen, mit all den Konsequenzen, dass das für ihre Kunden hat. Inklusive vor allem die kleinen Sparer.
      Dass sich da viele Leute auf Kosten der Griechen bereichert haben, müssen wir nicht diskutieren, genausowenig wie die negativen Exzesse, die die Banken gezeigt haben. Aber dass auch diese eben Unternehmen sind, bei denen am Ende des Tages die Kasse stimmen muss, wird gerne vergessen.

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      • Banken verleihen aber leider kein echtes Geld, also können sie auch keine Verluste machen, wenn der Kredit nicht zurückgezahlt wird.

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  6. für die idioten:

    „Dr. Gregor Gysi Speech Unternehmertag 2015 “

    Veröffentlicht am 16.04.2015

    GYSI REDET TACHELES.

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  7. Lest selbst, im Handelsblatt „Eine EZB-Studie zeigt: Es war vor allem die Bankenrettung, die das Land in Not brachte.“ http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/oekonomie/nachrichten/ezb-studie-die-wahren-ursachen-der-griechischen-tragoedie/3356102.html

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  8. European Petition for a German Exit

    The main objective of the EU and the common currency was solidarity between peoples, countries, and economies. Each country of the Union or of the currency area has benefited from the solidarity of others to develop. Today, German Chancellor, Angel Merkel and her finance minister, Wolfgang Schäuble, want to bury the European project. Do not let them do it!
    Sign the petition demanding the removal of Germany from the Eurozone!

    http://germanexit.wesign.it/en

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