Ernährungsdiskussion: Lo-Tek

icetjbone

Um den neuen Ernährungsbegriff zu klären: In Robert Longos 1995er „Johnny Mnemonic“, dem ersten und eigentlichen Matrix-Movie, nach einer Shortstory von William Gibson (aus der dann später „Neuromancer“ wurde) mit Keanu Reeves als Datenschmuggler, Rap-Ikone Ice-T als Untergrund-Rebellen-Chef J-Bone (pic), Punk-Poet Henry Rollins als Hinterhof-Neurochirurg Spider, Dolph Lundgren als serienmordender Prediger und Udo Kier als Udo Kier (bzw als Datenhehler Ralfi) gerät der Held mit dem ausdruckslosen Gesicht erst in massive Schwierigkeiten, um dann mit Hilfe einer Cyborg-Killerin Unterschlupf bei den Lo-Teks und dort mit Hilfe eines von der US-Navy mit Hightech-Implantaten zum Unterwasser-Hacker schanghaiten Delphin die Freiheit zu finden.

Diese Lo-Teks, unter grossmäuliger Leitung von Ice-T/J-Bone, sind eigentlich Technikaussteiger, benutzen diese aber da, wo sie ihnen Freiheit und Unabhängigkeit verschafft: Kein plattes Schwarzweissdenken, sondern bewusste Entscheidungen. Der Film ist übrigens gleichzeitig sehr cool und sehr cheesy, ich kann ihn also empfehlen.

Ich hab mich in den letzten Monaten (unter anderem) viel mit Ernährung beschäftigt, nicht zuletzt, weil ich im Sommer ’14 auf die gerade hochkochende Paläo-Welle gestossen war. Das Paläo-Konzept ist es, nur Zeug zu essen, das auch unseren steinzeitlichen Vorfahren zur Verfügung stand. Mit der Begründung, dass sich unsere Spezies seit Hunderttausenden, wenn nicht Millionen von Jahren daran gewöhnt hat, und nur die Agrarrevolutionen der jüngeren Geschichte andere Sachen auf den Tisch gebracht haben. Wie das genau aussieht, und welche Nahrungsmittel nun auf den Speiseplan gehören (und welche nicht), kann man diskutieren. Nach ungefähr 10 Monaten Experimentierzeit – ich hab im Oktober ’14 Getreide und die meisten anderen Kohlehydratträger aus meiner Küche geworfen und erst langsam wieder angefangen, auch mal Reis oder Kartoffeln zum Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch zu essen (aber immer noch keine Brotgetreide oder Pasta), sollte ich mir ein anderes Etikett dafür überlegen. Paläo im US-fundamentalistischen Sinn ist das ja nicht, was ich in meiner Küche tu. Genau genommen lasse ich seit fast einem Jahr alle industriellen, verarbeiteten Lebensmittel weg: Brot, Kuchen, Pizza, Süssigkeiten, Softdrinks, Fertiggerichte. Statt dessen mache ich alles aus frischen (oder notfalls getrockneten) Zutaten, selbst Mehl mit den hier üblichen Konservierungsmitteln kommt mir nicht in die Pfanne. Natürlich gibt es auch hier keine 100 Prozent, keine Ausschliesslichkeit: Wenn ich bei der sprichwörtlichen Oma zu Kaffee und Kuchen eingeladen bin, stell ich mich auch nicht an, sondern verzichte auf die sozialen Verwerfungen und esse den Kuchen eben. Ungefähr einmal im Jahr. Für meine Art zu kochen ist „Paläo“ aber nicht mehr die richtige Bezeichnung. Ich verwende daher ab sofort „Lo-Tek“ dafür. Und subjektiv geht’s mir damit viel besser als mit jahrelanger industrieller Misch-Ernährung. Wie seht ihr das?

8 Kommentare

  1. Guter Plan eigentlich …

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  2. Als Vertreter der Technisch-Kathodischen Transformationsgemeinde muss ich solche Ketzerei aufs allerschärfste verurteilen: Phhh! Mach‘ doch, wenn du meinst…
    Wer Steinzeitessen mag, der mag vermutlich auch Operationen mit dem Feuersteinmesser und ohne Narkose, an einer Blinddarmentzündung sterben, Säbelzahntiger, Eiszeiten, Umpff!! und eins mit der Keule auf den Kürbis. Ernsthaft: von solchen „Teilausstiegen“ aus dem industriellen Zeitalter halte ich absolut nichts. Rein kulturgeschichtlich ist diese momentane Retrophase nichts weiter als eine zutiefst reaktionäre Wiederholung der Romantik, aufgeschäumt mit Kommerzialisierung, Panikmache und ordentlich Pseudowissenschaft.

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    • Dies ist ein freies Land, und, nein natürlich musst du meinen Beitrag nicht lesen, bevor du kommentierst. Kein Problem.

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      • Ich habe deinen Beitrag genauso gelesen, wie ich Johny Mnemonic (bzw. „Mnemonic Johnny“ im Original) gelesen habe. Mit Retrokram habe ich nur trotzdem nix am Hut. Das ist einfach gelebter Kitsch. Nur schlimmer, weil reale Lebensverbesserung davon erwatet, aber nicht so wirklich differenziert wird, welchen Aspekt der bösen, giftigen Moderne man nun aussperren möchte, was wiederum eine tatsächliche Bewertung der Wirkung unmöglich macht.

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    • Klingen aus Feuerstein und Obsidian werden in kleinen Exklusivserien zur Verwendung als chirurgische Skalpelle hergestellt. Die Kanten einer Feuersteinklinge sind so scharf wie Stahlskalpelle, haben aber eine leicht schuppige Oberfläche, die andere Wundränder erzeugt als eine Stahlklinge. Diese Wundränder verheilen wesentlich besser und schneller, mit einem deutlich geringeren Risiko einer sichtbaren Narbenbildung. Feuersteinskalpelle finden daher in erster Linie bei Schönheitsoperationen Verwendung.

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      • Ja. Keramische Schneidwerkzeuge sind natürlich Hightech. Hätte ich bloss „Faustkeil“ geschrieben…

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  3. Wenn ich Dich richtig verstanden habe ist das, was Du tust, dem sehr ähnlich, was die Slow Food-Bewegung propagiert.

    Ich bin auf einem ähnlichen Trip: ich mache so viel wie geht selbst, versuche regional und saisonal zu kaufen, achte auf gute Lebensmittel und greife auch schon mal zur „nicht so leckeren“-Variante, wenn sie in der Erzeugung deutliche Vorzüge hat. Für mich hat das damit zu tun, dass ich auch eine Verantwortung für unsere Welt empfinde, und da ist es halt klüger, eine Dinge nicht zu tun.

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  4. Ich mach Paläo-Hýgiene

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