Wie erreicht man Bildung? Durch Kampf gegen Armut

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Jennings ist ein Vorort von St.Louis, Missouri, etwa fünf Kilometer entfernt vom Stadtteil Ferguson, in dem Jugendliche auf offener Strasse erschossen werden, wenn sie es wagen, in der Öffentlichkeit eine dunkle Hautfarbe zu tragen, Protest­marschteilnehmer niedergeprügelt und Journalisten verhaftet. In Jennings wurde die örtliche Polizei wegen Korruption aufgelöst, der Schuldistrikt stand wegen anhaltend ungenügender Ergebnisse ebenfalls kurz vor der Schliessung. Bis Tiffany Anderson den Job der Schulleiterin übernahm, die ein völlig neues Programm mitbrachte: Kampf gegen Armut. Was hat Armut mit Bildung zu tun? Haben uns nicht Genera­tionen von sozial eingestellten. Bürgerlichen Politikern erklärt, Bildung sei der Schlüssel beim Kampf gegen Armut?

Mrs. Anderson sieht das anders: „We serve the whole child“, erklärte sie gegenüber der Presse. Seither können hungrige Schüler umsonst essen, obdachlose Schüler umsonst wohnen, es gibt ein Schulkrankenhaus und einen Waschsalon, der von den Schülern gegen Mitarbeit benutzt werden kann. In der Klinik erhalten die Schüler Beratung in persönlichen Krisen, Problemlösung und Gesundheitsvorsorge. Die Eltern der Jugendlichen bekommen ebenfalls Beratungsstunden, wer daran teil­nimmt, kann dafür frisches Gemüse haben.

Das alles wird von Spenden aus der Bevölkerung und von lokalen Geschäften getragen. Innerhalb von zwei Jahren stieg der Notendurchschnitt um 50%, 92% der Schüler schaffen jetzt den Abschluss, von diesen gehen 100% auf’s College oder in eine Ausbildung. Weil zuerst die Armut bekämpft wurde. Weil die Schüler das bekommen haben, was sie brauchten und nicht hatten. Und das ohne Bezahlung. Richtig, das ist ein sozialistisches Modell: Alle sollen bekommen, was sie brauchen, selbst wenn dadurch „Märkte“ zerstört werden, weil ungedeckte Nachfrage in der Daseinsvorsorge besteht.

In Deutschland lebt bereits offiziell jedes sechste Kind (17%) unter der Armutsgrenze (und jeder vierte Rentner). Die ist da, wo Menschen überlegen müssen, ob sie lieber die Heizkostennachzahlung begleichen oder etwas zu Essen kaufen wollen. Wenn wir also die Bildung in unserem Land verbessern, oder überhaupt wiederherstellen möchten, müssen wir dafür sorgen, dass alle Kinder und Jugendlichen versorgt sind. Mit Essen, Wohnen, medizinischer Beratung. Wenn wir die zunehmende soziale Spaltung in unserem Land wieder rückgängig machen wollen, müssen wir einen Mindeststandard definieren – der weit über dem heutigen HartzIV-Niveau und dem nur unwesentlich höheren 8,50€-Mindestlohn liegt – und ihn auch durchsetzen. Gegen den Widerstand der Leute, die prächtig an der sozialen Spaltung unseres Landes verdienen. Ok. Dann haben wir ja schon was vor für dieses Jahr.

npr, pic Dr. Bill MacDonald/Courtesy of Tiffany Anderson

1 Kommentar

  1. Voellig korrekter Ansatz – und die Cooperative als beste Form, ihn in Realitaet umzusetzen ebenfalls sehr zu unterstuetzen und allgemein sichtbar zu machen – auch wenn dies nicht ueberall beliebt ist.
    Danke noch fuer die deutschen Daten – die sind mir in dem Ausmasse noch nicht bekannt gewesen.

    Gefällt mir


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