Köln, die Silvesternacht und der Sexismus der Anderen

koelnhauptbahnhof

Zuerst die Fakten: In der Silvesternacht sind auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz und im Bahnhof selbst mehrere Frauen belästigt, begrabscht und bestohlen wurden. Es liegen 60 Anzeigen vor, davon eine wegen Vergewaltigung, die Polizei spricht von bekannten kriminellen Verdächtigen und einem geläufigen „Antanztrick“, bei dem Frauen bewusst sexuell belästigt werden, um sie gleichzeitig ausrauben zu können.

Eine Zeugin sah nach Eigenangaben „viele alkoholisierte Männer… die meist Ausländer waren“. Andere sprechen von „nordafrikanischem Aussehen“ (was auch immer das sein soll). Die allzeit um Eskalation bemühte Gewerkschaft der Polizei (GdP) legt nach: Der Landesvorsitzende der GdP, Arnold Plickert, erklärt der DPA, es handle sich hier „um eine völlig neue Dimension der Gewalt“. Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger (SPD), geht noch einen Schritt weiter (bis zum Naziversteherstatus) und verbreitet öffentlich: „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen“. Das hat er übrigens erfunden; die Polizei sagte etwas anderes.

Im Gegensatz dazu kommt es jedes Jahr wieder auf einem der Höhepunkte deutscher Leitkultur (an die man sich nach Seehofer’schem Duktus als Immigrant anzupassen habe) zu täglichen Vergewaltigungen, Belästigungen, Körperverletzungen und Diebstählen. Richtig, das Oktoberfest, das inzwischen von Frauen-Selbsthilfegruppen versorgt wird, da der zuständige bayrischen Innenminister Joachim Herrmann sehr wohl in der Lage ist (ich verwende mal das Zitat oben) hinzunehmen, dass sich „…bayrische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen“.

Erwartungsgemäss fordern jetzt ansonsten Unbeteiligte, dass „die Feministinnen“ hier einen #Aufschrei twittern müssten, wie neulich wegen diesem Brüderle und diesem Dirndl da. Und ignorieren, dass es beim #Aufschrei vor drei Jahren nicht um Brüderle ging, das war nur der Aufhänger der Medien. Es ging dabei um Sexismus, Gewalt gegen Frauen, Benachteiligung aus sexuellen Gründen, wie sie jeden Tag in Deutschland geschehen. Nicht nur am Silvesterabend in Köln.

Überraschung! Liebe Unbeteiligte, die ihr jetzt einen Sondereinsatz der „Feminismuspolizei“ fordert: Ihr seid Sexisten und Mittäter an den täglichen Übergriffen gegen Frauen in unserem Land. Ihr seid es, die dieses Klima von Frauenfeindlichkeit und Unterdrückung (bei Frauenfeindlichkeit geht es ja nicht in erster Linie um Sex, sondern um das Gefühl von Macht für ansonsten machtlose männliche Verlierer) aufrecht erhaltet.

Übrigens twitterte – und dem hab ich nichts hinzuzufügen – die Initiatorin des #Aufschrei, Anne Roth, heute zum Thema: „Leute, die sich für den Schutz von Frauen nur interessieren, wenn wir von Ausländern angegriffen werden, sind Rassisten. Ob in Köln o. Kabul“.

pic Raimond Spekking / CC BY-SA

21 Kommentare

  1. Bevor ich hier Falsches rauslese: kannst Du mal kurz mit wenigen Worten erläutern, was Du mit diesem Blogeintrag sagen willst? Nicht daß ich da was falsch verstehe bevor ich es kommentiere…

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    • Ja, das dachte ich mir auch.

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    • Dass Gewalt gegen Frauen in unserem Land zum Alltag gehört und solange ignoriert wird, bis ausländisch aussehende Männer ins Bild kommen.

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      • Ah. Gut, dem kann ich natürlich nicht zustimmen. Ich stimme zu, dass sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft viel zu sehr stattfindet, aber dass sexuelle Gewalt gegen Frauen kein Thema wäre, ist nun wirklich nichts, was man behaupten könne.
        Ob das Ausmaß der Verarbeitung und der Umgang damit in richtiger Weise angesprochen werden – gut, diskussionsfähig. Aber dass ein Umgang stattfindet – Stichwort „Aufschrei“, Frauenbeauftragte, Genderforschung etc, dass muss man schon sagen.

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        • du und ich und die anderen aufgeklärten sind hier sicher einer Meinung, nur das öffentliche Bild, etwa in Medien und Politik (darum gehts ja auch im Text oben) differiert stark, je nach Täterabstammung.

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      • „in unserem Land“ ??? Wo denn nicht? Ist das etwa ein „deutsches“ Problem? Nazis und so? Wie sieht’s z.B. mit Indien aus? Nur so als Beispiel…mir fallen da viele ein…und eine Lösung habe ich wie üblich nicht (möge mich deswegen der Blitz beim Sch… treffen)…

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        • Ich fühle mich – als Blogger – in erster Linie für unser Land zuständig. Für Indien weniger. Und dieser Häring redet einen Haufen Naziversteher-Schheisse zusammen, btw.

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          • Siehst Du, und das, was Du da von Dir gibst, ist auch meiner Meinung nach Öl in’s Feuer gießen. Damit, daß man „Nazis“ ausgrenzt, verliert man sie aus dem Blick. Das war schon beim versuchten Zerschlagen der Drogenszene am Bahnhof Zoo so. Sie ist infolge dessen außer Kontrolle geraten.

            Sorry also an der Stelle, daß ich den Ball „Steigbügelhalter der Neonazis“ an der Stelle an Dich zurückspielen muß, auch wenn ich mir im Grunde sicher bin, daß Du das Gegenteil beabsichtigst. Wäre für mich im Übrigen auch in Ordnung, wenn dies der erste Blogeintrag bei Dir wäre, der zensiert würde. Ich verweise an der Stelle nochmal an Gustave Le Bon.

            Gruß

            Thomas

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          • p.s.: Häring hat in meinen Augen recht: wenn das Naziproblem größer wird, liegt das nicht an den Nazis, sondern am System. Irgendwo fließt Öl ins Feuer. Das ist das Gleiche, was unsere Bundesmutti tut, indem sie in Syrien Moslems abknallen läßt und dann „Der Islam gehört zu Deutschland“ faselt.

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  2. was soll denn das gedöns?

    es wurde doch schon auf den

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=29932#more-29932

    bestens auf den punkt gebracht:

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    Silvester-Übergriffe in Köln: Wir sind schockiert! Aber worüber eigentlich?

    Dass man am Silvesterabend auf der Kölner Domplatte ausgeraubt werden kann, ist jedoch alles andere als überraschend. Der einzige Unterschied zur „normalen“ Alltagskriminalität war offenbar, dass die Täter ob der Feierlichkeiten selbst stark alkoholisiert waren und sexuell zudringlich wurden.

    Auch dies ist jedoch trauriger Alltag. Meist spielen sich solche Vorfälle jedoch in „No-Go-Areas“ ab und die Opfer gehören zur gleichen sozialen Schicht wie Täter. So etwas interessiert dann weder die Politik, noch die Öffentlichkeit oder die Medien. Im aktuellen Beispiel spielten sich die Taten jedoch an einer sehr öffentlichen Stelle ab, die auch von Angehörigen der Mittel- oder gar Oberschicht häufig frequentiert wird. Und schon spricht die Politik von einer „neuen Dimension organisierter Kriminalität“ und eine ganze Stadt ist „schockiert“. Das ist nicht neu.

    Kriminalität ist immer nur dann „schockierend“, wenn ausnahmsweise einmal nicht die Unterschicht, sondern die Mittel- und Oberschicht zu den potentiellen Opfern gehören.

    Man könnte an dieser Stelle auch fragen, warum die Polizei es nicht schafft, mitten in Köln ihrer originären Aufgabe, der Gewährleistung der Sicherheit im öffentlichen Raum, nachzugehen. An gleicher Stelle schaffte es die Kölner Polizei bekanntlich nicht, die HoGeSa-Ausschreitungen zu unterbinden. Doch damals ging es um 3.000 bis 5.000 gewaltbereite Schlägertypen und nicht um einige nordafrikanische Bürschlein.

    Und wenn man nun liest, dass am Silvesterabend selbst weibliche Zivilpolizistinnen sexuell belästigt wurden und die Kollegen sich nur „tief betroffen“ zeigten, aber ganz offensichtlich nicht mit der nötigen Härte gegen die Täter vorgingen, fragt man sich schon, ob wir es hier mit Fahrlässigkeit oder gar Vorsatz zu tun haben.

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    mehr braucht man doch gar nicht dazu sagen.

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    • Es gibt grade ne ganze Reihe von sinnvollen Publikationen zum Thema, einige hab ich oben im Text verlinkt.

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  3. […] Fritz Effenberger, der Text erschien zuerst auf seinem Blog 11k2, Bidl: Raimond Spekking / CC […]

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  5. Was ist denn an nordafrikanischem Aussehn so schwer zu verstehen? Braune bis schwarze Menschen.

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    • Die, die ich persönlich kenne (u.A. aus Libyen), sind relativ hellhäutig. Laut aktueller Meldungen ist das Gerücht um Nordafrikaner aber wohl zwischenzeitlich widerlegt.

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  6. eine frage die niemand thematisiert:

    komischerweise regen sich viele nur über die berichterstattung auf. zurecht.
    was aber noch um ein vielfaches skandalöser ist, das sich fast keiner über die arbeit der polizeibehörden aufregt, zumal die domplatte und das bahnhofsgebiet zwei der von kameras bestens überwachten plätzen deutschlands sind.

    alleine das lässt darauf schließen das im schlimmsten fall die ganzen kriminellen handlungen und aktionen von den behörden billigend in kauf genommen und mit absicht so laufen gelassen worden sind, oder das die ganze bisherige und immer weitergehende und überbordende (von politikern propagierte und gesetzlich vorangetriebene) öffentliche überwachung und bespitzelung der bürger (die zudem immense gelder verschlingt, welche anderswo weit besser angelegt sein könnten) rein gar nichts bringt.

    wenn also tage danach in den polizeiberichten verbreitet wird, es sei quasi nichts außergewöhnliches passiert, und ein paar weitere tage später in den medien von ganzen tätergruppen und vielfachen anzeigen die rede ist, stellt sich die ganz banale und einfache frage, warum man diese ganzen immens teuren und demokratiefeindlichen überwachungsapparate überhaupt braucht (zumal auf steuerzahlers buckel), wenn diese überwachungsapparate anscheinend sowieso nichts mitbekommen selbst wenn multiple täter, zudem in größeren gruppen, von den ordnungshütern und überwachern fast durchgehend unbehelligt nötigen, sexuell belästigen, rauben und vergewaltigen können?

    nur mal eine anmerkung am rande.

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    • Hätte nie gedacht, dass ich Dir mal vorbehaltlos zustimme…

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      • Das hab ich auch vor Kurzem schon irgendwo hier geschrieben. Seit Knallbonbon richtig sachlich und nicht mehr so reißerisch daherkommt, sind seine Beiträge echt gut geworden (das meine ich exakt wie ich es schreibe). Auch von mir: d’accord (nicht nur für diesen Beitrag)

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  7. Wo mir gerade ein über 40 Jahre alter Text passend zum Kontext untergekommen ist: http://www.violence.de/prescott/bulletin/article-d.html
    Dazu fällt mir beispielsweise ein, wie wir zu bewerten haben, daß unsere Bundesmutti mit einem Rassisten und Sexisten wie Erdogan Händchen hält. So löst man das Problem nicht, und die AfD, die für mich definitiv keine Alternative für Deutschland ist, reibt sich die Hände…

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  8. Der letzte Text war von mir, so er erscheint. Hab nur vergessen, meinen Namen einzutragen.

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