Bemitleidenswerte Männer in den Shopping-Zentren dieses Planeten

miserable

Der Instagram-Feed „Miserable Men“ mit eingesendeten Pics aus aller Welt zeigt Männer, die unterstellterweise mit ihren Frauen shoppen gehen mussten, einen sicheren Sessel fanden und dort von der Verzweiflung überrollt werden – wenn sie nicht bereits Morpheus‘ gnädiger Uppercut davon erlöste. Ja, lustig. Auf diese autoaggressive, zynische Art, die wir alle so schätzen. Noch.

Wir kommen alle mal in das Alter (ok, John McAfee nicht, aber der ist eine Aus­nahme). Die abgebildeten Männer sind aber eigentlich gar nicht blöd, und sollten etwa lieber ihren Frauen beim Shoppen helfen, um ihre verkorkste Beziehung zu retten. Die abgebildeten Männer haben vielmehr das Pech, da zu wohnen: In einem Land, wo man (vordergründig betrachtet) als alterndes Paar nichts anderes zusammen machen kann als Shoppen gehn. Wenn man sich nicht mehr jung und gesund genug fühlt, um auf Konzerten zu tanzen, wenn man Museen noch nie mochte, und der nächste stressfrei begehbare Grünstreifen mindestens eine Stunde Fahrt weg ist. Oder drei. Die Männer haben, zusammen mit ihren Frauen, das Pech, im Kapitalismus zu leben.

Wo du als Arbeitsameise (oder noch schlimmer, als nutzlose Ex-Arbeitsameise) keine andere Möglichkeit mehr hast, Erfolg zu spüren, als eben mit Shopping. Unsere Spezies hat, durchaus evolutionär bedingt, die ererbte Eigenschaft, ein wenig Glückshormone in die Blutbahn auszuschütten, wenn mal was richtig gut gelaufen ist. Säbelzahntiger erlegen, mit zur Höhle schleppen, prompt mit der hübschen Neandertalerin von Tropfsteingrotte 7 ins Gespräch kommen.

Heute dagegen: Absurd winzige Mengen von Glücksbotenstoffen, wenn man (oder frau) erfolgreich was gekauft hat. So dass man eigentlich sofort nachdosieren muss. Bis das Konto leer ist und man sich wieder an den verhassten Arbeitsplatz quälen muss. Sicher, das geht nicht allen so (mindestens ein Gegenbeispiel, siehe oben), aber doch den meisten. Zumindest ab einem gewissen Alter.

Gegen dieses Joch des Konsums kann man sich wehren, keine Frage: Ich kauf mir so selten irgendwelche Konsumgüter (ausser Grundnahrungsmittel), dass es an staatsfeindliches Handeln grenzt. Glücklicher bin ich deswegen auch nicht. Weil die Gelegenheiten, etwas selbstbestimmtes, positives zu tun (ne Band gründen, den zweiten Roman anfangen, Refugees begleiten, nen Anti-TTIP-Beschluss durch­setzen, weithin folgenlose Blogartikel wie diesen verfassen), doch eher rar sind.

Deshalb meine Forderung: Bemitleidenswerte Männer in den Shopping-Zentren aller Länder, erhebt euch! Verweigert euch und lasst euch von den Nerds und den anderen Selbstverwirklichungsspezialisten nahebringen, was noch alles drin ist. Der Schritt in die Freiheit ist vergleichsweise klein: Alles, was man tun muss, ist die Lüge zurückweisen, dass man nur dann ein gute Mensch sei, wenn man immer alles tut, was alle sagen. Vor allem das, was die selbsternannten Höhergestellten finden. Es ist sicher nicht angenehm, diesen Schmerz zu ertragen, dass man viel zu lange als dreckige kleine Ameise gelebt hat. Aber dann wird alles besser. Versprochen.

miserable_men via mefi

3 Kommentare

  1. Wer sich überreden lässt ist selbst schuld. Wenn es einen nicht intressiert dann Pech gehabt.
    Wenn die Frau den Mann nicht möchte, wenn er nicht mit kommt, dann such dir halt ein weniger geisteskranke frau?
    selbst schuld. aber schön den feind beim kapitalismus suchen..

    Gefällt 1 Person

    • absolut richtig!!!

      ich hasste schon als kind und als jugendlicher das einkaufen und herum-shopping (im besonderen das völlig sinnentleerte und oft stundenlange rumgeiere auf der suche nach irgendeinem bestimmten scheißdreck als ob es nicht genügend anderen scheißdreck als ersatz zum kaufen gäbe der genauso gut wäre – und ich hasse es noch heute wie die pest.

      die zauberformel heißt sich vorher überlegen was man braucht – einkaufszettel schreiben, durchrauschen durchs geschäft, einpacken, bezahlen – und tschüss.

      es gab und gibt so viel anderes, besseres, spannenderes, schöneres usw. als zB. einen halben oder dreiviertel tag lang irgendwo in irgendwelchen scheiß geschäften und einkaufszentren herumzulatschen auf der suche nach irgendeinem mist (ja genau das muss es sein und nichts anderes – und dieses und das und vllt. noch dieses mit ein wenig vom dem . . .) das spätestens 2 stunden nach dem kauf völlig uninteressant ist und dann irgendwo herumliegt.

      und genau wegen disem weit verbreiteten verblödeten shopping-drang – und meine absolute aversion dagegen – sind in jungen jahren so einige beziehungen in die brüche gegangen.

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  2. Bei mir heißt das immer noch Einkaufen gehen. Und das tun junge Leute wie ältere. Die einen mehr , die anderen weniger.
    Mal notgedrungen – mal aus Vergnügen.
    Für ist Einkaufen gehen eine Strafe und wer sich dazu auch noch überreden lässt, obwohl er schön zu Hause bei einer Tasse Tee oder Kaffe sitzen könnte, hat es nicht anders verdient und ist schon gar nicht bemitleidenswert.

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