Mikrotonale Musik


Eine der aufregendsten Wiederentdeckungen der letzten Jahre. Für mich, subjektiv, und spannender als selbst das Wiederzurückfliessen der Kulturtechnik des Mashups in die komponierte Musik, die zu Crossoverperlen wie Babymetal geführt hat.

Wer hatte nicht schon einmal den Gedanken, dass Musik, besonders Popmusik (aber auch klassische oder sinfonische Musik) eine extrem begrenzte Angelegenheit ist – alle Melodien und Harmonien sind schliesslich schon einmal verwendet worden, so dass jedes neue Musikstück zumindest zu grossen Teilen aus bereits vorhandener Musik zusammengesetzt ist. Und damit kein Original. Diese Begrenztheit fällt um so stärker auf, wenn man aussereuropäische Musik hört, die über andere Tonleitern und Harmonien verfügt. Blickt man in die Vergangenheit, dann zeigt sich, dass die „wohltemperierte“ Stimmung aus 12 Halbtönen pro Oktave erst seit dem frühen 18. Jahrhundert im „westlichen“ Kulturkreis überwiegend verwendet wird. „Temperiert“ bedeutet hier, dass die einzelnen Töne – konkreter die Tasten auf einem Klavier oder anderen Keyboard – so nachgestimmt sind, dass sie keine reinen Akkorde bilden, sondern irgendwie in allen Harmonien gleich gut funktionieren. Um den Preis, dass sie in keiner Harmonie besonders richtig erscheinen.

Man könnte das drastisch formulieren: Die Tonleiter aus 12 Halbtönen in temperierter Stimmung – zumindest in ihrer ausschliesslichen Verwendung in unserem Kulturkreis – ist eine Lüge. Ein Papiertiger. Eine geradezu industrielle Standardisierung, die zu einer kulturellen Verarmung führt. Unter welcher wir Europäer/Nordamerikaner leiden, ohne es zu wissen.

Gitarristen oder andere Musiker an Saiteninstrumenten mit Bünden (im Unterschied zu Saiteninstrumenten ohne Bünde, wie Geige oder Kontrabass) kennen das Phänomen der Mikrotonalität aus eigener Erfahrung: Nach dem Stimmen des Instruments mit Hilfe eines Stimmgeräts klingt der erste gespielte Akkord etwas flach, glanzlos, verwaschen, bis man einzelne Saiten aus der Standardstimmung herausdreht. Was zur Folge hat, dass einzelne Akkorde besser, andere dagegen schlechter klingen. Kein Problem für Rockmusiker (und angrenzende), die vor allem einen überschaubaren Pool von Lieblingsakkorden nutzen.

Noch aufregender wird es, wenn man das Konzept (etwas anderes ist es nicht) der 2teiligen Tonleiter in Frage stellt und die Bünde dort anbringt, wo sie zu anderen passen und auf diesem Weg zu 22stufigen Tonleitern oder polychromatischen Harmonien gelangt.

Das hört sich etwas theoretisch an, wird aber im Zeitgeistzusammenhang von Youtubevideos schnell verständlicher. Ganz oben ein Track des Drum&Bass-Musikers Sevish. Unten ein Song der Musikerin und Wissenschaftlerin (Chaostherie etc) Elaine Walker mit ihrer Frühneunziger-Band Zia (es gibt auch neuere Bespiele) in einer Bohlen-Pierce-Tonskala (es gibt sehr viele verschiedene Tonskalen), der sehr deutlich die Klangeiengschaften mikrotonaler Musik zeigt. Dann ein Vid vom Gitarrenduo Tolgahan Çoğulu & Sinan Cem Eroğlu mit Instrumenten mit verstellbaren Bünden (und damit Tonskalen) und ganz unten polychromatische Musik von Dolores Catherino.

Weiterführende Links: mefi, sevish, splitnotes, elaine walker


11 Kommentare

  1. Ich habe sehr wenig Ahnung von moderner Musik. Aber was Du da reingestellt hast, ist schon sehr beeindruckend.
    Ich habe einen Freund – Informatiker – der hört auch eine ganz besondere Musik auf einen der ersten Computer.
    Kann Dir leider nicht sagen, wie sich die nennt.
    Aber Du weisst das sicher.

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    • Commodore C64, „8bit“ oder „sid“ Musik, ungefähr so? https://www.youtube.com/watch?v=Hx2xEZ5UTgY

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      • Ja Fritz, genau diese Musik, die ich auch toll finde.
        Vielen Dank auch für das Video – ist ganz große Klasse.
        Dieser Freund von mir, Tim Jakob Chen – Voos, inzwischen ist er mit einer Chinesin verheiratet – trifft sich auch jedes Jahr mit diesen 64 er Computer-Fricks, die aus allen Teilen Deutschlands, ja sogar aus dem Ausland kommen.
        Vielleicht kennst Du ihn sogar.
        Auf jeden Fall verletze ich keine Daten, wenn ich Dir seinen Namen nenne.
        Er war es auch, der mich dazu überredet hat, mir einen Computer anzuschaffen.
        Zu Anfang hatte ich den MAC, der auf einer Halbkugel sitzt, in der sich auch die Technik befindet und der Monitor sich nach allen Seiten bewegen lässt. Ein süßes Ding.
        Er funktioniert immer noch – ist nur zu langsam.
        Nochmals vielen Dank für das Video.

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      • Das erste Video C64 – das „Tabellenvideo“. Die Computermusik.
        Einfach Klasse mit einem unerhörtem Rytmus.
        Habe ich gleich einem Freund geschickt.

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      • Mal sehen, ob mein süßer kleiner Mac bei Dir ankommt.

        /Users/irene/Desktop/imac_window_m240 Kopie.mov

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        • Rein technisch betrachtet hast du oben die Zeile reinkopiert, mit der dein Computer bezeichnet, wo er das Video gespeichert hat. Wenn du möchtest, dass irgend jemand das Video sehen (und hören kann), muss es aber einen Internetlink haben. Etwa zu einer Dropbox (einem kostenlosen Speicherplatz). Hast du sowas? Wenn nicht, hol’s dir, ist ehr praktisch. https://www.dropbox.com/

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          • Danke Fritz, also einen Link. Habe ich mir schon gedacht.
            Werde ich mit Michael besprechen, der mir immer hilft.

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          • Hier Fritz, ist die Website von meinem süßen iMac G4. Der 2. Film.

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  2. Hat leider nicht geklappt. Schade. Auf E-mail habe ich keine Probleme.

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  3. das interessante bei der gleichstufigen stimmung ist, das jeder guter sänger, cellist oder posaunist, wenn er einen moment lang alleine spielt, wie selbstverständlich mit einer gewissen tendenz eben nicht in gleichstufiger sondern in reiner stimmung spielt.

    komt dann noch ein guitarrist oder eine „kleine“ kirchenorgel hinzu, denkt der sänmger oder cellist automatisch um und singt wieder gleichstufig(er) bzw bei einem terzsprung meist eine art kompromiss.

    sevish ist übrigens ein ziemlich schlechtes beispiel für non-western skalen.

    erstens improvisiert er auf der skalen anstatt sie erst mal zu analysieren, mit dem ergebnis, dass er oft wieder zu den selben ergebnissen kommt wie mit einer 12 tone scale.

    zweitens gibt es meiner meinung nach nichts langweiligeres, als das beschissene prinzip der gleichstufigen skalierung auch noch zu erweitern, indem man auch noch 24 oder 53 gleiche stufen benutzt.

    bei einem 48-step equal temperament liegt die note unter der theoretischen terz _dichter an einer _reinen terz als die theoretische terz!
    mit so einem system kann kein mensch ernsthaft kompositorisch arbeiten.

    mich persönlich machen die skalen am meisten an, die mit _weniger als 11 schritten auskommen. gerne auch mal mit nur 5-7. also wo relativ zur hörgwohnheit sozusagen etwas „fehlt“.

    da wird es dann wirklich spannend und man produziert schneller etwas „neues“ wie man gucken kann.

    ebenfalls sehr spannend ist der versuch, eine _dynamische reine stimmung erfinden zu wollen, die für kompositionen mit ständig wechselnder tonalität funktionieren würde – ohne dass die start-tonalität sich irgendwann in der höhe verschiebt!

    an diesem versuch scheitere ich seit jahren, also muss das problem wirklich, wirklich gut sein.

    ach ja, und beim benutzen von fremländischen skalen bitte zweckmäßigerweise immer auch gleich komplexe polyrythmiken und abgefahrenes sounddesign inkludieren.

    die ganze bäckerei muss neu erfunden werden.

    -110

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  4. sorry für die diversen tippfehler, ich brauch wirklich einen edit button.

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