Wo Begabung ein Problem ist

autism_icon

Seit Montag dieser Woche (heute ist also mein dritter Tag) arbeite ich als Schul­begleiter (a.k.a. Schulassistent) für ein Kind mit diagnostizierter sogenannter Autismus-Spektrum-Störung an einer Realschule im Umkreis meiner Heimatstadt. Das Puzzle-Icon wie oben im Beispielbild wurde in den Sechzigern erfunden, als man noch nicht mit Autismus umgehen konnte, und ist daher veraltet. Den Job als Springer für einen Monat (der 29.6. ist mein letzter Tag dort) bekam ich von einem Bekannten angeboten, den ich nicht zuletzt in ehrenamtlichen sozialen Projekten wie dem Grandhotel Cosmopolis immer mal wieder treffe.

Nein, ich hab keine Ausbildung in dieser Richtung, nicht einmal ein abgebrochenes Soz-Päd-Studium (nur ein abgebrochenes Politikstudium), aber ich hab einige Erfahrung mit schwierigen Leuten. Der Kleine, den ich derzeit während der Schul­stunden betreue, hat zunächst mal ein zentrales Problem: Er ist 12. Und meiner Erfahrung nach sind alle 12jährigen komplett meschugge. Bei ihm kommt die Überfokussierung, der Hang zur Ordnung, und eine Schwäche dazu, mit Stress und Reizüberflutung umzugehen. Das bedeutet, er benötigt zu fast allem mehr Zeit und will immer erst fertigstellen, was er mal angefangen hat. Dazu hat er nichts für sprachliche Floskeln übrig und reagiert deutlich unwirsch auf alle Unterbrechungen, was in der Summe gerne als Verhaltensstörung interpretiert wird. Ansonsten ist er genau so nett wie fast alle 12jährigen. Mein Job ist es jetzt in den nächsten Wochen, an der Schulbank neben ihm zu sitzen und darauf zu achten, dass er sich nicht zu sehr reinstresst oder vor lauter Fokussierung die Hälfte (oder 90%) vergisst. Und damit wieder glatt zu ziehen, was, wie mir berichtet wurde, in den letzten Monaten schiefgelaufen ist. Bisher sieht alles gut aus und die für mich enorme Heraus­forderung dieser Aufgabe biegt zumindest nicht absehbar in eine Katastrophe ein. Auch hier viel Glück allen Beteiligten. Und nein, es ist nicht so wie im Film „Rain Man“, der zeigt nur die Hollywood-Version des Autismus-Spektrums.

8 Kommentare

  1. Das ist wirklich eine Herausforderung. Schon ein „normal“ 12 jähriger oder 12 jährige sind ein einziger Stress.
    Ein autistisches Kind kann dagegen zur Falle werden.
    Das sind sehr oft hochbegabte Menschen auf bestimmten Gebieten- aber stressig.
    Doch wie Du schon schreibst, hast Du Erfahrung mit schwierigen Leute, die zum Teil wahrscheinlich normal sind und trotzdem alle ihren Tick haben.
    Ich wünsche Dir eine gute Zeit.

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  2. Viel Erfolg auch von mir. Habe mich mit der Thematik auch eine Weile befaßt und kenne einige mit Asperger-Diagnose, wie das früher hieß. Ob der Autismus oder die Begabung das größere Problem darstellt, darüber herrscht allerdings kein Konsens. Siehe z.B. http://ze.tt/gute-nachricht-fuer-normalos-super-schlau-ist-nicht-gleich-super-happy/

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  3. Jetzt weiß ich warum ich dieses Blog selbst nach Jahren noch verfolge, lach.
    Alles Gute euch.

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  4. Alles Gute bei Deine Aufgabe. Eine wuerde ich aber sagen:
    Nimm die offiziellen“Diagnosen“ nicht zu ernst! Da ist vieles ueberzogen, und Kinder, die eben einfach „anders“ sind, eben nicht „politisch korrekt“ werden als „krank“ abgefackelt – und dann moeglichst noch mit Ritalin beschossen/beschissen.
    Hochintelligente Kinder und Heranwachsende, die NICHT auffallen, sollten beobachtet werden, denn sie sollten eigentlich „anders“ sein! Was Du hier beschreibst:
    „Überfokussierung, der Hang zur Ordnung, und eine Schwäche dazu, mit Stress und Reizüberflutung umzugehen. Das bedeutet, er benötigt zu fast allem mehr Zeit und will immer erst fertigstellen, was er mal angefangen hat. Dazu hat er nichts für sprachliche Floskeln übrig und reagiert deutlich unwirsch auf alle Unterbrechungen“, scheint mir ein Junge, der eher in eine wissenschaftlich-forschende Richtung als in seichtes Gelaber geht.
    Konzentration, Besessenheit „es fertig zu machen“ – je nun: Ohne das haett‘ es keinen Einstein gegeben und auch keinen Goethe. Der Junge mag eben schwer unterfordert sein.
    Ich war mal gebeten worden, mir so einen Jungen -(Feministinnen, haut mich, aberdas passiert bei Jungen oefters als bei Maedchen)- in Sorge zu nehmen -nur ein paar Stunden die Woche. In der Schule, wurde mir gesagt, war er nutzlos, eigentlich nie da -im Geiste- sonderrn immer woanders. – Nun ja, fragt man sich -tat ich- Wo denn?
    Der Junge war 9 – uind dann hat er mich nach Calculus gefragt! Und ER kannte den – ich musste mich dran setzen, denn ich hatte 30 Jahre schon nichts mehr in der Richting getan. Meine einzige Sache in Richtung Mathe war das Yi Jing (Buch des Wandels), und dass seine Prinzipien auch eine binaere Mathematik beinhalteten (ich war da Leibniz gefolgt). Das hab‘ ich dem Jungen dann auch gezeigt – und er hat mich noch nicht mal berichtigt!
    Ich habe ihn dann in etwas mehr praktische Bahnen geklenkt und mit ihm einen Minigarten angelgt – mit Samenaufzucht und Pflanzenentwicklung. Das war richtig: Der Junge brauchte Wissenschaft! nicht duemmlicher Schulkram.
    Also gib mal acht, was Du mit Deinem Zoegling machen kannst. Ich habe ja auf allen Ebenen, von Kindergarten bis Unikursen, gerne praktische Dinge einbezogen – vielfach Drama! Also etwas, wo der Inhalt in Tat umgesetzt werden kann. Wenn Du versuchst, Deinen Jungen in etwas Praktsches einzubinden – darein hineinzulocken und zu sehen was draus wird- koennte das gut sein und ihnetwas auflockern.

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    • Danke für den Beitrag. Ergänzend dazu, auf die Gefahr hin, daß es schon bekannt ist, eine Quelle, die sich mit der Aspekt der Hochbegabungsförderung auseinandersetzt: http://www.hochbegabtenhilfe.de/foerderung-von-hochbegabten/

      Nebenbei, über Diagnosen lache ich mich auch regelmäßig kaputt. Spätestens seit H.J.Maaz bei Angela Merkel eine narzisstische Störung diagnostiziert hat, ist das ein echter Running-Gag ;)

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  5. […] Beispielpic oben greift das völlig überholte Puzzle-Motiv auf (siehe den Starttext für mein Schulprojekt) und stammt vom […]

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