Warum Politik sinnlos ist

Akropolis_by_Leo_von_Klenze

Nicht nur in unserer „westlichen Zivilisation“ sind wir gewohnt, die Dinge nach den Erfahrungen der letzten Generationen zu beurteilen. In den letzten 250 Jahren durchlief unsere Hemisphäre die Industriezeit – das ändert sich gerade, weil die Kraftmaschine als zivilisationsprägendes Element von der Informationsmaschine abgelöst wird, aber dazu ein andermal mehr. Die einigermassen erfolgreiche industrielle Revolution hat unserer Spezies einige wichtige Lektionen eingebracht, wie etwa die Arbeitsteilung oder der quantifizierbare Erfolg. Da wir Humanoiden einen beträchtlichen Teil unserer Leistung darauf verwenden, uns gut zu fühlen, und der chemisch arbeitende Teil unserer körperlichen Informationsverarbeitungs-Hardware bestimmte Situationen mit den bekannten körpereigenen Drogen belohnt, hat sich in unserer Gesellschaft eine religionsähnliches Element etabliert, das für alle Lebensbereichen eine wesentliche und in aller Regel nicht hinterfragte Grundlage bildet: Der Erfolg.

Weil Erfolg zähl- und messbar geworden ist, lässt sich das Streben nach Endorphinen natürlich durch Euro, Dollar oder Quadratmeter extrapolieren – die Annahme ist hierbei, dass ein grösserer Betrag zählbaren Erfolgs auch zu nachhaltigerem Wohlbefinden führt. Natürlich ist das als Zählwert angeführte Geld keine Eigenschaft der Industriezeit, nur die Umrechenbarkeit in Arbeitsstunden oder andere Leistungseinheiten. Weil das Hinterfragen dieses grundlegenden gesellschaftlichen Elements so stark vernachlässigt ist, wird es selbst zur moralischen Instanz: Recht ist, was Erfolg bringt. Die maximale Definition dieser Lebenshaltung liefert der Calvinismus, wo Gott vor allem denjenigen liebt, der am meisten materiellen Erfolg hat.

Man muss nicht lange nachdenken, um die Nachteile eines solchen Prinzips zu sehen: Wenn nur der Erfolg (vor allem in seiner quantifizerbaren Form) zählt, bleiben sehr viele, weniger erfolgreiche Menschen auf der Strecke. Und sei es, weil sie einfach weniger skrupellos sind. Dem gegenüber steht das Prinzip der Mitbestimmung, das – jedenfalls in der Theorie – jedem einzelnen Menschen genau eine Stimme gibt, die er erheben kann, um seine Meinung zu äussern, und um eine Mehrheitsmeinung abzubilden. Wird die Gesellschaft aber hinreichend gross, etwa wenn sie aus mehr als einem Dorf besteht, dann ist die direkte Mitbestimmung auf einmal sehr umständlich. Aus dieser Problemsituation heraus wurde die Repräsentation entwickelt: Einzelne werden als Vertreter gewählt, vereinigen die Meinungen einer grösseren Gruppe und bilden dann einen Rat, in welchem sie diese Meinungen in Beratungen und Abstimmungen vertreten.

In unserer post-industriellen Gesellschaft ist ein sozialer Aufstieg auch mit noch so viel Bildung fast unmöglich geworden. Einer der wenigen Pfade „nach oben“ ist heute das politische Handeln, eine Karriere als Repräsentant, Parlamentarier, Ratsmitglied. Bleibt man lange genug in dieser Branche und handelt auf der Grundlage der Erfolgsorientierung, dann ist ein gesellschaftlicher Aufstieg sehr wohl möglich. Das funktioniert aber nur, wenn man mit den anderen erfolgsorientierten Aufsteigern kooperiert und bereitwillig öffentliche Güter für persönliche Vorteile eintauscht. Das weniger schöne Wort für das Eintauschen öffentlichen Eigentums gegen privaten Vorteil ist übrigens Korruption, welche damit ein Grundprinzip des heutigen Politikbetriebs bildet. Handelt man im Politikbetrieb nicht nach der Maxime des individuellen Erfolgs, dann hat man prinzipbedingt alle gegen sich, was natürlich noch weniger Spass macht.

Diese Kombination des Strebens nach persönlichem Glück und Erfolg mit der anderswo durchaus bewährten industriellen Arbeitsteilung hat als in eine Situation mit katastrophalen Eigenschaften geführt. Wie oben beschrieben, ist eine Lösung des Problems innerhalb des Systems nicht möglich. Allerdings bedeutet dass nicht, dass alle Hoffnung verloren sei. Im Gegenteil: Die beiden mitwirkenden Grundprinzipien der Erfolgsorientierung und der Mitbestimmung lassen sich sehr wohl in einer Weise kombinieren, die zu einer weit weniger korrupten Politik führt: Wenn die einzelne Meinung des einzelnen Gesellschaftsmitglieds nur leihweise und nicht mehr bedingungslos an den Repräsentanten abgegeben wird, wenn der Einzelne nachprüft, wie seine Stimme verwendet wurde, bei abweichenden Ergebnisse seine Meinung öffentlich äussert und beim nächsten Mal für jemand anderen als Vertreter stimmt, muss sich ein professioneller, erfolgsorientierter Repräsentant präziser als bisher um die Bedürfnisse seiner Meinungsauftraggeber kümmern, um seine eigene Karriere nicht aufs Spiel zu setzen. Das Modell der „eigenverantwortlichen repräsentativen Demokratie“ setzt natürlich voraus, dass mehr Menschen als bisher bereit sind, auch ein Mandat zu übernehmen, wenn bestimmte Themen und die damit verbundene öffentliche Meinung nicht anders zu transportieren sind. In keinem Fall wäre es notwendig, dass alle Mitglieder der Gesellschaft Verantwortung übernehmen, ein Anteil von weit weniger als der Hälfte aller Stimmberechtigten genügt zur Stabilisierung.

Die Eingangsthese, nämlich dass Politik sinnlos ist, bezieht sich eher auf „Politik wie wir sie kennen“. Sobald ausreichend viele Mitglieder der Gesellschaft darauf bestehen, dass ihre Stimme gehört wird, und andernfalls an andere Vertreter verliehen wird, enden sowohl die Diktatur des Erfolgs, als auch die Karrieregesellschaft und die kokaingesteuerte Republik (um es einmal in Bilder zu fassen). Wichtig ist, dass sich die latent Unzufriedenen zusammenschliessen, ihre Mehrheitsfähigkeit wahrnehmen und ihre Handlungsfähigkeit nutzen. Das ist nur gegen den Widerstand der bisherigen Korruptionsprofiteure möglich – die im Besitz grosser Teile der Medienbranche sind. Medien sind heute allerdings keine Informationsmonopole mehr, wie vor der Internetära, sondern nur noch Meinungsverstärker. Die Chance für eine bessere, gerechtere, sozialere Gesellschaft ist also da. Der Weg dorthin wird allerdings extrem mühsam. Ob wir uns auf diesen Weg begeben oder statt dessen die bequemere Opferposition einnehmen wollen, ist eine Einzelentscheidung. Unsere besten Werkzeuge für die Zukunft, die wir uns wünschen, sind die Bürgerinitiativen und Bürgerbewegungen, die Druck auf das politische System ausüben und gegebenenfalls auch Repräsentaten dorthin entsenden können.

Das hier ist meine persönliche Meinung, allerdings gebildet aus jahrelanger Erfahrung in der Medienbranche und im Politikbetrieb. Dieser Text beschreibt daher meine Motivation für öffentliches Handeln.

Das (gemeinfreie) pic oben zeigt ein Gemälde von Leo von Kleze aus dem Jahr 1846, eine idealisierte Ansicht der Athener Akropolis.

14 Kommentare

  1. Fritz, dann liege ich doch gar nicht so falsch, wenn ich ins Wahllokal gehe und die Wahlunterlagen offen – also nicht in der Kabine – zerreisse.
    Ich habe mir allerdings überlegt, dieses Mal wählen zu gehen. Sicher bin ich noch nicht.

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    • Das kannst du machen, wie du möchtest. Wenn du nicht wählst, wählen die anderen für dich. Mit den bekannten Ergebnissen. Mein Tipp: Wählen, aber die Ergebnisse einfordern.

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      • Wie forderst Du denn die Ergebnisse ein? Das würde ich gerne wissen.

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        • 2nd amandement

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          • Ei ei ei, der Knurrhahn wird trumpisch.
            Der Fehler war ja bei uns, dass das 1ste Amendment anno 1955 gerade umgekehrt ging: Bis dahin hatte die Verfassung (im Westen per Grundgesetz) alles Waffentragen untersagt – und alle waren gluecklich damit.
            Dann kam die besagte Aenderung, die uns Waffentragen als „Pflicht“ auferlegte – was nur die US Bueger gluecklich machte, weil es „uns Jungs nachhause“ brachte – alle andern waren gar nicht so gluecklich.
            Aber natuerlich ist eine Volksarmee (wie in der Schweiz) gar nicht so schlecht: Eine Berufsarmee ist wahrscheinlicher als Diktatoren- Armee zur Unterdrueckung geeignet – was ja das Hauiptargument FUER Wehrpflicht ist.
            Das kann aber nur klappen, wenn mit den Waffen auch wahre Information kommt, und „Wissen zur Macht wird“. Da fehlt uns aber heute leider die geeignete Presse und die Medien. Ich denke da heute imer mehr an „Journaille“ statt Journalismus. Das wort stammt vom franzoesischen „Journal“ und „Canaille“ (‚Schuft‘) und trifft zumeist auf unsere (Politwunsch-)“Informatoren“ zu.

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        • Notfalls rufste an. Wenn du dir zurechtgelegt hast, was für ein Abstimmungsverhalten du von der/dem haben willst, der/dem du deine Stimme gibst.

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          • Was meinst Du, wie vielen Politikern ich geschrieben habe und wie viele ich angerufen habe? Manche schreiben sogar zurück, sind aber nach Jahr und Tag immer wieder bass erstaunt, wie sich z. B. die „Flüchtlingskrise inzwischen entwickelt, obwohl ich diesen Klugscheissern bereits vor einem Jahr geschrieben habe, was auf uns zukommen wird. Genaus trifft langsam alles ein.
            Aber diese Typen wissen generell alles besser als der Bürger.

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  2. Eigentlich erst eine treffende Analyse, dann aber nicht konsequent weiter gedacht.. Da nämlich alle gewählten Representanten im nicht weiter hinterfragten Geldsystem weiter wuseln, kann sich auch nicht wirklich etwas ändern, wenn die Reräsentanz geliehen ist. Es muss also erst zu einer Errosion des Geldsystems kommen, das von einem nicht manipulierbaren anderen Geldsystem abgelöst wird. Je schneller, desto besser. Erst die Trennung von Finanzsystem vom Staat wird zu einer neuen politischen Kultur führen. Bis dahin können wir uns Wahlen sparen und statt dessen Fiat Geld in Crypto Geld umwandeln.

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    • jedes ideologische system wird an der realität scheitern: der gier der menschen.
      erst wenn wir durch selektion von nicht-gierigen menschen eine bessere rasse hervorbringen können wir uns solchen fragestellungen widmen.
      alle gierigen menschen müssen abgetötet werden.

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      • ach, Gier ist also vererbbar? Das ist eine faschistische Ideologie. Gier hängt mit der Entwicklung des Geldsystems zusammen und ist eine Konditioniereung durch Angst. Solange wir Vertrauen durch Dritte brauchen in den Transaktionen von Werten, gibt s immer welche, die das ausnutzen zu ihren Vorteil wie oben beschrieben. Erst wenn Vertrauen durch Mathematik ersetzt wird, kann es Vertrauen auf der globalen Ebene geben. Da ist dann kein Platz mehr für Korruption. Das kmmt erst beim Geld, dann bei Verträgen und schliesslch bei politischen Entscheidungen. Das dauert eben ein parr Jahre aber unausweichlich.

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        • mathematik wird auch nur von menschen gemacht. und noch schlimmer: mathematik ist dem durchschnittlichen menschen nicht geheuer, er vertraut lieber den mathematikern! problem bloß nur verschoben.

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          • hmm, also du weisst schon, wie eine blockchain funktioniert und warum die schlecht zu manipulieren ist? Wenn nicht, erst informieren, dann was dazu sagen, wenn doch bitte mal erklären was dir daran bzg. des beschriebenen Problem nicht einleuchtet. Das oben beschriebene Problem ist ja nicht gerade neu und das es wohl keine andere Möglichkeit gibt, es zu lösen als über trustless Systeme ist mittlerweile Realität. Wielange es dann denn braucht, bis sich das so etabliert, das es dominiert ist eine Frage der Zeit nicht ob es so kommen wird.

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          • blockchain basiert auch auf dem vetrauen, dass sich kein kartell bildet…

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  3. blockchains funktionieren überhaupt nicht auf Vertrauen. Um eine blockchain zu manipulieren, müsstest du mehr Geld investieren (bei bitcoin momentan ca. 600 000 000€) als eine Manipulation dir bringen könnte. Davon müsstest du soviel Rechenpower kaufen, das du 51% der transaktion überstimmen kannst was aber auch nur eine theoretische Möglichkeit ist weil du gar nicht auf einen Schlag soviel Hardware bekommen könntest. Dann wär noch nicht mal sicher, ob du nur 1 cent damit verdienen könntest weil nicht genau feststeht, wann du 51% hättest. Wer sollte eine so dämliche Investition tätigen?
    Zumal die hashrate immer weiter steigt und damit der Rechenpower, den du benötigst. Also nächstes Jahr müsstest du noch ein pasr Nullen mehr dranhängen usw. Deswegen ist in dem 9 Jahren bitcoin noch keine einzige Transaktion manipuliert worden obwohl es bestimmt ständig probiert wird.

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