Die Diktatur der Angepassten, mit Gaskammern

Und, haben alle den Schock verdaut, das höhnische Grinsen des Brexit aus dem nordöstlichsten Tal der Ahnungslosen, wo man in Wirklichkeit immer noch SED wählt, ohne das allerdings jemals zugeben zu wollen? Dass man sich geirrt hat. Damit, einfach einen neuen Staat zu fordern, damit es einem besser geht als in der DDR. Tut es auch, aber anderen gehts eben noch besser, und daran muss ja der Staat schuld sein, also wählen wir wieder einen anderen. Zumindest zu 20,8 %. Um ein kleines Missverständnis auszuräumen: Nein, genau das ist Demokratie nicht, wenn man eine andere Partei wählt, weil man mit der letzten nicht zufrieden war. Nur weil einem die neue Partei statt Arbeitsplätzen eben neue Sündenböcke verspricht, und seien es nicht-existente Islamisten. Demokratie ist statt dessen, wenn man für seine Befürfnisse eintritt. Im konkreten Fall für Steuergerechtigkeit und Mitbe­stim­mung. Haben wir nämlich beides nicht so richtig. Weil wir (in der Summe) nicht dafür eintreten. Sündenböcke – sind irgendwie einfacher zu verstehen als Mitgestaltung, fürchte ich. Speaking of which: Blumfeld und „Die Diktatur der Angepassten“ ist ja gleichzeitig kitschig bis zu Peinlichkeit und im selben Moment episch und wahr.

Diese schaurigschöne Kombi bieten andere Songs der Band auch. Der Text von „Diktatur…“ ist allerdings mal völlig fantastisch. Ich kopier den hier jetzt nicht rein. Stimmt aber alles so. Tatsächlich haben die Angepassten mein Land schon mehrfach kaputtgemacht. 1918. 1945. Jedesmal waren es Angepasste, die sich eine imaginäre Vergangenheit zurückgewünscht haben, Familienwerte, Geschlechter­trennung, Ordnung und Sinnstiftung, alles Dinge die es so nicht gab. Niemals. Die man sich, wenn man sie denn haben will, selber erarbeiten muss. Was aber viele nicht wollen, dieses Sich-Selber-Hinterfragen, diese Neubewerten, dieses Loslassen von materiellen Substituten, das Festklammern an Führern, Gurus, Ideologien. Dieses Verantwortung-für-Sein-Eigenes-Leben-Übernehmen. Ohne Sündenböcke, Juden, Moslems, Kommunisten, Amerikaner, Reptilienherrscher vom Aldebaran. Nein, danke Diktaturangepasste. Ihr macht mir mein Land nicht zum dritten Mal innerhalb eines Jahrhunderts kaputt. Ihr werdet lernen müssen, mit der nie endenden Weiterentwicklung zu leben. Immer neue Kommunikationstechnik, immer neue Medien, immer selbstbestimmtere Menschen. Kommt damit klar. Auch im Polenrandgebiet und den letzten SED-Reservaten unserer Nation. Der fortschrittlich orientierte Teil unserer Bevölkerung ist inzwischen in der Mehrheit. Das 19. Jahr­hundert ist vorbei und vergessen. Rückbesinnung führt ins Leere. Gaskammern bauen wir auch keine mehr. Kriegt euer Leben selber auf die Reihe. Niemand interessiert sich für euren Bauchnabel.
Ok, ein Zitat zum Schluss: „…gebt endlich auf – es ist vorbei!“.

1 Kommentar

  1. Wat is dich denn da int Jesichde jefalln, Fritze?
    Hadda ne Daube uffm Wech vun Vorpomman innen Sueden wat…
    Na ja, de weesdoch, aba wat hasde denn:
    De Jongs da hammdoch janz schoenet Liechen jetraellad,
    Ond ech jlob, de sinn ja nich so anjepassd,
    De wolln blos sahn det at ssuphihl vun dene jibd:
    Wat anjepassd sin, meen ick
    – onda hamm se ja rech, newa?

    Is det jedz en Jedichd?
    Wat ma och singn kann?
    Nee – dat reimd doch nich
    – is janich anjepassd.

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