Ab wann ist es Kunst?

eo2

Ja, wirklich: Kunst? Die US-Firma Electric Objects mit Sitz in New York stellte ihren EO2 vor, einen HD-Bildschirm für 299 USD mit dazu gehöriger Infrastruktur (Smart­phone-App etc), zum Anzeigen von Kunst. Nicht für Familienfotos oder Texte, Filme oder Games, sondern Kunst. Inclusive einem Bilder-Abo mit den kreativen Höchst­leistungen unserer Zivilisation drin. Van Gogh, Manet, Vermeer, you name it. Alternativ Wasserfälle, Blumenwiesen, Sonnenuntergänge, fotografiert von weniger bekannten schöpferisch Tätigen. In jedem Fall hübsch anzusehen, mitunter geradezu erhebend, wenn ein Werk der Weltklasse ganz bescheiden an der eigenen Wohnzimmerwand wartet. In jedem Fall reine Dekoration, wenn nicht gar Kitsch, und damit bereits weit entfernt vom eigentlichen inneren Auftrag des Kunstschaffens, nämlich bis dahin Unbeschreibbares erfahrbar zu machen.

Das liefert der EO2-Bildschirm nämlich nur mit sehr, sehr viel Glück. Was er statt dessen liefert, ist etwas ganz anderes: Eine Demokratisierung, wenn nicht gar Plebiszierung von Kunstwerken, und das ist ja für sich auch etwas positives. Die Informationsrevolution zertrümmert hier einen weiteren Elfenbeinturm, das sollten wir begrüssen. Und sie macht es weit besser, als die Medienrevolution des 19ten Jahrhunderts, die immerhin Kunst und verwandte Momente auf Papier druckte und so ebenfalls einem grösseren Publikum zugänglich machte. Ausserdem öffnet die aktuelle Revolution wie schon ihre Vorgängerinnen Fenster und Türen wieder in beide Richtungen: Nicht nur die kreativen Spitzen unserer Kultur werden grösserem Publikum zugänglich, auch die Zahl der Kulturschaffenden stieg durch die neuen, elektronischen und informationstechnischen Möglichkeiten explosiv. Was aber nicht heisst, dass es dadurch mehr Kunst und Unbeschreibbares im Leben aller Menschen gäbe, sondern zunächst mal mehr Dekoration und Unterhaltung. Und hübsch anzusehende Bilder, gefällige Songs oder nette Videos. Das ist es, was Maschinen wie der EO2 leisten, eine Nivellierung von Kultur, abzüglich der damit verbundenen Übertragungsverluste. Mit Kunst hat das alles nichts zu tun. Muss es ja auch nicht. Nur sollten wir uns gelegentlich an diesen Unterschied erinnern, denke ich mal. Oder?

3 Kommentare

  1. Stricken kann auch Kunst sein.

    https://daserwachendervalkyrjar.wordpress.com/2016/10/23/ueberraschend-so-gesund-ist-stricken/

    Hoffentlich kommt es bei Dir an. Mir geht es um die Socken – gleich am Anfang.

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    • Sehr schöne Socken. Sind aber ebenfalls keine Kunst, sondern Handwerk. Macht nichts.

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      • Fritz, da irrst Du. Auch Handwerk kann Kunst sein.

        Damit will ich allerdings nicht behaupten, dass diese Socken ein Kunstwerk sind.
        Die Deutsche Bank – dieser „Kriminellenverein“ hat mal vor Jahren in einer Filiale in Köln „gestrickte Kunstwerke “ ausgestellt.
        Da waren Sachen dabei – ganz großartig – und das in der Deutschen Bank. Unfassbar!

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