Was wir zu Beginn der Robokalypse von den Ludditen lernen können

Gleich vorneweg: Es hat nichts gebracht, Holzschuhe („sabot“) in Maschinen zu werfen, um diese und damit die menschenunwürdigen und miserabel bezahlten Jobs zu „sabotieren“. Und heutige Serverfarmen würden sich von einer solchen Verzweiflungstat noch weniger beeindrucken lassen als dampfkraftbetriebene Webstühle. Aber die Situation ist direkt vergleichbar. Eine Parallele. Und bietet uns Lösungwege an. Die eingangs erwähnte Robokalypse ist ja nicht eine militärische Singularität wie in „Terminator“ und den anderen simplifizierenden Scifi-Dystopien, in welchen die Menschheit durch Roboter nach plötzlich erwachtem künstlichem Bewusstsein ganz oder teilweise ausgerottet wird.

Statt dessen erleben wir die Robokalypse heute ganz konkret als wirtschaftlichen Zusammenbruch – es ist ein Zusammenbruch eines Wirtschaftssystems, ganz genau so wie zu Beginn des 19ten Jahrhunderts, als stählerne Maschinen die bis dahin wichtigste, aus Menschenkraft schöpfende Industrie ablöste: Textilien. Damals wurde anständig bezahlte, organisierte Facharbeiter zu rechtlosen Industriearbeitern, die Schichten von täglich 14 Stunden zu leisten hatten, um überhaupt ihr eigenes Überleben zu garantieren, nicht einmal das ihrer Familie. Die ebenfalls schuften musste.

Genau dasselbe passiert heute, nur auf einer anderen Ebene. Computer sind die neuen Kraftmaschinen, nur ersetzen sie nicht Muskelkraft, sondern geistige Leistung. Vor allem die eher niedrigschwellige beim Bedienen von Produktionsmaschinen (zB KFZ-Montage) und Logistikabläufen (zB Amazon-Roboter), aber auch in der Buchhaltung, Sachbearbeitung, weshalb Banken und Verwaltungen in grossem Stil Leute entlassen, oder eben zu schlechtbezahlten Call-Center-Zeitarbeitern und Dateneingabe-Praktikanten runterstufen.

Heute umfasst das sogenannte Prekariat in unserem superreichen Land mit jährlichen Zuwachsraten ein Viertel aller Erwerbstätigen. Im Prekariat lebt man dann, wenn man nicht wirklich mehr einnimmt als einem Mindestlohn entspricht, oder dem Hartz-IV-Satz mit allen Leistungen, wobei man sich im Fall einer offiziellen Erwerbslosigkeit Fahrtkosten und auswärts essen einspart. Und als Prekarier nicht weiss, ob das in den nächsten Monat noch so gutgeht, weil man einen Zeitvertrag hat oder die Stütze jederzeit gekürzt werden kann, weil das Center angeblich irgendwelche Unterlagen von einem nicht findet.

Ein Viertel der Leute sind es heute, und in 25 Jahren werden wir nur noch halb so viele Arbeitsplätze haben. Keine Berufskraftfahrer (LKW, Taxi, Logistik, Post etc) mehr, keine Bulettenumdreher im FastFood, keine Auskunftsschalter, keine individuelle Beratung (ausser im Hochpreissegment), keine Facharbeiter in der Metall-, Chemie-, Bauindustrie, auch nicht in der Landwirtschaft. Nur Hilfskräfte da, wo sich Maschinen vorübergehend noch nicht rentieren. Das ist eine echte Dystopie, nicht war? Deswegen nenne ich das auch Robokalypse: Der Zusammenbruch unseres bisherigen, industriellen Wirtschaftssystems.

Weiter oben sagte ich, dass wir von den Ludditen, den Maschinenstürmern der Frühindustrialisierung etwas lernen können. Die sich energisch gegen die feindliche Übernahme der Wirtschaft durch das Kapital zu Wehr setzten und am Ende durch das Militär zusammengeschossen wurde. Sollen wir das auch machen, heute, uns vom Militär ummähen lassen? Oder sollen wir es so machen wie die damals als solche identifizierbare Arbeiterklasse (heute nicht mehr, es gibt ja immer weniger Arbeit) und ein Jahrhundert lang für unsere Rechte kämpfen? Die dann irgendwie und widerstrebend auch eingeführt werden, bis die nächste, unausweichliche Finanzkrise alles zunichte macht?

Die Stituation heute ist ganz ähnlich wie damals, zu Zeiten der Ludditen und Saboteure, aber nicht genau so. Tatsächlich sind Adblocker, VPNs, Torbrowser ziemlich effektive digitale Holzschuhe, die das Funktionieren der heutigen digitalen Wirtschaft deutlich beeinträchtigen. Aber Arbeitsplätze oder andere Mittel der Garantie für ein menschenwürdiges Leben in der postindustriellen Gesellschaft in Europa, Nordamerika, Ostasien und anderswo kommen so nicht zustande. Die wirtschaftliche Teilhabe gewinnen wir nur, indem wir (a.k.a. „99 %“) sie durchsetzen, was mit demokratischen Mitteln gelingen sollte (den Vorteil haben wir gegenüber dem frühen 19ten, als man nicht wirklich wählen konnte).

Winziges Problem: Alle „alten“ Medien (Informationsverteiler) sind im Besitz der reichen Leute (a.k.a. „Das Kapital“) oder werden von parteigebundenen Rundfunkräten bestimmt, und die neuen Medien (a.k.a. „Das Internet“) lassen sich mit überschaubarem Kostenaufwand leicht manipulieren. So dass grosse Mengen von Menschen der anhaltenden Angst- und Hasskampagne zum Opfer fallen und lieber einen soziopathischen Kryptonazi zum US-Präsidenten wählen als sich für ihre eigenen Interessen einzusetzen. Was uns unsere eigene Bundestagswahl im Herbst dieses Jahres bringen wird, werden wir erst noch sehen, die Medienmaschinen laufen alle auf Hochtouren. Und sie werden alle von den selben Interessen bestimmt: Denen der Roboterbesitzer, den Profiteuren der Robokalypse. Übrigens die direkten Nachfahren der Profiteure aus der Industrialisierung.

Wir müssen deswegen keine Zeitungen verbrennen. Oder Fernseher, oder Smartphones. Aber wir müssen uns gegenseitig daran erinnern, was unsere eigentlichen Interessen sind. Und dazu gehört das Recht auf Teilhabe an der aktuellen wirtschaftlichen Blüte der Digitalisierung und Robotisierung. Wir müssen eine neue Arbeiterbewegung gründen, nur eben ohne das Konzept Arbeit. Wir müssen uns (und uns gegenseitig) daran erinnern, dass das Land, in dem wir leben, per Verfassung uns gehört, und dass wir als Besitzer (a.k.a. Shareholder) einen angemessenen Teil der Wirtschaftleistung für uns selbst einfordern. Weil dieser Teil uns zusteht. Um aus der Robokalypse am Ende das zu machen, was die kommunistische Utopie seit über 100 Jahren verspricht: Eine Welt ohne Not, in der die Maschinen für Überfluss sorgen. Für alle. Nur, wenn wir uns das nicht nehmen, werden wir es nicht bekommen. Lasst uns die digitalen Holzschuhe bereit legen, wir werden sie brauchen, Prekarier aller IP-Ranges!

Das grossartige Video (via sploid) oben ist vom britischen CGI-Artist Michael Marczewski und passt einfach gut zu diesem Beitrag, die Idee zum Text geht auf den Artikel „When Robots Take All of Our Jobs, Remember the Luddites“ von Clive Thompson im Smithsonian zurück, auch wenn er zu etwas anderen Schlüssen kommt als ich. Via boingboing

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